PHOTO-DOKUMENTATION: ROLWALING'80: DER SCHWIERIGSTE ZUGANG ZUM MOUNT EVEREST BASE CAMP DURCH DEN ROLWALING IN NEPAL ÜBER DEN TRASHI LAPTSA: "DER WEG IST DAS ZIEL"

Klaus Dierks

©  Dr. Klaus Dierks 2004-2005

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©  Dr. Klaus Dierks 2004
: Photo: Panayo Tippa 6 696 m an der Grenze zwischen Rolwaling und Khumbu: Auf dem Trek vom Rolwaling zum Everest Base Camp

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Von August bis Dezember 1980 unternahmen wir (Gerd Kuchling aus Windhoek und ich) die "Erste Namibia-Trekking-Expedition" zum Base Camp von Chomolungma/Mount Everest 8 850 m, dem höchsten Gipfel auf Erden. Wir gebrauchten nicht den Normalweg über Jiri und Junbesi nach Namche Bazar und Tengpoche, sondern die allerschwierigste Zugangsroute durch den abgeschlossenen und selten besuchten Rolwaling-Himal mit dem Gaurisankar 7 146 m als dem höchsten Berg des Rolwaling. Das Rolwaling-Tal zwischen den 7 000 m hohen Bergen im Norden an der tibetischen (chinesischen) Grenze und den mehr als 6 000 m hohen Gipfeln im Süden ist buchstäblich eine Sackgasse. Der Übergang über die Drolambao- und Trakarding-Gletscher, der Drolambao-Eisbruch und der fast 6 000 m hohe Trashi Laptsa repräsentieren eine extrem schwierige Traverse in den Khumbu und das Everest Base Camp. Dieser Übergang kann als eine der schwierigsten Bergtraversen auf der Welt beschrieben werden (Sir Edmund Hillary). Heutzutage ist der Rolwaling geschlossen und kann nur mit einem sehr schwierig zu bekommenden und teuren nepalischen Expeditions-Permit besucht werden. 1980 war das Alles viel einfacher, und wir bekamen ohne Probleme ein Trekking-Permit für den Rolwaling, ohne zu wissen, auf welches Abenteuer wir uns da einliessen. Unser Sherpa-Führer, Nima Lama, gab vor ein erfahrener Expeditionsbergsteiger zu sein. Später, dannleider zu spät, stellte sich heraus, dass er praktisch keine bergsteigerische Erfahrung besass. Nach dem wir uns bis zum Drolambao-Eisbruch durchgekämpft hatten, entdeckten wir, dass Nima Lama die Eisschrauben in Kathmandu vergessen hatte. Wir konnten ohne dieses Equipment den Eisbruch nicht durchklettern und mussten nach Beding, dem Hauptort des Rolwaling, zurückkehren. In Beding rettete uns eine Französische Himalaya-Expedition, und wir konnten nun zum Drolambao zurückkehren und mit der französischen Hilfe den Eisbruch durchklettern und denTrashi Laptsa-Pass queren. Der Weg zum Everest Base Camp im Khumbu war nun frei.

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LAPCHI KANG: VON KATHMANDU ÜBER BAHRABISE ZUM ERSTEN HOHEN PASS AUF DIESEM TREK: TINSANG LA 3 319 m

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Copyright of Map: Research Scheme Nepal Himalaya (Schneider Maps): Lapchi Kang: 1 : 50 000


An einem frostigen Herbstmorgen im späten September 1980 verließen wir Kathmandu. Wir reisten mit unserem Sherpa-Führer, dem Koch und acht Trägern über Bhaktapur, den Dhulikel-Pass in das Sun- (Bhote) Kosi-Tal nach Bahrabise am Sun Kosi, dem Ausgangspunkt unseres Treks. Von dort stiegen wir von nur 1 200 m über den Hindu-Tempel Ohreni und Dolangsa 2 490 m auf unseren ersten Pass, den Tinsang La 3 319 m, inmitten der sub-tropischen Bergurwälder des Lapchi Kang.

Aus meinen Tagebüchern unserer 1980-Trekking-Expedition in den Rolawaling und in den Khumbu:

Auf unserer "Ersten Namibia Expedition 1980" folgen Gerd Kuchling und ich der schwierigsten und unwegsamsten, dafür aber schönsten Route zum Mount Everest. Wir ziehen durch den Rolwaling-Himalaya an der Grenze zu Tibet mit seiner uralten, unverfälschten lamaistischen Kultur. Wir wollen den berüchtigten Trashi Laptsa übersteigen, den Edmund Hillary den schwierigsten Bergübergang der Welt nennt.

Am Anfang einer Trekking-Expedition in den Himalaya steht der wochenlange Anmarsch durch die Vorberge, ehe man die Eisriesen auf dem Dach der Welt zu Gesicht bekommt.

Vor diesem Anfang muß aber erst einmal ein guter Sirdar, ein Sherpa-Führer, gefunden werden, der für den reibungslosen Ablauf der Trekking-Expedition und die Beaufsichtigung der Träger zu sorgen hat. Diese Anwerbung ist gar nicht so einfach, da einerseits bei pro Jahr etwa dreißig Expeditionen in den Nepal-Himalaya alle wirklich guten Sirdar schon lange ausgebucht sind, und sich andererseits Leute Sirdar nennen, die nicht einmal gute Träger abgäben.

1980 verspricht der berühmte Ang Kami Sherpa, der schon hoch am Mount Everest war, Gerd Kuchling und mir zu helfen. Er führt uns stolz den Sherpa-Sirdar Nima Lama vor. Nima Lama ist Ende zwanzig, hat fröhliche, schlaue funkelnde Schlitzaugen, eine kurze, kräftige Figur und einen runden Kopf mit dem tibetischen Bürstenhaarschnitt eines Lamas. Nima ist ein wirklicher Lama. Auf der Brust trägt er ein silbernes Kästchen mit einem vom Dalai Lama gesegneten Amulett. Mit solchen heiligen Verbindungen kann ja nichts mehr schief gehen, glaube ich, zumal A.K.-Sherpa, wie ihn jedermann in Kathmandu nennt, uns versichert, daß Nima Lama ein erfahrener Bergsteiger sei, der bereits mit Edmund Hillary unterwegs gewesen ist. Ich bin dennoch etwas skeptisch, habe aber andererseits keine andere Wahl, als Ang Kami zu glauben. Da wir den schwierigen und gefürchteten Trashi Laptsa zwischen dem Rolwaling und dem Khumbu bezwingen wollen, habe ich allen Grund, meine Zweifel zu unterdrücken und sowohl Ang Kami als auch Nima Lama mein volles Vertrauen zu schenken. Ich hatte von Anfang an das Gefühl, daß Nima den Trashi Laptsa nicht kannte.

Meine Zweifel werden noch bestätigt, als ich ihn irgendwann unterwegs frage, - vermutlich als ich entdeckte, daß Nima unsere Eisschrauben in Kathmandu vergessen hatte - welche Berge er schon bestiegen hätte. Ich bekomme zur Antwort, daß er bisher auf keinem "großen" gewesen sei. Meine nächste Frage ist logischerweise, welche "kleinen" Berge er denn dann bestiegen hätte, und ich höre ungläubig, es seien nur "sehr, sehr kleine" gewesen. Ich beschließe, um meines Seelenfrieden willens, das Verhör lieber abzubrechen und unser Schicksal in die Hände der tibetischen Götter zu legen. Später stelle ich zu meinem Schrecken auch noch fest, daß er offensichtlich nicht mit einem Seil umgehen kann und noch nie Steigeisen getragen hat. Wenn Nima Lama wirklich auf einer Hillary-Expedition gewesen ist, dann ganz sicher nur als Koch!

Als wir an einem wunderbar klaren, kalten, tauffrischen Nachmonsuntag im Oktober 1980 zum Mount Everest aufbrechen, ahne ich allerdings noch nichts von diesen Katastrophen. Wir wollen die schönste, dafür aber auch die schwierigste Route zum höchsten Berg der Erde anpacken. Sie führt durch den Rolwaling-Himalaya und dann über den gefährlichen, fast 6 000 Meter hohen Trashi Laptsa in den Khumbu, das Herzland der Sherpa.

Es ist kein Problem, in Bahrabise am Arniko Rajmarg, wie die von den Chinesen gebaute "Tibet-Straße" von Kathmandu nach Lhasa genannt wird, Träger zu finden. Sie stehen überall herum und nehmen jede Ladung an, die nicht schwerer ist als vierzig Kilogramm. Wir haben die langen schweißtriefenden Trägerkolonnen, die, gebückt unter ihren Tragkörben, oft wochenlang unterwegs sind, bereits während der Fahrt im überfüllten Bus von Kathmandu nach Bahrabise gesehen.

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Östlich von Kathmandu, Nepals Hauptstadt: Thimi mit dem Langtang-Himal im Norden

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Dolalghat im Sun-Fluss-Tal: Unsere Träger prüfen unser Expeditions-Gepäck für die nächsten Monate: Blick nach Nordosten
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Bahrabise 1 200 liegt im tropisch-heißen Sun-Fluss-Tal: Bahrabise ist der Ausgangspunkt unserer "Ersten Namibia Trekking Expedition'80" in den Rolwaling und den Khumbu: Gerd Kuchling zur Linken
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Bahrabise 1 200 m im Sun-Fluss-Tal: Blick nach Norden in Richtung Kodari und zur Tibetischen Grenze
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Aus meinen Tagebüchern unserer 1980-Trekking-Expedition in den Rolawaling und in den Khumbu:

Die Träger befestigen die Last an einem über die Stirn laufenden Band, so daß sie sich auf Stirn und Rücken verteilt. Oft genug endet die schweißtreibende Schinderei in einer kleinen Batti, einer dunklen, verräucherten Kneipe in Kathmandus Altstadt, wo die Träger ihr sauer verdientes Geld in Tschang und Rakschi umsetzen. In ihrem leeren Tragkorb tragen sie dann eine kleine Götterfigur zurück, um die daheimgebliebene Frau darüber hinwegzutrösten, daß das Geld für den langersehnten Baumwollstoff in den Battis von Kathmandu geblieben ist. Diese Träger, die Nepals größte Berufsgruppe darstellen, da ja immer noch der überwiegende Teil des Warenverkehrs auf menschlichem Rücken abgewickelt wird, sind zwar zerlumpt und barfuß, aber dennoch stets fröhlich und zum Lachen aufgelegt, bewegen sich mit kleinen Tanzschritten heimwärts und begnügen sich mit dem, was sie haben und ohne zu begehren, was sie nicht haben können.

Nima Lama hat in wenigen Minuten fünf Träger mit ihren Tragkörben angeworben. Alle Träger, die uns in den nächsten Wochen von Bahrabise am Bhote Kosi Fluss bis hoch in den Rolwaling-Himalaya begleiten sollen, sind Thamang.

Sie bekommen den von der Regierung festgesetzten Lohn von zwanzig nepalischen Rupien am Tag (1980) - das sind knapp zwei US Dollar - und am Schluß ein kräftiges Bakschisch (Anfang der neunziger Jahre ist der festgesetzte Trägerlohn im nepalischen Mittelland immer noch zwei bis drei US Dollar, nur sind das jetzt mehr als hundert nepalische Rupien). Dieser Lohn scheint für die schwere, körperliche Arbeit, die die Träger zu leisten haben, sehr niedrig zu sein. Durch den festen Satz hilft die Regierung, das wirtschaftliche Gleichgewicht zu halten. Eine drastische Erhöhung der Trägerlöhne für Trekkingunternehmungen und Expeditionen könnte das gesamte Wirtschaftsgefüge Nepals durcheinander bringen.

Die jahrtausendalte Trägerroutine im Himalaya schreibt vor, daß sich die Träger auf dem Marsch selbst verpflegen müssen. Das gilt natürlich nicht für Gebiete des Hoch-Himalaya über 4 500 Meter, wo eine Verpflegung aus dem Lande heraus nicht mehr möglich ist. Wir nehmen es mit diesem unsozialen Grundsatz allerdings nicht so genau.

