KEINE LUFT ZUM ATMEN - GRENZERLEBNISSE IM HIMALAYA: TEIL 2

Klaus Dierks

 

Dieses Unheil bricht über uns herein, als mein Bergsteigerkamerad, Bruce Campbell-Watt, zwischen Amphu Laptsa und West Col im Hongu eine gefährliche Spätform der akuten Höhenkrankheit, ein Lungenödem, entwickelt. Diese tödliche Bedrohung tritt trotz einer vierwöchentlichen Anpassungsperiode in Höhen zwischen vier- und sechstausend Meter im Cho Oyu- und Everestgebiet auf.

In abgelegenen Himalayagebieten wie dem Hongu gibt es keinerlei Benachrichtungsmöglichkeiten und natürlich auch keine ärztliche Hilfe. Der einzige Ausweg ist in unserem Falle der Abtransport des todkranken Mannes, der eigentlich in die Intensivstation eines Krankenhauses gehört hätte, von fast 6 000 Meter auf knapp 5 000 Meter, dem tiefstmöglichen Punkt im Hongu, ehe wir wieder aufsteigen müssen. Dieser alptraumhafte Abstieg geschieht unter schwierigen alpinistischen Bedingungen. Daß unsere Expedition nicht mit einer Katastrophe endet, ist nur der Gnade der tibetischen Götter zu verdanken.

Neben der ständigen Bedrohung durch Krankheiten und Unfälle, was ohne Rettungsmöglichkeiten allein schon eine große seelische Belastung darstellt, gibt es noch andere Probleme auf einer Himalaya-Expedition.

In einer Situation der ständigen Erschöpfung, in einer oft als feindselig empfundenen Extremumwelt reagiert der Mensch erheblich anders als in seiner gewohnten zivilisierten Umgebung. Das zeigt sich auf einer solchen Expedition besonders im sozialen Umgang zwischen den Bergsteigern. Konfliktsituationen sind fast immer unausweichlich. Die Enge des Zusammenlebens über Wochen und Monate in einer Umgebung von riesenhaften Dimensionen und kontinuierlichen Gefahrensituationen verursacht fast immer Spannungen, die während der Expedition kaum gelöst werden können. Psychologen, die sich mit solchen Problemsituationen auf Himalaya-Expeditionen befasst haben, sprechen von den drei physiologischen und psychologischen Phasen des Höhenbergsteigers.

Die erste Phase ist das "Scheuklappenstadium". Es tritt normalerweise beim Anmarsch in das Basislager in Höhen bis zu 5 000 Meter auf. Auch in diesem bergsteigerisch problemfreien Stadium befindet sich der Bergsteiger in einer körperlichen und seelischen Stresssituation. Es sind nicht so sehr die ersten milden Anzeichen der Höhenkrankheit, die Blasen an den Füßen, die ständige Belästigung durch Blutegel, das kärgliche Essen, die normale Anstrengung auf miserablen, frustrierenden Fußgängerwegen, sondern Ängste, Sorgen und Zweifel. Jeder Bergsteiger ist geradezu eingesponnen in dieses Geflecht von quälenden Gedanken, die in der Furcht vor den bevorstehenden Grenzsituationen begründet sind.

Die nächste Phase ist das "Sektpfropfenstadium", das in Höhen von 5 000 Meter bis 6 000 Meter aufzutreten pflegt. Normalerweise ausgeglichene, friedliche Typen entwickeln hier oft erstaunliche Jähzornanfälle. Man wundert sich immer wieder, woher man bei dieser dünnen Luft überhaupt die Kraft zu diesen Wutausbrüchen hernimmt. Man ist gut beraten, diese "Sektpfropfenanfälle" bei sich und anderen zu ignorieren. Sie haben wenig Bedeutung und weisen nur darauf hin, daß der geringer werdende alveolarische partielle Sauerstoffdruck die Gehirnzellen anzugreifen beginnt.

Am gefährlichsten ist die Euphoriephase, das "Hallelujahstadium", das in großen Höhen, in der Todeszone, auftritt. In diesem Stadium verliert der Bergsteiger jeden Bezug zur Wirklichkeit und zu Können und Kondition der eigenen Person. Hier kann es geschehen, daß man in fast 7 000 Meter Höhe unangeseilt über einen spaltenreichen Gletscher läuft, wie es mir am Mera Peak passiert ist. Dann kommt es zu solchen unbegreiflichen Vorfällen, wie etwa das rational nicht zu erklärende Im-Stich-Lassen von Kameraden, zu rätselhaften Geschehnissen, die für so viele bergsteigerische Tragödien im Himalaya verantwortlich sind.

Es ist durchaus möglich, daß diese in der menschlichen Seele begründeten Geschehnisse gefährlicher sind als das Wetter im Himalaya, als Lawinen und Gletscherspalten. Jeder Himalaya- Bergsteiger sollte sich dieser Zusammenhänge bewusst sein.

Eine jede Expedition in den Himalaya ist in zwei Abschnitte aufgeteilt. Die erste Phase ist die langsame, sehr genau geplante Anpassungszeit. Sie wird durch die Notwendigkeit diktiert, sich systematisch an die immer größeren Höhen anzupassen, um das ernste und oft lebensbedrohende Problem der "Akuten Höhenkrankheit" zu vermeiden.

Bei unserer ersten Expedition 1980 ist eine gute Akklimatisierung durch den langen Anmarsch von Kathmandu durch den Rolwaling in den Khumbu, das Gebiet südlich des Mount Everest, gegeben. Auch 1984 glaube ich, daß der siebentägige Anmarschweg auf der klassischen Normalroute zum Mount Everest-Gebiet - von Jiri über den Deorali Pass, Bandar, Kenya, den fast viertausend Meter hohen Lamjura Pass, Junbesi, den Tragsindho Pass, Lukla und Phakding - nach Namche Bazar, mit vier steilen Flusstaldurchquerungen und drei Übergängen von Pässen von über dreitausend Meter Höhe, eine genügende Höhenanpassung zur Folge hätte.

Bei der zweiten Namibia Himalaya Expedition 1982 verfolgen wir ein für unsere Mittel und Möglichkeiten sehr ehrgeiziges Unternehmen. Wir wollen die zwischen fünf und sechstausend Meter hohen Basislager von vier Achttausendern in Ost-Nepal, die des Cho Oyu (8 153 m), Mount Everest (8 848 m), Lhotse (8 501 m) und Makalu (8 475 m) miteinander verbinden.

