LAND OHNE RÄDER - DER SHERPA-HIMALAYA: TEIL 2

Klaus Dierks
©  Dr. Klaus Dierks 1982-2004

 

Die Höhe des Khumbu mit durchschnittlich 4 000 Meter zwingt die Sherpa zu einer ganz bestimmten Wirtschaftsform. Da sie sich nicht allein auf die Landwirtschaft verlassen können, sind sie als Ergänzung auf den Karawanenhandel und den Tourismus angewiesen.

Die Sherpa produzieren keine eigenen Handelsgüter, sondern sind Zwischenhändler zwischen Indien und Tibet. Sie handeln mit Salz, Wolle, Yaks, Butter, Reis, Zucker, Papier, Farbstoffen und anderen Chemikalien, sowie mit Eisenprodukten aus dem Dorf Those. In den Sherpahäusern sind bereits zahlreiche Produkte aus der Volksrepublik China zu finden, wie Porzellan, Schmuck, Seidenstoffe, Brokate und die typischen blau-grauen Stoffe, die man von Photos von den Menschenmassen in chinesischen Großstädten her kennt.

Jeden Samstagvormittag gibt es am Südwestausgang des Dorfes den großen, farbenfrohen Sherpamarkt. Auf zwei Terrassen drängen sich zahlreiche Kauflustige und Händler, hauptsächlich Sherpa und Tibeter. Letztere sind mit ihren Türkisen in den Ohren und von Korallen gehaltenen, geflochtenen Zöpfen leicht zu erkennen. Oft wandeln sie mit weltabgewandtem Ausdruck, mittels einer Handspindel Wolle spinnend oder eine Gebetsmühle drehend, durch die sich drängende und schubsende Menschenmenge. Gehandelt wird mit allem, was es zwischen Indien und China zum handeln gibt. Nur der Fleischmarkt ist nicht gerade appetitanregend. Die Schlachter, die einer von Sherpa und Tibetern besonders verachteten, niederen Kaste angehören, kommen mit ihren Schlacht-Wasserbüffeln weither aus dem nepalischen Mittelland.

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Samstag-Markt in Namche Bazar, 1984
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Es ist ein kleines Volk, das hier im Khumbu lebt. Alle Sherpadörfer des Khumbu zusammengenommen haben nicht viel mehr als tausend Häuser. Die Sherpa sind nicht kinderreich. Im allgemeinen gibt es in einer Familie nicht mehr als zwei Kinder. Um so erstaunlicher ist die Tatsache, daß diese kleine Gemeinschaft in der ganzen Welt bekannt ist und sich überall Respekt verschaffen konnte.

In fast 4 000 Meter Höhe ist Namche ein trostloser, feuchtkalter Flecken, wenn alles grau in grau in Nebel und Nieselregen gehüllt ist. Bis heute gibt es, trotz der vielen Bergsteiger und Trekker, noch kein fließendes Wasser. Man muß also im Nebelregen zum Gletscherbach laufen, der vom heiligen Berg der Sherpa, vom Khumbui Yul La herunterkommt, um die übliche Miniwäsche zu absolvieren. In einem der vielen Sherparestaurants sitzen etliche enttäuschte Trekker und warten, daß sich der Nebel lichtet. Sie sind böse, als ich sage, daß "wir Namibier solches schönes Regenwetter mehr als irgendein anderes auf der Welt lieben"!

Fünfhundert Meter über Namche liegen die beiden traditionellen Hauptdörfer der Sherpa, Khumjung und Khunde. Aus politischen und verwaltungstechnischen Gründen hat die nepalische Regierung weder Namche noch Khumjung oder Khunde zur Verwaltungshauptstadt des Solu Khumbu erhoben, sondern Okhaldunga, das auf nur 1 856 Meter Höhe, sechs Tagesmärsche südlich von Namche liegt.

Mehrere steile Serpentinenwege führen nach Khumjung und Khunde. Einer der Wege geht an der haarsträubenden, kurzen Flugpiste von Shyangboche vorbei, auf der einmotorige Flugzeuge vom Typ Pilatus Porter der "Royal Nepalese Airlines" in der Vergangenheit landen konnten, um die meist höhenkrankheitsgefährdeten Touristen für einen Tag herzufliegen, damit sie einen Blick auf den höchsten Berg der Welt werfen konnten - sofern er nicht, wie so oft, sein Haupt ungnädig verhüllt hat.

Seit 1982 ist die Flugpiste von Shyangboche im Auftrag des nepalischen Königs geschlossen. Dadurch kam es zum Bankrott des berühmten japanischen Luxushotels "Everest View Hotel", da die Touristen ausblieben. Das "Sherpa-Buschtelephon" weiß zu berichten, daß die Flugpiste von Shyangboche geschlossen wurde, weil der japanische Hotelkonzern dem König von Nepal keine Anteile an dem bis 1980 florierenden Unternehmen einräumen wollte.

Khumjung ist mit seinen einhundertundelf Häusern das größte aller Sherpadörfer. Die Häuser folgen dem üblichen, an Verzierungen reichen, zweistöckigen Sherpabaustil. Vor jedem Haus wehen Gebetsfahnen. Alle Häuser sind von Kartoffeläckern umgeben, die durch Natursteinmäuerchen voneinander getrennt sind. Zwischen den Häusern weiden mit melodischen Geläute ihrer Halsglocken Yaks, Dzos und Dzomos. Die Landwirtschaft basiert auch hier, wie überall im Khumbu, auf Kartoffelanbau und Yakzucht.

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Khumjung: Blick nach Süden mit Tramserku im Hintergrund 
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Khumjung: Blick nach Westen mit Kongde-Ri im Hintergrund 
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Khumjung im Khumbu 
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Über dem Dorf liegt an den steilen Hängen des Khumbui Yul La in einem Kiefernwäldchen die Gompa von Khumjung. Der etwa zwölf Quadratmeter große, quadratische Hauptraum des Kloster, der auf vier Säulen ruht, wird Dukhang genannt. In der Mitte des Dukhang thront ein vergoldeter Guru Rimpoche, der Bodhisattva Padmasambhava, der wichtigste Heilige der Sherpa. Vor dem Altar brennen viele Butterlämpchen, die einzige Lichtquelle im sonst stockdunklen Raum. Sie sorgen zusammen mit dem abgebrannten Weihrauch, dem modernden alten Holz und vergilbten Papier für einen durchdringenden und sehr eigenwilligen Geruch. In Dutzenden von kleinen Seitenfächern wird die lamaistische Bibel aufbewahrt, deren einzelne handgedruckte Seiten sich zwischen reichgeschnitzten, rechteckigen Holzdeckeln befinden. Die Bibel des tibetischen Buddhismus setzt sich aus dem einhundertundacht bändigen Kangschur zusammen, der seinerseits aus Suntra und Tantra besteht. Der Kangschur enthält die Texte Buddhas, die vor mehr als tausend Jahren von indischen Tantraheiligen aus den Originalschriften in Sanskrit und Pali ins tibetische übersetzt worden sind. Er besteht aus 84 000 Abhandlungen von Buddhas Lehre, die der historische Sakyamuni über Ethik, Disziplin, Verwaltung und Philosophie abgefasst hat. Der Tangschur ist ein Kommentarwerk zum Kangschur. Er besteht aus 225 Bänden und enthält die Auslegung der Doktrin Buddhas sowie Kommentare, die indische Gelehrte über die Jahrhunderte zusammengetragen und selbst verfasst haben. Die gewaltige Aufgabe der Übersetzung ins Tibetische wurde erst im Jahre 1325 abgeschlossen. Das Gesamtwerk zählt mehr als 140 000 auf beiden Seiten bedruckte Blätter. Das Studium von Kangschur und Tangschur erfordert zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre.

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Im Inneren der Khumjung-Gompa: links Teile des Kangschurs 
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Khumjung-Gompa: Mönche mit lamaistischen Musikinstrumenten 
Photos: Copyright: Klaus Dierks

In Khumjung erleben wir eine typische kleine Sherpagemeinschaft am Fuße des höchsten Berges der Welt. Die Sherpa sind von tibetischer Abkunft, sprechen tibetisch, gebrauchen tibetische und nicht die nepalischen Devanagari Buchstaben und tragen tibetische Kleidung. Wir werden sofort in die Hausgemeinschaft aufgenommen. Im April 1982 wohnen wir in dem schönen Haus unseres Sirdar Dawa Thondup. Am Feuer sitzen zwei Lamas, die offensichtlich eine Geisterbeschwörung vornehmen und mit nicht endenwollender Ausdauer stundenlang ihre monotonen Gebete murmeln und dazu den Takt mit Blechlöffeln gegen die Butterteetassen schlagen. Die beiden Lamas, die unsere Anwesenheit mit freundlichem Lächeln zur Kenntnis nehmen, sind ein fast komisch zu nennendes Paar. Der eine, sehr alte Lama ist klein und dick. Dagegen ist sein viel jüngerer Kollege von ausgesprochen hagerer Statur und mindestens zwei Köpfe größer als der Alte. Man muß sich diese Situation einmal bildlich vorstellen: Da sitzt dieses ungleiche Paar, murmelt stundenlang in rasender Geschwindigkeit vor sich hin und schlägt dazu mit Löffeln gegen die Tassen! Hier allerdings ist dieses Schauspiel offensichtlich ganz normal, und wir finden nichts merkwürdiges daran. Die Situation passt in diese Umwelt.

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Khumjung: Im Inneren eines Sherpahauses 
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Khumjung: Sherpakinder vor dem Gompa-Eingang
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Haben Tschang und Rakschi erst einmal die Zungen gelöst und sind die neuesten Yetigeschichten bereits erzählt, dann ist es nicht schwierig, auch etwas über das soziale Leben der Sherpa zu erfahren.

