LAND OHNE RÄDER - DER SHERPA-HIMALAYA

Klaus Dierks
©  Dr. Klaus Dierks 1982-2004

 

Beding ist der Hauptort der Rolwaling-Sherpa. Mit seiner schönen, maßvoll ausgewogenen Tschörte auf der Flussinsel des Rolwaling Chu, die ein Symbol für das buddhistische Nirvana darstellt, und mit der uralten Gompa mit den vielen Gebetsfahnen vor den riesenhaften Schneebergen, wirkt Beding so recht, wie man sich eine tibetische Ortschaft vorstellt. Beding wird von den beiden Gipfeln des heiligen Gaurisankar überragt, die wie zwei unersteigbare, unirdische Eisnadeln aussehen. Der Ort besteht aus etwa dreißig Natursteinhäusern, die von vielen Bruchsteinmauern umgeben sind, mit denen die einzelnen Kartoffeläcker voneinander abgegrenzt sind. Die kleine Ortschaft liegt am Nordufer des Rolwaling Chu und ist nur etwa zwei Kilometer von der tibetischen Grenze entfernt. Die senkrechten Felswände des über 6 000 Meter hohen Chekigo schwingen sich von den letzten Häusern direkt zu den Hängegletschern oberhalb des Dorfes hoch. Mehrere hundert Meter über Beding klebt an der Felswand eine kleine Gompa, in der ein lamaistischer Einsiedler sein Leben fristet. An dieser Stelle soll vor etwa eintausendzweihundert Jahren der indische Mystiker, Tantraheilige und Begründer der tibetischen Rotmützensekte, Padmasambhava, den die Sherpa "Guru Rimpoche, den Allerkostbarsten Lehrer" nennen, meditiert haben. Deshalb ist das entlegene, von der Umwelt fast völlig abgeschnittene Beding ein wichtiger religiöser Mittelpunkt für das Sherpavolk.

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Beding, Hauptort des Rolwaling mit Blick nach Osten zum Trashi Laptsa
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Beding mit Gaurisankar 7 145 m im Hintergrund
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Sherpa-Kinder in Beding im Rolwaling
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Sherpa-Frau in Beding im Rolwaling
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Sherpa-Frauen in Na, östlich von Beding im Rolwaling
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Sherpa in Na
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Sherpa-Kinder in Na
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Über die Herkunft der Sherpa gibt es viele Legenden. Das Wort "Sherpa" bedeutet im tibetischen "Ostmensch". Die Sherpa stammen aus dem Osten Tibets, der Landschaft Kham, die an China grenzt. Sie müssen irgendwann - vor Jahrhunderten - dem kriegerischen Khampa-Volk, den Erzfeinden der Han-Chinesen, angehört haben. Die Khampa stellten bis vor nicht allzu langer Zeit eine ständige Bedrohung für das chinesische Mutterland dar. Sowohl die Khampa als auch die Sherpa sind bis zum heutigen Tage Anhänger der unreformierten Form des tibetischen Buddhismus, einer Mischung aus der alten, vorbuddhistischen tibetischen Naturreligion und den buddhistischen Ideen des Guru Rimpoche.

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Khampas photographiert 1997 auf dem Barkhor in Lhasa in Tibet
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Über die Gründe, die zum Auszug der Sherpa aus dem Lande Kham in das Everestgebiet führten, gibt es bisher keine völlige Klarheit. Sie dürften wohl hauptsächlich politischer und religiöser Natur gewesen sein. Die Reformation des alten tibetischen Buddhismus durch den Reformator Tsong-Kha-pa im 15. Jahrhundert, der die streng moralische Gelbmützensekte des modernen tibetischen Buddhismus und die Dynastie der Dalai Lamas begründete, war eine moralische, religiöse und politische Bedrohung der Khampa. Aus Freiheitsliebe und Traditionalismus revoltierten die Khampa gegen den strengen Kirchenstaat von Lhasa, mußten jedoch dem Druck weichen. So verließen sie um das Jahr 1450 herum ihre osttibetische Heimat und zogen südwärts nach Nepal. In der letzten Phase ihrer Völkerwanderung aus der Provinz Kham gelangten sie in das nördlich vom Mount Everest gelegene Tingri Shekar Gebiet. Von dort zogen sie über den nördlich von Thame gelegenen Nangpa La nach Süden und siedelten sich in den drei Gebieten Khumbu, Solu und Pharak an.

Im Westen des Solu-Khumbu, wie das Sherpaland genannt wird, gibt es weitere vereinzelte Sherpasiedlungen: im Rolwaling, in den Flusstälern des Tamba- und Sun Kosi, des Likhu Khola und auch im Helambu nördlich von Kathmandu. Östlich des Solu-Khumbu gibt es Sherpaniederlassungen im Arun Tal, im südlichen Hongu und weit im Osten, in der Gegend von Darjeeling.

In ihrer neuen Umwelt, am Fuße des Mount Everest, gesellten sich als Symbole der gewaltigen Eisberge neue Muttergottheiten dem alten Pantheon des tibetischen Buddhismus hinzu. Nicht der höchste Berg der Erde, die Chomo Lungma, verkörpert die wichtigste Muttergottheit der Sherpa, sondern der Gaurisankar über dem Dorf Beding. Die Göttin des Gaurisankar ist Tseringma, die "Große Göttliche Mutter des langen Lebens". Sie ist eine Tochter der die Bergwelt des Himalaya beherrschenden Gottheit Himachal. Hier offenbart sich eine Verbindung zwischen der tibetischen Naturreligion einer uralten, vielleicht westasiatischen Mutterreligion und den religiös- philosophischen Ideen des Buddhismus.

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Chomo Lungma (Mount Everest) 8 848 m im Khumbu
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Der "Wiedergeborene Lama von Tengpoche", der etwa fünfundvierzigjährige Tschaui-Lama, erzählte mir 1984 über die geheimnisvolle Herkunft des Sherpavolkes aus den Schriften des Guru Rimpoche: "Der Guru Rimpoche wanderte von den Shiripalki Bergen in Tibet in eine südwestliche Richtung und blieb zwei Wochen im Khumbu und schrieb alles in das Heilige Buch. Der Khumbu ist ein Böyul, ein verstecktes Tal, ein Heiligtum, umgeben von den Bergen des mächtigen Himalaya."