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Cho Oyu 8 153 m: Blick vom südlichen Basislager: Südwand
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Der Nyimagawal La 5 690 m zwischen Cho Oyu und Mount Everest
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Pumori 6 576 m: Westlich von Mount Everest: Blick vom Kalar Patar
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Chomo Lungma (Mount Everest) 8 849 m: Blick vom Kalar Patar: Südwestwand
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Chomo Lungma (Mount Everest) 8 849 m: Blick vom Gokyo Kang: Südwestwand
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Nuptse Westwand 7 861 m: Blick von Gorak Shep: Everest Basislager
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Auf dem Khumbu-Gletscher: Aufstieg zum Khumbu-Eisbruch
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Büßereis auf dem Khumbu-Gletscher: Aufstieg zum Khumbu-Eisbruch: hinter der Gebirgskette der 7 550 m hohe Changtse in Tibet
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Büßereis auf dem Khumbu-Gletscher: Einblick in den Khumbu-Eisbruch und zum Süd-Col zwischen Chomo Lungma und Lhotse
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Der Khumbu-Eisbruch mit Blick auf den Lhotse 8 501 m
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Ein tibetisches Dorf südlich vom Pang La, auf dem Anfahrtswege nach Rongbuk, 1997
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Das Dorf Passum auf dem Anfahrtswege nach Rongbuk, Tibet, 1997
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Rongbuk-Gompa, Tibet, 1997
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Die Chomo Lungma vom tibetischen Basislager aus in Rongbuk, 1997
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Lhotse 8 516 m Südwand
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Makalu 8 463 m Südwestwand: Blick vom Mera Peak 6 461 m
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Durch die Überschreitung der schwierigen, zwischen sechs- und siebentausend Meter hohen Gebirgskette zwischen Everest und Makalu bekommt unsere Expedition einen ernstzunehmenden, bergsteigerischen Charakter. Es ist außerdem geplant, einen hohen Berg im noch völlig unerschlossenen und menschenleeren Hongu zu besteigen.

Die etwa drei Wochen dauernde Anpassungszeit bis in die erste Höhe von sechstausend Meter führt uns in das Gebiet des Cho Oyu. Hier besteigen wir zwei fast sechstausend Meter hohe Gipfel und übersteigen dann den technisch schwierigen Cho La Col, der vom Cho Oyu zum Basislager des Mount Everest hinüber führt.

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Cho Latse 6440 m: Blick vom Gokyo Kang
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Die Schnee- und Wetterverhältnisse sind in dieser Vormonsunzeit 1982 sehr schlecht. Jeden Tag gibt es schwere Schneefälle, und wir können schwierige Passagen nur früh morgens, ehe die Schneestürme beginnen, durchsteigen. Es ist viel zu kalt für die Jahreszeit, und die Gefahr von Lawinen und Schneebrettern nimmt mit dem reichlichen Neuschnee zu. So bescheren uns unsere ersten Fünftausender in diesem Jahr, der Gokyo Kang und der White Peak, die normalerweise als technisch nicht schwierig gelten, eine Fülle von Problemen, wenn auch keine ausgesprochenen Grenzerlebnisse. Der Übergang vom Cho La Col (5 690 Meter) fordert das Äußerste von uns: Gletscher, Eisrinnen, Eisbrüche, eine senkrechte Felswand, über die wir unsere Träger abseilen müssen. Gerade, weil es eine so große Anstrengung ist, hier hoch zu steigen, bleibt die Erinnerung an die überwältigenden Naturschönheiten so stark im Bewusstsein: der Blick auf die Gletscher, Eisbrüche, die Eisriesen um uns herum: Amai Dablam, der heilige Berg des Khumbu, Nuptse mit seinen fast 8 000 Meter, Cho Latse und der dritte Pol der Erde: Chomo Lungma, die "Göttinmutter der Welt".

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Der Anmarsch zum Amphu Laptsa mit einem Berg ohne Namen im Süden, östlich vom Amai Dablam
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Die eigentlichen Probleme beginnen erst am Amphu Laptsa, jener abschreckenden Fels- und Eiswand, die sich weit über sechstausend Meter auftürmt, zwischen Lhotse und dem unzugänglichen Hongu. Sir Edmund Hillary, Erstbesteiger des Mount Everest im Jahre 1953, den wir im Sherpadorf Khunde treffen, warnt uns vor den nicht zu unterschätzenden Gefahren des Amphu Laptsa: Lawinen- und Steinhagelgefahr an der ausgesetzten, steilen Wand, die sich tausend Meter über dem Baruntsegletscher aufbaut. In seinem Buch "Gipfelstürmer und Schneemenschen" bezeichnet Hillary die Route über den Amphu Laptsa, West Col und Sherpani Col als einen furchterregenden Zugang zum Makalu. Den Trashi Laptsa zwischen Rolwaling und Khumbu hält er jedoch immer noch für den gefährlichsten Bergübergang der Welt, an dem fast in jedem Jahr Bergsteiger umkommen.

Nachdem ich den Trashi Laptsa nun schon mehrere Male angepackt und gemeistert habe, halte ich den Amphu Laptsa zwischen dem Khumbu und dem Hongu doch noch für eine Klasse schwieriger. "Am Amphu Laptsa kann niemand umkommen, weil es niemand wagt, ihn anzupacken". Diese Bemerkung hören wir von vielen erfahrenen Himalayabergsteigern. Für die Amphu Laptsa Übersteigung 1982 müssen wir uns durch sorgfältige Akklimatisierung besonders gut vorbereiten. Nach mehreren Wochen Aufenthalt in großen Höhen haben wir das Gefühl, gut genug für das angepasst zu sein, was vor uns liegt und was wir fürchten. Die Angst ist ein häufiger Begleiter auf Himalaya-Expeditionen. Vor kritischen Passagen, wie hier am Amphu Laptsa, verdichtet sie sich zu ständigen Zweifeln und panikbefangener Furcht, besonders in den stockdunklen, lawinendurchtosten, eiskalten Himalayanächten. Am nächsten Morgen sieht alles wieder ganz anders aus. Die Angst wird von Anstrengung und intensiver, bergsteigerischer Aktivität verdrängt.

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Unser Lager auf dem Amphu Laptsa Gletscher mit dem Amphu Laptsa im Hintergrund
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Die 6 000 m hohe Amphu Laptsa-Kette mit Baruntse 7 290 m links
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Nachdem wir den spaltenreichen Baruntsegletscher überwunden haben, beginnt der strapaziöse, schwierige Einstieg in die Wand. Mühsam nach Atem ringend, kämpfen wir uns Meter um Meter hoch. Die Anstrengung ist so groß, daß man die Gefahr um sich herum nicht mehr wahrnimmt.