Ein starres Tabu verbot einst die Heirat zwischen Angehörigen bestimmter Gemeinschaften, doch wird diese Tradition immer weniger beachtet. Doch die Heirat innerhalb der eigenen Gemeinschaft ist ein Tabuverstoß, da die Sherpa in einigen Dörfern, besonders im Rolwaling, bereits Zeichen von Inzucht aufweisen. Ansonsten haben die Sherpa eine recht freizügige Moralvorstellung. Voreheliche Beziehungen, eheliche Untreue und uneheliche Kinder werden moralisch toleriert. "Dummheiten" innerhalb sittlich annehmbarer Grenzen sind erlaubt. Die hübschen jungen Sherpamädchen zieren sich nicht. Sie flirten, auch mit verheirateten Männern, gerne und ausgiebig.

Heirat und Scheidung werden ohne große Umstände vollzogen, wobei der Konsum von beachtlichen Mengen Tschang eine Rolle spielt. Die Ehe ist in erster Linie eine wirtschaftliche Angelegenheit und steht mit Liebesdingen in keinem sehr engen Zusammenhang. Bei der Aufdeckung von ehelicher Untreue entfaltet sich meist kein großes Drama. Solche "Seitensprünge" werden nur als Sünde angesehen, die das Karma, die "Kreditwürdigkeit" bei der nächsten Wiedergeburt, negativ beeinflusst. Anlass zu größeren Streitigkeiten geben sie nicht.

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Sherpa-Ehepaar in Na, östlich von Beding im Rolwaling mit Gaurisankar 7 145 m im Hintergrund
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Aus dieser, nach unseren Maßstäben freien, Lebensweise sollte man nun jedoch nicht ableiten, daß die Sherpa ein unmoralisches Leben führen. Nur kennen sie weder Puritanismus noch Heuchelei. Sie leben auch in dieser Hinsicht nach den Gesetzen der Natur. So sind uneheliche Kinder überall willkommen und von der Gesellschaft voll anerkannt. Die jüngere Tochter unseres Sirdar Dawa Thondup hat einen sechsjährigen Sohn, Ang Tsering, der offensichtlich keinen gesetzlichen Vater hat. Er wächst in der kleine Hütte der Großmutter auf, da der Großvater als Sirdar und Tochter Doma als Trägerin oft unterwegs sind.

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Dawa Thondup mit seinem jüngsten Enkelsohn Ang Tshering Sherpa aus Khunde: mit Angs Mutter und meiner Frau Karen Dierks: 1984
Photos: Copyright: Klaus Dierks

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Ang Tsherings Mutter in Khunde
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Es überrascht deshalb kaum, daß der Vaterschaftsnachweis in den alten tibetischen Gesetzen eine große Rolle spielt. Im alten Tibet wurden die interessantesten Rechtsmittel ersonnen, um unter den in Frage kommenden jungen Männern den gesetzlichen Vater zu bestimmen, falls ein solcher nicht von vorne herein eindeutig feststand. Vor Jahrzehnten wurde mir in Tibet von solchen Zeremonien berichtet: Der Lama des Dorfes ruft alle jungen Männer, die möglicherweise als Vater in Frage kommen, zusammen und läßt sie einen Kreis bilden. Das vaterlose Kindlein wird in die Mitte des Kreises gesetzt, und alle warten in Spannung, daß es loskrabbelt. Der erste beste, den das Kind berührt, wird vom Lama oder vom Ortsvorstand, dem Pemba, sogleich zum gesetzlichen Vater erklärt und verpflichtet, für den Lebensunterhalt des Kindes aufzukommen. Ob solche "Vaterschaftsnachweise" auch heute noch bei den Sherpa Brauch sind, konnte ich nicht feststellen.

Die Polyandrie hingegen, die "Vielmännerehe", die früher auch in Tibet üblich war, gibt es bei den Sherpa immer noch: Eine Frau darf mehrere Männer, ausschließlich die Brüder des Ehemanns, haben. Diese Form der Ehe sorgt dafür, daß immer ein Mann im Hause ist, und der Besitz wird nicht aufgesplittert. Wer wessen Kind ist, läßt sich natürlich nicht in allen Fällen feststellen. Als gesetzlicher Vater gilt in jedem Falle derjenige, der die Ehe offiziell geschlossen hat. Um ein Zusammentreffen der verschiedenen Männer bei der Ehefrau zu vermeiden, hängt der gerade Anwesende seinen Hut vor die Tür.

Anscheinend hat diese unkonventionelle Art noch nie zu Eheproblemen geführt. Neben der Normalform der Polyandrie gibt es auch noch eine andere Art der Vielmännerehe, die Tschamadung, die "Querbalkenehe". Bei einer solchen Ehe kann es vorkommen, daß, zum Beispiel, Vater und Sohn mit der gleichen Frau verheiratet sind.

Trotz der Polyandrie überwiegt heute jedoch die monogame Ehe. Eine solche Heirat wird durch verschiedene aufeinanderfolgende Zeremonien charakterisiert. Zunächst gibt es die feierlichen Handlungen der Sodena und der Dem Tschang. Während der Sodena geht der Vater des jungen Mannes zum Haus der Angebeteten, um den Heiratsantrag zu stellen. Er bringt einen großen hölzernen Krug mit Tschang mit. Die Zustimmung oder Verweigerung, den Tschang zu trinken, entscheidet über die Annahme oder Ablehnung des Heiratsantrages. Dem Tschang wird dann bei der Annahme der Sodena mit allen Freunden gefeiert und entspricht unserer Verlobung. Die Dem Tschang stürzt beide Familien, die sich die anfallenden Kosten teilen, oft in große finanzielle Unkosten, wird aber als Auftakt zur Hochzeit als notwendig erachtet.

Die Hochzeit selbst kann auf drei verschiedene Arten gefeiert werden: Zendi, Gyen-Kutop oder Rit. Zendi ist die "kirchliche" Trauung in der Gompa oder auch zu Hause, die vom Dorflama oder Pemba vorgenommen wird. Gyen-Kutop stellt die große Hochzeitsfeier mit Familienmitgliedern und Freunden dar. Rit wird nur von armen Familien gefeiert. Diese Feier ist eine einfache Zeremonie, bei der die Eltern des jungen Mannes zehn Rupien an die Eltern der Braut zahlen.

Kinder, die nach der Verlobung und vor der eigentlichen Hochzeitsnacht geboren werden, gelten als uneheliche Themba. Wird die geplante Hochzeit aus irgendwelchen Gründen abgesagt, dann muß der Vater des Themba-Kindes der Mutter eine Entschädigung für den zeitlichen Verlust der Arbeitskraft zahlen.

Für asiatische Verhältnisse ist die Stellung der Frau bei den Sherpa von außergewöhnlicher Freizügigkeit gekennzeichnet. Bei allen wichtigen Entscheidungen ist ihre Meinung genauso gefragt wie die des Mannes. Die Bedeutung der Frau im sozialen Leben der Sherpa wird durch die Tatsache unterstrichen, daß der tibetische Buddhismus die höchste Weisheit stets im Symbol des "Ewig Weiblichen" verkörpert sieht. Die Sherpafamilie ist ein ausbalanciertes System, in dem jedes Mitglied seine ihm zugewiesene Rolle spielt. Alte und Kinder sind keine Fremdkörper und werden in den Aufgaben- und Verantwortungsbereich der Familie mit einbezogen. Innerhalb der Familie gibt es keine abgeschlossene Gruppenbildung. Jede Altersgruppe hat einen bestimmten Aufgabenkreis, um den sie sich kümmern muß.

Tradition und Notwendigkeiten des täglichen Lebens bestimmen die Erziehung des Sherpakindes. Bis zum vierten Lebensjahr werden Kinder als unvernünftig und daher auch nicht für ihre Taten verantwortlich angesehen. Sie werden verwöhnt und niemals geschlagen oder beschimpft. Vom vierten Lebensjahr an muß das Kind jedoch Verantwortung in der Gemeinschaft übernehmen. Es muß Holz und Dung sammeln und wird auch bereits zum Viehhüten eingesetzt. Im Falle der Weigerung, diese kleinen Aufgaben zu erfüllen, wird dem Sherpakind mit Liebesentzug gedroht. Es ist bemerkenswert, in welchem Maße innerhalb der Familie Aggressionen kontrolliert werden. Das Kind lernt früh, Anlässe zu irgendwelchen Aggressionen zu vermeiden. Schamgefühl und Gehorsam spielen in der Erziehung eine große Rolle. Gewaltlosigkeit und Ehrlichkeit als buddhistische Tugenden nehmen in der Erziehung einen vorrangigen Platz ein.

Spielzeug im westlichen Sinne kennt das Sherpakind nicht. Der sechsjährige Ang Tsering, Dawa Thondups Enkelsohn, bindet dem geduldigen Haushund Yakhörner um und spielt "Yakhüten". Oder er schnitzt aus Kartoffeln Yaks und symbolisiert unbewusst die beiden wichtigsten Parameter im Leben der Sherpa, das Yak und die Kartoffel.

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Ang Tshering spielt mit "Kartoffel-Yaks"
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Das Leben eines Sherpa wird durch streng festgelegte Zeremonien von der Geburt bis zum Tode geregelt. So wurden, zum Beispiel, neugeborene Kinder noch vor wenigen Jahrzehnten in eiskalte Gletscherbäche getaucht, um in der lebensfeindlichen Umwelt des Himalaya ihre Widerstandsfähigkeit zu prüfen. Wurde diese Prüfung nicht bestanden, dann ist dem Kind vermutlich viel Leid auf dieser Erde erspart geblieben. Die Sherpagemeinschaft kann es sich nicht leisten, sich mit Kranken und Schwachen zu belasten.

Die Sherpa sind im allgemeinen, durch die rauhe Umwelt abgehärtet, ein besonders gesundes, robustes Volk. Das ist auch sehr nötig, da es, abgesehen vom "Edmund Hillary Hospital" in Khunde und einer "Erste Hilfe Station" der "Himalayan Rescue Association" für höhenkranke Bergsteiger und Trekker in Pheriche, kaum ärztliche Hilfe im Khumbu gibt. Die neuseeländischen Ärzte in Khunde erzählen uns, daß die Sherpa hauptsächlich mit Lungentuberkulose und Unfällen, meistens Verbrennungen am häuslichen, offenen Feuer, zu ihnen kämen. Auch die Wöchnerinnen aus der Umgebung von Khunde machen im steigenden Maße von diesem modernen Hospital am Fuße des höchsten Berges der Welt Gebrauch.