Bahrabise liegt nur 800 Meter hoch und ist der tiefste Punkt unserer Tour. Von hier aus hoffen wir, auf 6 000 Meter zu steigen. Der kleine Ort besteht aus den schönen Natursteinhäusern der Sunwar, deren Schieferschindeldächer wie in den Alpen mit Steinen beschwert sind. Es ist tropisch warm hier unten, und wir sehen trotz der Nähe der tibetischen Grenze noch keine Schneeberge. Die unglaublich steilen, bewaldeten Hänge steigen hier von dem weiß schäumenden Bhote Kosi auf über 4 000 Meter an. Am Fuße sind sie mit Hunderten von Ackerbauterrassen übersät, die erst in etwa 2 500 Meter Höhe von dichtem Urwald abgelöst werden.

Wir genießen unsere letzte Mahlzeit in der "Zivilisation" in einer kleinen dunklen Batti. Wir essen Nepals Nationalspeise, Dhalbat, Reis mit Linsen. Wir freuen uns an den kleinen Sunwarkindern, die draußen, mit dem gleichen Lärmaufwand wie alle Kinder der Welt, ihre herbstlichen Drachen aufsteigen lassen.

Dann endlich beginnt unser eigentlicher Treck, der uns zu den höchsten Bergen der Welt führen soll. Unsere kleine Expedition wird viele hundert Kilometer zu Fuß zurücklegen und dabei einige zehntausend Meter Höhendifferenzen hinauf und hinunter überwinden. Wir verlassen nun die moderne Zivilisation mit ihren Annehmlichkeiten wie elektrischer Energie, Telephon, Fahrzeugen und Computern und tauchen in das nepalische Mittelalter ein. Von jetzt ab sind wir völlig auf uns selbst angewiesen. Es gibt keinerlei moderne Kommunikationsmittel, keine Ärzte und Krankenhäuser, Postämter, Restaurants und auch keine Läden mehr, wo man irgend etwas kaufen könnte, was in der heutigen Zeit zur Gewohnheit geworden ist, außer vielleicht die nepalischen Zigaretten. Unsere Träger und wir müssen alles, was wir in den nächsten Wochen an Ausrüstung, Verpflegung und Brennmaterial brauchen, auf unseren Rücken tragen. Als Höhepunkt höchsten Luxus haben wir neben unseren Trägern und unserem Sirdar auch noch einen Koch, Indra Bahadur Mangar, der die recht einförmigen, kärglichen und meist vegetarischen Mahlzeiten zubereiten wird. Das normale Himalaya-Trägerdasein, so wie es sich hier seit Jahrtausenden abspielt, nimmt Form an. Der Tagesablauf wird nicht etwa durch unsere Wünsche, sondern durch die Trägerroutine bestimmt.

Hinter Bahrabise geht es auf unregelmäßigen Stufenwegen, die Hunderte von Metern aufsteigen, sofort sehr steil hoch. Der Treppenweg, der über halsbrecherische Steine führt, will und will kein Ende nehmen, so daß man bereits nach der ersten halben Stunde die Nase restlos voll hat. Bei tropischen Temperaturen läuft der Schweiß unangenehm brennend in die Augen, und man würde am liebsten wieder umkehren. Aber dann winkt ein wilder Feigenbaum mit verlockendem Schatten, in dem es sich unsere Träger schon bequem gemacht haben. Sie haben unter dem als heilig geltenden Pipalbaum ihre schweren Tragkörbe auf "Chautaras", Traglastabsetzmauern, abgestellt, ohne dabei die Last abnehmen zu müssen. Solche Chautaras gibt es in unregelmäßigen Abständen überall entlang der Fußpfade in Nepal. Die vielen Träger, die dauernd auf den endlos hinauf- und hinabführenden Fußpfaden unterwegs sind, treffen sich hier, setzen sich zu ruhigen Gesprächen nieder und rauchen auch schon mal eine ihrer selbst gedrehten Blätterzigaretten.

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Von Bahrabise steigen wir von 1200 m auf 2 400 in Ohreni: Die ersten schweißtreibenden hundert Meter kommen mir wie eine "Besteigung des Mount Everest" vor: Unsere Träger schleppen die 25 kg Lasten auf dem Rücken hoch: Blick nach Osten in Richtung Ohreni 
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Eines von vielen "Chautaras" (Absetzmäuerchen für Träger mit ihren schweren Rückenlasten ) auf einem Nepalischen "Bato" (Fußpfad) nach Okhreni: Blick nach Norden in das Bhote Kosi-Tal in Richtung Tibet 
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Das Sunwar-Dorf Okhreni (Die Sunwar sind eines der vielen nepalischen Völkerschaften: Sie leben zwischen den Newar im Westen im Tal von Kathmandu und den Sherpa im Osten: Blick nach Süden in das Sun Kosi-Tal 
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Der Hindu-Tempel von Okhreni: Unser erster Nachtstop auf unserem Trek 
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Aus meinen Tagebüchern unserer 1980-Trekking-Expedition in den Rolawaling und in den Khumbu:

Es kommt mir so vor, als wären von drei Nepali ständig einer unterwegs. Die Menschen, die wir treffen, scheinen in die Landschaft einbezogen zu sein. Sie sind ein inhärenter, harmonischer Teil ihrer Umwelt. Trotz ihrer viel schwereren Gepäcklasten empfinden sie die Strapazen nicht so stark wie wir. Das kann nicht nur an ihrer besseren Fitness und Akklimatisierung liegen. Die Götter ihrer Heimat scheinen mit ihnen zu sein. Sie drehen beim Laufen ihre Gebetsmühlen, opfern einer der vielen Götterfiguren eine Handvoll Reis oder schlagen die Tempelglocken an den kleinen Tempelschreinen am Wegesrande an. So halten sie Dämonen und böse Geister fern. Wir dagegen fühlen uns bereits hier in dieser gemäßigten Gebirgslandschaft wie ausgesetzt, ausgeliefert und alleine, mit allerlei eingebildeten oder wirklichen kleinen gesundheitlichen Problemen und Wehwehchen behaftet. Wir sind uns der vielen Gefahren auf diesen elenden Pfaden sehr gut bewusst. Wir, die wir im westlichen Aktivdenken befangen sind, suchen ständig das Neue, die Überraschung, bisher unbekannte Aussichten, vielleicht unbewusst auch die Gefahr. Unsere Träger jedoch sind nach den Prinzipien des tibetischen Buddhismus Teil des Kosmos und nicht menschliche Fremdkörper.

Aber auch wir lernen. Man hetzt nicht mehr, die "Welt der Zahlen" ist versunken. Man begreift unwillkürlich, daß der Lebensrhythmus im Himalaya ein anderer ist. Nach der ersten schweißtrocknenden Pause geht es bei tropisch-schwülen Temperaturen weiter die zahllosen Treppen den Berg hoch. Die Sonne sticht, der Rucksack drückt und an den Füßen melden sich die ersten Blasen. Ich mag gar nicht an die vielen Wochen denken, die mit dieser Art des Reisens noch vor uns liegen.

Nach einigen weiteren hundert Höhenmetern erreichen wir einen kleinen Hindutempel, Okhreni, wo ich zu meiner grenzenlosen Erleichterung feststelle, daß die Träger jetzt, um etwa vier Uhr nachmittags, bereits dabei sind, abzupacken. Ich beginne, die Trägerroutine des Himalaya recht sympathisch zu finden und ruhe mich erst mal gründlich im Schatten aus. Schließlich sind wir heute von 800 Meter auf stolze 1 320 Meter Höhe gestiegen. Ich fühle mich allerdings so, als ob ich gerade den Mount Everest bestiegen hätte.

Unser Koch, Bahadur, hat inzwischen seine rußigen Töpfe auf der offenen Feuerstelle aufgebaut und macht erst einmal Tee. Nach dem Tee gibt es ein typisches Thamangessen: Currykartoffeln, rohe Tomaten und Zwiebeln, sowie ein sehr scharfes, grünes Chiligemüse. Ständig kommt und geht irgendwer an unserem Rastplatz vorbei und läutet, nachdem wir ausgiebig bestaunt worden sind, die schöne alte Tempelglocke. Wir richten unseren Schlafplatz auf einer Art Plattform vor dem Tempel ein. Über uns, im ersten Tempelgeschoss, schlafen unsere Träger, zu denen sich auch einige sehr hübsche Trägerinnen, die Didis genannt werden - Didi heißt "ältere Schwester" -, gesellt haben. Die Küche befindet sich ebenfalls im ersten Geschoss, denn sie gilt als heiliger Raum und muß daher dem Himmel so nah wie möglich sein. Der Rauch quillt durch alle Ritzen nach unten in unsere Richtung. Später beginnt von oben auch Staub auf unsere Schlafsäcke herunterzurieseln. Die Didis singen die halbe Nacht hindurch ihre monotonen Gesänge. Die Sterne leuchten und die Grillen zirpen, und irgendwo im Süden, in Richtung Indien, wetterleuchtet es - es ist genauso schön wie zu Hause in Afrika.

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Das Sunwar-Dorf Karthali: Blick in das Sun Kosi-Tal im Süden  
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Ein Sunwar-Haus in Karthali: Im Hintergrund das Sun Kosi-Tal  
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Aus meinen Tagebüchern unserer 1980-Trekking-Expedition in den Rolawaling und in den Khumbu:

Am nächsten Morgen kommt der Priester und läutet alle Glocken in ihren verschiedenen Tonhöhen. Die Hindugottheit Ganesha, der elefantenköpfige Sohn Shivas, und der heilige Dreizack daneben, werden mit Blumengirlanden geschmückt, und Ganesha bekommt - wie jeden Tag - auch einen roten Punkt, den Tika, auf seine Stirn gemalt.

Nach dem mageren Frühstück geht es gleich wieder steil hoch. Wir überqueren in 1 550 Meter Höhe die Hänge des Sun Kosi Flusses. Ganz kurz sehe ich einmal in der Ferne an der tibetischen Grenze einige hohe schneebedeckte Berge. Die aus Natursteinen gebauten Sunwarhäuser haben auch hier schiefer-gedeckte Dächer. Wir treffen Träger, die jeweils zwei große Schieferplatten, jede etwa fünfundzwanzig Kilogramm schwer, mit Hilfe des Stirnbandes schweißtriefend bergauf schleppen.

Bei einem der Sunwarhäuser erlebe ich den Aufbau einer Opfermandala, eine sehr seltene tibeto-buddhistische Zeremonie. Die Mandala ist eine besonders geheimnisvolle Form tibetischer Symbolgestaltung. Sie stellt eines der ältesten Symbole der Menschheit dar, ein Sinnbild für den gesamten Erdkreis. Die Mandala besteht aus streng geordneten, geometrischen Zeichen, hauptsächlich Kreisen und Quadraten, die von vielen tibetischen Gottheiten und einer buddhistischen Zentralfigur in der Mitte aufgelockert werden. Sie bedeutet eine Meditationshilfe, eine Hilfe zur Erleuchtung und Selbsterkennung. Die Mandala mit ihrer Zentralfigur soll die Versenkung in sich selbst, die höchstmögliche Konzentration, intensivieren. Sie ist eine Brücke zum Kosmos. Eine Opfermandala wird nach strengen Regeln, unter Aufsicht eines Lamas, aus verschiedenfarbigen Körnern, Steinen und Blumen kunstvoll aufgebaut. Sie vertritt einen uralten tantrischen Opferkult, um das Gleichgewicht zwischen der Welt der Menschen und der kosmischen Ganzheit darzustellen.

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Opfer-Mandala-Zeremonie in der Spituk-Gompa in Ladakh, 1999  
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Während ich fasziniert dieser Opfermandalazeremonie zuschaue, ist unser Koch mit leichtem Gepäck vorgelaufen, um gegen 11 Uhr bei irgendeinem Haus oder einer kristallklaren Quelle das meist kärgliche und wenig abwechslungsreiche Mittagessen bereit zu haben. Bahadur ist offensichtlich der einzige, der diese Gegend hier kennt, aber er läuft so schnell, daß er leider oft vergisst, den Weg für uns mit Pfeilen zu markieren. So passiert es immer wieder, daß wir uns verlaufen. Der Schweiß läuft nach wie vor, an den Füßen öffnen sich die ersten Blasen. Wir wandern durch herrliche Rhododendronwälder, die in der Vormonsunzeit ganz zauberhaft blühen müssen. Bei subtropischen Temperaturen steigen wir auf über 2 200 Meter hoch.