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Sherpamädchen in Tengpoche
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Der "Wiedergeborene Lama vonTengpoche", der Tschaui-Lama
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Weiterhin erzählte der Lama: "Vor uralten Zeiten gab es in Tibet und im Khumbu nur Berge, und der Rest des Landes war mit Wasser bedeckt. Langsam ging das Wasser zurück, und es kamen zuerst das Gras, dann die Wälder und danach die Menschen. Alles dies ist im Heiligen Text aufgeschrieben: 'Kawa Chengi Tso Dine, Sali Nani Zhunwa Gyur'.

Vor langer Zeit, als es noch keine sterblichen Menschen gab, gebar die Frau des Königs Tirang Tenzing einen Sohn, den Prinzen Kikur Ragye, der auf einem menschlichen Körper einen Hundekopf hatte. Guru Rimpoche schickte den Prinzen nach Khambalung und später auf Pilgerreise. Während er unterwegs war, versteckte der Guru den Ort Khambalung, und Kikur Ragye konnte ihn nicht mehr finden. So kam der Prinz über den Amphu Laptsa, nahe des Heiligen Berges, Amai Dablam, in den Khumbu. Er war der erste Mensch, der im Khumbu siedelte.

Es gab auch einen Mann vom Stamm der Kiranti-Rai, der Mapa genannt wurde. Er gelangte nach Panch Pokhari im Hongu und von dort über den Amphu Laptsa in den Khumbu. Vom Amphu ging er nach Dingboche und pflanzte dort nach alter Tradition das erste Getreide. Zur gleichen Zeit lebte in Ost-Tibet, in der Landschaft Kham, ein göttliches Wesen, Osel, dessen Nachkommen nach Khumbu auswanderten. Einer dieser Nachkommen, Thimi Sanbu Tak, hatte zwei Söhne. Der Ältere hieß Pachen. Er kam in den Khumbu über den Rongshar La, einen schwierigen Pass zwischen Cho Oyu und dem Rolwaling, und siedelte in Namche.

Zu jener Zeit kamen auch böse Geister aus Tibet, die den Guru Rimpoche töten wollten. Sie brachten Holz und häuften es über der Höhle, in der er lebte, auf, um ihn auszuräuchern. Dem Guru gelang es jedoch, mit Hilfe eines heiligen Wunders nach Purte zu entfliehen. Danach vollbrachte er im ganzen Khumbu noch viele andere Wunder, viele heilige Plätze wurden von ihm begründet. Der Guru unterwarf alle Dämonen, und die Sherpa konnten in Frieden ihre Dörfer im Khumbu gründen. Viel später, in der Zeit des buddhistischen Heiligen Milarepa, wurde der Nangpa La, ein hoher Pass westlich vom Cho Oyu, geöffnet. Die Kiranti konnten später nicht im Khumbu bleiben und zogen wieder nach Süden in den Hongu und in das Arun Tal nach Bumshing.

Es gibt bei den Sherpa achtzehn Ur-Familien. Die wichtigsten, deren Namen heute noch überall anzutreffen sind, sind Paldorje, Chusharwa, Taktoba, Mendewa, Chiawa, Gordza, Sherpa, Dawa, Hlupka, Shangwa, Khamba, Serwa und andere."

Diese Legende des Allerheiligsten Tschaui Lama von Tengpoche unterstützt die modernen historischen Forschungsergebnisse über die Herkunft des Sherpa-Volkes sowie die frühe Geschichte von Tibet und Nepal.

Ein tieferes Verständnis für dieses außerordentlich interessante Bergvolk besteht jedoch erst seit einigen Jahrzehnten. Ich traf die Menschen, die am Fuße des höchsten Berges der Welt zu Hause sind, zum ersten Mal im Jahre 1959 in Darjeeling. Seit jener Zeit haben mich die Sherpa immer interessiert und fasziniert. Wer eine Expedition oder Trekkingtour in den Khumbu unternimmt, lernt die Sherpa nicht nur kennen, sondern auch bald schätzen und lieben. Ihre bemerkenswertesten Eigenschaften sind neben ihrer Treue und Ehrlichkeit die überwältigende Gastfreiheit und Freundlichkeit Fremden gegenüber. Menschen, die nicht der tibeto-buddhistischen Welt der Sherpa angehören, werden von ihnen Chillingpa (tib. Nicht- Buddhisten) genannt.

Wir erleben diese Gastfreundschaft im Lamahaus von Beding. Der Haustyp der Sherpa weicht in jeder Hinsicht von allen anderen Haustypen Nepals ab. Die Häuser sind sehr schön und immer nach dem gleichen Schema gebaut. Die Wohlhabenderen unter den Sherpa haben zweistöckige Häuser, die aus Natursteinen gemauert sind, die manchmal weiß verputzt sind. Die Holzschindeldächer sind mit Steinen beschwert. Türen und Fensterrahmen sind oft kunstvoll geschnitzt. Im Erdgeschoss befinden sich die landwirtschaftlichen Gerätschaften, auch die Haustiere leben dort. Im ersten Stock, näher am Himmel, spielt sich das Familienleben ab. Da die Eingangstür auf die geringe Körperlänge der Sherpa zugeschnitten ist, kann man sich nur tiefgebückt durch diese niedrige Eingangspforte hindurchzwängen. Im stockdunklen Erdgeschoss muß man aufpassen, daß man nicht auf eines der hier lagernden Yaks oder, schlimmer noch, auf eine der außerordentlichen bissigen tibetischen Doggen tritt ... die Folgen wären entsprechend schmerzhaft. Auf einer wackligen, steilen Leiter in einer Ecke des Hauses, in der oft genug eine Sprosse fehlt, - was in der Dunkelheit zu fatalen Fehltritten führen kann - geht es in den kombinierten Wohn-, Schlaf- und Küchenraum hinauf.