Die Totenzeremonie kann bei den Sherpa wie auch bei den Tibetern auf verschiedene Art abgehalten werden. Bei der Bestattung spielen die kosmischen Elemente eine ausschlaggebende Rolle. Die Leiche kann in der "Erde" vergraben werden, sie kann dem "Wasser" eines Flusses überantwortet werden, sie kann im "Feuer" verbrannt oder einfach der "Luft" überlassen werden. Letztere Methode der Bestattung wird im holz- und wasserarmen Hochland von Tibet, wo zudem der Boden lange Monate hindurch gefroren ist, besonders häufig angewendet. Die Leiche wird von "Leichenzerschneidern" zerlegt, so daß der Mensch nach buddhistischem Zeremoniell ohne Spur verschwinden kann.

Sobald der Tote von Raubtieren oder -vögeln vertilgt worden ist, kommen die Angehörigen, zerstampfen die Knochen und beschmieren sie mit der zeremoniellen Opferbutter (Torma), um die letzten Überreste für die Aasfresser genießbarer zu machen. Im südlichen Khumbu, wo es mehr Holz gibt, werden die Leichen häufig verbrannt. Im Falle von Lamas und anderen wichtigen Persönlichkeiten wird die Asche in Tschörten beigesetzt. Manchmal werden die Schädel von solchen Personen auch in Gompas aufbewahrt. Inkarnationen eines Bodhisattvas werden in sitzender Haltung einbalsamiert. Reliquien von solchen "Wiedergeburten" werden Nanten genannt und in der Gompa verehrt.

Die Sherpa sind gute Bauhandwerker, was im Stil und in der Ausführung ihrer kunstvollen Häuser zum Ausdruck kommt. Sieht man von der Bildhauerei, Steinbearbeitung und den Pergament- und Wandmalereien ab, die von immer weniger Lamas und Laien ausgeführt werden, verfügen die Sherpa allerdings nicht über die hochstehende handwerkliche Geschicklichkeit der Tibeter oder der Newar. Metallarbeiten in Gold, Silber und Bronze werden von Hindu-Goldschmieden, den Kami, ausgeführt. Kami, die sich vor allem in Namche niedergelassen haben, stellen neben Schmuckstücken auch Gebetsmühlen und Küchengegenstände her. Die wunderschönen, mit Türkisen und Korallen besetzten Amulett-Schmuckkästchen wiederum, die Ga'u genannt werden, kommen aus Tibet. Die vielen Manisteine und Tschörten an den Fußpfaden des Khumbu werden jedoch von Sherpa-Steinmetzen bearbeitet.

Für die Aufrechterhaltung von Gesetz und Ordnung in den Dörfern haben die Sherpa ihre eigenen Ordnungshüter, die sie Naua oder Chorpen nennen. Diese dörfliche "Sherpa-Polizei" überwacht zum Beispiel die Verteilung und Bebauung der den Familienoberhäuptern gehörenden Äcker und die Nutzung der gemeinschaftlichen Weiden. Vom Jahresende bis zur Erntezeit darf niemand die besäten Felder betreten. Ebenso sind Streitigkeiten und Gewalttätigkeiten in dieser Zeit verboten, da sie - so glauben die Sherpa - die Ernteergebnisse beeinträchtigen können. Verstöße gegen diese uralten Gewohnheitsgesetze werden geahndet. Geringe Vergehen werden mit der Zahlung von Tschang- und Rakschirunden bestraft, und schwerere Vergehen werden durch Zahlungen an die Gompa-Kasse gesühnt.

Der Schutz der Wälder ist zwei Chorpen anvertraut. Sie allein haben das Recht, Privathäuser zu betreten, um den Holzverbrauch zu kontrollieren. Beim Holzschlagen müssen strenge Regeln befolgt werden, das Sammeln von Reisig ist jedoch erlaubt. Die Erhaltung der Wälder ist für die Bewohner des Khumbu eine Überlebensfrage. Erst in jüngster Zeit wird das Jahrhunderte alte, äußerst empfindliche ökologische Gleichgewicht durch die zunehmende Überbevölkerung und die Zunahme des Trekking- und Expeditionstourismus gestört.

Die Naua leiten auch die Bittandachten in der Dorf-Gompa und überwachen die Einhaltung der religiösen Vorschriften. Die eigentlichen Gompawächter heißen Chorumba. Sie sorgen während der Tempelandachten für Ordnung und haben sogar Züchtigungsrecht, was bei den Sherpa, die wackere Zecher sind, auch oft sehr nötig ist.

Beim Mani Rimdufest in Tengpoche gebrauchen die Chorumba ihre langen Lederpeitschen, um den Tempeltänzern Platz und Respekt zu verschaffen. Vorwitzige Sherpa oder auch einmal ein aufheulender Hund bekommen zur Freude der anderen, schadenfroh lachenden Sherpa einen kräftigen Hieb ab. Neugierige, photo- oder videobesessene Touristen werden mit einem symbolischen Schlag bedroht, obwohl sie das buddhistische Tanzfest oft viel nachhaltiger stören als tschangangeheiterte Sherpa oder der Gompahund.

Die Pemba sind Steuereinnehmer und Friedensrichter. Sie bestrafen Verstöße gegen das Gewohnheitsrecht der Sherpa und treten bei Ehestreitigkeiten als Schiedsrichter auf. Inzwischen gibt es im Khumbu aber auch staatliche Polizeistationen, so etwa in Namche und in Thame.

Die Sherpa-Dorfdemokratie ist eine Demokratie, die auf Eigenverantwortung gegenüber der Gesellschaft beruht, und bisher funktionierte sie bestens. Erst in neuester Zeit wurden diese alten Formen gestört. So wurde den Sherpa von der nepalischen Regierung überflüssigerweise das Panchayatsystem aufgedrängt, das die mustergültige, alte Sozialordnung der Sherpa verdrängte, ohne eine wirkliche bessere Alternative anbieten zu können. Von der Regierung wurde nicht berücksichtigt, daß das Panchayatsystem, das unter anderen geographischen und ethnologischen Voraussetzungen entstanden ist, den Sherpa wesensfremd ist.

Glücklicherweise ist Kathmandu weit weg! Die Zentrale Regierung wirkt auf die Sherpa wie ein fernes Gewitter. Wenn es donnert, geht man für eine Weile in Deckung, um dann wieder seine normalen Geschäfte aufzunehmen. Amtliche Verfügungen bleiben in vieler Hinsicht unbeachtet.

Eines der schönsten Erlebnisse, das unsere Erde zu bieten hat, ist eine Wanderung auf dem "Traumweg der Welt" von Khumjung zum Everest Kloster Tengpoche. Es ist ein eiskalter Morgen. Die Bergriesen des Khumbu umgeben Khumjung in kristallener Schönheit. Auf jedem Dach flattern die Gebetsfahnen, die den manchmal grobschlächtig wirkenden Sherpahäusern in der frostklaren Luft den Anschein von Schwerelosigkeit verleihen. Zwischen den vielen Klippenmauern ziehen riesige, zottelige Yaks, laufen Ziegen über die Schwellen der Häuser und tollen schmuddelige Sherpakinder herum.

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Kangtega 6 779 m von Khunde aus gesehen
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Der "Traumweg der Welt" führt an Tschörten, Gebetsfahnen und Manimauern vorbei. Er scheint direkt in den 6 856 Meter hohen Amai Dablam, einen der schönsten Himalayaberge überhaupt, hineinzuführen. Man sieht die Gompa Tengpoche bereits auf der anderen Seite des Imja Tales liegen. Von dem Dörfchen Trashinga fällt der gut begehbare Weg steil nach Phunki ab. Auf der auf Steinwiderlagern aufgelegten Balkenbrücke von Phunki erreicht man mit 3 250 Meter den tiefsten Punkt zwischen Khumjung und Tengpoche. Von der Brücke über den wild schäumenden Imja Fluss, dessen Wasser größtenteils vom Khumbugletscher und damit vom höchsten Berg der Welt kommt, geht es auf einem steilen Zickzackweg mehr als 600 Meter, auf eine Höhe von 3 867 Meter, nach Tengpoche hoch.

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Blick von Khunde auf den Tramserku 6 808 m
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Der Weg von Phunki nach Tengpoche ist leicht zu bewältigen, aber schweißtreibend und hat so manchen Touristen schon an den Rand seiner Kräfte gebracht. Er führt durch wunderbare Tannen- und Lärchenwälder aufwärts. Wir haben ständig neue Ausblicke auf die Kongde-Ri-Bergkette westlich von Namche Bazar und auf Tramserku und Kangtega direkt vor uns im Süden. Über dem Bergkamm von Tengpoche tritt ganz unvermittelt die große Tschörte der Gompa hervor. Von hier aus hat man auf den höchsten Berg der Erde eine der schönsten Aussichten, die unser Planet zu bieten hat. Neben der Tschörte weht eine hohe Gebetsfahne. Die großen Gebetsfahnen werden Tarchen genannt. Ein mit den heiligen Texten bedrucktes, rechteckiges Stück weißes Fahnentuch ist senkrecht an einem hohen Pfahl befestigt und "läßt den Wind die Gebete lesen". Während der vielen religiösen Festtage werden Hunderte von kleinen, vielfarbigen Gebetsfahnen, Lung-To, an Fenstern und Türen der Sherpahäuser befestigt.

