IN KATHMANDU SCHLAGEN DIE UHREN ANDERS: TEIL 2

Klaus Dierks
©  Dr. Klaus Dierks 1982-2004

 

Zu jener Zeit besuchten bereits chinesische Mönche die Pilgerstätten in Nepal und hinterließen hochinteressante Aufzeichnungen aus dieser Epoche. Amshuvarma, der seinen Einfluß von Nepal nach Norden ausdehnen wollte, nahm enge Beziehungen zu Tibet auf. Seine Tochter, Bhrikuti, gab er dem tibetischen König, Srong'tsan-sgam-po zur Frau. Srong'tsan-sgam-po war der Begründer Lhasas und der Überbringer der buddhistischen Religion nach Tibet, die die rauhen Kriegervölker dieses zentralasiatischen Hochlandes nachhaltig beeinflusste.

Amshuvarmas buddhistische Mönche bekehrten Tibet. Seine Gelehrten und Künstler brachten Nepals hochstehende Kultur und Zivilisation auf das Dach der Welt. Damals führten auch die Newar-Architekten die ausgereifte nepalische Tempelbaukunst nach China aus. Chinesen errichteten 645 n. Chr. die erste Botschaft des "Reiches der Mitte" im Tal von Kathmandu.

Durch die guten Beziehungen Nepals zu Tibet und China stieg das Ansehen des Bergkönigtums auch in Indien. Dieses politische Phänomen, daß Nepal nur dann von Indien ernst genommen wurde, wenn es auf gutem Fuße mit China stand, hat sich bis in die Gegenwart fortgesetzt. Die kulturellen Verbindungen zwischen beiden Ländern vertieften sich nachhaltig. Die hochentwickelten hinduistischen Kultformen aus der Guptazeit im 9. Jahrhundert beeinflussten zum Beispiel sehr stark das Shiva-Heiligtum Pashupatinath. In der Regierungszeit des indischen Kaisers Gupta wurde 879 n. Chr. zum ersten Mal der Name "Nepal" auf der "Säule von Allahabad" erwähnt. Nepal gehörte damals nur dem Namen nach zu Guptas Reich. Die staatliche Selbständigkeit Nepals ging in dieser Zeit kultureller Blüte nie vollständig verloren.

Im späten 9. Jahrhundert verfiel Indien wieder in Anarchie. Tibet und China führten darüber hinaus fortwährend miteinander Kriege. Unter den letzten Thakurkönigen gewann Nepal für kurze Zeit völlige Unabhängigkeit von Indien, die aber später durch die Uneinigkeit der nepalischen Adelsfamilien untereinander wieder verloren ging.

In jener Zeit durchlief der Buddhismus, wohl als Gegengewicht gegen den neu auflebenden Shivakult in Indien, verschiedene Phasen in Nepal. Die ersten Mönche der buddhistischen Religion waren Anhänger der Glaubensrichtung des Hinayana, des "Kleinen Fahrzeuges", der puritanisch-strengen Urform des Buddhismus, die auf dem egoistischen Prinzip der Selbsterlösung beruhte. Die Hinayana- Glaubensrichtung entwickelte sich später zum Mahayana, dem "Großen Fahrzeug", der liberalen, auf dem Erlösungsprinzip durch Dritte beruhenden, "nördlichen" Richtung des Buddhismus. Aus dem Mahayana- Buddhismus, der außer den fünf Meditations-Buddhas auch noch viele Bodhisattvas und andere göttliche Wesen kennt, entfaltete sich durch Hinzunahme von Elementen der alten tibetischen Naturreligionen und gewisser tantrischer Zauberriten, das Vajrayana, das "Diamantene Fahrzeug". Diese Glaubensrichtung wird auch tibetischer Buddhismus oder Lamaismus genannt, obwohl der Gott-König Tibets, der gegenwärtige 14. Dalai Lama, Tenzing Gyatso, den letzten Begriff ablehnt. Anbetung weiblicher Gottheiten und Aufnahme gewisser erotischer Riten prägen den Charakter dieser Form des Buddhismus. Die vielen "erotischen" Darstellungen an Nepals Holztempeln sind Ausdruck dieses Glaubens. Der Buddhismus wurde durch diese Entwicklungen weitgehend seines ursprünglichen Ideengehaltes beraubt.

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Die Stupa des tibetischen Buddhismus Chabahil zwischen Pashupatinath und Bodnath
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Als Gegenreaktion setzte die hinduistische "Gegenreformation" des Brahmaismus ein, die sich aber in Nepal viele Jahrhunderte nicht gegen den Buddhismus tibetischer Prägung durchsetzen konnte. Selbst die orthodox-hinduistische südindische Dynastie der Malla, die unter König Abhaya Malla um 1200 herum die Thakurherrschaft in Nepal beendete, konnte die Entwicklung zum tibetischen Buddhismus hin nicht aufhalten. Diese neue Dynastie von indischen Eindringlingen war vor den islamischen Moghulkaisern in Indien nach Nepal geflohen.

Die Reiche der Malla-Könige hielten sich bis 1768 und brachten Nepal einen Höhepunkt kulturellen Lebens. In dieser Zeit, vom 13. bis zum 18. Jahrhundert, entstanden im Pagodenstil Nepals einzigartige Tempelwelt und die wunderbaren Mallapaläste. Diese kunstgeschichtlich interessante Epoche brachte auch den Höhepunkt im nepalischen Musik- und Literaturleben. Die Malla hatten in Nepal natürlich auch ihre Probleme. Fürsten aus Indien, die einheimischen indo-nepalischen Khas-Volksgruppen, die alt-nepalischen Mangar und die vertriebenen Thakur-Könige machten ihnen die Macht streitig. Es gab in der Malla-Zeit sogar eine Moslem-Invasion nach Nepal, als der Sultan von Bengalen, Shamsuddin Illyas, in das Tal von Kathmandu einfiel und es fürchterlich brandschatzte.