Die Welt besteht nur noch aus dreißig quälenden, mühsamen Schritten. Dann bleibt man, zutiefst erschöpft, schnaufend, nach Luft ringend, den gebückten Oberkörper auf den Eispickel herunter gebeugt, stehen, wobei der etwa zwanzig Kilogramm schwere Rucksack ins Genick kippt. Für einige Minuten besteht der Mensch nur noch aus atmen, atmen. Erst dann beginnt man wieder klar zu sehen, die gewaltige Umwelt um sich herum wahrzunehmen. Unter uns laufen mehrere Gletscher wie auf einer Autobahnkreuzung zusammen. Drüben türmt sich der Lhotse mit seiner furchtbaren, zerklüfteten, lawinendurchtobten Südwand, dahinter die fast schneefreie Gipfelpyramide des Mount Everest. So wie wir uns die steil geneigten, ausgesetzten, mit gefährlichem Neuschnee bedeckten Hänge hochquälen, tauchen immer neue Berge, phantastische Schlagsahnekompositionen auf.

Die eis- und schneebedeckte Wand will und will kein Ende nehmen. Es geht stundenlang am Seil steil hoch. Der Rucksack droht, einen in den Abgrund zu ziehen. Wir balancieren an senkrechten Abstürzen entlang, die auf die etwa tausend Meter tiefer liegenden Gletscher herunterfallen. Immer noch drohen wir abzurutschen, das Gleichgewicht zu verlieren, wenn man tief, oft bis an die Hüften, in den dicken, am Tage tauenden Schnee einsinkt. Um uns herum sieht man die zahlreichen Lawinenspuren - oder sind es Yetispuren? Gerade hier am Amphu Laptsa soll der geheimnisvolle Schneemensch sein Unwesen treiben, und ausgerechnet hier haben wir einen rätselhaften Kontakt mit diesem Fabelwesen des Himalaya. Darüber soll an späterer Stelle berichtet werden.

Wir gewahren auch die Schneebrettgefahr - der ganze Abhang kann mit uns rettungslos ins Rutschen in die Ewigkeit geraten. All das berührt uns nicht mehr, die Anstrengung in über sechstausend Meter Höhe ist zu groß. Der Eispickel ist immer wieder der letzte Haltepunkt. Da der Schnee zu weich ist, helfen die Steigeisen wenig.

Nur selten noch habe ich die Energie, meine Kamera aus dem Rucksack zu holen. Die Landschaftsbilder prägen sich meinem Gehirn ein. Die Photo können ohnehin nicht die volle Wirklichkeit festhalten, die grauenvolle Tiefe, die Angst vor der Tiefe. Es ist nicht nur die Dimension des Raumes, die meinen Photo fehlt, sondern auch die Dimension der Anstrengung und des Kletterns. Es ist immer wieder erstaunlich, wie die Höhe jede Energie nimmt. Sonst bin ich ein leidenschaftlicher Photograph, und ein versäumtes gutes Motiv macht mich schlechtgelaunt. Hier lasse ich die schönsten Bergmotive der Welt achtlos liegen. Es ist die lähmende Höhenfaulheit, die den Himalayabergsteiger W. Tilman sagen läßt, "die häufigste aller Bergkrankheiten sei das unbegreifliche Zögern des Bergsteigers, einen Fuß vor den anderen zu setzen".

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Rast während des Aufstieges zum Amphu Laptsa
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Unser Sherpa-Sirdar DawaThondup während des Aufstieges zum Amphu Laptsa mit Lhotse/Everest-Gruppe im Hintergrund
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Amphu Laptsa mit Baruntse im Hintergrund
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So wie wir Seillänge um Seillänge hochkommen, tauchen neue Berge auf, der Makalu 2 oder Kangchungtse, der Chomo Lönzo, Chago, Shartse und viele gewaltige Berge in Tibet, die ich nicht identifizieren kann.

Irgendwann hat alle Schinderei ein Ende. Nach einer letzten schwierigen Felskletterei über eine vereiste Wand, nach kurzem Stufenschlagen mit dem Eispickel in eine kurze senkrechte Eismauer - der letzte Tropfen im Eimer der Erschöpfung - geht es nicht mehr höher. Wir sind oben!

Die Sherpa schreien ihr uraltes Mantra "Cha gyal lho - die Götter haben gesiegt" in den schneidenden Höhensturm und opfern den Göttern Tibets etwas Tsampa. Ich baue eine kleine Steinpyramide und verstecke darunter meine einzige, volle Büchse "Windhoek Lagerbier". Möge das Opfer gnädig aufgenommen werden und mir diese Umweltsünde verziehen sein!

Neue unbeschreibliche Ausblicke in den wilden, menschenleeren Hongu öffnen sich vor uns. Wir sehen einen Ozean von unbestiegenen, unvermessenen, namenlosen Sechs- und Siebentausendern. Wir sehen den über 7 200 Meter hohen Chamlang, den fast 7 000 Meter hohen Mera, den West Col mit seinen bösartig aussehenden Eiswänden und einige eisbedeckte Seen, Panch Pokhari, tief unter uns.

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Der Verfasser auf dem Gipfel des Amphu Laptsa mit Blick in den Hongu
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Der Abstieg hat es auch noch in sich. Wir hatten früher von einigen erfahrenen Himalayabergsteigern gehört, daß der Abstieg in den Hongu leicht und daß nur die Steilwand auf der Khumbuseite schwierig sei. Wir hatten gehört, daß ein großer Gletscher allmählig zu den vereisten Honguseen abfiele. Stattdessen müssen wir auf der Südseite des Amphu Laptsa durch einige Eisbrüche hindurchklettern, die sich wie Sinterterrassen übereinander aufbauen. Über etwa dreihundert Meter müssen wir uns im Zustand totaler Erschöpfung abseilen. Oft genug benutzen wir nach Sherpaart unser Hinterteil als Fortbewegungsmittel und den Eispickel als Bremse. Elegantes Bergsteigen gibt es im Himalaya nur äußerst selten. Hier wird der Stil von der Natur bestimmt. Die tibetischen Berggötter Himachal und Tseringma entscheiden, ob wir erfolgreich sein dürfen, nicht unsere bergsteigerischen und körperlichen Fähigkeiten.