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Das Sunwar-Dorf Dolangsa ist das letzte Dorg vor dem Tinsang La 3 319 m und unser zweiter Nachtstop ehe wir am nächsten Tag den Tinsang La angehen 
Copyright of Photos: Dr. Klaus Dierks

Aus meinen Tagebüchern unserer 1980-Trekking-Expedition in den Rolawaling und in den Khumbu:

Bei einem Bauernhaus bieten uns freundliche Sunwarmädchen eiskaltes Yoghurt an. Im Nachbarhaus wartet unser Koch mit dem Mittagessen. Danach geht es durch dichten Urwald, vorbei an vielen Wasserfällen, auf glitschigen Steinen balancierend, zu einem Pass hoch. Hier oben wehen Gebetsfahnen, um die Dämonen des Himalaya fernzuhalten. Von der Passhöhe haben wir den ersten Blick auf das Sherpadorf Dolangso und den sich darüber auftürmenden, fast 3 400 Meter hohen Pass, Tinsang La. Trübe Nebelschwaden ziehen schnell das Tal hoch, bald beginnt es auch zu regnen. Mühselig tasten wir uns durch den gießenden Nachmittagsregen auf den glatten Wegen vorwärts.

Die Sherpahäuser von Dolangso sind im Gegensatz zu den Trockenmauerwerkhäusern der Sunwar weiß gestrichen. Oberhalb des Dorfes liegt unter tropfnassen, hohen Bäumen die von Gebetsfahnen flankierte Gompa, die auf den ersten Blick keinen sehr einladenden Eindruck macht. Die Gebetsfahnen flattern traurig im Regenwind. Gerd Kuchling und ich sitzen derweil in der schwarz-verrußten Klosterküche und schreiben Tagebuch. Der Rauch zieht von der offenen Feuerstelle in der Mitte des Raumes durch die Schindeln ab. Draußen spielen Sherpakinder mit Steinen, die sie immer wieder hochwerfen. Es ist offensichtlich eine Art Glücksspiel. Eine schlampig wirkende, nicht sehr saubere Frau mittleren Alters ist der Lama der Gompa. Sie beweist uns, daß sie genauso gut und geräuschvoll spucken kann wie ihre männlichen Kollegen. Für fünf nepalische Rupien Klosterspende schließt sie das düstere Kloster auf.

Über den bewaldeten Bergen um uns herum, die so hoch und steil wie der Mont Blanc sind, hängen Nebelwolken, aus denen immer noch unfreundlich-grauer, durchnäßender, kalter Nieselregen fällt. Wir schlafen auf ausgerollten Strohmatten auf der offenen Veranda vor dem Gompa-Hauptraum. Die ganze Nacht hindurch knattern die Gebetsfahnen im Wind, und über den Mahabharatbergen im Süden wetterleuchtet es in tollen Lichtkaskaden. Der erste volle Trekkingtag, der bereits mehr als eine Blase an den Füßen hinterließ, war für mich eine harte Erfahrung. "Ganz gut" meinte Nima Lama, "aber morgen werdet ihr erst richtig laufen!"

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Der Tinsang La 3 319 m mit seine subtropischen Bergurwäldern formt die Kulturgrenze zwischen den hauptsächlich Hinduistischen Sunwar und den Buddhistischen Sherpa in Ost-Nepal
Copyright of Photos: Dr. Klaus Dierks

Aus meinen Tagebüchern unserer 1980-Trekking-Expedition in den Rolawaling und in den Khumbu:

Der nächste Morgen beginnt mit der üblichen Katzenwäsche im eiskalten Gießbach, der in Stromschnellen hinter der Gompa hinabschäumt. Nach zwei Tassen Tee, den üblichen Vitaminpillen, einigen Keksen und etwas Langtangkäse, den wir aus Kathmandu mitgebracht haben, brechen wir kurz nach sechs Uhr auf. Die Träger haben bereits aufgepackt und ziehen hintereinander in langer Reihe in den tropfnassen Urwald. Es geht hinter der Gompa von Dolangso gleich steil hoch. Wir packen die schlüpfrigen und steinigen Wege recht unlustig an. Die herrlichen Rhododendronwälder werden immer wieder von Lichtungen unterbrochen. Durch die Waldwiesen, die von wilden Himbeeren überwuchert werden, fließen kristallklare Bäche.

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LAPCHI KANG: VOM TINSANG LA 3 319 m ZUM SHERPA-DORF CHILANGKA

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Blick auf das Sherpa-Dorf Ruphtang: Blick in das Tamba Kosi-Tal im Osten

Copyright of Photo: Dr. Klaus Dierks

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Unsere Träger auf unserem Wege nach Ruphtang: Blick nach Osten

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Die ersten Tschörten (Buddhistische Reliquienschreine) zeigen, dass wir das Buddhistische Sherpaland betreten haben: Blick nach Osten in das Tamba Kosi-Tal
Copyright of Photo: Dr. Klaus Dierks

Aus meinen Tagebüchern unserer 1980-Trekking-Expedition in den Rolawaling und in den Khumbu:

Bald tauchen die ersten Manimauern auf. Sie zeigen, daß wir im buddhistischen Sherpaland angekommen sind. Manimauern werden aus einer Vielzahl von Steinen und Felsplatten aufgeschichtet, in die Gebetsformeln des tibetischen Buddhismus eingraviert sind. Die Mauern erfüllen den gleichen Zweck wie Gebetsfahnen und Gebetsmühlen. Sie sollen die guten Götter des tibetischen Buddhismus gnädig stimmen und die Dämonen fernhalten, und sie dürfen nur im Uhrzeigersinn umschritten werden. Nur unser Koch, der ein Hindu aus dem west-nepalischen Mangar-Bereich ist, hält sich nicht an diese heilige Regel.

Der Passweg scheint einfach kein Ende nehmen zu wollen. Ebensowenig will die Nadel des Höhenmessers nach oben rücken. Keuchend und schwitzend erreichen wir dann doch irgendwann die zwei Tschörten und die flatternden Gebetsfahnen, die anzeigen, daß wir den Tinsang La (3 319 Meter) bestiegen haben. Leider versteckt sich der Hoch-Himalaya, den wir hier zum ersten Mal zu erblicken hoffen, hinter Wolken. Wir sehen hinter vom Winde zerfetzten Baumgerippen nur ein Meer von bizarren Wolkengebirgen. Plötzlich öffnen sich die Wolken ein wenig, und wir erhaschen einen ersten Blick auf den mächtigen, eisgepanzerten, 7 145 Meter hohen Gaurisankar.

Beim steilen Abstieg müssen die mühsam erschwitzten Höhenmeter wieder preisgegeben werden. Auf einer Waldlichtung inmitten der wilden Rhododendron-Urwälder machen wir Rast. In einer schäbigen Waldhütte trinken wir warmen Yoghurt. Andere Nahrungsmittel können die armen Gebirgsbewohner dieser Gegend nicht zum Verkauf anbieten. Die Landwirtschaft des Himalaya wird noch immer auf einer rein selbstversorgender Grundlage betrieben. Jede Familie erzeugt nur das, was sie verbraucht, und oft sind Nahrungsmittel so knapp, daß man nichts verkaufen kann, ohne die Familie dem Hunger auszusetzen. Wir müssen von dem leben, was wir mit Hilfe der Träger mitgenommen haben. Die Hauptmahlzeit des Tages ist das "porter lunch", das normalerweise zwischen zehn und elf Uhr, nachdem wir schon einige Stunden unterwegs waren, eingenommen wird. Diese Mahlzeit gibt es in drei verschiedenen Variationen: Die Träger essen ihren Tsampa, den mit Buttertee angerührten Gerstenbrei, Sirdar und Koch nehmen nach Sherpa-Art Nudeln mit scharfer Sauce zu sich, und wir bekommen "Pancakes" mit Fisch- oder Fleischkonserven dabei. Den Nepali schmecken unsere westlichen Nahrungsmittel nicht, sie ziehen die ihnen bekannten vor. Rast wird dort gemacht, wo es Wasser und Feuerholz gibt. Die Steine an diesen Regel-Rastplätzen sehen so aus, als ob sie über die Jahrhunderte von Tausenden von nackten Füßen poliert worden sind.

Beim weiteren Abstieg durch die tropfnassen Urwälder begegnen wir Herden von Wasserbüffeln, die von Thamang- oder Sherpahütejungen auf ihre Weiden getrieben werden. Wasserbüffel sind, genauso wie Yaks, ziemlich störrische Tiere, die durchaus ihrem eignen Kopf folgen. Wenn sie grasen wollen, dann grasen sie, und es ist schwierig, sie zum Weiterlaufen zu motivieren. Um sie am Grasen zu hindern, tragen die plumpen, schlammverkrusteten, grau-schwarzen Tiere Maulkörbe aus Stroh. Diese verbundenen Wasserbüffelschnauzen sehen äußerst komisch aus.

Wir steigen am Morgen steil ab. Es geht von 3 319 Meter auf nur noch 1 800 Meter Höhe. In dem kleinen Thamangdorf Ruphtang überschreiten wir auf einer schwankenden Holzbohle einen eiskalt dahinschießenden Gletscherbach. Am Nachmittag geht es dann im strömenden Regen in schier endloser Bergsteigerei wieder auf 2 500 Meter hoch. Unser Tagesziel ist heute das lamaistische Kloster Bigu.

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Von Ruphtang: Blick nach Osten in das Tamba Kosi-Tal
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Buddhistische Tschörten zwischen Ruphtang und Bigu Gompa: Tschörten werden auch heutzutage von den frommen Sherpa gebaut (rechtes Photo)
Copyright of Photos Dr. Klaus Dierks

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Bigu Gompa 2 650 m: Unser dritter Nachtstop
Copyright of Photo: Dr. Klaus Dierks

Aus meinen Tagebüchern unserer 1980-Trekking-Expedition in den Rolawaling und in den Khumbu:

Langsam zehren unsere Körper ihre Energiereserven auf. Man kann geradezu spüren, wie die Kräfte dahinschwinden. Es ist nicht nur das Wetter, das einen fertig macht, sondern auch die vielen kleinen eingebildeten oder nicht so eingebildeten körperlichen Probleme. Immer wieder kommt selbstquälerisch die Frage auf, welcher Teufel einen geritten hat, sich auf eine solche Unternehmung einzulassen.

Auf einer Höhe machen wir im Regen Rast. Einer unser Thamangträger schimpft vor sich hin, die anderen lachen. Er hat gerade einen großen Stein in seinem Korb entdeckt, den ihm seine Kollegen früher am Tage hineingezaubert haben, und den er jetzt die letzten paar hundert Höhenmeter hochgeschleppt hat. Wir erleben hier ein Beispiel ganz typischen nepalischen Trägerhumors. Wahrscheinlich ist ein Trägerdasein in Nepal, das aus einer vierzig Kilogramm schweren Last auf dem Rücken und täglich einigen Händen voll Tsampa besteht, ohne diesen Humor nicht zu ertragen.

Wir treffen hier oben auch einige Sherpafrauen und -männer, die dabei sind, aus Lehm eine große, den tibetischen Göttern wohlgefällige Tschörte zu bauen. Die Bruchsteine, die diesen harmonisch geformten Reliquienschrein später verkleiden sollen, liegen daneben. Sie lachen und scherzen und freuen sich sichtlich über uns und den Stein im Tragkorb des Trägers. Die Sherpa bieten uns Pellkartoffeln mit unglaublich scharfer Chilisauce und selbst gebrautem Tschang an. Hier erleben wir auch die ersten Juga, die nepalischen Blutegel, die größte Plage der Himalayawälder der Monsunzeit.