Nach einer recht turbulenten Periode begann zur Zeit des 7. Radschah der Malla, Jayasthiti, eine Epoche der Ruhe und des Friedens. Jayasthiti Malla schuf den heute noch gültigen Rechtskode und klassifizierte die gesamte Bevölkerung, einschließlich der Buddhisten, nach orthodoxen Hindugesetzen, auf Grund von Berufsgruppen, in ein striktes Kastensystem.

Der 8. Radschah, Yakshah Malla, teilte das Mallareich 1488 unter seine vier Söhne auf und schuf so die vier Stadtkönigreiche Kathmandu, Patan, Bhaktapur und Banepa. Diese kleinen Stadtstaaten konnten sich bis zur Invasion der Gurkha im Jahre 1768 halten und wetteiferten untereinander, wer die schönsten Tempel und Paläste zu bauen in der Lage war. Die Architektur Nepals erlebte in dieser Zeit einen letzten glänzenden Höhepunkt.

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Platz vor dem Palast in Bhaktapur
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Sundhoka im Königs-Palast in Bhaktapur
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Bhairava-Tempel auf dem Taumadhi Tole in Bhaktapur
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Nyatapola-Tempel von Südosten in Bhaktapur
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Hinduistische Gottheiten am Nyatapola-Tempel in Bhaktapur
Photos: Copyright: Klaus Dierks

In Yakshas 43-jähriger Regierungszeit wurde die Machtbasis der Malla weit über die Grenzen des Tales von Kathmandu ausgebreitet. Es wurden nicht nur Teile Indiens, sondern auch Tibets erobert und kurzfristig in den nepalischen Mallastaat einverleibt.

Die Teilung des Mallareiches in vier, später drei Stadtstaaten - Bhaktapur annektierte Banepa - schwächte das Reich so nachhaltig, daß es 1768 eine leichte Beute des Gurkhakönigs Prithwi Nayaran wurde. Die Gurkha waren ein kriegerischer Rajputenstamm, der 1303 von dem indischen Sultan Alau-d-din aus Indien vertrieben worden war, und sich in dem kleinen zentralnepalischen Städtchen Gurkha niedergelassen hatte. Mit dem Ende der Mallaherrschaft erlosch das goldene Zeitalter der nepalischen Kunst. Die Dynastie der Gurkha regiert noch heute in Nepal und zeigt wenig Interesse, die alte Newarkunst wieder aufleben zu lassen.

Im Jahre 1768 eroberten die kriegslüsternen Gurkha auch den autonomen Maharadschahstaat Sikkim östlich von Nepal und legten sich in der Folgezeit sogar mit den beiden mächtigsten, asiatischen Staaten jener Zeit an, dem britischen Indien und dem Kaiserreich China. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts war Nepal doppelt so groß wie heute. Von den Gurkhas stammte die nepalische Amtssprache, Gurkhali oder Nepali, auch Pahari genannt, ein abgewandeltes Hindi, das zur indo-arischen Sprachenfamilie gehört und Sanskrit-Zeichen als Schrift gebraucht.

Das Nepal der Gurkha mußte in jener Zeit einige böse Niederlagen, sowohl von indisch-britischen als auch von chinesischen Truppen, einstecken. Dank ihres glühenden Kampfgeistes und ihrer schlauen Diplomatie konnten sie Nepals Selbständigkeit aber sogar gegenüber der britischen Krone behaupten.

Ende des 18. Jahrhunderts griffen die Gurkha, trotz des Friedensvertrags von Benares, der im Jahre 1797 geschlossen wurde, Indien zum wiederholten Male an. 1816 erlitten sie schließlich eine vernichtende Niederlage im Kampf gegen die britisch-indische Armee, die mit dem Friedensvertrag von Sagauli besiegelt wurde. Nepal verlor alle eroberten Gebiete und auch seinen Anteil an der Gangesebene, die Teraizone, die es erst 1860, als Dank für seine Unterstützung bei der Zerschlagung des indischen Sepoy-Aufstandes, von Britisch-Indien zurückerhielt. Die Briten lernten damals die Schlagkraft der nepalischen Gurkhatruppen schätzen und versuchten, den ehemaligen Feind als Freund zu gewinnen. Seither sind die britisch-nepalischen Beziehungen ausgezeichnet. Die Gurkharegimenter gehörten bis in die jüngste Zeit hinein zu den britischen Elitetruppen. Sie wurden in zwei Weltkriegen und 1982 im Krieg um die Falkland-Inseln für die Interessen der einstigen Weltmacht eingesetzt. Die Einnahmen aus dem Sold der Gurkha-Truppen waren in der Vergangenheit eine der wichtigsten nepalischen Devisenquellen.

Ende des 18. Jahrhunderts gerieten die Gurkha auch mit den Chinesen aneinander, als sie versuchten, in Tibet einzufallen. Sie wollten sich nicht nur die Reichtümer der tibetischen Klöster aneignen, sondern auch ein nepalisches Handel- und Währungsmonopol auf Tibet abzwingen.

Das chinesische Kaiserreich hatte Tibet 1709 besetzt. Die Beziehungen zwischen China und Tibet waren seit dem tibetischen Einfall in Indien im Jahre 750 weitgehend eingefroren, Tibet hatte einen eigenständigen staatlichen Weg eingeschlagen. Die Chinesen sahen den nepalischen Angriff auf Tibet als geeigneten Anlass, ihre Kontrolle über Tibet zu festigen. Eine chinesische Armee marschierte 1793 in Nepal ein und drang bis vor die Tore von Kathmandu vor. Die Gurkha mußten schleunigst um Frieden bitten und blieben China bis zum Untergang des Mandschu-Kaiserreiches tributpflichtig. Die Hauptleidtragenden dieses sino-nepalischen Konfliktes waren die Tibeter. Die Chinesen ließen damals eine starke Garnison in Tibet zurück und behandelten den Kirchenstaat auf dem Dach der Welt seitdem als einen chinesischen Satellitenstaat. Aus diesen kriegerischen Auseinandersetzungen mit Nepal leitet China heute das Recht ab, Tibet als "Autonome Region" der Volksrepublik China zu verwalten.