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Abstieg vom Amphu Laptsa durch den Eisbruch in den Hongu
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Blick vom Amphu Laptsa-Eisbruch auf den Amai Dablam von Osten
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Bruce Campbell-Watt im Amphu Laptsa-Eisbruch
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Am Rande des etwa 5 400 Meter hohen, ewig zugefrorenen Gletschersees, Panch Pokhari, beziehen wir Lager. Zelte werden aufgebaut, Schlafsäcke in der Sonne ausgelegt, eine Kleinstwäsche, soweit Wasser vorhanden, zelebriert, Primuskocher in Gang gesetzt - das typische Leben in einem Hochlager im Himalaya. Unser Dasein besteht nur noch aus zermürbender Bergsteigerei, einer Aneinanderreihung von Erschöpfungszuständen, dem widerwilligen Verzehr von dem, was die Vernunft vorschreibt und die nicht sehr abwechslungsreiche Sherpaküche liefert, sowie der erzwungenen Einnahme von großen Flüssigkeitsmengen, die für die Höhenanpassung nötig sind. Der Körper versucht, den geringer gewordenen partiellen Sauerstoffdruck durch die vermehrte Produktion von roten Blutkörperchen auszugleichen. Das Blut wird durch diesen Prozeß dicker, und damit wird die Durchblutung der Gliedmaßen schlechter, die Erfrierungsgefahr wächst. Die Erfrierung von Händen und Füßen kann schon bei durchaus geringen Kältegraden auftreten. Deshalb muß der Körper mit großen Flüssigkeitsmengen versorgt werden, wenigstens fünf Liter am Tag, auch wenn man in der großen Höhe oft keinen Durst hat und den tibetischen Buttertee als Energie- und Wärmespender in sich hineinzwingen muß. Die Farbe und Menge des Urins muß aus diesem lebenswichtigen Grunde ständig kontrolliert werden. Die Urinmenge sollte wenigstens eineinhalb Liter am Tage betragen.

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Lager auf 5 400 m am Panch Pokhari am südlichen Fuß des Amphu Laptsa im Hongu
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Mit der Körperpflege ist es auf einer Himalaya-Expedition nicht weit her. Abgesehen von meist eisbedeckten und eiskalten Gletscherflüssen gibt es keinerlei Waschmöglichkeiten. Die große Höhe und niedrige Temperaturen bewirken, daß man oft viele Wochen lang nicht aus den Kleidern kommt. Im Grunde ist die fehlende Hygiene kein wichtiges Problem und trägt wegen der ständig niedrigen, nicht schweißtreibenden Temperaturen nicht zu irgendwelchen Grenzerlebnissen bei.

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Auf dem Baruntse-Gletscher zum West Col mit Baruntse-Südwand im Hintergrund
Photos: Copyright: Klaus Dierks

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Baruntse
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Die nächste schwierige Passage ist die Überschreitung des West- und des Sherpani Col. Beide vergletscherten Pässe sind fast sechstausendfünfhundert Meter hoch. Dazwischen liegt ein Gletscherbecken, das selbst auch über sechstausend Meter hoch ist. Mit der erfolgreichen Überwindung des Sherpani Col haben wir den Schlüssel zum Makalu Basislager in der Hand. Leider macht uns die Schneegöttin des Himalaya, Himachal, einen Strich durch die Rechnung. Durch die schwere Höhenerkrankung meines Bergkameraden Bruce müssen wir den ursprünglichen Plan, zum Makalu zu gehen, aufgeben, und stattdessen so schnell wie möglich in tiefere Lagen absteigen. Es ist die einzige Rettungsmöglichkeit, die es für uns gibt. Schon ein Durchfall oder ein kleines Magenproblem macht jedes Bergsteigen in diesen Höhen zu einem nicht kalkulierbaren Risiko. Der nächste Arzt wäre in etwa sechs Tagesreisen zu erreichen. Dazwischen liegt aber der Amphu Laptsa. Diese Möglichkeit scheidet also aus. Leider haben wir keinen Sauerstoff dabei, der bei einem Lungenödem geholfen hätte. Wir glaubten - fälschlicherweise, wie es sich hier am Fuße des West Col erweist -, daß man sich am besten auf seine eigenen Körperkräfte verlässt, während der mitgenommene Sauerstoff nur eine verkehrte Sicherheit vorspiegelt.

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Unser Lager am Fuße des West Cols
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Ehe wir am West Col das Basis Lager in einer Höhe von 5 600 Meter abbrechen, machen unsere beiden Sherpa, Dawa Thondup und Ang Tschumbi, und ich noch einen Versuch, den West Col selbst zu besteigen. Die riesigen Eisaufschwünge südlich des gewaltigen Baruntse sehen vom Basislager nicht gerade einladend aus. Wir steigen zunächst durch den Eisbruch des Hongu Gletschers auf den West Col Gletscher, der allmählig zu einer steil aufschwingenden Eiswand aufsteigt, die sich wie der Rand einer Suppenschüssel hochwölbt.

Auf einer anspruchsvollen Eistour erreichen wir bei klarem Wetter und starkem Höhensturm den höchsten Punkt des West Col. Die Fernsicht - in einer Höhe von 6 350 Meter - nach Westen bis zum Gaurisankar, Melungtse und Cho Oyu ist unbeschreiblich eindrucksvoll. Ehe wir in die etwa fünfzig Grad geneigte Eissteilwand einsteigen, müssen wir auf fragwürdigen, zerbrechlich wirkenden Eisbrücken insgesamt viermal einen in sich in grundloser, blau-schwarzer Tiefe verlierenden Bergschrund überqueren. Mit normaler Seilsicherung wäre die Überquerung ein bergsteigerisches Routinemanöver. Wir haben aber aus Gründen, die ich mir nachträglich nicht erklären konnte, kein Seil mitgenommen. In der dünnen Luft wird das Denkvermögen offensichtlich stark herabgesetzt. Oder habe ich bereits mein persönliches "Hallelujahstadium" erreicht? Nur so ist es zu erklären, daß ich jedem meiner Sherpa hundert nepalische Rupien, das sind etwa sechs US-Dollar, anbiete, wenn wir den West Col ohne Seil, nur mit Eispickel und Steigeisen ausgerüstet, erklettern.

Auf diese lebensgefährlich leichtsinnige Weise, die Frontalzacken unserer Steigeisen in die fast lotrechte Eiswand festgekrallt, erreichen wir den höchsten Punkt des West Col.

Hier oben orgelt der eiskalte Höhensturm wie hundert gleichzeitig fahrende und bremsende Schnellzüge in einem teuflischen Crescendo. Beim Photographieren merke ich, daß meine Hände erstarrt, angefroren sind. Ich spüre beim Reiben einen Schmerz in den Fingern. Beim Klettern auf dem Steilhang kamen die Hände immer wieder mit Schnee und Eis in Berührung. Ich zog auch einige Male beim Photographieren die Daunenhandschuhe aus. Der eisige Sturm mit über hundert Stundenkilometern tut bei zwanzig Grad unter Null den Rest, zumal der Kreislauf des Blutes wegen der vermehrten roten Blutkörperchen nicht mehr gewährleistet ist.