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Die Sherpa-Gompa Tengpoche im Khumbu: Blick nach Norden
Photos: Copyright: Klaus Dierks

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Tengpoche: Blick nach Süden zum Amai Dablam 6 828 m
Photos: Copyright: Klaus Dierks

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Tengpoche mit Tschörte: Blick nach Süden zum Kangtega 6 779 m links und Tramserku 6 608 m
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Tengpoche mit Tschörte: Blick nach Süden zum Kangtega
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Tengpoche im Khumbu: Blick nach Osten zu den höchsten Bergen der Welt: Everest/Lhotse/Nuptse-Mauer
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Die Gompa Tengpoche bietet nicht nur einen überwältigenden Blick auf die gewaltige Nuptse-Lhotse-Gebirgsmauer mit der Chomo Lungma, dem dritten Pol der Erde, sondern ist vor allem auch der geistige Mittelpunkt des Sherpavolkes. Nach tibetischer Zeitrechnung wurde das Kloster im Jahre des "Feuer-Drachen" (1915) vom Lama Gulu aus Khumjung gegründet, nachdem der Lama von Rongbuk, Zatul Ngawang Tenzing Norbu, ihn überredet hatte, ein großes Kloster im Khumbu zu bauen, so wie es eine alte Prophezeiung vorausgesagt haben soll.

Die Sherpa sind ohne Ausnahme Buddhisten der Kar-Gyud-pa-Sekte, die die älteste, nicht reformierte Form des tibetischen Buddhismus vertritt. Vor der chinesischen Machtergreifung in Tibet war Lhasa der geistige Mittelpunkt für die Sherpa. Obwohl der Dalai Lama auch heute noch von den Sherpa verehrt wird, ist der Tschaui Lama, auch Sherpa Lama genannt, der wiedergeborene Rimpoche von Tengpoche, das geistliche Oberhaupt der Sherpa.

In den heiligen Khambalung-Texten heißt es, daß das Gebiet von Tengpoche wie ein Schwein geformt sei. Vor langer Zeit kam der große Lama Sangwa Dorje nach Tengpoche, um hier zu meditieren. Auf einem Felsen über der Gompa, der jetzt als Heiligtum verehrt wird, kann man immer noch seine Fußspuren sehen. Es gibt auch noch einen weiteren Felsen, auf dem Lama Sangwa Dorje seinen Hund gefüttert haben soll. Dieser Felsen befindet sich jetzt im Inneren der Gompa.

Der derzeitige wiedergeborene Rimpoche wurde als Sohn von Pasang Namgyal und Palzum Diki ungefähr 1940 in Namche geboren. Als kleines Kind brachten ihn seine Eltern nach Lhasa. Zu jener Zeit träumte Sherap Tsepal, einer der Geldgeber und Gönner des Klosters, daß der letzte, noch nicht lange verstorbene, Rimpoche von Tengpoche, Gulu Lama, wiedergeboren sei. Der kleine Sohn von Pasang und Palzum war in der Lage, das Innere des Klosters genau zu beschreiben und persönliche Gegenstände der Gompa Rongbuk in Tibet zu identifizieren. Der Lama Zatul Rimpoche von Rongbuk erklärte daraufhin: "Dieses Kind ist der wiedergeborene Bodhisattva von Tengpoche".

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Der "Wiedergeborene Lama vonTengpoche", der Tschaui-Lama
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Ein wiedergeborener Rimpoche - Rimpoche heißt Juwel - ist ein Mensch, der durch Studium der heiligen Schriften und Meditation höchste Erkenntnis und damit die Möglichkeit, ins Nirvana einzugehen, gewonnen hat. Er verzichtet aber darauf und kehrt stattdessen freiwillig auf die Erde zurück, um seine leidenden Mitmenschen durch Weitervermittlung seiner eigenen Erkenntnis zu helfen. Er wird dadurch zu einem Bodhisattva, dessen göttliche Natur es erlaubt, daß er in einem neuen menschlichen Körper Platz nehmen kann. Er wird durch eigenen Entschluss wiedergeboren und durch Prophezeiung, bestimmte körperliche Merkmale und das Ausweisen von Gegenständen, die dem Bodhisattva in seinem vorigen Leben gehörten, als neuer Rimpoche erkannt.

Nach dem Dogma der Gelug-pa, der "Tugendhaften Gelbmützensekte", die Tsong-Kha-pa im 15. Jahrhundert als Reformbewegung in Tibet gründete, ist der jeweilige Dalai Lama eine Wiedergeburt des Bodhisattva Tschenresig, auf Sanskrit Avalokiteshvara. Tschenresig ist der Bodhisattva des Tathagata Amithaba, einer der fünf Meditationsbuddhas. Auch der neue Dalai Lama wird durch Prophezeiung, bestimmte Körpermerkmale und Erkennen von Gegenständen identifiziert. Diese Gegenstände sind die zeremonielle Glocke, Tril-bhu, der Donnerkeil, Dorje, die liturgische Doppeltrommel, Nga-chung, und der Rosenkranz des Verstorbenen, Trenghwa. Während ein Normalsterblicher nach dem lamaistischen Glauben innerhalb von vierzig Tagen wiedergeboren wird, kann diese Phase bis zur nächsten Wiedergeburt beim Dalai Lama viel länger, nämlich bis zu zwei Jahren dauern. Die Familien, in denen solche "göttliche Wiedergeburten" vorkommen, werden Yapshi genannt.

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Ganden-Gompa, östlich von Lhasa in der zentral-tibetischen Provinz Ü: eine der "drei Säulen des Staates": in der chinesischen Kulturrevolution zerstört und teilweise wideraufgebaut (1997)
Photos: Copyright: Klaus Dierks

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Ganden-Gompa: Tsong-Kha-pa: Gründer des Gelug-pa-Ordens (Gelbmützenorden)
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Wiedergeburten können manchmal sogar auf dreifache Weise stattfinden: Die Seele des verstorbenen Rimpoche kann in Gestalt des Körpers, des Herzens und der Stimme auf drei verschiedene Wiedergeburten übergehen.

In der "alten" Zeit, vor 1950, hatten die Sherpa enge Kontakte zu Tibet. Die Beziehungen, die zwischen den beiden Everest-Klöstern, Tengpoche im Süden und Rongbuk im Norden, über den fast 6 000 Meter hohen Nup-La unterhalten wurden, existieren nicht mehr. Rongbuk ist heute eine traurige Ruinenstätte. Die Dächer der alten Gompa sind eingestürzt und die kostbaren tibetischen Wandmalereien zerstört. Seit die Garden der chinesischen Kulturrevolution dort gewütet haben, sind die Mönche, die dort lebten, in alle Winde zerstreut oder gar umgebracht worden. Der wiedergeborene Lama von Rongbuk konnte damals entkommen und fand in Tengpoche Asyl. Er lebte noch in den achtziger Jahren in einer Gompa in der Nähe von Junbesi im Sherpaland.

(1997 erlebte ich, dass die Gompa Rongbuk zum großen Teil wieder aufgebaut ist und dass dort wieder etwa 50 Mönche leben).

Vor dem letzten Weltkrieg war Rongbuk, genauso wie heute Tengpoche, eine tolerante Begegnungsstätte zwischen den beiden verschiedenen Welten des westlichen Bergsteigers und des tibetischen Buddhismus. Beide Weltanschauungen zogen und ziehen immer noch aus diesen Begegnungen Nutzen. Damals in Rongbuk und später in Tengpoche begann der so fruchtbare Kontakt zwischen den Sherpa und den Bergsteigern zu wachsen und zu gedeihen. Dafür, daß diese Begegnung durchaus Nutzen für die frommen Bewohner des Sherpalandes bringt, möge die folgende Geschichte Beispiel sein.

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Ein tibetisches Dorf südlich vom Pang La, auf dem Anfahrtswege nach Rongbuk, 1997
Photos: Copyright: Klaus Dierks

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Das Dorf Passum auf dem Anfahrtswege nach Rongbuk, Tibet, 1997
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Rongbuk-Gompa, Tibet, 1997
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Die Chomo Lungma vom tibetischen Basislager aus in Rongbuk, 1997
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"In der Gompa von Tengpoche ließ irgendeine Expedition einen Sauerstoffbehälter zurück. Da Umweltverschmutzung für die Sherpa ein noch weitgehend fremdes Phänomen ist, führten sie den Zylinder sogleich einem nützlichen Zwecke zu: Sie gebrauchen ihn heute noch als Gong im Kloster. Für die Geisteshaltung der tibetischen Buddhisten ist das symbolisch. Jeder Gegenstand ist von Göttern bewohnt und kann seine Daseinsberechtigung nur aus der Tatsache herleiten, daß er Teil des göttlichen Kosmos ist."

Die Religionsausübung ist für die Sherpa etwas so Alltägliches wie der Kartoffelanbau oder die Zucht von Yaks. Der tibetische Buddhismus der Sherpa ist tief im alten tibetischen Naturglauben, der Bön-Religion oder Bon C'os, verwurzelt, zu dessen Ritual Zauberei, Hexenkünste und Opfer gehören. Buddha muß seinen Himmel auch mit vielen Göttern des Hinduismus teilen. Die gesamte Umwelt der Sherpa ist von Dämonen bevölkert, die Teil der lamaistischen Mythologie und einen angemessenen Platz im Sherpaleben haben. Manchmal fragt man sich, ob der Yeti, der "geheimnisvolle Schneemensch" des Himalaya, der auch schon öfter Tengpoche heimgesucht haben soll, nicht nur ein tibetisches Fabelwesen ist.

In Tengpoche kann man entweder sein Zelt vor der großen Tschörte aufschlagen oder in einem der Lamahäuser übernachten. Es gibt inzwischen auch einige von den Lamas betriebene Trekker- und Bergsteiger-Lodges, sowie eine Lodge des "National Park Board" des "Sagarmatha National Park". Die Lamahäuser sind nicht besser ausgestattet als irgendein beliebiges Sherpahaus. Von der schwarz berußten Decke hängen Yak-Fleischstücke, die geräuchert werden sollen, und fettig-schwarze Ruß-Stalaktiten herunter. Die Wandverkleidung um den Feuerplatz, den Thap, gleicht einem schwarzen Fell. Infolge des ewigen Rauchs leiden die Lama wie alle Sherpa gewöhnlich unter Bindehautentzündung und Husten mit der dazugehörigen Spuckerei. Dennoch glauben sie, daß der Rauch Heilkräfte enthalte und Krankheitskeime abwehre. Wir können den Rauch mit tränenden Augen oft nur schwer ertragen.