Der nepalische Gurkha-Premierminister aus der Rana-Dynastie erklärte Tibet erneut den Krieg. Nepalische Truppen besetzten Teile von Tibet, und Nepals nördlicher Nachbar wurde Kathmandu tributpflichtig. Bis zum Jahre 1951 brachten tibetische Abgesandte regelmäßig die vereinbarten zehntausend Goldrupien nach Kathmandu. Dann stellte die Volksrepublik China diese jährlichen Tributzahlungen ein.

Eine uralte Streitfrage zwischen Nepal und Tibet wurde im Jahre 1960 durch den nepalisch-chinesischen Freundschaftsvertrag beigelegt. Es handelte sich um die Festlegung der tibetisch-nepalischen Grenze. Durch den Freundschaftsvertrag wurde beispielsweise geklärt, daß die Südflanke des Mount Everest zu Nepal gehört und nicht, wie bis dahin von der Volksrepublik China beansprucht, zu Tibet.

Jang Bahadur Rana, der für dieses letzte nepalische Tibetabenteuer in der Mitte des vorigen Jahrhunderts verantwortlich war, kam 1845 durch einen äußerst blutigen Staatsstreich an die Macht. Der König der Gurkhadynastie wurde zu einem Schattendasein in seinem Palast verurteilt und durfte nur noch repräsentative Pflichten ausüben. Von diesem "Schattenkönigdasein" wurden die Nachfolger Prithwi Nayarans erst 1950 befreit. Die Ranas, die inzwischen dafür gesorgt hatten, daß der Ministerpräsidententitel 1856 erblich wurde, machten Nepal zu einem von der übrigen Welt abgeriegelten "Verbotenen Königreich" und regierten das Land als ihr Privateigentum und als absolute Herrscher über Leben und Tod aller Nepali.

Der Beginn des 20. Jahrhunderts wurde in Nepal durch blutige Machtkämpfe innerhalb der Rana-Dynastie gekennzeichnet. Der einzige Rana-Ministerpräsident, der in jener Zeit von sich reden machte, war Chandra Shamsher, der von 1901 bis 1929 versuchte, Nepal zu einem modernen Staat zu formen. Er war ein bemerkenswerter weiser Staatsmann. Beispielsweise beseitigte er die internen Zölle, die die Haupteinnahmequelle der korrupten Beamtenschaft waren. Die Beamten wurden fortan mit Gehältern und nicht mehr mit steuerfreiem Grund und Boden, dem sogenannten Birlaland, entlohnt. Unter Shamsher herrschten wieder Ordnung und Sicherheit in Nepal. Alle Anpassungen Nepals an die modernen Errungenschaften der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts sind sein Verdienst.

Überfälle, Diebstähle und andere Verbrechen sind in Nepal weniger häufig anzutreffen als in anderen Ländern, wenn sich auch Nepal nicht der kriminalistischen Welttendenz entziehen kann. Dieser in Asien äußerst seltene, erfreuliche Zustand ist nicht nur dem günstigen moralischen Einfluß des Buddhismus und dem freundlichen und gutartigen Charakter der Nepali zuzuschreiben, sondern auch der weisen Rechtsprechung des gleichen verdienstvollen Premierministers. Er baute die erste höhere Schule in Nepal und schaffte die Sklaverei ab. Seine Nachfolger kamen längst nicht an seine staatsmännischen Fähigkeiten heran. Viele Adelige und andere Feudalherren waren darüber ganz froh, sie begannen um ihre Privilegien zu fürchten und bauten einen zähen Widerstand gegen die Aufgeklärteren unter den Ranas auf.

Inzwischen begann aber auch auf dem Dach der Welt der "Wind der Veränderung" zu wehen. Der Zweite Weltkrieg war zu Ende gegangen, das britische Weltreich war in Asien zusammengebrochen. Indien und Pakistan wurden 1947 nach einem langen, blutigen Teilungskrieg unabhängig. Diese Tatsache und die Besetzung Tibets 1950 durch die Volksrepublik China zwangen die autokratischen Beherrscher Nepals, sich mit den "revolutionären Ideen" einer neuen Zeit auseinanderzusetzen. Der mehr oder weniger sanfte Druck des gerade unabhängig gewordenen Indiens beendete 1950 die hundertundvierjährige Herrschaft der Rana-Oligarchie. Der nepalische König, Tribhuvan, mußte, von seinem Schattendasein erlöst, die jahrhundertlange Isolierung des Landes beenden.

 Die von Indien stark unterstützte nepalische Kongresspartei versuchte unter dem neuen Premierminister, Koirala, nach dem indischen Vorbild die Demokratie in Nepal einzuführen. Natürlich konnten die vielen Einrichtungen eines rückständigen Feudalstaates nicht über Nacht rückgängig gemacht werden. Die nepalische Kongresspartei zerfiel in verschiedene, unter sich zerstrittene Fraktionen und verlor die Macht. König Tribhuvan verstarb 1956, und sein Sohn Mahendra Bir Bikram Shah Deva übernahm die Regierung. Die erste demokratische Wahl wurde 1959 in Nepal abgehalten. Um Demokratie in Nepal verstehen zu können, muß man sich vor Augen halten, daß noch vor kurzer Zeit mehr als 90 Prozent der Bevölkerung Analphabeten waren - und nur langsam tritt eine Besserung in dieser Hinsicht ein. Der größte Teil des Landes ist immer noch nicht für moderne Verkehrsmittel erschlossen. Die Wahl von 1959 brachte wieder Premierminister Koirala an die Macht. Dieser wurde aber im Dezember 1960 von König Mahendra abgesetzt, der sich noch nicht zu demokratischem Selbstverständnis durchringen konnte. Die offizielle Begründung war damals, daß Nepal für die Demokratie noch nicht reif sei.