Ich reibe meine Hände, wärme sie am Körper, aber der Schmerz wird nicht besser. Die Sherpa sehen meine Not. Dawa Thondup verhütet das Schlimmste, indem er meine Hände an den wärmsten Stellen seines Körpers wärmt und auf sie uriniert. Meine Hände sind weiß, erstarrt, geschwollen. Ich ahne in diesem Moment, daß ich vielleicht nicht mehr den vollen Gebrauch meiner Hände haben werde. Ich weiß aber auch , daß alles, was wir erlebt haben, das alles wert ist.

Schmerz und Verzweiflung überschatten den Abstieg. Die Sherpa leiten mich vorsichtig an den Händen haltend und mit den Pickeln stützend über die vielen Gletscherspalten hinweg. Da harte Eisteile mit weichem Neuschnee abwechseln, ziehen sie auch ständig meine Steigeisen an und aus, für alle Beteiligten eine Quälerei.

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Der West Col: Blick nach Osten in Richtung Makalu
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Der West Col: Blick nach Süden
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Ich erlebe wieder den tobenden Sturm, die Eisnadeln, die sich in mein Gesicht bohren. Es ist ein schwerer Abstieg. Ich erlebe aber auch die Geborgenheit und Freundschaft der Sherpa, die Brücke zwischen Menschen verschiedener Kulturkreise, die plötzlich entsteht. Es sind Dawa Thondup und Ang Tschumbi, die hier ihre große Leistung vollbringen. Wir erreichen den Eisbruch. Ang Tschumbi sichert mich beim Durchsteigen mit dem Eispickel. Am Fuße des Eisbruches breche ich, bereits in Sichtweite des Basislagers, durch eine Schneebrücke und stehe mit beiden Beinen in einem eiskalt dahinschießenden Gletscherfluss: Wirklich, noch so ein "verdammter Tag"!

Im Lager finden wir den schwer erkrankten Bruce Campbell-Watt vor, von dem wir am Morgen geglaubt hatten, er hätte nur einen Ruhetag nötig. Der West Col hat von uns seinen Preis gefordert. War er dies alles wert? Diese Frage hat sich mir im Angesicht der Riesenberge nie gestellt. Sie ist weder dort noch hier zu beantworten.

Es ist eine schwer angeschlagene Mannschaft, die sich vom West Col durch das Hongu Tal nach Süden herunter bewegt. Der Hongu ist eines der am schwersten zugänglichen, völlig menschenleeren Wildnisgebiete des ganzen Himalaya. Wegen der Abgeschiedenheit des Hongu gibt es hier nicht einmal Yakweiden, wie sonst überall im Himalaya unterhalb von fünftausend Meter. Die einzigen Zugänge sind vier schwierige Bergübergänge, die allesamt etwa sechstausend Meter hoch sind, der Mingbo La im Nordwesten, der Amphu Laptsa im Norden, der West Col im Nordosten und der Mera La im Südwesten. Dem Flusslauf des Hongu Drangka kann man nicht folgen, da sich der Hongu Fluss in einem Gewirr von senkrechten, mehrere tausend Meter tiefen Schluchten verliert, eine Landschaft, die sogar die Sherpa von der Besiedlung abgehalten hat. Wir brauchen für den Abstieg von 6 350 Meter am West Col, bis zum tiefstmöglichen Punkt im Hongu am Fuße des Mera La auf 4 700 Meter, fünf Tage.

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Blick zurück zum West Col
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Diese fünf Tage werden als bergsteigerischer Alptraum wohl für immer in meiner Erinnerung bleiben. In diesen fünf Tagen muß ich ständig mit dem Schlimmsten rechnen. Bruce hat ein Lungenödem, das ist mir völlig klar. Er ist völlig apathisch, will nicht laufen, ist blau im Gesicht und liegt immer wieder im tiefen Koma im Zelt. Nachts muß ich in unserer sargähnlichen Unterkunft stundenlang auf die entsetzlichen, brodelnden Geräusche in der Brust des Freundes lauschen. Man braucht kein Arzt zu sein, um die Symptome der lebensbedrohenden Krankheit zu erkennen.

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Hongu Teng Gletscher: Im Hintergrund die Lhotse/Everest-Gruppe hinter der Amphu Laptsa-Kette
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Lager auf dem Hongu Nup Gletscher
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Der Hongu mit seiner herrlichen, unerschlossenen Himalaya- Hochgebirgslandschaft, mit seinen vielen unbestiegenen, namenlosen Sechstausendern wirkt auf mich wie eine Mausefalle. In dieser ausweglos scheinenden Situation erwägen die Sherpa und ich die merkwürdigsten Ideen und verwerfen sie wieder. Wir wollen, zum Beispiel, unsere Träger in die Schluchten des Hongu absteigen und dort, bei Erreichen der Baumgrenze, Bäume fällen lassen, um eine Bahre zu bauen. Wir versuchen, Bruce in einem der Tragkörbe unserer Träger zu transportieren. Alle diese Ideen erweisen sich jedoch als nicht ausführbar. Bruce schleppt sich, von unseren zwei Sherpa Führern gestützt, mühsam dahin. Wir kommen viel zu langsam voran. Wir alle wissen, daß der Abstieg in tiefere Lagen unsere einzige Überlebensmöglichkeit ist. Ich muß den armen Bruce immer wieder erbarmungslos antreiben: "Lauf oder stirb". Für uns gibt es keine andere Alternative. Die furchtbaren Gedanken, Mitleid und Zorn werden sich in meiner Erinnerung immer mit dem Hongu verknüpfen. Wir erreichen den tiefsten Punkt auf 4 700 Meter. Es scheint Bruce wieder etwas besser zu gehen. Von hier aus müssen wir wieder hoch. Niemand macht sich große Illusionen, was das für den Höhenkranken bedeutet.

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Hongu-Tal mit dem 7 200 m hohen Chamlang im Osten
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Hongu-Tal mit Hinku Himal im Westen
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Der Aufstieg mit dem schwerkranken Bruce auf den 5 420 Meter hohen Mera La bei Schneesturm, Nebel und großer Kälte bringt uns an den Rand unserer letzten Kräfte. Hier verirren sich sogar unsere Sherpa, ehe wir, in dem tiefen Neuschnee kämpfend, unseren stürmischen, kalten Lagerplatz auf dem Mera La, der von allen Seiten von Gletschern und Eisbrüchen umgeben ist, erreichen. Wir befinden uns hier in der dem Monsun voll ausgesetzten ersten Himalayahauptkette mit den entsprechenden, von den tropischen Stürmen phantastisch ausgebildeten Eis- und Gletscherformationen.