Dieser Raum, der nur selten durch Zwischenwände unterteilt ist, ist zehn bis zwölf Meter lang und vier bis fünf Meter breit. In der Mitte des Raumes befindet sich die offene Feuerstelle, auf der ständig verrußte Töpfe, Pfannen und Kessel brodeln. Das Feuer wird Tag und Nacht in Gang gehalten. Der ewige Rauch, der die Augen zu dauernden Tränen reizt, zieht durch die Dachschindeln ab. Einen direkten Rauchabzug gibt es nur in Häusern von sehr wohlhabenden Familien. In der Ecke befindet sich, manchmal durch einen Vorhang abgetrennt, der Hausaltar. Vor einer Darstellung des Guru Rimpoche, des Dalai Lama oder des historischen Buddha Sakyamuni brennen zahlreiche Butterlämpchen. Der Altar ist oft mit verwirrend bunten Thangkas geschmückt. Rechts und links von dem als heilig geltenden Feuerplatz befinden sich couchähnliche Sitzgelegenheiten vor niedrigen Tischen. Diese Liege- und Sitzstätten sind häufig mit grob geknüpften Teppichen mit den typisch tibetischen Mustern geschmückt. Auf der anderen Längsseite des Raumes stehen Regale mit großen Kupferkesseln, in denen das Trinkwasser aufbewahrt wird, mit vielem, verschiedenartigem Kupfer- und Messinggeschirr, mit Butterfässern und den hohen, schlanken, messingbeschlagenen Holzzylindern, in denen der "Bö Tscha", der tibetische Buttertee, verquirlt wird. Daneben sind auch einige schön geschnitzte Truhen zu bewundern, in denen wertvollerer Hausrat aufbewahrt wird.

Nachts dienen die Sitzgelegenheiten und der nicht sehr saubere Fußboden, der dann mit Strohmatten bedeckt wird, als Massenschlaflager für die gesamte Sherpagroßfamilie. Hinter der Leiter, die vom Erdgeschoss hochführt, befindet sich ein kleiner dunkler Verschlag, der mit Stroh oder Blättern ausgelegt ist und ein Loch in der Mitte hat. Das ist die Toilette des Hauses, ein Luxus, den ich im ländlichen Nepal nur in Sherpahäusern gesehen habe. Die "Produkte" dieses stillen Örtchens fallen in eine Ecke des Erdgeschosses, wo sie jeden Tag mit einer Lage Laub bedeckt werden und dann als wichtiges Düngemittel dienen.

Es riecht stark nach feuchtem Wacholderholz und ranziger Butter. Die Gastfreundschaft, die uns "Chillingpa" entgegengebracht wird, ist wie immer überwältigend. Jeder Fremde wird sofort in den Familienkreis aufgenommen und nimmt seinen Platz am Feuer ein. Hier, am gemütlichsten und wärmsten Ort des Hauses, finden sich alle ein. Man wird immer wieder von neuem genötigt, unzählige Tassen Buttertee oder das heimgebraute Bier, den Tschang - oder auch selbstangemachten, niedrigprozentigen Schnaps, Rakschi, zu trinken. Das gemeinsame Tschangtrinken spielt im gesellschaftlichen Leben der Sherpa eine große Rolle. Alle trinken aus einem Becher, der munter kreist und ständig aufgefüllt wird.

Nach jedem Schluck läßt der Sherpa ein höfliches "Tsche-tsche-tsche", das dem Wunsche nach langem Leben entspricht, hören. Das "Tsche-tsche-tsche" wird sogleich als Aufforderung zum Tschangnachgießen aufgefasst. Als glücksverheißendes Symbol wird auch oft etwas Tsampa am Rande des Tschangglases befestigt. Wenn man das Gefühl hat, genug Tschang oder Rakschi gehabt zu haben, wird der Kreislauf des Nachschenkens durch ein "Tutsché" - das heißt auf tibetisch danke - beendet. Wer aus sozialen Gründen von den gemeinsamen Trinksitten ausgeschlossen ist, heißt "Khamendeu", das bedeutet "schlechter Mund", und wer mittrinken darf, wird "Khadeu", guter Mund, genannt.

Während der Tschangbecher noch kreist, werden Geschäfte abgeschlossen. Dazwischen werden derbe Witze gemacht, die mit lautem Gelächter quittiert werden. Wenn dann die Stimmung entsprechend ist, wird auch einmal eine unheimliche Yetigeschichte erzählt. Ständig kommen und gehen neue Gäste. Ich weiß gar nicht, was sie eigentlich alle in dem raucherfüllten Raum wollen. Eine Sherpani stillt ihr Baby. Auch die Frauen und Kinder beteiligen sich an dem Tschanggelage. Bald macht sich eine allgemeine freundliche Betrunkenheit breit. Nima Lama sitzt derweil beim Hausaltar und betet pausenlos, um sich auf den Gompabesuch vorzubereiten.

Irgendwann zwischendurch werden auch unsere Thamangträger, die uns fast zehn Tage lang von Bahrabise bis nach Beding so treulich begleitet haben, ausbezahlt. Sie verschwinden ohne Abschiedszeremonie, um in ihre wärmere Heimat abzusteigen. Ab Beding brauchen wir für die Trashi Laptsa Überquerung Höhenträger, die besser als die Thamang an große Höhen angepasst sind. Man sagt ja scherzhafterweise, daß die Sherpa eine dritte Lunge hätten. Tatsächlich ist ihr Lungenvolumen größer als das von Flachlandbewohnern, und sie verfügen über mehr rote Blutkörperchen, wodurch der geringer gewordene partielle Sauerstoffdruck kompensiert wird.