Um den sozialen und wirtschaftlichen Begebenheiten Nepals, eines der ärmsten Länder Asiens, das kaum über eigene Rohstoffe verfügt, gerecht zu werden, wurde 1961 das Panchayat System, ein System von Dorfräten, eingeführt. Diese "Nepalische Form der Demokratie" ist ein Regierungssystem auf vier Ebenen, das alle Bevölkerungsgruppen durch Direktwahlen pyramidenförmig an der Regierung teilhaben läßt. Dieses System sieht demokratischer aus als es ist! Natürlich garantierte es, daß die wirkliche Macht vom König und seiner Hofkamarilla ausgeübt wurde. Das Panchayatsystem blieb bis in die Achtziger Jahre bestehen, auch nach 1967, als König Mahendra wieder den Dialog mit den verbotenen politischen Parteien aufnahm.

1972 kam ein neuer König, Birendra Bir Bikram Shah, an die Macht, aber auch er vermochte noch nicht, demokratische Verhältnisse und die Einhaltung der allgemeinen Menschenrechte in Nepal durchzusetzen. Unter seiner Regierung versagte die Panchayat-Regierungsform genauso wie zuvor die demokratische Politik des Koirala. Um die Gründe für dieses Scheitern abschätzen zu können, muß man schon über eine gehörige Portion "Nepal-Logik" verfügen. Um nepalische Politik verstehen zu können, kann man nicht die üblichen Maßstäbe der Logik und westlichen Demokratieverständnisses anlegen.

Unter der Jugend und der dünnen Intellektuellenschicht hat es, unter dem Einfluß der immer stärker werdenden Kommunistischen Partei von Nepal, jedoch kräftig zu brodeln begonnen. Die als Ventil gedachten Panchayatswahlen im Mai 1982, deren Zeuge ich war, konnten die gärende Unruhe und Unzufriedenheit der neuen Generation nicht dämpfen. 1990 hob König Birendra wieder einmal das politische Parteienverbot auf. Nepal wurde konstitutionelle Monarchie. Auch wenn die Unterdrückung in Nepal immer sanft war, so konnte der König auf die Dauer doch nicht auf die fortschrittlichen Kräfte in seinem Lande verzichten.

Im Grunde hat sich in der Entwicklung Nepals wenig verändert. Die Tatsache, daß dieses kleine, wirtschaftlich schwache und immer noch rückständige Bergkönigtum zwischen den beiden "Riesen" Indien und China liegt, prägt bis auf den heutigen Tag seine Politik. Das Lavieren zwischen den beiden asiatischen Großmächten wird immer schwierig sein, ganz gleich welche Regierungsform sich in Nepal durchsetzt. Es gibt bis auf den heutigen Tag viele unerklärliche und, gerade für den westlichen Beobachter merkwürdige, Widersprüche in der nepalischen Politik. Ein Beispiel ist diese für den Königshof in Kathmandu typische Verlautbarung, die gleichzeitig die undurchsichtige "Nepal-Logik" charakterisiert:

"Mit Freude hat die Regierung Seiner Majestät das bedingungslose Vertrauen des nepalischen Volkes in die Regierung und die weise Leitung Seiner Majestät zur Kenntnis genommen. Um das unüberbrückbare Misstrauen zwischen Regierung und Volk zu beseitigen, soll daher in Zukunft jeder Dorf-Panchayat ...", -. Und das ist das vorläufige Ende der nepalischen Geschichte.

Im Osten der Altstadt von Kathmandu liegen die meisten mehr oder weniger neuen Stadtviertel, in denen sich die Regierungsgebäude, Hotels, modernen Geschäfte und Botschaften befinden. In einem größeren Gebäude am Fuße des baufälligen, über hundert Meter hohen Turmes, Darahara, den ein größenwahnsinniger Rana im letzten Jahrhundert bauen ließ, ist die chaotische Post von Kathmandu untergebracht.

Auch heute noch liegen die postlagernden Briefe zur Selbstbedienung in wirren Haufen, grob nach "Nepal-Logik" alphabetisch geordnet - d.h. ein Brief, der an Frau Karen Dierks adressiert ist, muß unter dem Buchstaben "F" gesucht werden - auf großen Tischen. Immer noch muß man sich mit dem desinteressierten, schlampigen Beamten um das Porto streiten. Poststücke sollte man stets per Einschreiben aufgeben, damit die Briefmarken nicht bereits im Hauptpostamt abgelöst und wieder verkauft werden. Aber das alles ist bereits ein großer Fortschritt gegenüber den Verhältnissen vor mehr als einem Vierteljahrhundert!