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Mera La mit Mera Peak im Hintergrund
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Mera La mit Hinku Himal und Chamlang im Hintergrund
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Bruce und die Träger bleiben mit dem Chef-Sherpa, Dawa Thondup, nur eine Nacht. Bruce scheint es besser zu gehen. Es ist das Beste, wenn er so schnell wie möglich, in das tiefliegende Hinkutal absteigt.

Ich bleibe mit Ang Tschumbi zurück, um noch den Mera mit seinen mehr als 6 500 Meter zu besteigen. Der Mera soll zwar kein technisch schwieriger Berg sein, zumal ein langer Gletscher bis an die Eispyramide des Gipfels heranführt. Aber im Himalaya ist in großen Höhen die leichteste Tour immer noch schwierig genug. Da wir keine Träger und nur mangelnde Ausrüstung haben, um noch ein oder mehrere Zwischenlager einzurichten, müssen wir an einem Tag knapp 1 300 Meter nicht nur hoch, sondern auch wieder absteigen, was nicht leicht zu werden verspricht. Die schlechte Wetterlage 1982 und der jetzt jeden Tag befürchtete Einbruch des Sommermonsuns, der für Mitte Mai erwartet wird, macht die Besteigung des Mera zu einem schwer kalkulierbaren Unternehmen. In den letzten Tagen begannen Schneestürme und dicker Nebel bereits um zehn Uhr morgens. Trotzdem wollen wir die letzte Möglichkeit einer Besteigung, die sich unserer Expedition in diesem Jahr bietet, nicht vorbeigehen lassen.

So steigen wir schon um vier Uhr morgens bei Vollmondschein und alles erstarrender Kälte in den Eisbruch ein. Das geisterhafte Mondlicht schafft eine total unwirkliche Atmosphäre. Die bizarren, zerrissenen Eisformationen gaukeln surrealistische Schattenbilder auf die glitzernden, im Frost erstarrten Neuschneeflächen. Es ist so absolut still hier oben, daß ich das Gefühl bekomme, daß wir die ersten Menschen überhaupt sind, die diese Urstille aus dem Anfang aller Zeiten mit unseren, im Schnee knirschenden, Schritten brechen. Die Schneebrücken über dem hier sehr breiten und einige hundert Meter tiefen Eisschrund am Fuße des Eisbruches entwickeln durch den Tieffrost erhöhte Tragsicherheiten. Die leichten Vertiefungen und Rillen im Neuschnee, die auf die darunterliegenden, oft grundlos tiefen Gletscherspalten weisen, sind in dem plastischen Mondlicht gut auszumachen. Ang Tschumbi und ich wechseln uns beim Stufenschlagen in den steil geneigten Eiswänden, die zum großen Meragletscher hochführen, ab, so wie wir uns später beim Spuren im Neuschnee abwechseln.

Als die Sonne in wilden, goldgelben Kaskaden ihre Strahlen in den noch tief schwarzblauen Weltraumhimmel wirft, sind wir schon auf dem langen Gletscher, der sich allmählig ansteigend, zum steil aufschwingenden Gipfelaufbau des Mera hochzieht, weit vorgedrungen. Ringsum stehen, in kristallener Schönheit, die zahllosen, meist namenlosen Eisgipfel des östlichen Himalaya. Die vielen eisbedeckten Riesen zwischen 6 000 Meter und mehr als 8 000 Meter branden wie Ozeanwellen gegen den Gipfel des Mera, auf den wir uns zu bewegen. Wir machen Seillänge um Seillänge, übersteigen dabei viele, sich in nicht auszumachender Tiefe verlierende Gletscherspalten. Der eisige Höhensturm nimmt später am Morgen wieder an Intensität zu, aber der Himmel, dem wir immer näher kommen, und die Berge ringsherum sind noch völlig klar. Nur weit im Osten, in Richtung Kangchendzönga, an der Grenze zwischen Sikkim und Nepal, dräuen die ersten Wolkenberge und quellen in den Tälern schnell in unsere Richtung.

Je höher wir in die Eishänge des Mera Gipfels einsteigen, desto mehr neue Berge tauchen um uns herum auf. Es sieht jetzt so aus, als ob wir in gleicher Höhe mit dem fast 8 000 Meter hohen Nuptse liefen. Später sehen wir um uns herum die Gipfel von fünf Achttausendern, vom Cho Oyu im Nordwesten über Everest und Lhotse direkt im Norden zum Makalu im Nordosten bis zum etwas weiter entfernten Kangchendzönga, der mit seinen 8 598 Meter der dritt-höchste Berg der Welt ist.

Der Aufstieg über die letzten Meter zum Gipfel, den wir um elf Uhr erreichen, kostet ungeheure Kräfte. Der Höhensturm, der bei völliger atmosphärischer Klarheit und durchdringender Kälte dahinrast, sowie der in der Sonne weich gewordene Schnee brauchen unsere letzten Energiereserven auf. Ich bin so erschöpft, daß ich nicht mehr reden kann. Alles wird gleichgültig! Die große Anstrengung, das keuchende Atmen überdecken alles. Aber das "Oben", der Gipfel, läßt alle Schinderei und tödliche Gefahren vergessen. Das erste Gefühl auf dem Gipfel ist das einer kolossalen Erleichterung, daß es nun nicht mehr bergauf, sondern nur noch bergab, geht. Das Glück, die überströmende Freude, der Stolz kommen erst Tage, zum Teil Wochen später an die Oberfläche.

Wir halten uns dort oben nicht lange auf, da die schneebringenden Monsunwolken mit beängstigender Schnelligkeit aus Südosten hochziehen. Für mich bringt der Mera den Höhepunkt dieser für uns schwierigen Expedition, die schönste Aussicht, die man sich im Himalaya vorstellen kann.

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Auf dem Mera Peak 6 461 m mit Lhotse/Everest-Gruppe im Hintergrund
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Aber im Himalaya sind Himmel und Hölle, Glück und Todesgefahr dicht beieinander. Das euphorische Hallelujahstadium kann schnell in tiefe Niedergeschlagenheit und selbst willenlose Apathie, die zum Tode führen kann, umschlagen. Auf dem Rückweg vom Mera, immer noch überwältigt von dem, was wir erleben durften, sind wir unvorsichtigerweise nicht angeseilt. Es ist wieder dieser nicht zu erklärende euphorische Leichtsinn, der uns zu einem Tun verleitet, das jeder ernstzunehmende Alpinist ablehnen muß. Das Schlimmste ist vorbei, wir steigen ab, wir fühlen uns sicher. Normalerweise weiß man, daß unter solchen Bedingungen die Katastrophe geradezu vorprogrammiert ist. Als grundsätzliche Sicherheitsmaßnahme darf man sich auf einem nicht genau bekannten Gletscher nur angeseilt bewegen. Das gilt im verstärkten Maße noch für Neuschneeverhältnisse, die wir hier am Mera vorfinden und die die meisten Gletscherspalten verdecken.