Der große britische Bergsteiger und Leiter der letzten britischen Vorkriegsexpedition 1938 und der ersten Nachkriegsexpedition 1951 zum Mount Everest, Eric Shipton, schreibt, daß die Sherpa das angesehenste Volk des Himalaya sind, weil sie am lebendigsten und intelligentesten seien. Die Hunza des Karakorum sollen zwar noch bessere Bergsteiger sein, aber die Sherpa haben als einziges Himalayavolk relativen Wohlstand erreicht. Sie durchbrachen ihre jahrhundertelange Isolierung, als sie durch die Schluchten des Dudh Kosi, des Milchflusses, nach Süden auswichen und die Handelsrouten zwischen Indien und Tibet etablierten. Sie bauten außerdem eine große Sherpagemeinschaft in der aufblühenden britisch-indischen Sommerresidenz Darjeeling auf. Zunächst arbeiteten sie dort hauptsächlich als Lastträger und Teepflücker.

Von den britischen Kolonialherren wurden sie wegen ihrer Ehrlichkeit, Treue, Fröhlichkeit und ihres Fleißes wegen geschätzt. Als das Zeitalter der Expeditionen im Himalaya anbrach, hatten sie dadurch, daß sie am Fuße des Mount Everest zu Hause waren, den Standortvorteil. Trotz des unvermeidlichen Kontaktes mit der modernen Welt der Technik konnten sie ihren wirtschaftlichen Vorsprung gegenüber anderen Völkern des Himalaya halten und weiter ausbauen. Sie konnten ihre Heiterkeit, ihren Humor, ihre Ausgeglichenheit und ruhige Fröhlichkeit, ihre schlichte Ursprünglichkeit, ihre tiefe Gläubigkeit, Ehrlichkeit und Gastfreiheit bis auf den heutigen Tag bewahren. Unter den nepalischen Völkern, die dem buddhistischen Glauben angehören, nehmen die Sherpa wegen ihrer hochstehenden sozialen Ordnung, der völligen Geschlossenheit ihrer Volksgemeinschaft und wegen der Abgeschlossenheit in den Hochtälern um den Mount Everest herum, die sie bis auf eine Höhe von knapp 5 000 Meter besiedeln, eine so außerordentliche Sonderstellung ein.

Von ihrer Umwelt werden die Sherpa nicht gerade begünstigt. Aufgrund der harten klimatischen Gegebenheiten und der großen Höhe können sie nicht das ganze Jahr am selben Ort verbringen. Im Hochsommer müssen sie auf ihre Hochweiden ausweichen, weil "unten", in den Tälern, zwischen 3 000 Meter und 4 000 Meter, nicht genug Weide für ihre Yaks vorhanden ist. Neben ihren attraktiven Häusern in den eigentlichen Ortschaften bauen sie deshalb auf den Hochalmen primitive Sennhütten aus Natursteinen, die Yarsa oder Phu heißen. Abgesehen von den Phu unterhalten die Sherpa auch noch tiefer gelegene Nebensiedlungen, die Gunsa, wo sie hauptsächlich Gemüse und Kartoffeln anbauen. Da der Boden etwa die Hälfte des Jahres gefroren ist, so daß in dieser Zeit keine Landwirtschaft betrieben werden kann, sind sie gezwungen, Handel zu treiben oder neuerdings den Expeditionen und Trekkingunternehmungen ihre Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen.

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Kartoffel-Anbau in Dingboche, in über 4 500 m Höhe
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Die Sherpa haben sich in dieser feindseligen Umwelt ausgezeichnet angepasst. Sie sind in der Lage, in gefährlichen Situationen schnelle Entschlüsse zu fassen und sie auch in die Tat umzusetzen. Sie haben einen angeborenen Sinn für moralische Grundsätze, der auf den Prinzipien des tibetischen Buddhismus beruht. Beispielsweise habe ich niemals einen Sherpa ein Kind schlagen oder anschnauzen, ein Tier quälen oder eine Frau beleidigen sehen.

In diesem Shangri-La funktionieren die gesellschaftlichen Mechanismen noch. Wie ihre Vorfahren aus dem windgepeitschten Hochland von Tibet, das von der Natur auch nicht gerade begünstigt ist, haben die Sherpa gelernt, vorsichtig zu wirtschaften und Vorsorge für schlechte Zeiten, vor allem für den Winter, zu treffen. Sie sind durch diese Umstände gezwungen, ihren Lebensunterhalt als Halbnomaden zu bestreiten. Deshalb gilt bei ihnen, wie bei allen Nomaden Asiens, auch so stark das Gesetz der Gastfreundschaft.

Der Morgen unseres Aufbruchs zum Sommerweidedorf Na, im Oktober 1980, das bereits etwa 4 500 Meter hoch liegt, ist sehr kalt. Bedings Dächer sind schwer bereift. Der Rauch steigt kerzengerade aus den vielen Sherpahäusern empor. Die Gebetsfahnen bewegen sich träge im aufkommenden Morgenwind. Die Riesenberge um Beding herum zeichnen sich völlig klar gegen den morgendlichen Himmel ab. Raben krächzen, und Kinder spielen oder treiben mit fröhlichem Geschrei die Yaks auf die Weide.

Beding ist wirklich das Ende der Welt, eine abgeschiedene Oase hier an der tibetischen Grenze. Die gewaltigen Berge des Rolwaling, die freundlichen, gastfreien Menschen mit ihren stets fröhlichen Schlitzaugen, das klingelnde Geräusch der großen Gebetsmühle von Beding, das unirdische Licht auf den Gletschern, die fast bis zum Dorf herunterreichen, die dünne Luft, alles dies bereitet uns auf die Grenzerlebnisse vor, die vor uns liegen. Die normalen Verhaltensmuster des modernen Lebens, das wir weit hinter uns gelassen haben, das hier kaum noch nachvollziehbar ist, werden bedeutungslos. Wir beginnen ganz einfach und intensiv, mit leichtem Atem, zu leben. Die Welt hier oben ist eine Welt ohne Räder, ohne moderne Technologie, eine Welt, die Ruhe, Frieden und Gleichmut ausstrahlt, die zum Meditieren anregt. Hier gibt es keinerlei Maschinen. Die einzige mechanische Aktivität ist das Läuten der Gebetsmühle in der Gompa. Die dumpf grollenden Hörner der Lamas hören sich wie ein Dieselmotor an, aber wir sind froh, daß das ungewohnte Geräusch nicht von einem Dieselmotor stammt.