Damals gab es noch die "indische" und die "nepalische" Post. In meiner Unwissenheit gab ich seinerzeit meine Briefe ins Ausland bei der nepalischen Post auf, wo sie auch freudig angenommen wurden. Es machte mich allerdings misstrauisch, daß der Schalterbeamte ein so lächerlich geringes Auslandsporto verlangte. Nach einigen eindringlichen Nachforschungen stellte ich zu meinem Schrecken fest, daß es hinter dem Schalterraum eine kleine Kammer gab, die bis zur Decke mit Auslandsbriefen gefüllt war. Ich konnte gerade noch verhindern, daß meine Briefe auch auf diesem Haufen landeten, der dort ganz offensichtlich schon jahrelang auf Abfertigung wartete. Ganz glaubhaft wurde mir jedoch versichert, daß diese Briefe weiterbefördert würden, sobald Nepal Mitglied des Weltpostvereins geworden sei. Damit könne nun "bald" gerechnet werden. Nach höherer "Nepal-Logik" hieß "bald" alles von nächster Woche bis zu "zehn Jahre" oder ganz schlicht "niemals". Ich lernte damals an einem weiteren Beispiel, daß "in Asien und nicht nur in Kathmandu die Uhren anders schlagen". Fairerweise muß hinzugefügt werden, daß inzwischen Nepal längst Mitglied des Weltpostvereins ist.

Rätsel und Widersprüche gibt es nicht nur hinsichtlich des nepalischen Zeitverständnisses oder in der nepalischen Politik. Wie sonst soll man den für einen Namibier europäischer Herkunft merkwürdigen Widerspruch verstehen, daß die letzten britisch-nepalischen Gurkhasoldaten - ganz sicher zu den härtesten und tapfersten Kriegern der Welt zu zählen - sich beim Fall von Singapur während der japanischen Belagerung im Jahre 1942 gegenseitig die Kehlen durchschnitten, um nicht in die Hände ihrer asiatischen Brüder zu fallen und andererseits vorher, während der Kampfpausen, dagesessen und wie züchtige alte Stiftsdamen gestrickt hatten.

Man sollte an diese Dinge wertfrei herangehen. Dann wundert man sich auch nicht, daß in dem dicht besiedelten Tal von Kathmandu, das heute mehr als eine Million Einwohner hat, die Bevölkerung nicht pro Quadratkilometer, sondern pro Tempel gezählt wird. Das ist verständlich, wenn man sich vorstellt, welche Bedeutung die 2 733 Tempel im Leben der Bevölkerung im Tale haben. Die Tempel prägen nicht nur das Stadtbild, sondern die Tempel gaben dem 723 n. Chr. gegründeten Kathmandu auch seinen Namen: Kathmandu heißt nichts anderes als "Holztempel".

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Hanuman Dokha in Kathmandu
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Hanuman Dokha mit Taleju Tempel
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Kala Bhairava (Hinduistische Gottheit: Schwarze Kali) am Hanuman Dokha
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Die ausgewogenen Holztempel der Stadt sind Nepals Beitrag zur Tempelarchitektur des Fernen Ostens. Neben den vielen mit erstaunlich kunstvollen Holzschnitzereien verzierten Tempeln und Palästen im Palastbezirk von Kathmandu, dem Hanuman Dhoka, gibt es fast dreitausend weitere Tempel, die entweder von Hindus, Buddhisten oder von beiden verehrt werden, in den anderen beiden Königsstädten, Patan und Bhaktapur, sowie an vielen weiteren Stellen im Tale. Es ist nicht immer leicht, einen Unterschied zwischen den beiden Religionen zu erkennen. Manche Volksgruppen, wie die Sherpa oder Bhotia, gehören dem reinen tibetischen Buddhismus an, andere orthodoxe Brahmanengruppen sind Hindu. Die meisten Nepali verehren sowohl Buddha und die alten Hindugötter als auch eine große Anzahl von tibetischen Naturgöttern, Dämonen und Zauberern des Tantrismus, die sich diesem nepalischen Pantheon zugesellt haben.

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Eine der vier Königsstädte im Tal von Kathmandu ist Patan
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Newar-Kunst in Patan
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Mit seinen zahllosen Tempeln, Pagoden, Klöstern, Palästen und alten Newarhäusern ist das Tal von Kathmandu eines der großartigsten Freilichtmuseen der Welt. Man würde Monate brauchen, um die Architektur und die Kunstschätze der drei Königsstädte, die uralten buddhistischen Heiligtümer von Swayembunath, Bodnath und Changu Nayaran, die hinduistischen Tempelanlagen wie Pashupatinath - die immer noch nicht von Nicht-Hindus betreten werden darf -, Buddhanilkanta und die vielen anderen gebührend besichtigen und bewundern zu können.

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Das größte hinduistische, dem Gott Shiva geweihte Heiligtum im Tal von Kathmandu ist Pashupatinath
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Leichenverbrennung am Bagmati-Fluss in Pashupatinath
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Ein Sadhu in Pashupatinath
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Ich laufe im Palastbezirk durch einen Wald von pittoresken Tempelpagoden, durch den auch hier, wie überall, voller leicht angeschmuddelter Heiterkeit, das dichte, menschliche Leben pulsiert. Ich bestaune die kunstvoll geschnitzten Szenen an den Tempeldachstreben und frage mich nach dem Sinn und Zweck dieser freizügigen, erotischen Darstellungen. Manche Betrachter geben ihnen eine tantrisch-philosophische Auslegung, andere wiederum unterstützen die Theorie, daß die Schnitzereien die Menschen dazu veranlassen sollen, beim Tempelbesuch alle sündigen Gedanken fahren zu lassen. Im Gegensatz zu dieser frommen Denkungsweise ist es auch nicht auszuschließen, daß die Gläubigen mit Hilfe dieses mittelalterlichen "Pornos" in die Tempel gelockt werden sollten. Wer weiß? In Nepal schlagen die Uhren anders, jeder kann sich denken, was er will.