Es kommt so, wie es kommen muß, und es geschieht ganz plötzlich, völlig ohne Warnung. Ang Tschumbi läuft etwa fünf Meter vor mir in unserer eigenen Spur, die wir beim Aufstieg getreten haben und die sich am Morgen als sicher erwiesen hat. Im Bruchteil einer Sekunde öffnet sich der Schneeboden unter ihm, und Ang Tschumbi ist in einer Gletscherspalte verschwunden.

Ich stehe wie erstarrt, kann es überhaupt nicht fassen, daß ausgerechnet uns so etwas passieren muß. Einen winzigen Augenblick später höre ich ein ersticktes Winseln aus der Tiefe heraus, dann nur noch das Sausen des Höhensturms. Im ersten panikbefangenen Augenblick gehen mir die furchtbarsten Gedanken wie photoelektrische Blitze durch den Kopf: "Gefangen in der Spalte; tot; wir haben keine Chance mehr; Ang Tschumbi hat das Seil; da bekomme ich ihn nie heraus, wenn er überhaupt noch lebt; wahrscheinlich ist er verletzt; wenn Ang Tschumbi tot ist, bin ich es auch, einige Stunden später, denn ich bin ja dann ganz allein hier in fast siebentausend Meter Höhe; hier komme ich nie alleine herunter; Gebete, Versprechen an Gott." Auch diese Gedankenblitze dauern ganz sicher nur Bruchteile einer Sekunde, aber dann werde ich ganz gefasst und ruhig.

Eine furchtbare, angstbefangene Zeiteinheit später taste ich mich an die Spalte heran, schaue von eisiger Furcht ergriffen in die grauenvolle, blau-grüne Tiefe der bodenlos wirkenden Eisspalte. Dort sehe ich, zu meiner grenzenlosen Erleichterung, Ang Tschumbi, lebend, der in etwa zehn Meter Tiefe kauert und nur einen nicht zu definierenden Angstlaut ausstößt. Trotz der verzweifelten Situation, in der wir uns beide befinden, hat Ang Tschumbi das Glück seines Lebens. Er fiel auf eine sehr zerbrechlich wirkende Eisbrücke, die sich wie ein unregelmäßiger Glasbogen zwischen den glatten Eiswänden der Gletscherspalte spannt. Da die Spalte, nach oben hin enger werdend, abgeschrägt verläuft, kann er trotz der Steigeisen an den Füßen nicht alleine hochklettern und sich so aus seinem Eisgefängnis befreien. Ang Tschumbi hat das Seil, und ich muß probieren, irgendwie an das Seil heranzukommen. Ich kann nicht mehr nachvollziehen, wie lange wir gekämpft haben, bis es gelingt, daß ich endlich ein Seilende in der Hand halte. Nachdem ich mich selbst gesichert habe, kann ich den armen Ang aus seiner eisigen Hölle befreien.

Wir sind zwar im Augenblick gerettet, aber vor uns liegen noch genügend Qualen und Gefahren. Inzwischen ist nämlich der schneedurchwirbelte Monsunnebel so dicht geworden, daß wir keine zehn Meter weit sehen können. Der Abstieg über den spaltenreichen Gletscher ist für uns eine einzige unheimliche Schreckenswanderung. Die Spalten sind da, aber man sieht sie nicht. Die Angst vor den Spalten läßt mich nicht mehr los bis wir den Eisbruch erreicht haben. Wir sehen auch hier nichts und taumeln nur noch erschöpft abwärts. Die Götter des Himalaya zeigen uns jetzt, daß man mit diesem Gebirge nicht spielen kann. Vielleicht haben wir den Bogen überspannt und werden nun aus dem Heiligtum verjagt.

So erreichen wir unser zurückgelassenes Zelt im Mera Basislager. Am nächsten Morgen steigen wir über den unteren Mera Gletscher in das Hinkutal ab. Wir steigen zurück ins Leben, in die Welt der Menschen. Die Welt dort oben ist keine Welt für Menschen.

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Blick vom Mera La nach Osten mit Kangchendzönga 8 586 m im Hintergrund, 1982
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Gangtok im Jahre 2000
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Blick auf den 8 586 m hohen Kangchendzönga von Gangtok (von Südosten), dritthöchster Berg der Welt, im Jahre 2000
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Die Bergurwälder Sikkims: Blick von Süden in das Rangit-Tal mit der Tashiding Gompa im Hintergrund
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Blick von Pemayangtse in West-Sikkim nach Norden nach Yuksom: Hinter den Wolken befindet sich der dritthöchste Berg der Welt: der Kangchendzönga
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Die alte west-sikkemesische Hauptstadt Yuksom ist der Ausgangspunkt um die Südseite des Kangchendzönga zu erreichen
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In den tropischen Bergurwäldern auf dem Anstieg zum Kangchendzönga von Yuksom über Bakhim nach Dzongri in West-Sikkim gibt es nicht nur Blutegel sondern auch schwarze Himalaya-Bären
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Bakhim: Blick nach Süden in die Singalila-Kette im Jahre 2000
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Rhododendron in den Bergurwäldern Sikkims: Zwischen Bakhim, Pethang und Thansing, südlich vom Kangchendzönga
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Rhododendron: Zwischen Thansing und Pethang, mit dem 6 701 m hohen Pandim im Hintergrund: im Jahre 2000
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Vom fast 5 000 m hohen Dzongri-La: Blick nach Süden auf die Singalila-Kette (Grenze zwischen Sikkim und Nepal)
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Sonnenaufgang auf dem Kangchendzönga vom Dzongri-La
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Blick vom Dzongri-La nach Norden auf den Kangchendzönga
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Zwischen Dzongri und Thansing mit dem Pandim im Hintergrund: beim Abstieg nach Thansing hatte ich einen Unfall, der fast böse ausgegangen wäre: Ein Last-Yak stieß mich vom Saumpfad und ich flog kopfüber in die Tiefe: etwa 30 m in Richtung Abgrund: ein Rododendron-Baum bremste den Absturz
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Die Endmoräne des Onglakhing-Gletschers mit Kangchendzönga im Norden
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Die Yakweide von Samiti mit Kangchendzönga im Hintergrund
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Blick vom über 5 000 m hohen Pandim-La auf den Kangchendzönga bei Sonnenaufgang
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Blick vom Pandim-La nach Norden
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Blick vom Guicha-La 5 088 m zum Guicha Peak 6 127 m
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Blick vom Guicha-La nach Norden auf den Talung-Gletscher und die Kangchendzönga-Südwand (mit namibischer Fahne im mittleren Photo)
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Die Kangchendzönga-Südwand
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In etwa 4 000 Meter Höhe, in Thangnag, treffen wir auf die ersten menschlichen Behausungen, die ersten Sherpa, die ersten Yaks. Die verrußen Sherpahütten erscheinen mir als überwältigendes Symbol der menschlichen Zivilisation. Wir sehen auch Bruce wieder, dem es hier unten, in der schönen "dicken" Luft, besser geht. Wir begrüßen Dawa Thondup und unsere Träger. Ang Tschumbi brennt in einem Felsentempel mit einer bunt bemalten Figur des tibetischen Bodhisattva Tschenresig Bündel von vertrocknetem Edelweiß ab, um für unsere Rettung zu danken. Durch die dichten, Tränen hervorrufenden Rauchschwaden hindurch schaut mich Tschenresig gleichgültig an. Blinzelt er mir zu? Vielleicht wollen mich die Götter doch noch nicht endgültig aus dem Heiligtum verjagen.