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Die große Gebetsmühle in der Gompa von Tengpoche
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Von Beding marschieren wir zur Gletscherwelt des Trashi Laptsa. Kurz vor Na treffen wir auf einen haushohen Felsblock, der über und über mit tibetischen Schriftzeichen bedeckt ist. Immer wieder taucht die magische Gebetsformel des tibetischen Buddhismus - Om Mani Padme Hum - auf. Dieser "beschriebene Felsen" wird von den Sherpa als Tisch der Götter bezeichnet, und Guru Rimpoche soll ihn auf die Erde gebracht haben.

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Der große, mit Mani-Inschriften übersäte Felsblock von Na im Rolwaling
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Wir erklimmen einen etwa 4 500 Meter hohen Pass, der mit vielen Steinmalen und zerfetzten Gebetsfahnen der frommen Sherpa geschmückt ist. Von hier haben wir einen letzten Blick auf den Gaurisankar und einen ersten auf die hohen Berge des östlichen Rolwaling. Besonders markant ragt der Chobutse mit seiner stolzen Höhe von 6 689 Meter heraus, ein zerfurchter, steiler Riese mit Eisformationen, wie sie nur die tropische Sonne des Himalaya hervorbringen kann. Der Chobutse gilt - trotz seiner relativ geringen Höhe - als schwieriger Berg. Oft sind schon Expeditionen an ihm abgeschlagen worden, wie etwa die Kanadische -Ontario Expedition im Oktober 1984, ein Fehlschlag, dessen Zeugen wir wurden.

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Der fast 7000 m hohe Chobutse im Rolwaling, auf dem Wege zum Trakarding-Gletscher
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Na liegt 4 250 Meter hoch und ist eine Sommersiedlung der Sherpa von Beding, die verlassen wird, sobald die ersten Schneefälle des Winters sich ankündigen. Die Yarsa Na besteht aus vielen niedrigen Steinhütten und einer Unzahl von Feldsteinmauern, die die einzelnen Kartoffeläcker und Yakweiden voneinander abteilen.

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Sherpa-Sommerdorf Na im Rolwaling
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Von Na kämpfen wir uns mit Hilfe unserer Sherpa zum fast 6 000 Meter hohen Trashi Laptsa hoch. Ohne ihre Hilfe hätten wir diesen gefährlichen Übergang nicht geschafft. Aber das war nicht das Verdienst unseres Sherpa-Sirdar, Nima Lama, der unsere Eisschrauben in Kathmandu vergessen hatte. Außer der vergessenen Eisschrauben gibt es genug Probleme und Gefahrensituationen, die selbst die Sherpa nicht unbeeinflusst lassen, denn auch sie fürchten den Trashi Laptsa. Unvergesslich werden uns ihre Einsatzfreude, ihre Treue und ihr Kameradschaftsgeist bleiben. Diese großen Eigenschaften, über die sie im besonderen Maße verfügen, spiegeln sich in ihrem unerschütterlichen Glauben wider, daß sie ein untrennbarer Teil des Ganzen, der göttlichen Natur des Himalaya sind. Er gibt den Sherpa in allen Grenzsituationen eine ungebrochene innere Sicherheit, die uns oft genug fehlt und an den Rand unserer physischen und psychischen Kräfte bringt. An dieser, durch nichts zu erschütternden, inneren Sicherheit ändert auch eine gewisse oberflächliche Tünche westlicher Lebensart nichts, die im Sherpaland immer mehr Eingang findet. Die Pfeiler dieser geistigen Sicherheit sind nicht nur die alten Naturgötter der tibetischen Bön Religion, sondern auch die Religionsphilosophie des "Erleuchteten aus Lumbini".

Viele Erlebnisse mit unseren Sherpa werden wir nie vergessen. Erfahrungen, die für uns bergsteigerische Grenzerlebnisse sind, lassen unsere Sherpa Sirdar und Sherpa Träger meistens völlig kalt. Nur selten erlebe ich es, daß auch sie die Fassung verlieren.

Die Querung eines losen, viele hundert Meter hohen Schutthanges, der sich in ständiger Bewegung befindet, läßt für unsere unmittelbare Zukunft nicht allzu viel Gutes erwarten. Diese steilen Steinschlaghänge hängen direkt über einem in 5 000 Meter Höhe liegenden Gletschersee, dem Tsho Rolpa, in den sie senkrecht abfallen. Jedesmal, wenn es von oben wieder Steine auf uns zu hageln beginnt, spuckt Nima Lama gegen die anrollenden Klippen und murmelt hastig einige Gebete. Anschließend turnen wir alle in solch einem Geschwindschritt über die exponiertesten Teile, daß es uns fast die Lunge aus der Brust reißt.

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Die ständig lawinengefährdeten Hänge über dem Tso Rolpa, auf dem Wege zum Trakarding-Gletscher
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Nachdem wir diese Gefahr gemeistert haben, verbringen wir eine ungemütliche, eiskalte Nacht. Unsere Zelte haben wir unter einem großen überhängenden Felsbrocken aufgeschlagen, der uns mehr schlecht als recht gegen die die ganze Nacht hindurch abkommenden Steinlawinen schützt. Einige hundert Meter senkrecht unter uns liegt der Trakarding Gletscher, den wir uns in den nächsten Tagen zum Drolambao Eisbruch hochquälen müssen.