In der Lama-Batti von Tengpoche wird das typische Sherpaessen zubereitet. Man kann Kartoffelpuffer oder Bratkartoffeln bestellen, die auf Sherpa Gurr oder auf Nepali Alu Roti genannt werden. Es gibt auch Mungma, ein äußerst scharfes Nudelgericht, das die Sherpa sehr lieben, oder Shapka, Sherpa-Stew, und natürlich Tschang, der aus Reis, Roggen, Hirse oder Mais gebraut wird. Auch vegetarische oder nicht-vegetarische Mo-Mos, mit Gemüse oder Fleisch gefüllte tibetische Pasteten, sind sehr zu empfehlen.

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Lama-Batti in derTengpoche-Gompa: Dawa Thondup Zweiter von links
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Die meisten Sherpa leben eine Zeitlang als Laienmönche in einer Gompa. Aus diesem Grunde und auch dank der von Edmund Hillary im Khumbu gebauten Schulen ist bei ihnen das Analphabetentum nicht so weit verbreitet wie in anderen Teilen Nepals. "Lamabücher", handgedruckte Papiere mit den heiligen Texten zwischen Holzdeckeln, gibt es in fast jedem Haus. Die Lamabücher werden in den Handdruckereien der Gompas hergestellt. Fast jede größere Gompa im Sherpaland verfügt über eine solche einfache Druckerei. Die Druckstöcke sind hölzerne Matrizen, auf denen die heiligen Texte spiegelbildlich geschnitzt sind. Die Matrizen werden mit einer tintenähnlichen Flüssigkeit befeuchtet und dann auf die handgeschöpften Papiere gedruckt. Gutenbergs geniale Erfindung mit den beweglichen Buchstaben hat noch keinen Eingang in die Druckereien auf dem Dach der Welt gefunden. Auf die einfache, aber nichtsdestoweniger wirkungsvolle "Gompa Manier" werden die Zehntausende von Seiten des Kangschur und Tangschur gedruckt und in den Klöstern aufbewahrt. Abschriften werden auch in den Dörfern zirkuliert und an Privatpersonen abgegeben.

Die Laienbrüder in den Gompas heißen im Unterschied zu den Lamas Trapa. Sie sind von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nicht nur mit Studien und Meditation, sondern auch mit der Zucht und Pflege von Yaks, dem Sammeln von Feuerholz, Anlegen von Wasserversorgungsanlagen, Saubermachen in und Reparaturen an der Gompa, mit Aussaat und Ernte sowie mit der Produktion von Butter und Käse beschäftigt. Die geldlichen Reserven der Gompa, die von den Gläubigen gespendet werden, werden nur für den Unterhalt der Gompa, für Tschörten und Manimauern sowie für zeremonielle Zwecke und die jährlich stattfindenden mystischen Tanzfeste verwendet. Die reicheren Sherpa-Landwirte und Handelsherren sind die Hauptgeldgeber. Jede Klosterspende bringt dem frommen Spender "Sönam" im nächsten Leben ein.

Die Sherpa sind erdverbundene Menschen. Die harte Umwelt hat sie zu Realisten gemacht. Selbst als fromme Buddhisten essen sie Fleisch, wenn sie auch die Tiere nicht selber schlachten. Blutsauger, wie Blutegel und Moskitos, tötet selbst der sonst so fromme Nima Lama. Das Fleisch von Yak-Kühen wird bisweilen getrocknet oder geräuchert, eine Spezialität, die in Namibia Biltong genannt wird und sehr beliebt ist.

Im Hauptgebäude der Gompa von Tengpoche gibt es zwei heilige Räume übereinander. Im Erdgeschoss befindet sich der Dukhang. In der Mitte des Altars im Dukhang sitzt der historische Buddha Sakyamuni. Ihm zur rechten sitzt der Bodhisattva Tschenresig und zur linken der Guru Rimpoche. Hier werden auch der vollständige Kangschur und Tangschur sowie die heiligen Texte des Nyingma Gyumbum aufbewahrt. Im zweiten Geschoss befindet sich eine große Tschörte aus Gold, Silber und Bronze. Die bunten Wandgemälde in der Gompa wurden von dem Sherpa Kapa Kalden ausgeführt. Leider wurde Ende der achtziger Jahre die Tengpoche Gompa teilweise von Feuer zerstört, ist aber inzwischen wiederhergestellt worden.

Die große, drei Meter hohe Gebetsmühle in einem kleinen Gebäude südlich des eigentlichen Gompa-Komplexes, wurde von Pasang Namgyal, dem Vater des heutigen Tschaui Lama von Tengpoche in der tibeto-buddhistischen Tradition verwirrend bunt bemalt. Zum Schutz und zur Bewachung dieser von den Sherpa sehr verehrten Gebetsmühle ist ein alter Exil-Tibeter, Atardi, von der Gompaverwaltung angestellt (1984). Neben der Versorgung der Gebetsmühle leistet der würdige, alte, zahnlose Tibeter Hilfsdienste bei den Gompadiensten und Tempelfesten, wie Feuermachen, Butterteekochen und der Herstellung von einem über die Grenzen von Tengpoche hinaus berühmten, recht starken Rakschi.

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Gebetsmühlen in der Tengpoche-Gompa
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Derzeit (1984) leben in Tengpoche fünfunddreißig Lamas. Die wichtigsten religiösen Feiertage, die im Laufe des Jahres begangen werden, sind Tsirim, Osho, Niungne, Dorsem, Yertschang und Mani Rimdu. Weitere religiöse Feste, die im Sherpaland gefeiert werden, sind Yerne, Dubche, Gutak, Dardo und Tsedup.

Diese religiösen Festlichkeiten, die im Sherpa-Alltag sehr bedeutsam sind, werden über das Jahr verteilt abgehalten. Die vier Jahreszeiten werden durch vier Gottheiten dargestellt, die ihren festen Platz in der lamaistischen Religion haben: Die blaue Yigri-Gyemo ist die Sommergöttin, Gungi-Gyemo ist die gelbe Wintergöttin, die grüne Tongy-Gyemo ist die Göttin des Herbstes und Chigi-Gyemo ist die rote Göttin des Frühlings. Bei den verschiedenen religiösen Festlichkeiten, besonders beim Mani Rimdu Fest im Oktober/November, tauchen die vier Gottheiten immer wieder auf.

An den vielen, oft mehrere Tage dauernden Festen nimmt die gesamte Bevölkerung mit großer Lebhaftigkeit teil. Der Zeremonienmeister und Organisator dieser Veranstaltung ist der Lawa, der die nötigen Gelder durch die Erhebung einer Feststeuer aufzutreiben hat und die Pflichten zur Durchführung des Festes verteilt. Er hat auch dafür zu sorgen, daß genug Torma oder Phema, eine Mischung aus Butter und Tsampa, und ausreichende Mengen von Tschang vorhanden sind. Die zahlreichen, oft sehr künstlerisch gestalteten Torma-Figuren sind wie die jeweiligen Gottheiten, zu deren Ehren das Fest stattfindet, geformt.

Im April und Oktober, zum Beginn und am Ende der landwirtschaftlichen Tätigkeiten, wird das Tsirimfest gefeiert, um die bösen Geister von den Feldern fernzuhalten. Ein anderes Fest, das zum Schutz der Aussaat Anfang Mai begangen wird, ist das Oshofest. Während des Osho werden die Yaks von den Feldern geholt, und um die Häuser wird eine magische, fiktive Schutzmauer gezogen, die die Dämonen des Himalaya abschrecken soll.

Ende Mai, Anfang Juni wird das Niungne-Fest zur Vergebung der Sünden abgehalten. An drei Tagen wandert die gesamte Bevölkerung im Uhrzeigersinn um alle Tschörten und Manimauern des Dorfes. Während dieser feierlichen Handlung verabreichen die Lamas den Teilnehmern zeremoniell zubereitete Speisen. Ob dieses Zeremoniell unserem Abendmahl entspricht?

Ende Juli wird ein zweitägiges Fest gefeiert, Dorsem, das Fest des Dorftempels. Diese Festlichkeit ist dem Gedenken des Todestages des im ganzen Sherpalande hochverehrten Lama Sangwa Dorje gewidmet. Auch am Dorsem nimmt die gesamte Dorfgemeinschaft teil. Nur die Hütejungen müssen auf den Hochweiden bei den Yakherden bleiben.

Anfang August wird Yertschang, das Bierfest des Sommers abgehalten. Dieses Fest soll diejenigen trösten, die keine Yaks besitzen und sich zu dieser Zeit, mitten im Monsun, deshalb nicht auf den Hochalmen, sondern zu Hause im Tal aufhalten.

Die größten Feste, die die Sherpa im Laufe des "Gompa-Jahres" feiern, sind die Mani-Rimdu-Festlichkeiten in Tengpoche, in der Nachmonsunzeit, beziehungsweise in Thame, in der Vormonsunzeit. Zur Zeit der Sommersonnenwende finden die lamaistischen Maskentänze, Cham, in der Hemis Gompa in Ladakh statt. Dreimal, im November 1980 (Tengpoche), wieder im Oktober 1984 (Tengpoche) und im Juni 1999 (Hemis), hatten wir bereits Gelegenheit, dieses großartige buddhistische Tanzdrama zu erleben. Diese "Super Sherpa Show" der farbenfrohen Lamas im Angesicht der höchsten Berge der Welt kann für den westlichen Zuschauer die "Erfahrung des Lebens" werden.

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Mani-Rimdu-Fest in der Tengpoche-Gompa, 1984
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Das Mani Rimdu Fest von Tengpoche beginnt am Neumondtag des neunten tibetischen Monats mit dem Sachok. Am ersten Tag des zehnten Monats, Kartik, folgt die Tagun-Zeremonie. An den nächsten drei Tagen begehen die Lamas die Zeremonie der Opfermandala, die mit weiteren Opfern und der Verteilung der Opferspeisen, Mani Rilbu genannt, fortgesetzt wird. Am sechzehnten Tag finden dann die große Prozession und die Maskentänze der Lamas, Cham, durch die der Sieg des Buddhismus über die Bön-Dämonen dargestellt werden, statt. Am 17. Tag endet das große Fest mit dem Zhinsak, dem Feueropfer. Jede Zeremonie ist voller religiöser Symbolik, man könnte auch von einer Gebets-Zeremonie sprechen.