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Freizügige erotische Darstellung an einer Dachstrebe an einem der Tempel an der Hanuman Dokha
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Bei einem der zahlreichen religiösen Feste sollte man sich durch die bunte Menschenmenge einfach treiben lassen. Trommler und Panflötenspieler sind überall zu hören. Jeder Gläubige schlägt beim Betreten des Tempels die in verschiedenen Tonhöhen klingenden Tempelglocken an. Die farbenfroh herausgeputzten Frauen, die manchmal Ringe in Nase und Ohren tragen, sind viel aufgeregter als die Männer. Sie singen ohne Unterlass Kehrreime, und ab und zu haben sie ekstatische Anfälle. Sie singen und springen mit einer Ausdauer, daß es eine Freude ist, ihnen zuzuschauen. Der milchig- trübe Tschang, Nepals heim-gebrautes, obergäriges Bier, fließt auch an diesen heiligen Stätten unaufhörlich. Babys brüllen auf den Rücken ihrer Mütter. Ein Kind, das in einem Tragkorb getragen wird und beim Anblick der zahlreichen heiligen Affen von Swayembunath, die das Augenrollen und die Gesten der Betenden nachahmen, in befreiendes Lachen ausbricht, wird nicht etwa zurechtgewiesen, sondern sorgt für allgemeine Heiterkeit.

Der Geruch von Weihrauch, menschlichen Exkrementen und dem Schweiß der Menge ist nasebetäubend. Viele Priester beten ohne Unterlass, lesen monoton aus den einhundertundacht Bänden der tibeto-buddhistischen Bibel, dem Kangschur, während Helfer die kärglichen Opfergaben entgegennehmen. Wegen der Zahl der Kangschurbände ist einhundertundacht die heilige Zahl Tibets, und es wird verständlich sein, warum die Frauen ihre Haare in einhundertundacht kleine Zöpfe flechten. Hindus und Buddhisten beten vor den gleichen Altären. Händler verkaufen Tschang und allerlei Trödelkram. Bettler stellen lautstarke Anforderungen an die Mildtätigkeit der Gläubigen. Auf einem Tempelfest erlebt man Nepal mit all seinen Bevölkerungsschichten - eine unvergessliche Erfahrung.

Und man kommt wieder zu dem Schluß, daß Gemütlichkeit und Duldsamkeit die größten Schätze des armen Landes Nepal sind. Die Gläubigen gehen im Uhrzeigersinn um die große Stupa herum, man hört zwischendurch nur das Schlurfen von Tausenden von Füßen und das Knarren der einhundertundacht Gebetsmühlen. Sie drehen sich in ihrem uralten Rhythmus: "Om Mani Padme Hum". Die Gläubigen sprechen das "Padme" wie "peme" aus. Das alles spielt sich vor den großen, eindringlichen Augen des Buddha auf dem vergoldeten Stupaaufbau ab, vor den Augen des "Allessehenden", des "sich alles Erbarmenden", des "Verkörperers der Allmacht und des Allwissenden". An der Übersetzung dieses alten tibetischen Mantras, einer heiligen Gebetsformel, haben sich schon viele versucht. Die magische Silbe "Om" ist nicht übersetzbar. "Mani" ist das Kleinod, die Seligwerdung durch die Auslöschung der Seele im Nirvana. "Padme" ist die Lotosblume, der Geist der überirdischen Wirklichkeit, und "Hum" kann mit "es ist" übersetzt werden.

In einer Ecke des Heiligtums sitzen, völlig versunken und das Getümmel um sich herum nicht wahrnehmend, einige Nepali auf der Erde und spielen Karten. Die zerschlissenen Karten zeigen Abbildungen von hinduistischen Göttern und buddhistische Dämonenfiguren. Sie spielen vermutlich das beliebte Kartenspiel, desh avatar, die zehn Inkarnationen. Ein kleiner Kreis von Zuschauern hat sich um die Spieler geschart und beteiligt sich, trotz des heiligen Charakters dieser Stätte, lautstark an den Einsätzen. Die Nepali sind geborene Spieler und wetten leidenschaftlich gern. Sie setzen manchmal ihren gesamten Besitz aufs Spiel, selbst Lebensgrundlagen wie Haus und Vieh, ja selbst ihre Frauen. Mir wird von einem Spieler berichtet, der durch das Spiel alles verlor, was er besass. Er zog seinen Khukri, sein schweres, gebogenes Messer, heraus und schlug sich selbst, ohne irgendein Gefühl zu zeigen, die linke Hand ab. Er ließ den grausigen Beweis seiner Spielleidenschaft vor sich hinrollen, warf die Würfel, gewann und verlangte gleiche "Bezahlung". Als seine Mitspieler sich aus verständlichen Gründen weigerten, mußten sie alles wieder herausrücken, was sie bis dahin von dem Selbstverstümmler gewonnen hatten. Wir wissen nicht, ob der bedauernswerte Nepali sich durch die selbst zugefügte Wunde von seiner Spielwut heilte. Die Regierung von Nepal hat, trotz aller Bemühungen, diese nationale Manie zu dämpfen, bisher wenig Erfolg gehabt.

Die Nepali sind zweifellos ein sehr humorvolles Volk, auch wenn der Humor von anderer Art ist als der uns vertraute. Unter den gleichgültigen Blicken des allessehenden Buddha lachen sich Tibeter und Nepali halbtot, weil ein Ziegenbock etwas täppisch und kläglich meckernd eine Ziege bespringt. Der Tschangbecher macht fröhlich die Runde, und man lacht über das Erheiternde des Augenblicks. Nepalis brauchen keinen künstlich erzeugten Humor. Sie freuen sich über die Tatsache, daß sie auf der Welt sind und als "Menschen" eine so hohe Stufe der Wiedergeburt erreicht haben. Ein armer verachteter Hund zum Beispiel hat in Nepal viel weniger zu lachen. Die Nepalis lachen jedoch nicht über unanständige Worte oder schmutzige Witze. Am leichtesten lachen sie über Dinge, wie über den Ziegenbock von Swayembunath.