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Unser Lager in fast 6 000 Meter Höhe auf dem Trashi Laptsa
Photos: Copyright: Klaus Dierks

In den nächsten Tagen sinkt unsere Laune auf den Tiefpunkt, als wir nach tagelangen Kämpfen an einer kurzen überhängenden Eiswand im Drolambao Eisbruch aufgeben müssen, weil wir keine Eisschrauben haben, um unsere Seile zu befestigen. In solchen Situationen macht sich auch bei den sonst so ruhigen und ausgeglichenen Sherpa das "zweite psychologische Schwarzenbach-Höhenstadium", das "Sektpfropfenstadium", bemerkbar. Lange aufgestaute Aggressionen in Gefahrensituationen, versteckte Feindseligkeit und Neidgefühle uns gegenüber brechen plötzlich, meist völlig ohne Vorankündigung, hervor. Wir brauchen viel Ruhe und Taktgefühl, um den in der Luft liegenden Trägerstreik zu verhindern. Wir sind sehr froh, als das Brüllen aus rauhen Sherpakehlen gegeneinander und gegen uns wieder durch die in unseren Ohren recht unmelodisch klingenden Sherpagesänge abgelöst wird und Nima Lama sich wieder seinen stundenlangen Gebeten zuwendet.

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Drolambao-Eisbruch am Big-Pher-Go Shar, der uns fast zum Verhängnis wird
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Ich fühle mich oft genug so hilflos, wie sich ein Floh im Angesicht der Pyramiden von Gizeh wohl fühlen mag, und manchmal scheint es den Sherpa mit der Urgewalt ihrer heimatlichen Berge auch so zu gehen. Da die Sherpa, wie alle Menschen, auch ganz krasse, egoistische Materialisten sein können und durchaus über einen gesunden Geschäftsgeist verfügen, der in solchen Stresssituationen besonders gerne zum Ausdruck kommt, kann man nur noch mit Lohnaufbesserungen und Erfolgsprämien winken.

Bei solchen Gelegenheiten erweist es sich auch, daß Planung und Organisationsvermögen nicht gerade die stärksten Seiten der Sherpa sind. In kritischen Situationen brüllt man sich lieber an, als tatkräftig Hand anzulegen. Die naturgegebene Fröhlichkeit der Sherpa bricht jedoch immer wieder schnell durch. So bringt es unsere hübsche Sherpa-Trägerin, Didi Doma, nach der zweiten, diesmal erfolgreichen Durchsteigung des Drolambao Eisbruches fertig, sich trotz ihrer Erschöpfung und trotz der Froststellen an ihren Füßen, seelenruhig vor einer hohen Eiswand niederzuhocken und ihre schönen, langen schwarzen Haare zu kämmen.

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Wir haben fast die Passhöhe des Trashi Laptsa ereicht
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Auch ein Schluck von Rakschi oder Khukri Rum kann in Krisen Wunder wirken, so wie es Toni Hagen bereits vor Jahrzehnten am Trashi Laptsa erlebt hat. Die frommen Sherpa sind fest davon überzeugt, daß die Dämonen des Himalaya so manche Tour vereiteln können, indem sie die Menschen krank werden oder gar sterben lassen. Das geschieht oft - so glauben die Sherpa - ohne ersichtlichen äußeren Grund, und die bösen Geister müssen dann durch entsprechende Opferhandlungen besänftigt werden. Aber nicht immer helfen die Opfer. So passierte es Toni Hagen 1954 bei der Überschreitung des Trashi Laptsa, daß einer seiner Thamang-Träger schon seit längerer Zeit von Todesahnungen geplagt worden war und fest daran glaubte, daß er den Drolambao Eisbruch nicht lebend überstehen werde. Der Träger offenbarte keinerlei Anzeichen einer Krankheit, auch nicht der bösartigen Höhenkrankheit. Prophylaktische Medikamente, die Hagen ihm verabreichte, halfen nicht, und in jeder seiner letzten Nächte schrie er in Todesangst. Dennoch lehnten er es ab, sich mit zwei Trägern nach Beding zurückschicken zu lassen. Mit den anderen Sherpa kreuzte er noch den Eisbruch und legte sich dann, nachdem er das Schlimmste bereits hinter sich hatte, bei schönstem Nachmonsunwetter und ohne irgendein Zeichen einer Krankheit zu zeigen einfach hin, um zu sterben. Eine halbe Stunde später war er ohne ersichtlichen Grund tot.

Die Gründe für solche mysteriösen Geschehnisse müssen wohl im Bereich der Parapsychologie gesucht werden. Wahrscheinlich helfen in solchen Fällen nur Mittel, die eine besondere Wirkung auf die Sherpa psyche heben, wie etwa ein im richtigen Augenblick verabreichter kräftiger Schluck Rakschi. Ich habe aus diesen Erfahrungen gelernt, und so mancher "schwer" oder gar "todkranke" Träger kam mit dieser "Medizin" schnellstens wieder auf die Beine.

Im allgemeinen sind die Sherpa eher zurückhaltend und verfügen auch in den unwahrscheinlichsten Situationen über einen außergewöhnlich trockenen Humor. Manchmal habe ich das Gefühl, daß sie sich über uns "Westler" nur lustig machen wollen. So passierte es vor einigen Jahren, daß Toni Hagen seinen Sherpa-Sirdar, Tashi, für die Erstbesteigung des außerordentlich schwierigen Machhapuchhare in der Annapurnagruppe "auslieh", um unseren gemeinsamen Freund Jimmy Roberts aus Kathmandu einen Gefallen zu tun. Als Tashi sich einige Wochen später mit militärischer Haltung zurückmeldete, fragte Hagen, wie denn die Besteigung des schwierigen, besonders steilen Berges verlaufen wäre. Tashi gab die berühmte Sherpa-Antwort: "Very steep road, Sir!" Über dieses typische "Sherpa-Understatement" weiß Hagen noch mehr zu berichten. So schickte er einmal seinen Sherpa, Aila, nach Neu Delhi, um dort wichtige Post abzuholen. Als die Rückkehr des sonst so zuverlässigen Sherpa bereits einige Tage überfällig war, begann sich Hagen große Sorgen zu machen. Aber irgendwann erschien Aila, über das ganze Gesicht freundlich lachend und viele Entschuldigungen murmelnd, ohne einen einleuchtenden Grund für seine Verspätung anzugeben. Sofort nach seiner Rückkehr entfachte er das Lagerfeuer, als ob er überhaupt nicht weg gewesen wäre. Toni Hagen übermannte irgendwann dann doch die Neugier, und er fragte den Sherpa, was denn nun eigentlich passiert sei. Ailas Antwort war von klassischer Kürze: "Train fallen down, Sir!" Damit war die Angelegenheit für ihn erledigt. Toni Hagen erfuhr jedoch später in Kathmandu, daß der Zug von einer Brücke gestürzt und nur der letzte Wagen, in dem Aila reiste, oben im Brückengeländer hängen geblieben sei. Das Eisenbahnunglück forderte einige hundert Todesopfer und machte sogar in Indien, wo jeden Tag irgendwo ein Zugunglück vorkommt, Schlagzeilen.