Die Einleitungsveranstaltungen zum Höhepunkt, den letzten fünf Tagen des Mani Rimdu, laufen immer nach einem ähnlichen lamaistischen Zeremoniell ab. Der Höhepunkt des Mani Rimdu ist mit dem Vollmond des nepalischen Kartik-Monats, der in den Oktober/ November fällt, erreicht. Mehrere Tage vor dem Kartik-Vollmond beginnen, zum Sonnenuntergang, die Mani Rimdu Gottesdienste im Hauptraum der Gompa, dem Dukhang. Sie werden jeweils um etwa 16Uhr30 mit dem Klang der alphornähnlichen Dungchen und den Muschelhörnern, sowie dumpfen Gongschlägen angekündigt. Im Dukhang ist es fast völlig dunkel, und nur die flackernden Butterlämpchen verbreiten einen gespenstischen Lichtschein. Am Eingang zum Dukhang ist der Opferaltar mit den bunten Mani Rilbu Opferspeisen aufgebaut. Diese Opferspeisen sind aus Torma und rotem Reis geformte, symbolisierte Götter und kultische Gegenstände.

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Beginn des Mani-Rimdu-Festes in der Tengpoche-Gompa, 1984
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Die tibetischen Trompeten werden geblasen, Muschelhörner brummen und die Pauken werden in einem schnellen, regelmäßigen Rhythmus geschlagen. Durch diese Lamamusik wird eine absolut fremdartige Atmosphäre geschaffen. Die Lamas sitzen sich in langen Reihen vor niedrigen Tischen gegenüber und murmeln rhythmisch schnell in verschiedenen Tonhöhen, wobei die Baßfrequenzen überwiegen, die langen Litaneien ihrer Gebete. Der Rimpoche, der Tschaui Lama, sitzt derweil, in tiefe Meditation versunken, im Lotussitz auf dem Thron des Lama Gulu.

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Mani-Rimdu-Fest in der Tengpoche-Gompa, 1984
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Der Tschaui Lama unterscheidet sich, abgesehen von seinem erhöhten Thronsitz, nur in der orangenen Farbe seiner Robe von den anderen Senior-Lamas, die dunkelrote Roben tragen. Die Verrichtungen des Gompadienstes werden vom Lawa, dem Zeremonienmeister von Tengpoche, geleitet. Die Lamas beten stundenlang monoton vor sich hin, zwischendurch wird zeremonieller Buttertee gereicht. Ab und zu jagt der Chorumba einige Touristen weg, die sich auf verkehrten Sitzen, die den Lamas vorbehalten sind, niedergelassen haben. Später steigern sich die Gebetslitaneien zu einem eindrucksvoll-unheimlichen Singsang, erst in zwei, später in drei Tonfolgen. Dieser, durch das Halbdunkel noch verstärkte, gespenstisch-fremdartige Lamachor wird ab und zu durch das rhythmische Läuten der zeremoniellen Glocke, der Tril-bhu, und dem Blasen von chinesischen Oboen, den Rya kling, von Knochentrompeten, den Rkang kling, und den tiefen Baßhörnern, den Dungchen, unterbrochen. Später setzen die Lamas, als Teil dieser Mani Rimdu Zeremonie, schwarze Hüte mit Bommeln auf, wickeln sich bunte Brokattücher um die Schultern und vervollständigen zum Schluß die schwarzen Hüte mit Pappe-Kronen mit Ohrläppchen daran, ständig Gebete dazu murmelnd. Nach einiger Zeit werden die " Mani Rimdu- Kleidungsstücke" wieder abgelegt. Die normale Gebets- und Musikroutine wird wieder aufgenommen, wobei die Gebete vom Schlag der doppelseitigen Pauke, der Nga-chung, begleitet werden.

Die einzelnen Festakte des Mani Rimdu finden, abgesehen von den Gottesdiensten im Hauptraum des Klosters, vor dem Hauptgebäude der Gompa unter freiem Himmel statt. Die Eisriesen ringsherum schauen mit gleichgültigem, frostigem Schweigen zu. Die Galerien, die den kleinen Platz umgeben, sind mit Sherpa und zahlreichen, hier sehr störend wirkenden, Touristen vollgepackt. Es wäre einmal interessant, festzustellen, warum jeder Tourist immer nur die anderen Mitglieder derselben Gattung als störend empfindet, obwohl er doch selbst ganz genauso zu diesem störenden Eindruck beiträgt.

Das Mani Rimdu Fest symbolisiert in der tantrischen Tradition des tibetischen Buddhismus die Überwindung der alten, vor- buddhistischen Naturreligionen des Bön durch den Buddhismus. Der Hauptgott dieser Zeremonie ist Tschenresig, der mehrere Erscheinungsformen hat. Beim Mani Rimdu erscheint er als Karwang Tuchi Chumbu. Auch Padmasambhava, der Guru Rimpoche, der den Buddhismus im achten Jahrhundert nach Tibet brachte, tritt immer wieder in Erscheinung. Die heiligen Texte für Mani Rimdu wurden vom Guru Rimpoche dem Tertak Lingbe übergeben, der sie an die nachfolgenden Lamas weiterreichte. Die heutige Form der Mani Rimdu Feste in Tengpoche und Thame ist nicht sehr alt. Sie stammt aus den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts.

Die letzten vier Tage, um den Kartik-Vollmond herum, sind der Höhepunkt des größten Festes der Sherpa. Der erste Tag dient dem Vorbereitungstanz ohne Masken und Kostüme, Tsam-ki-bulu, an dem das Lamaorchester mit den Tänzern synchronisiert wird. Die Tanzkostüme und Masken liegen solange in der richtigen Reihenfolge auf den Bänken der Dukhang. Es werden dreizehn Tanzaufzüge, die insgesamt sieben Stunden dauern, geübt. Zwischen den Aufführungen erfrischen sich die tanzenden Lamas mit Tschang, um die langen, ermüdenden Tänze durchzustehen. Obwohl die Mönche gewöhnt sind, auf 4 000 Meter Höhe zu leben, sieht man sie immer wieder erschöpft nach Luft ringen.

Die Ost-Galerie des Klosterhofes ist für die Lamas und die Klosterschüler, Trapa, reserviert, die sich mit Zimbeln und Handgongs an der Zeremonie beteiligen. Auf einem erhöhten Thron sitzt im Lotussitz der Tschaui Lama. Die kleinen frechen, rotznäsigen Klosterschüler sitzen direkt vorne an der Brüstung. Die Galerie ist mit einem orange-farbenen Vorhang abgeteilt, der erst am Beginn der Zeremonie gelüftet wird. Die Begleitmusik wird durch zwei Alphornbläser, Dungchen-pa, und zwei Zimbelspieler, Sbug-cham-pa, bestritten.

Der nächste Tag des Kartik-Vollmondes ist der großen Lama- Prozession vorbehalten. Sie beginnt etwa um zwei Uhr mittags und endet nach drei Stunden zu Sonnenuntergang und wird durch stundenlange Gebete im Kloster am Morgen vorbereitet. Der Prozessionszug formiert sich im Klosterhof und zieht unter den fremdartig-feierlichen Klängen der Lama-Musikinstrumente langsam die vielen Stufen herunter bis zum Westhof, wo unter einem Baldachin der Thron des Tschaui Lama und die Bankreihen der Lama aufgebaut sind. Erst werden die Siegesbanner des tibetischen Buddhismus, die Gyaltsen, vorangetragen, dann kommt die Gruppe der Musikinstrumente, gefolgt vom Zug der Lamas mit dem Tschaui Lama unter einem Baldachin. Einer der Lamas in einem chinesischen Gewand trägt eine offene Maske, die langes Leben repräsentieren soll. Dieser Lama wird am folgenden Tag den komischen Teil der Cham-Tänze wahrnehmen. Zum Schluß kommt der Lawa mit der Peitsche und die Weihrauchschwenker, Bsang-phor-pa. Der Tschaui Lama nimmt auf dem Thron, der in chinesisch-bunten Brokat gehüllt ist, Platz. Die Lamas sitzen zu seinen Füßen auf zwei Bankreihen, die zum Thron führen. Vor dem Thron steht der Mani Rilbu Altar mit den vier Votivgegenständen des tibetischen Buddhismus: Donnerkeil, Dorje; Glocke, Tril-bhu; Doppeltrommel, Nga-chung und ein Gefäß mit heiligem Wasser, Tu.

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Mani-Rimdu-Fest in der Tengpoche-Gompa: Lama-Prozession, 1984
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Auf dem Thronvorhang sind große Swastika gestickt, die, nach buddhistischer Tradition, ihre Haken im Uhrzeigersinn haben. Auf einem Teppich gegenüber dem Thron sitzen die alten Nonnen von der Dewuche Gompa sowie die Instrumentenspieler und einige wohlhabende Sherpa, die für diese Ehre, dort sitzen zu dürfen, Geschenke an die Tengpoche Gompa abführen. Ringsherum drängt sich eine bunte Zuschauermenge von Tibetern, Sherpa und Touristen. Seit dreizehn Uhr schneit es heftig. Alles ist bald in feuchtes Weiß gehüllt.

Die Zeremonie wird in vier Stufen abgewickelt. Nach dem Segen des Tschaui Lama folgt die Annahme der rituellen Opfer, die Lamas und Laien dem Tschaui Lama überreichen. Danach wird die "Lang-Lebens-Pille" und das heilige Wasser, Tu, gespendet. Die Zeremonie schließt wiederum mit dem persönlichen Segen des Tschaui Lama an einzelne Lamas und Sherpa.