Im Nebel und Regen erreichen wir das Kloster Bigu, einen einfachen, viereckigen weißen Bau mit einer Votivgebetsmühle auf dem roten Wellblechdach. In der Gompa bewundern wir die schönen Wandmalereien mit den vielen verwirrenden Darstellungen des Vajrayana-Buddhismus. Zum Schlafen beziehen wir eines der kleinen Klosterhäuser, die sich um die Hauptgompa gruppieren. Wir wohnen im Obergeschoss, während im Erdgeschoss gekocht wird. Der tränentreibende Rauch zieht durch die klaffenden Risse des Holzfußbodens nach oben und streicht über unsere Schlafsäcke. Einige jämmerlich aussehende, zerlumpte weibliche Bewohner der Gompa weichen uns nicht von den Fersen, bis jede eine individuelle "Klosterspende" erhalten hat.

Der neue Tag beginnt mit Nima Lamas morgendlichem Gebetsgemurmel, das sich, monoton und mit stakkatoartiger Geschwindigkeit dahingesprochen, bis zu einer halben Stunde ausdehnen kann. Währenddessen zieht Bahadurs Frühstücksrauch bereits durch alle Ritzen und reizt die Schleimhäute. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als aufzustehen.

Beim ersten Blick nach draußen sehen wir, daß es über Nacht auf den tibetischen Grenzbergen nördlich von uns geschneit hat. Jetzt, am Morgen, ist das Wetter herrlich. Die steilen, zackigen Berge der Trangmar-Danda-Gebirgskette mit dem über 5 000 Meter hohen Ama Bamare sind klar gestochen in den morgendlichen Himmel gezeichnet. Wir zeigen Nima Lama und unserem Koch, Indra Bahadur Mangar, auf der Karte die Nähe der tibetischen Grenze. Beide sind sichtlich beunruhigt.

Kurz nach sechs Uhr brechen wir auf. Es geht wieder abwärts, und Nima hat gleich am frühen Morgen den Weg verloren. Wir klettern querfeldein über die zahllosen Reisterrassen hinab. Das macht mit den Hunderten von senkrechten Begrenzungsstützmauern, die wir übersteigen müssen, den taufeuchten Reisfeldern, den vielen Brennnesseln und Blutegeln wirklich keinen großen Spaß mehr. Die gesamte Landwirtschaft beruht hier auf dem intensiven Terrassenanbau. Die schmalen Terrassen sind Jahrhunderte alt, viele Generationen haben an den zahllosen, aus einzelnen Bruchsteinen errichteten Mäuerchen und den kunstvollen Bewässerungsanlagen, durch die das Wasser auf die einzelnen Terrassen verteilt wird, gearbeitet. Die Terrassenhänge sehen wie Treppen aus, die in den Himmel zu führen scheinen.

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Unser Abstieg von der Bigu Gompa nach Chilangka 1 900 m: Vorne läuft unser Sherpa-Führer Nima Lama und hinten Gerd Kuchling
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Chilangka: Im Hintergrund die Fünftausender der Lapchi Kang Bergkette: Blick nach Norden
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Chilangka: Blick nach Süden: In der Mitte des Photos unser Sherpa-Führer Nima Lama
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Unsere Träger bei Chilangka: Sie rasten auf einem der zahlrreichen "Chautaras" (Lasten-Absetzmäuerchen)
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Aus meinen Tagebüchern unserer 1980-Trekking-Expedition in den Rolawaling und in den Khumbu:

In neunzig Minuten sind wir 700 Meter abgestiegen. Erst als wir wieder Manimauern und Chautaras vorfinden, wissen wir, daß wir den richtigen Weg wiedergefunden haben. Kurz nach acht Uhr kommen wir in dem schönen Thamangdorf Alampu an, das mit den vielen bunten Blumen im Vordergrund einen bezaubernden Kontrast zu den beschneiten Trangmar-Danda-Bergen im Hintergrund abgibt. Alampu liegt genau über dem Zusammenfluss von Samling Khola, der an der tibetischen Grenze entspringt, und Amatol Khola, der vom Tinsang La kommt. In einem malerischen Haus, das von Blumen geradezu überwuchert ist, warten wir auf unsere Träger, die um einiges später auf dem richtigen Weg angetrabt kommen. Von hier geht es weiterhin die steil geneigten Hänge bergab bis zum 500 Meter tiefer gelegenen Samling Khola. Die Aussicht, daß wir die mit schmerzenden Knien abgestiegenen Höhenmeter auf der anderen Talseite wieder mühselig hochklettern müssen, hebt nicht gerade unsere Laune.

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Östlich von Chilangka am Thuran Khola (Fluss) haben wir unseren vierten Nachtstop: Wir werden hier von Tausenden von blutdürstigen Leeches (Blutegel) geplagt
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Östlich von Chilangka am Thuran Khola müssen wir eine von Hunderten von haarsträubenden "Sherpa-Aufleger-Brücken" über die munteren, tosenden Gletscherflüsse des Hoch-Himalayas queren: Schwindelfreiheit ist angesagt
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Aus meinen Tagebüchern unserer 1980-Trekking-Expedition in den Rolawaling und in den Khumbu:

Unten angekommen, überqueren wir den Samling Khola, einen munter dahinschäumenden eiskalten Gletscherfluss, auf einer Brücke, die aus zwei lose nebeneinander liegenden, glitschigen Holzbohlen besteht. Leider ist die rechte Bohle völlig verrottet, und man muß sich auf der linken Bohle, allen Mut zusammennehmend, Fuß für Fuß vorsichtig hinübertasten. Die wackelige "Auslegerbrücke" schwebt mindestens zehn Meter über den Stromschnellen des Samling Khola. Wer da hineinfällt, kann nur noch auf eine bessere Wiedergeburt hoffen! Die nepalischen Brückenkonstruktionen beeindrucken auch abgebrühte, harte Bergsteiger immer wieder ungemein und verlangen beim Hinüberbalancieren jedes Mal neue Mutproben ab. Selbst Nima Lama setzt nur sehr zögernd seine Füße auf dieses lebensgefährliche Meisterwerk einer Brücke.

Den nächsten Wildbach müssen wir direkt überqueren, da die letzte Brücke vor einigen Jahren weggespült worden ist. Ich muß an die lapidare Bemerkung auf meiner Trekking-Landkarte denken, die nüchtern darauf aufmerksam macht, daß damit gerechnet werden müsse, daß "Brücken ohne Vorankündigung verschwinden können". Als ich wieder vor dieser nicht ganz ungefährlichen Durchquerung meine Schuhe ausziehe, sehe ich, daß meine Socken blutverklebt sind: Blutegel! Nima Lama wirft große Felsbrocken in den Fluss, um eine "Behelfsbrücke" zu bauen. Er will sich das Schuheausziehen ersparen und trotzdem trockenen Fußes hinüberkommen. Beim Stein- zu-Stein-Springen gleitet er jedoch aus und fällt in die eiskalte Strömung. Er ist von Kopf bis Fuß nass, und die Träger haben etwas zu lachen. Aber es ist noch einmal glimpflich abgegangen! Bei solchen Flussüberquerungsmanövern kann man leicht seine Ausrüstung oder mehr verlieren.

Auf der anderen Seite geht es leider wieder hoch. Ich quäle mich, oft schweißtriefend und nach Luft ringend, diese mühsamen Stufen- und Klippenwege hinauf und hinunter. Ich überquere Steilhänge, von denen ich mich normalerweise ferngehalten hätte oder rutsche sie einfach hinunter. Die Schönheit der nepalischen Landschaft lenkt mein erschöpftes Gemüt jedoch immer wieder von der ermüdenden Gleichförmigkeit des Marschierens ab, das oft nur noch ein Stolpern ist. Oft genug aber hindern mich die Entbehrungen und Mühsal, die das endlose Auf und Ab auf halsbrecherischen Pfaden mit sich bringt, daran, die herrliche Natur, die Weite und Stille der tiefeingeschnittenen Täler, die farbenfrohen terrassierten Felder, die Blumen an den Häusern und die Gebetsfahnen an den Manimauern wirklich zu würdigen und zu genießen. Mit Sehnsucht schaue ich einem kleinen Flugzeug nach, das Touristen zu den höchsten Bergen der Welt fliegt. Es ist seit mehreren Tagen der erste Laut der Zivilisation. Allerdings kommt es mir so vor, als ob ich schon jahrelang unterwegs sei, und ich würde etwas darum geben, wenn ich an diesem Komfort da oben im Flugzeug teilhaben könnte. Das Motorengeräusch der modernen Zeit klingt mir in dieser räderlosen Umwelt wie Hohn in den Ohren.

Die Körperpflege wird leider nur sehr sporadisch wahrgenommen. Unser Tag beginnt meist bereits vor sechs Uhr morgens. Die Bande zur zivilisierten Welt zerrissen an dem Tag, an dem wir Bahrabise an der Tibet-Straße verließen. Waschen kann man sich nur, wenn Wasser in der Nähe ist, und das ist nicht allzu häufig der Fall. Bei einem Treck durch den Himalaya genießt die Körperhygiene während der normalen Marschroutine keine allzu große Priorität.

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LAPCHI KANG: VON CHILANGKA 1 900 m IN DAS TAMBA KOSI-TAL NACH GONGAR

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Copyright of Map: Research Scheme Nepal Himalaya (Schneider Maps): Lapchi Kang: 1 : 50 000

Aus meinen Tagebüchern unserer 1980-Trekking-Expedition in den Rolawaling und in den Khumbu:

Beim Marschieren ist ohnehin jeder sich selbst der Nächste. Die Gedanken kreisen viel zu häufig um schmerzende Füße, Knie und Schultern, sowie um die ständigen Zweifel, ob man wohl durchhalten wird oder auch nicht. Die anderen Teilnehmer der Expedition werden einem immer gleichgültiger. Eine Expedition in den Himalaya besteht nicht aus einer Gruppe ausgelassener, gesprächiger Bergsteiger, die auf gepflegten Wanderwegen durch eine der schönsten Landschaften der Welt läuft.

Die Wirklichkeit im Himalaya sieht anders aus. Nach stundenlangem, oft qualvollem Laufen zieht sich jeder in sich selbst zurück. Man ist mit seinen Problemen, Leiden, Gedanken und Sorgen vollauf beschäftigt. Das "Scheuklappenstadium", das erste der drei psychologischen Stadien auf einer Himalaya-Expedition, ist erreicht.

Alle halbe Stunde legen wir eine Rast ein und sammeln uns gegenseitig die Blutegel ab - eine wirklich widerliche Angelegenheit. Auf Salz reagieren die "Juga" empfindlich. Nima Lama gibt mir ein Stück Rohsalz, das ich an die Blutegel halte, die daraufhin sofort von der Bißstelle abfallen. Nima schlägt beim Laufen ohne Unterlass auf Zweige und Büsche vor uns, um die Blutegel herabzuschütteln, die zu Millionen in diesen feuchten, subtropischen Wäldern herumwimmeln, sich auf jeden Warmblüter stürzen und tatsächlich auch immer wieder ihren Weg in unsere hohen, dichtgeschnürten Bergschuhe finden. Die Wunden schmerzen nicht, wollen aber nicht aufhören zu bluten und stellen gefährliche Infektionsherde dar. Meine Socken sind immer wieder blutverkrustet und sehen nicht sehr schön aus, wenn auch nicht so schlimm wie die nackten Beine unserer Träger.

Nima Lama, der ein stolzer Sherpa ist, schaut offensichtlich ein wenig auf die Thamang herab. Er spricht mit gutmütigem Spott von ihnen und erzählt uns beispielsweise, daß sie Katzen und Ratten äßen. Allerdings höre ich dasselbe auch von den Thamang über die Sherpa. Viel weiter als solche Neckereien scheinen die Spannungen zwischen den verschiedenen Völkern in Nepal nicht zu gehen. Ich habe jedenfalls nie echte Feindseligkeit erlebt.

Um elf Uhr morgens fängt es bereits an, in Strömen zu gießen. Bis zu unserem geplanten Tagesziel, Laduk, schaffen wir es heute bestimmt nicht mehr. Die Berghänge, die wir jetzt queren, sind oft steiler als eins zu eins und wieder mit Hunderten von etwa zwei bis drei Meter hohen Ackerbauterrassen bedeckt. In den gewittrigen Mittagsschauern werden die schmalen, steilen Fußpfade noch gefährlicher als sonst. Der Weg führt, wie immer, steil hinauf und hinunter. Ein Stückchen völlig ebenes Weges, und sei es auch nur hundert Meter lang, scheint es in Nepal nicht zu geben.