In Nepal wird nichts zu ernst genommen. Trotzdem ist die Durchdringung der beiden großen Religionen Asiens überall sichtbar. Trotz der Übertünchung mit dem modernen westlichen Lebensstil übertönen der Rhythmus der Gebetsmühlen und die heiligen Töne der uralten Musikinstrumente immer noch die lautstarke Popmusik des Westens, die in den hundert Hippiekneipen von Thamel und am Basantpur Platz gespielt wird.

Moderner Geschäftsgeist verschmilzt mit religiöser Versenkung, und beide sind anscheinend mit schöner Toleranz miteinander zu vereinbaren. Das buddhistische Heiligtum Bodnath untersteht auch heute noch direkt dem Dalai Lama. Diese uralte Stupa war die einzige buddhistische Stätte außerhalb Tibets, die früher direkt der Autorität Lhasas unterstand. Der gerissenste Geschäftsmann Kathmandus soll der heilige Oberlama von Bodnath, der Chin-Lama, sein. Er betreibt Bordelle und koordiniert die florierende Andenkenindustrie. Seine Geschäftstüchtigkeit ist auf der Höhe alter chinesischer und tibetischer Handelstradition. Auch das ist ein Stück Nepal-Logik und nicht etwa ein Widerspruch in sich selbst.

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Die Stupa mit den "allessehenden Augen Buddhas" in Bodnath
Photos: Copyright: Klaus Dierks

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Pilger im tibeto-buddhitischen Heiligtum in Bodnath
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Die Durchschnittstouristen, die heute in großen Zahlen das Wunderland Nepal bereisen, haben im allgemeinen einige Tage Zeit, die wichtigsten Tempel im Tal von Kathmandu zu besuchen. Der Bergsteiger dagegen, der eine Expedition in den Hoch-Himalaya unternehmen will, muß seine Zeit leider mit allerhand logistischen Aufgaben, wie dem Anwerben von Trägern, der Beschaffung von bergsteigerischer Ausrüstung und dem Ankauf von Lebensmitteln, Brennstoff und anderen lebenswichtigen Dingen verbringen. Einer der Preise, den die höchsten Berge der Welt fordern, ist der, daß wir leider zu wenig Zeit für die Tempel von Kathmandu haben. Man sollte sich aber unbedingt etwas mehr Zeit nehmen. Denn wenn man - ausgehungert und um viele Kilogramm leichter - von der Expedition zurückkommt, hat man nur noch Augen für Kathmandus Apfelkuchen und seine berühmten, wohlschmeckenden, aber zähen Wasserbüffelsteaks.

In Kathmandu treffen sich nicht nur Hinduismus und Buddhismus, sondern auch die Welten der Bergsteiger und die der westlichen Hippies. Während sich Hinduismus und Buddhismus in Nepal harmonisch durchdringen und tolerant ergänzen, stehen sich die Ideale von Bergsteigern und Hippies total fremd und unversöhnlich gegenüber.

Im Grunde suchen beide Lebensformen dasselbe. Sie wollen das höchste Ziel der tibetischen Buddhisten, die Harmonie des im irdischen Kreislauf gefangenen Menschen mit dem Kosmos, erreichen. Der Buddhist kann dieses Ziel nur nach einer langen Kette von Wiedergeburten und nach Erreichen einer höheren Lebensform, durch Studium und Meditation, erringen.

Der Bergsteiger versucht, dieses angestrebte Gleichgewicht des Menschen mit dem Kosmos durch eine besonders aktive Lebensform, das Bergsteigen, zu erreichen. Der aus der europäischen Geisteswelt kommende Hippie sucht ohne große Eigenanstrengung dieselbe Bestimmung, zu deren Erreichung er in nicht ganz richtiger Einschätzung seiner Bedeutung, und dabei die Toleranz der Nepali überstrapazierend, so manchen Tempel in Kathmandu bevölkert.

Rauschgift ist in Kathmandu trotz aller offizieller Verbote immer noch ziemlich leicht erhältlich. Es spielt im Verhalten dieser Produkte einer fehlentwickelten europäischen Welt eine noch größere Rolle als die Verwechslung von buddhistischer Weisheit mit dem "Hippie-Ich-Kult". In dieser Hinsicht kann man in Kathmandu immer wieder die merkwürdigsten Dinge erleben.

Ich sass eines Abends im "Drachen" in Kathmandus berühmter "Freak Straße", als sich ein halbnackter, kahlgeschorener "hinduistischer Mönch" unaufgefordert an meinen Tisch setzte und mich um ein Abendessen anbettelte. Die Blaßheit, die rotgeränderten Augen und sein Akzent verrieten deutlich, daß dieser "Hindu" noch nicht viele Wiedergeburten hinter sich haben konnte und aus der Gegend von Stuttgart kommen mußte.

Ich hörte aus den Kopfhörern meines kleinen Tonbandgerätes gerade eine Orgel-Tokkata von Johann Sebastian Bach, denn ich habe in den vielen Jahrzehnten meiner Streifzüge durch Asien gelernt, daß Bach die beste Medizin "gegen den Asienkoller" ist, als der Hippie sich mir näherte. Vor dem Abendessen wollte ich ihm noch etwas Gutes tun und gab ihm die Kopfhörer. Die Kopfhörer von sich werfen, brüllender Aufschrei und hinausstürzen, als wenn der Leibhaftige ihm begegnet wäre, waren alles Eins. Einige Zeit später kam er, immer noch aufgebracht und wütend auf mich, beziehungsweise auf den unschuldigen Johann Sebastian, zurück, um nicht sein Abendessen zu versäumen. "Wie könnte ich es wagen, ihm solche Sch...-musik anzubieten, die sein Sch...-Vater auch immer auf der Orgel gespielt hätte".