Die unterliegende Idee dieser Zeremonie basiert in der tibetischen, vorbuddhistischen Religion des Bon C'os. Während der Verrichtungen werden rituelle Torma-Figuren geformt, die die guten Geister - und die bösen, die zu zerstören sind - darstellen. Neben dem Tu spielt auch das tibetische Tsche-Tschang eine wichtige zeremonielle Rolle. Das Mani Rimdu Fest dreht sich um ein langes, gesegnetes, spirituelles Leben und den Sieg des Guten über das Böse. Der Höhepunkt wird mit der Anrufung des Padmasambhava erreicht. Es gibt auch Austreibungsriten aus dem Bon C'os. Später servieren die jungen Lamas ihren Senioren rituellen Buttertee. Chorumba und Chorpen sorgen während der Zeremonie mit ihren Peitschen für Ordnung. Geweihte Schleier, Khatas, werden dem Tschaui Lama überreicht. Die heilige Torma wird als eine Art "Abendmahl" von den Anwesenden verzehrt. Zum Schluß stürmen die Sherpazuschauer den Mani-Rilbu-Altar, um den persönlichen Segen des Tschaui Lama durch Handauflegen auf den gebeugten Kopf zu erhalten. Bei Sonnenuntergang, der 1984 allerdings von Schneemassen verschluckt wurde, zieht die Prozession mit dem inkarnierten Bodhisattva, dem Tschaui Lama, in die Gompa zurück.

Der Tag nach dem Kartik-Vollmond bringt dann den nicht mehr zu überbietenden Höhepunkt des Mani Rimdu, die Cham-Tänze. Die dramatischen Szenen des größten tibeto-buddhistischen Tanzschauspiels sind von solcher außergewöhnlichen, bunten Schönheit, daß ich diese nach 1980 noch einmal 1984 erleben wollte.

Das heilige Tanzdrama in dreizehn Aufzügen, von insgesamt sechzehn Tänzern dargestellt, soll das "Böse durch Tanz vernichten". Neben klaren symbolhaften Szenen, die Tschenresig und Padmasambhava, sowie andere örtliche Sherpagottheiten darstellen, bleibt Vieles, auch dem eingeweihten Zuschauer, unklar. Die letzte Bedeutung mancher Szenen kennt nur der Tschaui Lama. Die Aussagen und Ausdrucksformen der Tänze sind hauptsächlich tibetisch geprägt. Alle Formen entspringen einer sehr alten Tradition und sind ritual zu verstehen. Der Improvisation ist nichts überlassen.

Das Tanzdrama wird um etwa 09Uhr30 mit einem Prolog eröffnet. Der Prolog besteht aus drei verschiedenen Arten von Gebeten, die von den Mönchen gemurmelt werden, weiterhin aus symbolischen Ankündigungen der Instrumentalisten und ersten, einleitenden Tanzschritten der Tanz-Lamas. Während des Prologs wird der Tschaui Lama von vier Senior-Lamas hinter den orange-farbenen Vorhang auf der Ostgalerie geleitet. Dann kommen die ersten Tänzer in ihren exotisch-grellbunten Masken. Jeder Aufzug hat andere Masken und Kleidungsstücke. Die Cham-Tänze bestehen aus dreizehn Aufzügen:

1. Gser-Skyems: Tanz des "Goldenen Trankopfers": Acht Tänzer.
2. Ging-pa: Tanz der vier Schutzgottheiten der vier Himmelsrichtungen.
3. Rdo-rie-gro-lod: Padmasambhava greift die Dämonen an.
4. Rnga-cham: Tanz der "ewigen Trommeln": Vier Tänzer.
5. Dur-bdag: Tanz der Friedhofwächter: Vier Tänzer.
6. Mi-tsche-ring: Der alte Schüler: Zwei spaßige Tänzer.
7. Chos-skyongs: Tanz der acht Schutzgottheiten: Dharmapalas.
8. Guas-arung: Tanz des schwarzen Mannes um den Regionalgott des Khumbu: Drei Tänzer.
9. Mkha-gro-ma: Tanz der vier (oder fünf) Himmelsreiter.
10. Rtogs-ldan: Der "überselbstbewußte" Mann: Zwei spaßige Tänzer.
11. Lhag-ma-gnyis: Tanz der zwei Assistenten der Schutzgöttin von Lhasa: Lhamo.
12. Gri-cham: Tanz der vier Sabres.
13. Zor-cham: Schlusstanz: Der "Rückwärts-Tanz": Tanz der Schützer des Khumbu: ZweiTänzer.

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Mani-Rimdu-Fest in der Tengpoche-Gompa: Einmarsch der Musiker, 1984
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Mani-Rimdu-Fest: Einmarsch der Tänzer des ersten Aufzuges, 1984
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Mani-Rimdu-Fest: Tanz der vier Schutzgottheiten der vier Himmelsrichtungen, 1984
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Mani-Rimdu-Fest: Einmarsch der Tänzer des ersten Aufzuges, 1984
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Die Reihenfolge dieser Szenen ist nicht festgelegt und kann von Jahr zu Jahr verändert werden. Während des sechsten, spaßigen Tanzes wird der Vorhang auf der Ost-Galerie vor dem Tschaui-Lama geschlossen, um diesen durch diese profane Darbietung nicht von den heiligen Zielen abzulenken. Während der Tanzszenen später wird von Zeit zu Zeit Opfer-Tsampa in die Menge geworfen. Kleine Sherpakinder verarbeiten diese zu "Tsampayaks". Die Chorumba und Chorpen haben mit steigendem Tschang-Konsum oft Gelegenheit, mit ihren Peitschen für Ordnung zu sorgen. Nach knapp neun Stunden geht das Tanzdrama der Sherpa bei Einbruch der Dunkelheit zu Ende.

Der letzte Tag des Mani Rimdu Festes wird oft "Das Schweigende Ende" genannt. Es handelt sich um das Feueropfer, Zhinsak, das mit dem vollen tibetischen Namen Zhi dai skyin sgreg genannt wird. An der nördlichen Seite des Klosterinnenhofes ist der Thron des Tschaui Lama aufgebaut, auf den die zwei Bankreihen der Lamas zulaufen.

Am anderen Ende dieser Bankreihen befindet sich der zeremonielle Scheiterhaufen, der von einem Senior-Lama kurz nach Beginn des Zhinsak zu helllodernden Flammen angefacht wird. Das reinigende Feuer beendet das "Jahr der Austreibung der bösen Dämonen" und symbolisiert den finalen Sieg über den Bon C'os. Nur vier Instrumentalisten nehmen an dieser Veranstaltung teil. Knochentrompeten wechseln sich mit chinesischen Oboen sowie mit Doppelpauken und Zimbeln ab. Der Tschaui Lama trägt heute ein goldfarbenes Gewand, die Lamas dagegen ihre normalen rostroten Roben. Die gleiche Hutwechselzeremonie wie bei den einleitenden Gottesdiensten vor fünf Tagen findet auch wieder statt.

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Mani-Rimdu-Fest: Feueropfer: Zhinsak, 1980
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Die gemurmelten Gebete werden vom langsamen Vor- und Rückschwingen des Oberkörpers der Lamas begleitet. Der Tschaui Lama läutet seine Handglocke in regelmäßigen Abständen. Später wirft er kleine Mengen von Reis und Tsampa vom Mani Rilbu Altar in das Bön-Feuer. Einer der Senior Lamas schürt, unterstützt von unserem Sirdar, Dawa Thondup, und dem tibetischen Wachtmann, Atardi, das Feuer und wirft Opfergaben und Gebets papiere hinein. Das Ziel der Zhinsak-Zeremonie ist wieder der vollständige Sieg der buddhistischen Idee über die bösen Dämonen des Himalaya. Die Zeremonien des Mani Rimdu Festes haben viel Ähnlichkeit mit entsprechenden religiösen Tanzfesten zum Beginn des tibetischen Neuen Jahres in Bhutan, Sikkim, Ladakh und Tibet.

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Die dem tibetischen Schutzheiligen Padmasambhava geweihten Cham-Tänze (Maskentänze) in der Hemis-Gompa, Ladakh, 1999 
Photos: Copyright: Klaus Dierks

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Pilger bei den Cham-Tänzen in Hemis, 1999
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Das Zhinsak-Fest endet nach etwa zweistündiger Dauer um 18Uhr30. Danach folgt das große Trink- und Tanzgelage der Sherpa im Innenhof der Tengpoche Gompa. Der Tschang läuft in Strömen, und die Stampftänze und Zischgesänge aus rauhen Sherpakehlen dauern bis zum frühen Morgen des ersten Nach-Mani Rimdutages.

Etwa einen Kilometer östlich von Tengpoche liegt in Richtung Pangpoche das einzige Nonnenkloster im ganzen Khumbu, Dewuche. Die Nonnen werden Chomo genannt und leben in kleinen Häusern, die sich um die Dewuche-Gompa herum gruppieren. In einer frommen Sage wird überliefert, daß seit Gründung des Klosters nur sechzehn Nonnen ihr Keuschheitsgelübde gebrochen hätten. Elf von ihnen sollen Mönche aus dem benachbarten Tengpoche geheiratet haben.

Wenn man dem Lauf des Imja Khola in Richtung Mount Everest folgt, erreicht man das bereits mehr als 4 000 Meter hoch gelegene Sherpadorf Pangpoche. Auf dem drei Kilometer langen Weg zwischen Tengpoche und Pangpoche gibt es verschiedene bedeutsame Tschörten. Bei einer von ihnen, von der man einen überwältigenden Blick auf den in frostklirrender Einsamkeit dastehenden Amai Dablam hat, soll der Guru Rimpoche gerastet haben.

Die Gompa von Pangpoche ist das älteste Kloster im Khumbu. Die "Pangpoche Riwu Gompa" wurde vor etwa dreihundertundfünfzig Jahren von dem berühmten Lama Sangwa Dorje an seinem Meditationsplatz begründet. Pangpoche hat die Form eines Pumba, eines heiligen Schiffes, in dessen Mitte sich die Gompa befindet. Die Hauptfigur im Dukhang ist, wie meistens in den Sherpa-Gompas, der Guru Rimpoche und eine selten vorkommende hölzerne Figur des hinduistischen Gottes Mahakala, der später zu einer tibetischen Schutzgottheit, einer Dharmapala, konvertieren sollte. Es gibt auch ein Standbild des Guru Tongwa Tonden, das der tibetische König, Miwong Tashi Topgyal, dem Sangwa Dorje geschenkt haben soll. Sangwa Lama brachte auch den berühmten Yetiskalp nach Pangpoche, über den an anderer Stelle berichtet werden soll.