Wir ziehen an der kleinen Dorfschule von Chilangka vorbei. Als die vielen fröhlichen, rotznasigen, apfelbäckigen Kinder uns entdecken, schreien sie alle den nepalischen Willkommensgruß: "Namaste, Namaste!" Die Schule besteht aus einem einzigen Raum, der nur durch eine lochähnliche Öffnung in der Bruchsteinmauer betreten werden kann. Der gestampfte Lehmboden ist mit sauberen Strohmatten ausgelegt, auf denen die Kinder im Schneidersitz hocken. Etwa dreißig Kinder, zwischen fünf und dreizehn Jahren, sitzen in kleinen Gruppen zusammen. Sie lesen die sanskritähnlichen Devanagari Buchstaben mit ungeheurer Geschwindigkeit und machen dabei einen Lärm, wie Kinder es überall auf der Welt tun würden.

Kurz vor vier Uhr nachmittags erreichen wir das kleine Thamangdorf Tschersawa. Die Träger sind weit hinter uns zurückgeblieben. Wir ziehen heute nicht mehr weiter. Auf der anderen Seite des Thuran Khola versperrt ein gefährlich aussehender Erdrutsch mit Steinschlaggefahr unseren Weg. Wir beschließen, diese Strecke besser erst morgen früh anzupacken.

Wir schlafen in einem verrußten Bauernhaus auf einer Lehmterrasse zwischen den Hühnern, von denen eins für uns zum Abendessen geschlachtet wird. Später stellt sich heraus, daß es ganz sicher das magerste und zäheste Exemplar war, das in Tschersawa aufzutreiben war. Auf dem engen Altan werden Strohmatten ausgerollt, auf denen wir dann unsere Schlafsäcke aufschlagen. Unsere Träger kommen erst um fünf Uhr müde angekeucht, als es schon anfängt, dunkel zu werden. Wie alle Thamang-Häuser, die ich bisher gesehen habe, ist auch dieses Haus eine fensterlose Höhle mit einer Feuerstelle in der Mitte, ohne Schornstein oder Kamin. Dazwischen wimmeln Hühner, schwarze Schweine und Ziegen herum. Von der dick-verrußten Decke hängen Maiskolben herab.

So leben wir in dieser abgelegenen Umwelt ohne Eile und Zwang, weit entfernt von der Zivilisation, ohne nach dem Gestern und Morgen zu fragen und nur unseren natürlichen Bedürfnissen unterworfen. Wir bekommen mehr und mehr das Gefühl, daß wir bereits seit Jahr und Tag auf diese Art und Weise unterwegs sind.

Die Nacht auf der schmalen, geländerlosen Lehmplattform unter dem Sternenhimmel erinnert mich an Afrika. Nur das in Nepal immer vorhandene Wasserrauschen fehlt der nächtlichen Stille in Namibia.

Nach der unerlässlichen Katzenwäsche im eiskalten Gletscherbach geht es früh los. Meine Knie schmerzen noch von der gestrigen Anstrengung. Einige Meter unterhalb des Dorfes müssen wir den reißenden Thuran Khola überqueren. Das heranschießende Wasser reicht bis über die Knie und schwemmt Geröll in der Größe von Tennisbällen heran. Ein Sturz in dieses tosende Wasser ginge ganz bestimmt nicht glimpflich ab.

Nach der Flussüberquerung steht uns der steinschlaggefährdete Hang bevor. Von nahem besehen, ist er nicht so schlimm, wie wir erst befürchtet haben. Wir queren den Hang vorsichtig, Mann für Mann und Schritt für Schritt, und sind danach froh, daß wir diese steile Fläche aus losem Geröll sicher hinter uns gebracht haben. Die Blutegelplage ist heute nicht weniger lästig als gestern. Meine ewig feuchten Bergschuhe wimmeln von Juga, die immer wieder ihren Weg in die Socken hineinfinden und mir das Blut abzapfen.

Wir passieren das kleine Thamangdorf Laduk etwas oberhalb. Hier treffen wir zwei kleine, vielleicht zehn Jahre alte Mädchen, die auf diesen spiegelglatten Pfaden Tragkörbe mit Gartenerde schleppen. Ich hebe einen an und stelle fest, daß er sicher schwerer als mein etwa fünfzehn Kilogramm wiegender Rucksack ist.

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Östlich von Chilangka: Die Dorfschule von Laduk
Copyright of Photo: Dr. Klaus Dierks

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Blick von Laduk in das Tamba Kosi-Tal im Südosten
Copyright of Photo: Dr. Klaus Dierks

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In Laduk verlasen wir das in einer west-östlichen Richtung verlaufenden Sangawa Khola-Tal  und marschieren nach Norden in Richtung Rolwaling und Tibet: Blick in das Tamba Kosi-Tal mit den 6 000 m  und 7 000 m hohen Himalayagipfeln des Rolwaling (Grenze mit Tibet) im Hintergrund: Die Buddhistische Tschörte muss immer im Uhrzeigersinn umgangen werden  
Copyright of Photo: Dr. Klaus Dierks

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Zwischen Laduk und Jagat: Blick in das Tamba Kosi-Tal im Südosten (linke zwei Photos)
Copyright of Photos: Dr. Klaus Dierks

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Zwischen Laduk und Jagat: Blick in das Tamba Kosi-Tal im Südosten: Von Jagat, das immer noch 2 200 m hoch liegt klettern wir herunter in die Tamba Kosi-Schlucht nach Gongar 700 m
Copyright of Photos: Dr. Klaus Dierks

Aus meinen Tagebüchern unserer 1980-Trekking-Expedition in den Rolawaling und in den Khumbu:

Hoch über dem Tamba Kosi, der durch eine der Haupt-Durchbruchs- Schluchten des Himalaya fließt und aus Tibet kommt, biegen wir nach Norden ab. Von einer großen Tschörte haben wir einen überwältigenden Blick auf das teilweise von Wolken verhüllte, über 7 000 Meter hohe Gaurisankarmassiv. Der Weg wird ab hier durch tief ausgespülte Querrinnen und unzählige, von unter den Füßen wegrollenden Steine noch unpassierbarer als vorher. Zwischendurch geht es auch immer wieder über zahllose unregelmäßige Treppenstufen auf und ab.

Wir machen bei einem einsam gelegenen Thamang-Bauernhaus Mittagsrast. Der zerlumpte Bauer und seine Familie empfangen uns mit nepalischer Freundlichkeit. Der Bauer ist gerade dabei, mit einem primitiven Holzhakenpflug den Hausacker zu pflügen. Die Frau des Hauses folgt ihm nach und pflanzt mit einem Grabstock die Kartoffeln.

Selbst hier, in dieser weltfernen ländlichen Ecke von Nepal, sind Bevölkerungsexplosion und Mangel an anbaufähigem Boden, der durch Erosion und rücksichtsloser Abholzung der einheimischen Wälder ständig zunimmt, ein ungelöstes Problem. Die Produktivität der Landwirtschaft muß daher unbedingt gesteigert werden. Achtzig Prozent aller nepalischen Bauern bauen Erdfrüchte an, aber die Anbaumethoden sind, wie hier in Gyalsung, immer noch vorsintflutlich. Der Boden wird mit einer Hacke umgegraben oder mit einem primitiven, oft von Menschen gezogenem Holzhakenpflug umgepflügt. Dünger ist fast unbekannt. Menschliche und tierische Exkremente werden gebraucht, um den wachsenden Energiebedarf zu decken. Die Weidegebiete sind hoffnungslos überstockt.

Die meisten Bauern sind noch Pächter auf dem Grund und Boden, der den Großgrundbesitzern Nepals gehört. Von einer graduierlichen, gesunden Landreform wird in Kathmandu zwar geredet, aber in der Praxis wird wenig getan. Die Verschuldung der Pächter ist ungeheuer. Schon einige hundert Rupien - nach unseren Maßstäben ein lächerlicher Betrag - bedeuten für einen nepalischen Bauern viele Jahre harter Arbeit, und nur in seltenen Fällen können die Schulden völlig abgelöst werden. Von diesen Problemsituationen der ländlichen Bevölkerung Nepals ahnt der oberflächliche Beobachter im Allgemeinen nichts. Die immer vorhandene Freundlichkeit und Gastfreiheit lassen von diesen kaum überwindlichen und immer größer werdenden Schwierigkeiten nur wenig spüren.

Der Sohn des Hauses hat eine entsetzliche, bereits brandige Wunde am Fuß. Wir können nicht feststellen, was die Ursache dieser Verletzung ist. Hier oben gibt es natürlich keinerlei ärztliche Hilfe. Er kann mit diesem Bein auch nicht mehr die sechs Tage nach Kathmandu laufen, und wir können ihm nicht helfen. So muß er wohl elend zugrunde gehen. Der psychische Stress wird bei diesem Anblick, bei dem Gedanken des Nichthelfenkönnens und der nicht vorhandenen ärztlichen Versorgung - auch für uns selbst - noch größer.

Es nimmt nicht wunder, daß die durchschnittliche Lebenserwartung der Nepali immer noch weniger als dreißig Jahre beträgt. Fünfundneunzig Prozent der gesamten Bevölkerung lebt ohne regelmäßige ärztliche Versorgung, achtzig Prozent hat noch nie einen Arzt gesehen. Malaria ist unter den vielen Krankheiten, die hier vorkommen, der größte Mörder. Nur das alt-nepalische Volk der Tharu im Terai soll gegen Malaria immun sein. Tuberkulose tritt häufig auf, was möglicherweise auf die weitgehende Unterernährung und andere Mangelerscheinungen zurückzuführen ist. Andere Plagen sind Asthma und Kropf, sowie Geschlechtskrankheiten und das auch in Nepal langsam zunehmende "HIV-Aids". Typhus grassiert, und Amöbeninfektionen sind die häufigste Todesursache bei Kleinkindern. Choleraepidemien und selbst Aussatz kommen immer wieder vor. Bei dieser Sachlage ist unsere gut ausgestattete Rucksackapotheke nur ein geringer Trost.

Am Nachmittag ziehen sich in den Tälern, die vor dem Gaurisankar liegen, schwere Gewitter zusammen. Es gibt unwahrscheinliche Regenbogenstimmungen über diesen tiefen, V-förmigen Tälern, die oft Tausende von Meter tief abfallen. Wir waschen uns - wohl das letzte Mal, ehe es in den Hoch-Himalaya geht - gründlich und splitterfasernackt unter einem eisigen Wasserfall. Die Träger schauen derweil verlegen zur Seite. Unsere Körper sind im Nu von Blutegeln übersät, die wir uns dann gegenseitig absammeln.

In dem winzigen Dorf Jagat, das nur aus drei Häusern besteht, übernachten wir wieder auf dem schmalen, geländerlosen Balkon eines schönen, mit Schnitzereien verzierten Thamanghauses. Um 18 Uhr liegen wir - wie jeden Tag - bereits in unseren Schlafsäcken. Etwa tausend Meter unter uns rauscht in einer tiefen Schlucht der Tamba Kosi dahin. Ringsumher erheben sich die steilen, mehr als viertausend Meter hohen bewaldeten Berge. Im Norden stehen im Mondschein in erhabener Einsamkeit die gewaltigen Eisgipfel des Rolwaling-Himal.

Beim Aufstehen erlebe ich nach langer traumloser Nacht das jeden Morgen gleiche Hörspiel. Nima Lama betet bereits seit geraumer Zeit in seiner Ecke vor sich hin. Der in der Nacht aufgekommene Regen trommelt auf das Holzschindeldach, der feuchte Holzrauch bringt unsere Augen zum tränen, und eine Thamangfrau zerstampft im Holzmörser Gerste und Mais zu Tsampa. Überall wimmeln Kleinkinder, struppige Hunde, Hühner und schwarze Schweine herum.