Von dieser grotesken europäischen Hippie- und Touristenwelt war vor mehr als vier Jahrzehnten, als ich zum ersten Mal staunend meine Schritte durch Kathmandus Altstadtgassen lenkte, noch nichts zu spüren. Auch von vielen anderen Entwicklungen, die heute das Gesicht Kathmandus prägen, konnte ich damals noch nichts ahnen. Zu jener Zeit hatte ich noch uneingeschränkt das Gefühl, mich in einer Stadtgemeinschaft von einmalig hoher kultureller Blüte zu befinden. Die Konzentration an Kulturdenkmälern im Tal von Kathmandu ist wohl nicht einmal durch die Hochkulturen in den europäischen Städten der Antike oder der Renaissance erreicht worden. Die Voraussetzung für die nepalisch-newarische Hochkultur im Tal von Kathmandu war das ungestörte Gleichgewicht zwischen menschlichen Aktivitäten und der natürlichen Umwelt. Eine harmonische städtische Gesellschaftsordnung war die Grundlage für die kulturelle Entwicklung. Die Newarstädte waren funktionell angelegt. Es gibt bis zum heutigen Tage keine Slums im gleichen Maße an den Stadträndern wie sie etwa, wie schillernde Pestblüten, in den indischen Städten wuchern. Wenn der Bevölkerungsdruck zu groß wurde, wurden neue, gut funktionierende Satellitenstädte, gesunde, lebendige Stadtstrukturen angelegt. Die Newar erfüllten damit eine städtebauliche Funktion, von der moderne Architekten nur träumen können.

Die strenge, soziale Ordnung des zwar ungleichmachenden, aber bestens funktionierenden Kastensystems sorgte für das nötige Gleichgewicht zwischen Umwelt und Zivilisation. Die Häuser nahmen nur kleine Flächen ein und wurden drei- bis vierstöckig gebaut, damit möglich wenig von dem wertvollen fruchtbaren Boden verloren ging. Die soziale Struktur war auf die Großfamilie gerichtet, die allen Familienmitgliedern, auch den Alten, die nötige Sicherheit im Familienverband gab. Die Landwirtschaft ist bis zur Gegenwart Teil der Stadtgemeinschaft geblieben. Fast jede Familie hat auch heute noch ein Stück Land, so daß selbst Nicht-Bauernfamilien in Notzeiten besser abgesichert sind. Wasser wurde immer optimal ausgenützt, der Verbrauch wurde nach einem strengen Verteilerschlüssel kontrolliert.

Erst unserem modernen, technologischen Zeitalter, das auch in Kathmandu unaufhaltsam seinen Einzug hält, ist es gelungen, diese alten, gesunden, wohlbewährten Ordnungen ins Wanken zu bringen. Daran ändert auch das immer noch exotische Leben in den Straßen von Kathmandu nichts. Bis jetzt hat in Nepal wenig Wechsel stattgefunden, und dieser schien nur die Oberflächen zu berühren. Aber das ändert sich jetzt. Das einstige Gleichgewicht zwischen dem menschlichen Habitat und der Natur wird durch Raubbau an den schwindenden Wäldern, am Boden, an der Luft und am Wasser gefährlich gestört. Dazu trägt im großen Maße auch der Tourismus bei. Leider gibt es immer noch keine vernünftige Alternative für das Holz, das auch heute noch Nepals wichtigster Energieträger ist.

Bedenklich ist auch eine gewisse und durchaus zweifelhafte Fortschrittsgläubigkeit und Respektlosigkeit der nepalischen Führungsschicht gegenüber dem Althergebrachten. Starke Umweltverschmutzung durch Autoabgase und auch durch die Zementfabrik von Chobar, wo einst der Bodhisattva Manjusri mit einem Schwerthieb das Wasser des Kathmandu-Sees zum Abfließen brachte, nimmt in einem unerträglichen Maße zu. Nur noch selten sind, im Gegensatz zu den fünfziger Jahren, die Eisriesen des Himalaya am nördlichen Horizont zu sehen. Das Stadtbild mit seiner immer noch unzerstörten, einmaligen Tempelkulisse wird durch Transformatoren und Hochspannungsleitungen verschandelt. Es gibt sogar Leute, die stolz auf die hässlichen Betonbauten sind, die überall aus dem Boden schießen und die man viel eher als die schönen alten Newarhäuser abreißen sollte.

Ganz sicher müssen eine wohldosierte und angepasste Technologie, wie vor allem Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung, sowie moderne Gesundheitsgrundsätze auch in den Städten des Kathmandutales durchgesetzt werden. Die nepalischen Götter mögen aber verhüten, daß Kathmandu sich zu einem Betondschungel wie Johannesburg oder Frankfurt am Main entwickelt. Man kann nur hoffen, daß das dreckige, heitere, pulsierende Leben der alten nepalischen Hauptstadt nicht durch die Unmenschlichkeit einer "sauberen, sterilen, westlichen Großstadt" ersetzt wird. Die einmalige Stadtstrukturen in Nepal müssen als kostbarer Schatz der gesamten Menschheit erhalten bleiben. Vor dem unglaublichen Tempelhintergrund dieser Stadt, die nicht wegzudenkender Bestandteil einer jeden Expedition in den Nepal-Himalaya ist, treffen wir unsere letzten Vorbereitungen. Mit unseren Sherpa-Sirdar, denen wir hier zum ersten Mal begegnen, feiern wir am letzten Abend mit beträchtlichen Mengen von Tschang, Rakschi und Khukri-Rum den Abschied von Kathmandu und den Aufbruch ins Gebirge. Das, was vor uns liegt, feuert uns an und erregt uns. Die Riesenberge am nördlichen Horizont locken, und wir wollen nur noch weg, die Zivilisation abschütteln, wieder unterwegs sein und die Eisluft des Himalaya atmen, bis wir keine "Luft zum Atmen" mehr haben.

WB00823_.GIF (134 bytes)  Teil 1:  

Inhaltsverzeichnis

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