Vor jeder wichtigen Reise oder auch vor einem schwierigen Expeditionstag werden von den Sherpa bestimmte religiöse Zeremonien absolviert, die sie die "Ausschaltung der Hindernisse - Barche Selva -" nennen. Vor Antritt der Reise werden Torma-Figuren geopfert, und während der Reise werden bei Tagesanbruch zu den gemurmelten Gebeten Zweige abgebrannt.

Eine weitere Zeremonie wird Ta oder Pra genannt. Diese heilige Handlung erfordert die Anwesenheit eines Lamas, der sich im Okkultismus auskennt und in der Lage ist, als Orakel aufzutreten. Orakelhafte Aussagen, Horoskope und astrologische Gutachten spielen im Leben der Sherpa eine große Rolle. Die Instrumente für eine solche Zeremonie sind der Donnerkeil, Dorje, und ein heiliger Bogen mit verschieden gefärbten Saiten, der Dadar.

Jede Krankheit, jeder Unfall und anderes Missgeschick wird irgendwelchen Dämonen angelastet und als Strafe für Sünden, die das "Soll-Haben-Gleichgewicht" des Sönam, auf Sanskrit Karma genannt, auf die "Sollseite" verschoben haben, gewertet. Die "Habenseite" des Karma kann durch Respekt vor den religiösen Ritualien, durch Nächstenliebe und durch Freundlichkeit gegenüber Tieren verbessert werden.

Es gibt noch weitere Möglichkeiten, die okkulten Kräfte der Dämonenwelt unter Kontrolle zu bringen. Die Lamas führen unheimlich wirkende Riten aus, um Menschen zu befreien, die von den Dämonen Shrindi oder Norpa besessen sind.

Solche Zeremonien werden während des Tsirimfestes in der Vor-und Nachmonsunzeit öffentlich begangen. Unter den Lamas befinden sich immer welche, die auf dem Gebiet des Okkultismus besonders begabt sind und gute Orakel abgeben. Die Fähigkeit, in die Zukunft blicken zu können, gehört in vielen Gompas durchaus zur Normalroutine. Eine wichtige Voraussetzung für die Aufstellung eines Horoskops ist die Kenntnis des komplizierten tibetischen Kalenders, der - inzwischen neben dem westlichen Kalender - immer noch von den Sherpa benutzt wird.

Das tibetische Jahr ist ein Mondjahr und wird in zwölf Monate mit je dreißig Tagen eingeteilt. Es beginnt bei Neumond im Februar oder Anfang März. Die Woche hat sieben Tage. In unregelmäßigen Abständen werden Schalttage eingefügt, um den tibetischen Kalender mit dem Sonnenjahr vergleichen zu können.

Die tibetische Zeitrechnung beruht nicht auf Jahreszahlen, sondern auf der Kombination der fünf Elemente (Holz, Feuer, Erde, Eisen und Wasser) mit den zwölf Tierkreiszeichen (Maus, Stier, Tiger, Hase, Drache, Pferd, Schaf, Affe, Vogel, Hund und Schwein). Durch die Verwendung desselben Elementes während zweier aufeinanderfolgender Jahre wird das System noch komplizierter. Die Elementenjahre sind abwechselnd männlich und weiblich. Hier kommt das uralte Prinzip des buddhistischen Dogmas von These und Antithese zum Ausdruck. Die fünf Elemente werden in der genannten Reihenfolge mit den zwölf Tierkreissymbolen verknüpft, bis nach Ablauf eines Sechzig-Jahres-Zyklus, eines Rab Byung, ein neuer Zeitabschnitt von sechzig Jahren beginnt.

Das erste Jahr des ersten Rab Byung fiel nach unserer Zeitrechnung auf das Jahr 1027 und begann mit der Kombination Feuer-Hase mitten im Zyklus, was das Ganze nicht gerade vereinfachte. Im Jahre 1986 ging der 16. Rab Byung Zyklus mit dem Feuer-Tiger Jahr zu Ende. Ein Sherpa-Horoskop hängt vom Geburtsjahr und der entsprechenden Element-Tierkreis Kombination ab, die dann mit dem Zeitabschnitt, für den das Horoskop aufgestellt wird, verglichen wird. Tibetische oder Sherpa-Astrologen werden Rtsis-pa genannt.

Die astrologischen Berechnungen werden nach außerordentlich komplizierten Vorschriften aufgestellt, die in dicken tibetischen Nachschlagewerken enthalten sind, die das Leben des Menschen beeinflussen: die Lebenskraft, Srog; die körperliche Konstitution, Lug; die Macht, Dwang Mthang; das sogenannte Wildpferd, Rlung Rta; und die Schattenseele, Bla.

Die Sherpa glauben auch an Hexen, Pem, und fürchten sie, da sie dauerhaft von bösen Geistern besessen sind. Dagegen gelten die Wassergeister, die Klu, als den Menschen gutgesinnte Wesen. Die Klu können nur dann unangenehm werden, wenn man sie vernachlässigt und ihnen nicht genug Opfer darbringt. Es nimmt nicht wunder, daß sich der geheimnisvolle Schneemensch des Himalaya, der Yeti, in diese spiritualistische Welt einfügt. Der grausliche Yetiskalp in der Gompa von Pangpoche wird als wichtige Reliquie verehrt.

Inzwischen schreitet jedoch auch im Sherpaland die neue Zeit unaufhaltsam voran und bedroht dieses vielleicht letzte Shangri-La des Himalaya, das Böyul, das versteckte Heiligtum des Guru Rimpoche, das er für das "auserwählte Volk" auf dem Dach der Welt schuf.

Es sind nicht nur Transistorradios, Kasettentonbandgeräte und Digitaluhren, die bei den Sherpa Wünsche, Neidgefühle und Aggressionen erwecken, sondern auch die längst begonnene Zerstörung des empfindlichen ökologischen Gleichgewichts, das Abholzen der Wälder, das unaufhaltsame Verschwinden der einheimischen Tierwelt, die bedenklich stimmen. Auf den ersten Blick scheint diese Welt noch intakt zu sein, und Charles Houston, der während der Anglo-Amerikanischen Khumbu-Kundfahrt 1950 als einer der ersten westlichen Bergsteiger das Sherpaland besuchte, äußerte 1981 seine Überraschung darüber, daß er nach über dreißigjähriger Abwesenheit nur so wenige Veränderungen vorgefunden habe. Das wird heute keinem von uns mehr passieren!

Die Sorge um das Sherpaland wächst. Das Sherpavolk ist in Gefahr, unter die Räder der Geschichte zu geraten, so wie es dem tibetischen widerfahren ist. Die Probleme der Sherpa begannen mit der zwangsweisen Beendigung des Handels mit Tibet, mit der ihnen die wirtschaftliche Grundlage entzogen wurde. Stattdessen wurden die Sherpa Lohnempfänger des Expeditions- und Trekkingtourismus, durch den die Umweltverschmutzung im unerträglichen Maße zugenommen hat. Der Sherpa-Himalaya scheint sich unaufhaltsam in eine einzige große Müllhalde zu entwickeln.

Der Sherpa-Himalaya ist in Gefahr. Auch hier gilt das Wort, daß wir nur einen Himalaya zu verlieren haben. Für Jahrhunderte versorgte der Himalaya die örtliche Bevölkerung ausreichend mit Nahrungsmitteln, Energiequellen, Wasser, Unterkunft und Kleidung, ohne das empfindliche ökologische Gleichgewicht in Gefahr zu stellen. Es bestand, trotz der harten Lebensbedingungen für die Himalayabewohner, Harmonie zwischen dem menschlichen Habitat und der Umwelt. Die basischen, lebensnotwendigen Unterstützungssysteme von Boden, Wasser und Pflanzen mußten umsichtig und rationell gebraucht werden. Jede Störung des Gleichgewichts, wie sie etwa seit vierzig Jahren durch die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen in der Sherpa-Umwelt zu beobachten ist, stellt die Lebensgrundlage der Menschen in Gefahr. Etwa zehn Prozent der Weltbevölkerung lebt in Gebirgen, mehr als vierzig Prozent sind direkt oder indirekt von der Gebirgsökologie abhängig. Zu diesen Gebirgs- Ressourcen gehören Wasser, Holz, Mineralien, Landwirtschaft und Erholung. Alle diese lebensnotwendigen Grundlagen werden zerstört, wenn der Mensch nicht lernt, die natürliche Harmonie im Gebirge wieder herzustellen.

Die Regierung in Kathmandu zwang den Sherpa ein ihnen wesensfremdes Verwaltungssystem auf. Die bestehenden sozialen Strukturen, die auf Eigenverantwortung gegenüber der Gemeinschaft aufgebaut sind, geraten in Gefahr, zerstört zu werden. Das neue System wird von Beamten, die keine Sherpa sind, sondern aus dem nepalischen Mittelland und dem hinduistischen Kulturkreis stammen, mit den zu erwartenden negativen Folgen durchgesetzt.

Es bleibt nur zu hoffen, daß noch möglichst lange keine Räder im Sherpaland rollen mögen. Straßen und Eisenbahnen würden den Sherpa-Himalaya so sicher zerstören, wie bereits die Naturlandschaft der Alpen durch die modernen Verkehrsmittel zerstört worden ist. Die Ankunft des Rades wäre das Ende der Harmonie zwischen den Menschen des Sherpalandes und des Universums, so, wie es mit dem "alten" Tibet vorbei war, als die ersten Räder hereinkamen. Man muß wohl zu allen tibetischen Göttern beten, daß die Regierung Nepals zur Einsicht kommen möge, damit die Zivilisation und Kultur der Sherpa, die sich mit der natürlichen Umwelt noch im Gleichgewicht befinden, nicht wie die der Tibeter, untergeht, ohne daß die Sherpa dafür verantwortlich zu machen wären.

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