Ich fühle mich recht schlapp heute morgen und merke leider, daß meine Verdauung gar nicht in Ordnung ist. Während ich, in trübe Betrachtungen versunken, hocke, bin ich, wie in den letzten Tagen schon so oft bei derartigen "Geschäften", von einem Kreis neugieriger, rotznasiger Kinder umgeben, die nicht einsehen wollen, daß mir ihr Verhalten äußerst lästig ist.

Nach dem Frühstück geht es heute zur Abwechslung einmal nicht steil bergauf, sondern steil bergab. Wir müssen fast tausend Meter tief in die Tamba Kosi Schlucht absteigen. Die Gewissheit, daß diese gleichen Höhenmeter heute nachmittag wieder aufgestiegen werden müssen, ist nicht gerade erheiternd.

Meine schon seit Wochen andauernden schweren Halsschmerzen mit hartnäckigem Husten sind über Nacht schlimmer geworden. Ich spucke dicken, grünen Schleim auf die nepalischen "Batos". Das entspricht in diesem Augenblick meiner moralischen Verfassung! Die Vegetation im Tamba Kosi ist tropisch. Überall zwischen den Urwaldbäumen wachsen Bananen- und Papayastauden. Wir bewundern die farbenprächtigen Schmetterlinge und die Vielfalt der exotischen Vögel.

Der Weg ist heute auch nicht besser als gestern. Er ist, immer wieder von Erdrutschen unterbrochen, glatt und schlüpfrig. Manchmal ist er nur zwei Hände breit und klebt an senkrechten, viele hundert Meter abfallenden Abstürzen. Alle Viertelstunde wird angehalten, um die Blutegel von den Beinen zu entfernen. Im normalen Zustand sind die "Juga" ein bis zwei Zentimeter lange, sehr dünne Fadenwürmer. Sobald sie ein Opfer gefunden haben und sich festgesaugt haben, schwellen sie auf ein Vielfaches ihres Durchmessers an und werden auch beträchtlich länger. Neben dem bereits erwähnten Rohsalz hilft auch ein brennendes Streichholz, sie zum Abfallen zu bewegen. Abreißen hilft nicht, weil dann Teile des Blutegels in der Wunde zurückbleiben und fast immer zu bösen Entzündungen führen.

Ein von Westen kommender Wildbach, der Gongar Khola, wird auf einem stark schwankenden Baumstamm überquert. In der Ferne sehen wir die schönen Scheeberge der Lapchi Kang Bergkette an der tibetischen Grenze. Bei Gongar treffen wir auf den Hauptkarawanenweg, der von Charikote über Chhogsham nach Tibet führt. Wir begegnen einer Reihe von Trägern, die Salz aus Tibet transportieren. Dieser früher so wichtige Salzhandel zwischen Tibet und Nepal wird erst seit 1980 wieder im beschränktem Maße von den Chinesen geduldet. Trotzdem ist das salzlose Nepal immer noch gezwungen, seinen Salzbedarf hauptsächlich in Indien zu decken. Der Tausch von landwirtschaftlichen Gütern gegen indisches Salz spielt eine ungeheure Rolle im nepalischen Warenverkehr. In den Wintermonaten tragen einige hunderttausend nepalische Bauern ihre kärglichen, den Feldern mühsam abgerungenen Produkte nach Süden zu den Marktplätzen an der indischen Grenze. Toni Hagen hat versucht, die Zahl der Bauern zu schätzen, die jedes Jahr vier bis acht Wochen unterwegs sind, um ihre Produkte gegen Salz einzutauschen und kam auf die unglaubhafte Zahl von zwei bis drei Millionen wandernder Bauern.

Das Transportwesen, das immer noch fast ausschließlich auf Träger angewiesen ist, wird durch eine Geschichte beleuchtet, die ich 1960 in Kathmandu erzählt bekam. Die damaligen Zustände haben sich in der Zwischenzeit trotz mehrerer Fünfjahrespläne für den Straßenbau nicht wesentlich geändert. Im Winter 1957/58 litten das Tal von Kathmandu und der Osten Nepals unter einer schweren Hungersnot. Die Vereinigten Staaten von Amerika sprangen ein und boten Lebensmittelhilfe an, obwohl der westliche Teil des Landes zu jener Zeit einen Reisüberschuss geerntet hatte, mit dem ganz Nepal hätte ernährt werden können. Wegen der fehlenden modernen Verkehrswege war es für die nepalische Regierung jedoch günstiger, amerikanisches Getreide über Kalkutta nach Nepal einzuführen, anstatt einige Monate lang eine ganze Armee von Trägern in Bewegung zu halten, um den westnepalischen Reis in den Osten des Landes zu transportieren.

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Tribeni im Tamba Kosi-Tal  
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Gongar in der Tamba Kosi-Schlucht: Linkes Photo: Blick nach Norden in das Rolwaling-Tal, das aus dem Osten kommt: Rechtes Photo: Unser Sherpa-Führer Nima Lama (rechts) und unser Koch (Bahadur)(links): In Gongar haben wir unsere fünfte Übernachtung
Copyright of Photos: Dr. Klaus Dierks

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LAPCHI KANG: FROM GONGAR 700 m IN THE TAMBA KOSI GORGE INTO THE ROLWALING VALLEY

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Copyright of Map: Research Scheme Nepal Himalaya (Schneider Maps): Rolwaling (Gaurisankar): 1 : 50 000

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In Gongar trekken wir in die feucht-heiße Tamba Kosi-Schlucht: Blick nach Norden
Copyright of Photo: Dr. Klaus Dierks

 

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Eindrücke aus der feucht-heißen Tamba Kosi-Schlucht: Blick nach Norden (drei linke Photos) und Blick nach Süden (rechtes Photo)
Copyright of Photos: Dr. Klaus Dierks

Aus meinen Tagebüchern unserer 1980-Trekking-Expedition in den Rolawaling und in den Khumbu:

In Gongar machen wir mit den tibetischen Salzhändlern Mittagsrast. Nima Lama will diese Begegnung sicher zu geruhsamen Gesprächen ausnützen. Offiziell entschuldigt er sich damit, daß es zwischen Gongar und der tibetischen Grenze, auf die wir zusteuern, kein trockenes Holz zum Feuermachen gäbe. Hier endlich habe ich die Gelegenheit, meine ewig durchnässten Bergschuhe in der Sonne zu trocknen. In einer recht primitiven strohgedeckten Hütte haust eine Thamangfamilie. Sie lebt hier am Ende der Welt. Die Menschen sind armselig und zerlumpt, befinden sich aber in einer paradiesischen Umwelt. Wir stellen fest, daß diese Thamang noch nie in Kathmandu, das sie Nepal nennen, gewesen sind. Bahadur Mangar will wohl vor den tibetischen Salzhändlern mit seinen Kochkünsten prahlen und überschlägt sich geradezu in der Auswahl seiner kulinarischen Genüsse. Es gibt Reis mit Brennnesselgemüse in scharfer Currysause. Es wundert mich wirklich nicht mehr, daß wir immer kraftloser werden!

Gongar ist die letzte Thamangsiedlung im Tamba Kosi Tal. Die nächste Siedlung, Simi Gaon (Bohnendorf), ist wieder eine Sherpaniederlassung, und dort beginnt das ersehnte Sherpaland, das auf das Dach der Welt führt.

Nördlich von Gongar ziehen wir durch eine der tiefsten und engsten Durchbruchsschluchten im ganzen Himalaya. Vor der Grenze zu Tibet liegt nur noch eine Sherpasiedlung, Lamabagar, die wir aber nicht sehen werden, da wir vorher nach Osten in das Rolwaling-Tal abbiegen. Der mühselige Marsch durch die wildromantische Tamba Kosi Schlucht ist ein ganz großartiges Erlebnis für uns. Die fast senkrechten, schwindelerregend hohen Felswände über uns sind mit tropischer Vegetation überwuchert. Hunderte von Meter hohe Wasserfälle, die sich manchmal bereits in halber Höhe in Wasserstaub auflösen, scheinen vom Himmel zu fallen. Der handbreite, von Feuchtigkeit glatte Pfad schwebt wie eine am Felsen angeklebte Leiste hoch über dem Tamba Kosi, der in Stromschnellen wild zwischen den hausgroßen Felsbrocken dahinschäumt. Überall sieht man bunte Eidechsen und farbenprächtige Vögel, die dieses geradezu unheimlich wirkende Paradies abrunden. An einigen Stellen ist die Schlucht so eng, daß sich der Tamba Kosi in haushohen Wellen und brüllendem Getöse durch die glatten Felswände hindurchzwängen muß. Wir selbst müssen immer wieder durch herabstürzende Wasserfälle hindurchmarschieren und werden dabei natürlich von Kopf bis Fuß nass.

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In Chetchet queren wir die Tamba Kosi-Schlucht auf einer zwei Hände breiten glitschigen Baumstammbrücke über den aus Tibet kommenden tosenden Gletscherfluss Tamba Kosi: Niemand, der nicht absolut schwindelfrei ist, sollte es wagen, dieses Meisterstück der Brückenbaukunst zu betreten: Von hier ab klettern wir von 800 m auf 2 019 m in Simi Gaon (Tibetisch: Dakchö) nach Osten in das Rolwaling-Tal: Blick nach Norden
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Aus meinen Tagebüchern unserer 1980-Trekking-Expedition in den Rolawaling und in den Khumbu:

An der engsten Stelle der Tambaschlucht gibt es eine bedenklich schwankende Hängebrücke an rostigen Drahtseilen, die vermutlich von den Dorfschmieden von Those hergestellt wurden. Beim Betreten schwankt die ganze Konstruktion beängstigend hin und her, man sollte sich deshalb auch nur einzeln hinüberwagen. Sie ist ständig in eine Wolke von Wasserstaub gehüllt.

Nach glücklicher Überquerung dieser kühnen Fußgängerbrücke geht es von 1 400 Meter auf einem steilen Zickzackweg einen 700 Meter hohen Felsen hoch, den die Sherpa Langur-Klippen nennen. Das Wort "Langur" heißt Affe und deutet daraufhin, daß es in dieser Gegend die ersten möglichen Yeti-Anwärter gibt. Die typische Himalayalandschaft, die steil aufragenden Felswände, die dichten schweigenden Urwälder unterhalb der Baumgrenze, die ersten Eisriesen des Rolwaling - alles dies könnte die Heimstätte für den geheimnisvollen Fels- und Schneemenschen sein. Rolwaling und Khumbu gelten als die letzte Zuflucht für dieses mysteriöse, menschenähnliche Wesen.

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Wir sind die ersten tausend Höhenmeter von Chetchet in Richtung Simi Gaon hochgestiegen: ZurLinken unser Sherpa-Führer Nima Lama
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Slebst die Sherpa-Kinder müssen schon schwere Lasten tragen
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Blick nach Nordwesten von Simi Gaon in die Tamba Kosi-Schlucht
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Wir haben fast die Gompa von Simi Gaon erreicht: Tibetisch-Buddhistische Tschörten
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Blick nach Westen von Simi Gaon in die Tamba Kosi-Schlucht
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Die große Gebetsmühle (Mani-Mühle) in der Gompa von Simi Gaon 2 100 m mit unserem Sherpa-Führer Nima Lama: Simi Gaon ist unser sechster Nachstop
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Aus meinen Tagebüchern unserer 1980-Trekking-Expedition in den Rolawaling und in den Khumbu:

In einer Stunde haben wir die siebenhundert Meter Höhendifferenz überwunden. Ich bin froh, daß wir Simi Gaon und damit die Schwelle zum Hoch-Himalaya erreicht haben. Die hoch über den Langur-Klippen gelegene Streusiedlung hat etwa dreihundert Einwohner. Nachdem wir an einer schönen Manimauer gerastet haben, steigen wir zur Gompa hoch, die über dem Dorf auf einer Höhe von 2 019 Meter liegt. Der Lama des Klosters schließt ein uraltes, handgeschmiedetes tibetisches Vorhängeschloss auf, und wir betreten den Hauptraum der Gompa. Nima Lama wirft sich der Länge nach vor dem Hauptaltar mit dem Standbild des Guru Rimpoche, einer der Propheten des tibetischen Buddhismus, nieder. Das mit ausgebreiteten Armen Auf-den-Bauch-Werfen ist eine besonders anrührende Gebärde der frommen Tibeter vor ihren Göttern. Der Tempelraum, Dukhang genannt, ist unter einer niedrigen Holzdecke, an der man sich leicht den Kopf stoßen kann, voller warmer Schatten auf den bunten Holzmalereien und den vielen funkelnden Gegenständen: meditierende vergoldete Buddhas, grell-bunt verzerrte Fratzen erzürnter Dämonen des tibetischen Buddhismus, Pfauenfedern, Gongs, Lamatrompeten und Butterteegefäße. In vielen Fächern sind die einhundertundacht heiligen Bücher des Kangschur, der Bibel des tibetischen Buddhismus, untergebracht. In einem kleinen Raum neben dem Dukhang befindet sich eine schön bemalte zylindrische Gebetsmühle aus Holz, deren Höhe und Durchmesser etwa drei Meter betragen. Die Manimühle ist bis zum Rand mit heiligen Gebetspapieren gefüllt, und jeder knarrenden Umdrehung entspricht das Sprechen der Gebete aller dieser Papiere. Nach jeder Umdrehung der Mühle erklingt eine melodische Glocke, die den Göttern die weitere Vollendung dieser frommen Aktivität anzeigt. Wir schlagen unser Nachtlager direkt zu Füßen der Manimühle auf.