Auch ich bekam solche Kostproben eines bagatellisierenden trockenen Sherpa-Humors serviert. Alle meine Sherpa wussten, daß ich eine geradezu panische Angst vor zugeschneiten Gletscherspalten habe. Als ich im Mai 1982 mit meinem Sirdar, Ang Tschumbi, den Mera im Hongu besteigen wollte, mußten wir den mit Neuschnee bedeckten außerordentlich spaltenreichen Meragletscher hochsteigen. Eine kilometerlange mehrere Meter breite Gletscherspalte konnten wir nur auf einer verdächtig aussehenden Schneebrücke überschreiten. Ich ermahnte Ang Tschumbi, der am Seil vorausspurte, nur nicht leichtsinnig zu sein und kriechend, vorsichtig hinüber zu schleichen. Ich stand also da und rechnete jeden Moment damit, im Falle des Nachgebens der Brücke den Seilruck des hineinstürzenden Ang aufhalten zu müssen. Als Ang Tschumbi auf der Mitte der Schneebrücke über dem endlosen Eisabgrund angelangt war, drehte er sich im spannendsten Augenblick zu mir um, wippte ein wenig in den Knien, entblößte sein prachtvolles Sherpagebiss zu einem strahlenden Lächeln und sagte: "Everything allright, Sir, I am still alive!"!

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Gletscherspalten auf dem Mera La mit Hinku Himal und Chamlang im Hintergrund
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Einige Stunden später waren wir beim Abstieg vom Mera leichtsinnigerweise und unerklärlicherweise nicht angeseilt. Als Ang Tschumbi dann in eine Gletscherspalte hinabstürzte, aus der ich ihn nur mit äußerster Mühe herausholen konnte, verging auch ihm das Lachen. Über diesen Vorfall und andere Grenzerlebnisse in den höchsten Bergen der Welt habe ich bereits berichtet.

Der Trashi Laptsa ist der Grenzpass zwischen dem Rolwaling und dem Khumbu, dem Kernland der Sherpa mit den höchsten Bergen der Welt. Die Bezwingung dieses vergletscherten Bergüberganges macht uns vor allem deshalb glücklich, weil es nun erst einmal nicht mehr bergauf, sondern in den Khumbu nur noch bergab geht. Unsere Sherpa halten sich auf dem höchsten Punkt mit seinen fast 6 000 Meter nicht groß mit den Bergnaturschönheiten auf. Nima Lama bemerkt nur lakonisch: "Very much landscape, Sir"! Danach pinkelt er einen Pfeil in den Schnee, damit die folgenden Träger wissen, in welche Richtung wir abgestiegen sind. Vorher sitze ich noch etwa eine halbe Stunde im tiefen Neuschnee. Der Blick zurück in den Rolwaling und auf den tief unter mir liegenden Drolambao Gletscher ist wohl einmalig auf der Welt. Meine Augen wandern auch hinüber zu den vielen riesigen Eisgipfeln in Tibet, die meistens keine Namen haben. Leider ist der Khumbu im Osten im Nebel verschwunden. Doch plötzlich reißen die Wolken auf und geben den Blick auf zahllose, von hier nicht zu identifizierende Eisberge frei. Schnell ziehen die Wolken danach wieder hoch und verhüllen das Traumland aller Bergsteiger.

Ich sollte damals, im Oktober 1980, noch nicht wissen, daß ich genau vier Jahre später, im Oktober 1984, mit meiner Frau, unserem Sirdar, Dawa Thondup, und vier Sherpa Trägerinnen den Trashi Laptsa von der Khumbuseite aus besteigen würde und an der gleichen Stelle, neben der Gletscherspalte, wieder unser Lager aufschlagen würde. Auch von anderen Grenzerlebnissen an diesem Punkt sollte ich noch nichts ahnen.

Sobald die Sonne hochkommt, verzieht sich der Morgennebel, und die Eisberge des Trashi Laptsa stehen in frostklirrender Schönheit um uns herum. Der Abstieg auf der Khumbuseite hat es noch in sich. Nima Lama will uns trösten und erzählt uns von einem japanischen Bergsteiger, der hier oben im Schneesturm als tot zurückgelassen wurde, sich aber später erholte und alleine - wenn auch leicht angegriffen - seiner Truppe hinterher stieg und einen Tag später in Thame eintraf.

Zunächst geht es durch dicken Pulverschnee auf dem Trashi Laptsa Gletscher abwärts, bis wir vor einem etwa 1 000 Meter tiefen, steil geneigten Abbruch zum Stehen kommen. Wir haben die Wahl, entweder die steilen Felsen hinabzuklettern oder durch einen nicht zu schwierig aussehenden Eisbruch abzusteigen. Da den Sherpa Fels lieber ist als Eis und da wir außerdem keine Steigeisen dabei haben, entscheiden wir uns für die Felskletterei. An den schwierigsten Stellen müssen wir die Träger mit dem Seil sichern. Wir werden auch hier wieder von Steinschlaglawinen gejagt. Ganz in der Nähe gehen schwere Eislawinen ab, die uns zum Glück nicht bedrohen. Vier Jahre später seilen meine Frau und ich uns durch den Eisbruch ab, wobei wir beinah eine unserer Sherpa-Trägerinnen verlieren. Zum Glück kullert ihr nur der Tragkorb davon.