Aus der Welt des ewigen Eises und der toten Felsen kehren wir zurück in eine Umgebung, wo Menschen leben können. Wir überqueren wunderbare Almen mit Millionen von lilablühenden Primeln und gelben Schlüsselblumen. Wir genießen bewusst und intensiv dieses Wunder des Lebens. Die Zwergrhododendren blühen von blass-rosa bis tief-dunkelrot in allen Farbschattierungen, in einer Farbsinfonie, wie sie nur die Natur zustande bringt. Der Kontrast zwischen diesem, das Auge trunken machendem Rot und den Eisriesen von Tramserku, Kangtega und der Meragruppe darüber ist von unglaublicher Schönheit. Es ist für mich unvorstellbar, daß ich vor zwei Tagen noch da oben gestanden habe.

Je tiefer wir kommen, desto mehr tauchen wir in den immer dichter werdenden, unberührten Bergurwald ein. Die rot blühenden Rhododendronbüsche werden immer höher, bis sie sich zu stattlichen Bäumen hochrecken. Vögel zwitschern und bunte Riesenschmetterlinge flattern zwischen den vielen Blüten. Ich erlebe jeden Schritt und jeden Atemzug.

Auf einer herrlich blühenden Waldwiese, die ich die Hinku- Märchenwiese nenne, auf nur noch 3 500 Meter Höhe, zelebrieren wir die längst fällige "Riesenwaschorgie". Sie dauert einige Stunden und findet in dem immer noch eiskalten Gletscherfluss, Hinku Drangka, statt. Dreck und Schweiß von vielen Wochen verschwinden in den dahintobenden Wildwasserstrudeln.

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Rhododendron im Hinku Mosem Kharka-Tal
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Bakhim in West-Sikkim: Blick nach Süden in die Singalila-Kette im Jahre 2000
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Sikkim.Bakhim-Pethang.1.jpg (86126 bytes)Sikkim.Bakhim-Pethang.2.jpg (149564 bytes)Sikkim.Bakhim-Pethang.3.jpg (133759 bytes)Sikkim.Pethang-Thansing.jpg (96035 bytes)

Rhododendron in den Bergurwäldern Sikkims: Zwischen Bakhim, Pethang und Thansing, südlich vom Kangchendzönga
Photos: Copyright: Klaus Dierks

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Rhododendron in den Bergurwäldern Sikkims: Zwischen Thansing und Pethang, mit dem 6 701 m hohen Pandim im Hintergrund: im Jahre 2000
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Unsere Expedition ist damit jedoch noch nicht abgeschlossen. Wir müssen von der "Hinku Märchenwiese" wieder auf 5 000 Meter hochsteigen, um über andere Pässe ins Dudh Kosi Tal zu gelangen. Diese Pässe, Zatr Teng und Zatr Wala, stellen für uns eine letzte, kaum noch erträgliche Strapaze dar. Es geht wieder hoch in die schon vergessen geglaubte Welt von Eis und Kälte. Stundenlang quälen wir uns über etwa fünfundvierzig Grad geneigte Talhänge, die mit tiefem, körnigem Altschnee bedeckt sind. Wir sinken immer wieder bis an die Hüften im Schnee ein und verlieren dabei die Balance. In knapp 5 000 Meter Höhe hat man noch genug Luft, um kräftig zu fluchen, wenn man wieder so tief in diesem widerlichen Schnee steckt, daß die anderen einen nur mit den Eispickeln befreien können. Die Träger verlieren oft ihr Gleichgewicht und sausen kopfüber die steilen Schneehänge herunter, die etwas weiter unten in senkrechte, bodenlose Abgründe abfallen. Es ist bestimmt der Gnade der tibetischen Götter zu verdanken, daß sie sich immer wieder im letzten Augenblick mit ihren Eispickeln bremsen können.

Tilman's Krankheit, das "unbegreifliche Zögern des Bergsteigers, einen Fuß vor den anderen zu setzen", feiert zum letzten Mal in diesem Jahr fröhliche Urständ.

Vom letzten Zatr Wala Pass geht es dann steil abwärts. Oft lasse ich mich nur noch apathisch fallen, abgleiten. Der tröstliche Gedanke, daß es auf dieser Expedition nun nie mehr bergauf, sondern nur noch bergab geht, dringt nicht mehr zu mir durch. Ich taumele nur noch, mit schmerzenden Knien, aufs Äußerste beansprucht, abwärts.

Drei Stunden dauert der Abstieg von der letzten Passhöhe die zweitausend Meter hinunter bis in das Dudh Kosi Tal, nach Lukla.

Dort befindet sich die haarsträubende, kurze, geneigte, in den Abgrund abfallende Flugpiste. Der Kreis schließt sich, die Zivilisation hat uns wieder. Fast möchte ich "leider" sagen. Unsere Rucksäcke werden von der Polizei durchsucht. Am Amphu Laptsa hat uns niemand durchsucht, nicht einmal der "abscheuliche Schneemensch, der Yeti". Wir kehren in eine Welt zurück, in der es Autos, Flugzeuge, Telephone, Computer und Rauschgift gibt.

In dieser Welt beginnt sich vieles von dem, was wir erlebt haben, in der Erinnerung aufzulösen. Die Gefühle, Emotionen und Grenzerlebnisse lassen sich hier nicht mehr ohne weiteres nachvollziehen. Im Grunde wissen nur die Götter und der Wind des Himalaya, was wir erlebt haben.

WB00823_.GIF (134 bytes)  Teil 1:

Inhaltsverzeichnis

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