Sherpakinder holen Wasser aus einer weit entfernten Quelle. Zur Belohnung erhalten sie von uns Süßigkeiten, auf Nepali Mitho genannt. Sie öffnen dabei ihre Hände genauso wie die Kinder in Namibia. Mitho sind bei Sherpakindern, wie bei allen Kindern der Welt, sehr beliebt. Nach der Begrüßung "Namaste" folgt meist sogleich das Wort "Mitho". Allerdings raten die Ärzte vom Edmund Hillary Hospital in Khunde ab, allzu freigebig mit Mitho zu sein, da durch die von Touristen hereingebrachten und vorher weitgehend unbekannten Mitho die Zahnfäule in Nepal, bei fehlender zahnärztlicher Versorgung, immer mehr zunimmt.

Wir blicken von der Gompa in das tiefe, waldreiche Tamba Kosi Tal, das im Norden von zackigen, eisgepanzerten Gebirgsketten abgeschlossen wird, die weit nach Tibet hineinreichen. Die andere Seite des Bergrückens, auf der die Gompa von Simi Gaon liegt, fällt steil in das Rolwaling-Tal ab. Leider ist der Gaurisankar hinter Wolken. Es ist tröstlich zu wissen, daß es jetzt hauptsächlich nur noch bergauf geht und keine tiefen Täler mehr überquert werden müssen.

Bahadur verwöhnt uns heute abend mit chinesischen Spagetti und Spiegeleiern. Als es tief unten im Tambatal bereits dunkel wird, taucht plötzlich ein von den letzten Sonnenstrahlen getroffener namenloser Schneegipfel in Tibet auf. Er leuchtet noch einmal wie ein geheimnisvolles Juwel, und dann reißen auch noch die Wolken im Nordosten für Sekunden auf und geben das mächtige, unirdisch wirkende Eismassiv des heiligen Gaurisankar frei. Zu Füßen der großen Gebetsmühle von Simi Gaon schlafen wir in dieser Nacht gut, wenn auch etwas beengt.

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Von Simi Gaon müssen wir weitere 1 000 m durch die Regendurchweichte Bergurwälder des Unteren Rolwaling aufsteigen: Nima Lama und einige unserer Träger ppassieren eine
Buddhistischen Mani-Mauer im Uhrzeigersinne

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Die Wald-Siedlung Shakpa 2 850 m
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Aus meinen Tagebüchern unserer 1980-Trekking-Expedition in den Rolawaling und in den Khumbu:

Am nächsten Morgen ist alles grau in grau. Die Berge sind in dichten Nebel gehüllt, aus dem es unaufhörlich nieselt. Das Wetter ist wirklich zum Verzweifeln! Es ist für mich keine Überraschung, daß sich meine wochenlange Erkältung über Nacht in die Bronchien verzogen hat. Wir sitzen trübsinnig vor der Gompa im Nebelregen und zwingen uns Tschapaties, das indische Fladenbrot, sowie indische Erdnussbutter, Langtang-Käse, Marmelade aus dem nepalischen Terai, sowie schwarzen Tee - Pika Tscha - die wunden Kehlen hinunter. Nach diesem Luxusfrühstück geht es durch dichten, tropfenden Urwald und den immer stärker werdenden Regen zahllose steile, unregelmäßige Serpentinen hoch. Mit der größeren Höhe wird es bald spürbar kälter. Der Wald ist in undurchdringlichen Nebel gehüllt.

Der nicht endenwollende Regen geht uns durch und durch und läßt uns alle erstarren. Ich segne die zweckmäßige Bergsteigerkleidung, über die wir glücklicherweise verfügen. Unsere Träger dagegen sind nur in Baumwollfetzen gehüllt und laufen barfuß. Einige besitzen fadenscheinige Decken, die sie als Regenschutz benutzen. Ich empfinde unseren Trägern gegenüber eine tiefe Zuneigung, die ihnen gegen den Regen leider jedoch auch nicht hilft.

Auf etwa 2 700 Meter Höhe liegt eine kleine Siedlung, Shapka, die sich als nichts weiteres als eine elende Waldhütte entpuppt. Wir kaufen hier Yakbutter, die bereits ranzig ist, was sich allerdings erst später herausstellt. Sie gibt dem tibetischen Buttertee - Bö Tscha - wenigstens die richtige Geschmacksnote.

Dann geht es im Regen auf entsetzlichen Waldwegen, über schlüpfrige Felsen und auf flechtenbewachsenen Baumstämmen, über die wir balancieren und die glatt wie Eis sind, weiter. Das ganze Unternehmen ist eine unmenschliche Schinderei, und das erst recht, wenn man sich nicht gesund fühlt und keine ärztliche Hilfe zur Verfügung hat. Das "Scheuklappenstadium" erreicht seinen ersten Höhepunkt! Ich frage mich immer wieder, ob diese Quälerei noch irgendeinen vernünftigen Sinn hat. Ich kann mich nicht einmal mehr an den herrlich weiß- und rotblühenden Magnolienbäumen erfreuen.

Um 11 Uhr 30 sitzen wir im Regen auf moosbewachsenen Steinen und machen Mittagsrast. Mein Appetit ist unter diesen Umständen nicht so gut wie sonst. Auch nach der Mittagspause will der Regen nicht aufhören. Wir waten durch knöcheltiefen Schlamm und klettern über schlüpfrige Felsblöcke. Wir tasten uns über die berüchtigten Bretter an senkrechten Felswänden, eine äußerst fragwürdige, instabile Konstruktion aus Astgabeln, die auf kleinen Felsvorsprüngen verkeilt ist. Auf diese Astgabeln werden Zweige und Bretter gelegt, über die man mit dem Gesicht zum Fels vorsichtig hinüberbalanciert. Aber das Scheuklappenstadium sorgt dafür, daß mir die Bretter - und alles andere ebenso - herzlich gleichgültig sind.

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Abgebrannte Gebirgsurwälder im Unteren Rolwaling, vor vielen Jahren durch Blizschlag zerstört
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Orchideen in den Bergurwäldern dews Unteren Rolwaling
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Der Bergpfad von Shakpa nach Beding klebt manchmal geradezu an den senkrechten Felswänden: Irgendwo in den Bergurwäldern haben wir unseren siebten Nachtstop
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Aus meinen Tagebüchern unserer 1980-Trekking-Expedition in den Rolawaling und in den Khumbu:

Der Körper glüht im Fieber, die Lunge pfeift. Aber wenigstens gewinnen wir - langsam aber sicher - an Höhe. Am frühen Nachmittag erreichen wir wieder 3 000 Meter. Später ziehen wir durch einen abgebrannten Zedernwald, der, den Erzählungen der Sherpa zufolge, vor einem halben Jahrhundert durch Blitzschlag ein Raub der Flammen wurde und sich nie wieder regeneriert hat. Durch die unheimlichen schwarzen Baumstümpfe hindurch habe wir einen faszinierenden Blick auf die Rolwalingschlucht, die so steil, wild und tief ist, daß nicht einmal die Sherpa des Rolwaling in der Lage waren, eine Route hindurchzufinden. Der dunkle Abgrund ist so dicht bewaldet, daß wir nicht den Boden ausmachen können. Nur das Tosen des Rolwaling Flusses tönt zu uns herauf.

Um 15 Uhr 30 beschließen wir, auf einer steinigen Lichtung in einem wunderbaren Zedernwald direkt am rauschenden Rolwaling Chu unser Nachtlager einzurichten. Es regnet immer noch in Strömen. Während wir unsere Zelte aufschlagen, reißen plötzlich die Wolken für einige Minuten auf. Im Osten stehen in wunderbarer Klarheit, direkt vor uns, die eisigen Riesenberge des Rolwaling-Himalaya. Bahadur bekommt es unter diesen feuchten Umständen tatsächlich fertig, mit klatschnassem Holz Feuer zu machen. Als Energiespender gibt es tibetischen Buttertee mit der ranzigen Yakbutter aus Shapka. Leider haben unsere Träger diese Butter in einem ungegerbten Sack aus Yakfell transportiert. Durch diese betrübliche Tatsache ist unser Tee, kulinarisch recht pikant, mit Yakhaaren durchmischt. Ich trinke diese echte "Himalaya Delikatesse", die mir aus meiner Zeit mit den Soldaten der Volksrepublik China im Jahre 1959 noch in frischer Erinnerung ist, mit recht gemischten Gefühlen. Im Gegensatz zu damals kann ich den unangenehmen Yakbuttergeschmack diesmal jedoch mit einem Schluck "Khukri Rum" verfeinern. Als ich dann um 18 Uhr in den tröstlichen und glücklicherweise schnell warm werdenden Schlafsack krieche, habe ich das Gefühl, daß viel Schlimmeres nicht mehr über mich kommen könne. Dabei ist mir klar, daß dies alles, was wir bisher erlebt haben, nur ein harmloser Spaziergang gegenüber dem ist, was uns noch bevorsteht. Wirkliche Grenzerlebnisse und die Zeiten, wo wir keine "Luft zum Atmen" mehr haben werden, hält das Schicksal noch für uns bereit.

Nach der ersten wirklich kalten Nacht mit Frost und Raureif auf den Bäumen haben wir am nächsten Morgen schönstes, völlig klares, wolkenloses Wetter. Unsere bedauernswerten Träger sassen und lagen die ganze Nacht dichtgedrängt um das Feuer herum, schlugen Hände und Arme gegeneinander und versuchten ziemlich vergeblich, sich warm zu halten. Heute werden sie ihre Dienste mit der Ankunft im fast 4 000 Meter hohen Beding beenden und mit ihrem sauer verdienten Geld in wärmere Regionen zurückkehren.

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ROLWALING: VOM UNTEREN ROLWALING NACH BEDING, DEM HAUPTORT DES ROLWALING

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Copyright of Map: Research Scheme Nepal Himalaya (Schneider Maps): Rolwaling (Gaurisankar): 1 : 50 000

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Bei  3 200 m haben wir den Hoch-Himalaya des Rolwaling erreicht: Erster Blick auf den Gaurisankar (Der heilige Jomo Tseringma de Tibeter) 7 146 m, einstmal als der höchste Berg der Erde angesehen: Blick nach Nordosten
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Im Osten tauchen einer nach dem anderen die gewaltigen Sechstausender des Rolwaling auf: Blick auf den Kang Nachugo 6 735 m
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Aus meinen Tagebüchern unserer 1980-Trekking-Expedition in den Rolawaling und in den Khumbu:

Im Osten ragen zwei gewaltige Eisriesen des Rolwaling in den klaren, tiefblauen Nachmonsunhimmel, der Chekigo (6 275 Meter) und weiter im Süden der Tabayabyum (5 555 Meter). Vor diesen Bergen muß Beding, der Hauptort des Rolwaling, liegen. Wir wandern den wunderbaren Gipfeln entgegen, nachdem wir um sechs Uhr aufgebrochen sind. Zunächst geht es über die vom gestrigen Regen noch feuchten Wege durch die letzten Tannenwälder vor der Baumgrenze, die hier bei etwa 4 000 Meter beginnt. Immer wieder erwarte ich, plötzlich einem Himalayabären, den es hier noch häufig geben soll, gegenüberzustehen. Einmal sehe ich im Unterholz ein Tier davonhuschen, das wie ein Waschbär aussieht. Nach einer Stunde kreuzen wir die verrottete Holzbrücke über den Rolwaling Chu und laufen auf der nördlichen Talseite weiter. Bei der Durchquerung der Tongmarnangschlucht, die direkt vom Manlunggletscher herunterkommt, erhebt sich der 7 145 Meter hohe Gaurisankar, ein gewaltiger, doppelgipfliger eisgepanzerter Berg, direkt über uns. Langsam bekommt die Schinderei dieses Trecks einen Sinn.

Obwohl wir uns bereits einige Tage im Herzen des Hoch-Himalaya aufhalten, haben wir die wirklich hohen Berge erst heute morgen in voller Klarheit zu Gesicht bekommen. Mit jeden weiteren hundert Höhenmetern, die wir hochsteigen, tauchen immer neue Berge des Rolwaling auf. Den ganzen Tag haben wir den mächtigen Gaurisankar vor Augen. Mit jedem Kilometer, den wir zurücklegen, ändert sich sein Aussehen. Wir haben das Dach der Welt erreicht! Für die frommen Bewohner des Himalaya ist der Gaurisankar der allerheiligste Berg des höchsten Gebirges der Erde. Der "Weg" und damit die erste Phase der Trekking-Expedition liegen hinter uns. Ob der Weg zum Ziel geführt hat, wissen wir noch nicht. Es wird sich in den Wochen, die vor uns liegen, herausstellen. Das Erreichen des Sherpalandes im Rolwaling und der alten tibetischen Ortschaft Beding ist für mich ganz sicher die letzte Stufe auf dem "Wege" und die erste Stufe zum Ziel.

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Wir haben Beding 3 693 m, den Hauptort des Rolwaling erreicht: Blick nach Osten zum Trashi Laptsa und dei Grenzberge zum Khumbu
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Beding: Blick nach Nordwesten in Richtung Gaurisankar: In der Mitte des Photos befindet sich die große Tschörte und die Gompa (Buddhistisches   Kloster) von Beding
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Beding: In einem dieser Sherpa-Häuser haben wir die achte und neunte Nacht verbracht
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Aus meinen Tagebüchern unserer 1980-Trekking-Expedition in den Rolawaling und in den Khumbu:

Auf unserer "Ersten Namibia Expedition 1980" folgen Gerd Kuchling und ich der schwierigsten und unwegsamsten, dafür aber schönsten Route zum Mount Everest. Wir ziehen durch den Rolwaling-Himalaya an der Grenze zu Tibet mit seiner uralten, unverfälschten lamaistischen Kultur. Wir wollen den berüchtigten Trashi Laptsa übersteigen, den Edmund Hillary den schwierigsten Bergübergang der Welt nennt.

Auch die Sherpas von Beding, dem Hauptort der Rolwaling-Sherpas, wo sich eine alte tibetische Gompa befindet, warnen uns vor den Gefahren des fast 6 000 Meter hohen Trashi Laptsa. Gerade in der Nachmonsunzeit, im Oktober und November, sei es wegen der plötzlichen Wetterumschwünge und der ständigen Schneesturmgefahr nicht ratsam, den Pass zu überschreiten. Die trügerischen Schneeverhältnisse und die ewigen Lawinenprobleme sind eine zusätzliche Gefahrenquelle.

Ein Sherpa in Beding erzählt uns, daß der Trashi Laptsa eigentlich nur im Sommer, in der Monsunzeit, begehbar sei. Wir wollen ihn in der Nachmonsunzeit, im Oktober 1980, besteigen. Die Sherpa in Beding sind sich über die Wetterbedingungen im Oktober nicht einig. Einige sprechen von hohem Neuschnee, andere meinen, es lägen nur drei bis fünf Zentimeter. Nima Lama gibt eine für ihn typische, orakelhafte Erklärung ab, die er aus seinem "heiligen Lamabuch" entnimmt, das er im Rucksack mit sich trägt und ständig, besonders was das Wetter angeht, zu Rate zieht: "Wenn es jetzt regnet, wird es oben schneien. Wenn es auf dem Trashi Laptsa schneit, werden wir große Probleme haben. Viele Sherpa sind dort schon ums Leben gekommen. Wenn es nicht schneit, ist uns das Glück hold. Jetzt ist die Zeit für Schneefälle."

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In Beding wurden unsere Träger, die hauptsächlich den nepalischen Gruppen der Sunwar und der Tamang angehörten, ausbezahlt. Ab hier, wo unsere eigentliche Trekking-Expedition beginnt, gebrauche wir Sherpa-Träger (rechtes Photo)
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Photos vom inneren der Beding-Gompa: Die große Gebetsmühle (Mani) in der Gompa
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Eindrücke von der Beding-Gompa: Das Innere des Dukhang (Gebets-Halle): Das linke Photo zeigt den Kangschur: Die 108 (Heilige Nummer des Tibetischen Mythologie) Bände der Tibetisch-Buddhistischen "Bibel"
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Der Gaurisankar (Die heilige Jomo Tseringma der Tibeter) 7 146 m von Beding: Blick nach Nordwesten
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ROLWALING: VON BEDING NACH NA, DEN TSHO ROLPA UND DEN TRAKARDING-GLETSCHER

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Copyright of Map: Research Scheme Nepal Himalaya (Schneider Maps): Rolwaling (Gaurisankar): 1 : 50 000

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An einem frostigen Oktober-Morgen 1980 verließen wir Beding in östlicher Richtung mit der Aufgabe, einige der schwierigsten Bergübergänge, Gletscher und Eisbrüche auf
Erden zu überwinden: Blick von der großen Tschörte von Beding nach Osten in Richtung Na

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Wir verließen Beding in einer östlichen Richtung zum Sherpa-Dorf Na: Blick nach Nordwesten mit dem Rolwaling Chhu (Fluss) im Vordergrund und dem Gaurisankar im Hintergrund
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Die Sherpa-Siedlung Dokare 4 086 m zwischen Beding und Na mit dem Gaurisankar im Hintergrund: Blick nach Westen
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Die Sherpa-Siedlung Dokare mit dem Gaurisankar im Hintergrund (Mittleres Photo)
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Bamongo 6 400 m von Dokare aus gesehen: Blick nach Osten
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Kurz vor Na sehen wir zum ersten Mal den Chobutse (Tsoboje) 6 689 m, einer der schönsten Berge auf der Welt: Blick nach Osten
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Kurz vor Na gibt es einen gewaltigen Felsblock, der über und über mit Tibetisch-Buddhistischen Mantras (Zauberformeln) eingraviert ist
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Na 4 183 m ist ein Sommerweidedorf (Im Tibetischen Phu oder Yarsa): Die Sherpa leben hier im Sommer (im Winter gehen sie zurück nach Beding) mit ihren Yak-Herden und bauen Kartoffeln und Gerste an: Linkes Photo: Blick nach Nordwesten auf den Bamongo: Rechtes Photo: Blick nach osten zum Chobutse
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Sherpa in Na
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Na: Blick nach Westen
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Na: Blick nach Osten zum Chobutse
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Unser Camp in Na: Blick nach Westen
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Blick auf den Chobutse, östlich von Na: Blick nach Osten
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Klaus Dierks am Anfang des Ripimo Shar-Gletschers (End-Moräne), östlich von  Na
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Auf unserem Wege vom Ripimo Shar Gletscher zum Gletscher-See Lake Tsho Rolpa: Blick in nach Westen in Richtung Na
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Aus meinen Tagebüchern unserer 1980-Trekking-Expedition in den Rolawaling und in den Khumbu:

Für eine nur mit dem nötigsten ausgerüstete Expedition ist auch eine senkrechte, überhängende Eiswand im Drolambao Eisbruch unterhalb des Trashi Laptsa ein großes Hindernis.

Ehe wir diesen berüchtigten Eisbruch erreichen, an dem schon bestens ausgerüstete Expeditionen gescheitert sind, müssen wir erst den Trakarding Gletscher überqueren. Diese Querung artet in eine zwei Tage dauernde Gletscherschinderei aus. In dieser Zeit sind wir ständig von Felslawinen bedroht, die alle paar Minuten von den sechs- und siebentausend Meter hohen Bergen über uns heruntersausen. Es ist ein russisches Roulette, die sich in Bewegung befindlichen, lebensgefährlichen Schotterhänge zu überqueren. Unter uns fallen Eiswände senkrecht zu einem teilweise gefrorenen See ab, dem Tsho Rolpa. Die Sherpa spucken gegen den ankollernden Felsbeschuss und murmeln ein hastiges "Om Mani Padme Hum", um die Dämonen des Himalaya zu besänftigen. Es ist kein bergsteigerisches Vergnügen mehr, sich in mehr als fünftausend Meter Höhe, mit qualvoll keuchenden Lungen, im Laufschritt vor dem Steinschlag in Sicherheit bringen zu müssen.

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Der Gletscher-See Tsho Rolpa liegt auf einer Höhe von 4 534 m. Wir kämpften uns über lose, instabile Moränenhänge auf der Nordseite des Sees, etwa 300 Meter über dem Gletscherseespiegel, durch. Die Moränenhänge waren in ständiger Bewegung und bedrohten uns permanent mit Steinschlag. Die Strecke über dem Tsho Rolpa war eine der Gefährlichsten auf dem ganzen Trek. Ein verkehrter Schritt bedeutete den sicheren "Abrutsch in die Ewigkeit": Blick nach Osten zum Trakarding-Gletscher und dem Biphera-Go Shar 6 700 m an der Grenze zwischen dem Rolwaling und dem Khumbu im Hintergrund
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Von den Moränenhängen über dem Gletscher-See Tsho Rolpa hatten wir herunter zu klettern zum Trakarding-Gletscher, der uns zum Drolambao-Eisbruch führen sollte
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Von den Moränenhängen über dem Gletscher-See Tsho Rolpa: Blick zurück nach Westen zum Tsho Rolpa und dem Kang Nachugo 6 735 m im Hintergrund
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Eindrücke vom  Trakarding -Gletscher: Wir mussten uns über Millionen von "Rolling Stones" nach Osten zum Drolambao-Eisfall durchkämpfen
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Aus meinen Tagebüchern unserer 1980-Trekking-Expedition in den Rolawaling und in den Khumbu:

Gletscher im Himalaya sind mit Moränengeröll überlagerte Ungeheuer, eine bizarre zerrissene, schwer begehbare, chaotische Mondlandschaft. Wir schinden uns über schuttbedeckte Eisberge des Trakarding. Unter uns rollen Steine weg, der Schritt kommt immer wieder aus dem Rhythmus, wird zur Qual. Wir tasten uns an tiefen Gletscherspalten und an tiefen, teilweise gefrorenen, mit grünem Eiswasser gefüllten Riesenkratern vorbei, in die die Eiswände senkrecht abfallen.

Bei dieser Schinderei über den Gletscher und bei der ständigen Spaltengefahr interessiert mich die Besteigung des Trashi Laptsa überhaupt nicht mehr. Erstens wird es da oben noch härter werden. Ich habe auch Angst vor der Kletterei durch den Eisbruch, ohne bergsteigerische Hilfsmittel. Wer auf den Trashi Laptsa gehen möchte, ist wirklich nicht mehr bei Sinnen. Ich schleppe meine Füße weiter und versuche nicht zu oft zu stolpern, um nicht zu stürzen.

Tagsüber kann diese großartige Hochgebirgswildnis durchaus hohe Temperaturen entwickeln. Die mit unglaublicher Intensität strahlende, tropische Sonne verwandelt die arktische Himalaya-Umgebung in eine glühende Hölle, und beim Menschen entwickelt sich die berüchtigte Gletschermüdigkeit. Sobald die Sonne hinter den hohen Bergen untergeht, wird es sofort sehr kalt, stürzt die Kälte aus dem Weltraum herab, an den wir nahe herangek