Wir haben phantastische Ausblicke auf die fast 7 000 Meter hohen Schneeberge im Süden: Panaya Tuppa östlich von Big phera Go-Shar und Teng Kangpoche, der genau über dem ersten Sommerweidedorf auf der Khumbuseite, Tengpo, liegt. Es geht weiter über endlose, steinschlaggefährdete Moränenhalden abwärts. Wir steigen an diesem Tag fast 2 000 Meter ab. Langsam kommen, einer nach dem anderen, die legendären Berge des Khumbu in Sicht: Cho Latse, Khumbui Yul La, Amai Dablam, Kangtega, Tramserku und etwas weiter weg der fünfhöchste Berg der Erde, der Makalu (8 475 Meter), und eine makellose Eispyramide, die wir 1980 nicht identifizieren können. - Ich ahnte damals noch nicht, daß ich zwei Jahre später zusammen mit Ang Tschumbi auf dem Gipfel dieser Eispyramide, auf dem Mera, stehen würde.

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Abstieg vomTrashi Laptsa nach Osten in den Khumbu
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Trashi Laptsa-Eisbruch
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Sechstausender ohne Namen am Trashi Laptsa
Photos: Copyright: Klaus Dierks

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Östliches Basislager desTrashi Laptsa
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Das Sommerweidedorf Tengpo sieht mit seinen vielen grob zusammengesetzten Bruchsteinhäusern wie ein Inkadorf in Peru aus. Tengpo liegt 4 320 Meter hoch, und hier haben wir die Zone der großen, menschenfeindlichen Höhen und des tödlichen Schweigens hinter uns gelassen und kehren wieder in das Leben zurück. Die Wiesen sind mit Tausenden von blau blühenden Enzian bedeckt, so wie wir in 5 000 Meter Höhe Matten mit zahllosen Edelweiß gesehen haben.

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Sherpa-Sommerweidedorf Na im Kumbu (zwischen Trashi Laptsa und Thame) 
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Die Sherpa und die Lamas der Gompa von Thame sind gerade dabei, ihre Almhütten winterfest zu machen und ihre großen Yakherden talabwärts nach Thame zu treiben. Den ganzen Sommer über bleiben die Hütejungen mit ihren Yakherden auf den Almen mit dem kräftigen Gras, die sie P hu nennen und die bis an den ewigen Schnee heranreichen. Die Sherpa lieben ihre Yaks sehr, und der Besitz dieser Hochgebirgsrinder, die nur in Höhen über 3 800 Meter leben können, entscheidet über den Status des Betreffenden in der Sherpagesellschaft. Das Yak hat für die Sherpa den gleichen Prestigewert wie afrikanische Rinder für die schwarzen Viehzüchter in Namibia. Genau wie bei den Ovaherero gilt bei den Sherpa Viehzucht und Graswirtschaft als höher einzustufende Beschäftigung als der Ackerbau, den man den Frauen überlässt.

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Thame Gompa, nördlich von Namche Bazar im Sherpaland 
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Etwa die Hälfte aller Sherpa im Khumbu hält Yaks. Pro Person besitzt die viehhaltende Bevölkerung durchschnittlich zwölf Yaks. Die Yakzucht der Sherpa hat zwei wichtige Gründe. Erstens müssen Anzahl und Gewicht der Yaks erhöht werden, um auf den Märkten im Sherpaland und Tibet möglichst hohe Preise zu erzielen, und zweitens müssen die Yakrassen durch Kreuzung so verbessert werden, daß sie den verschiedenen Höhen der Gebirgswelt angepasst werden können. Mit den Kreuzungen wird bei den weiblichen Tieren eine hohe Milchproduktion bezweckt, und außerdem sollen möglichst starke Rinder hervorgebracht werden, die als Lasttiere im Karawanenverkehr gebraucht werden. Durch die Kreuzung der tibetischen Yakrassen mit nepalischen Mittel-und Tieflandrinderrassen sollen neue Rassen entstehen, die für alle Höhenlagen geeignet sind, angefangen beim Hochland von Tibet, aufgehört bei den tieferen Tälern in Nepal - Solu, P harak und R olwaling etwa.

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Yaks in Tengpoche
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Der Khumbu ist mit seinen großen Höhenunterschieden (zwischen 3 000 und 5 000 Meter) für diese Kreuzungsbestrebungen besonders gut geeignet. Der Handel mit Hochgebirgsrindern ist direkt mit dem Butterhandel verknüpft, da die Yakbutter als Energiespender und in der Religion der Sherpa eine große Rolle spielt. Die Butter ist auch heute noch wichtiges Tauschmittel unter den Sherpa und wird als eine Art Ersatzgeld gebraucht. In den Gompas wird sie als Brennstoff für die Butterlämpchen verwendet. Sie wird auch benutzt, um nach tibetischer Tradition kunstvolle Buttergebilde, Torma, zu Ehren der Götter herzustellen.

Die männlichen Tiere, die aus diesen Kreuzungen hervorgehen, werden im Alter von zwei Jahren kastriert, um ihr gefährliches Temperament zu bremsen, das durch die langen, spitzen Hörner noch gefährlicher wird. Durch den Yakhandel mit Tibet wird dafür gesorgt, daß immer genügend reinrassige Bullen zur Verfügung stehen, um die Zucht fortzusetzen.

Wer sich bei den Sherpa Respekt verschaffen will, sollte sich, wenigstens oberflächlich, in der Yak-Terminologie auskennen. Die beiden wichtigsten tibetischen Hochgebirgsrinderrassen sind die männlichen Lhang und Yak sowie die dazugehörigen weiblichen Dri und Nak. Die Kreuzungsprodukte von diesen beiden Rassen untereinander oder mit einer nepalischen Rinderrasse haben im allgemeinen, wenn auch nicht immer, im Falle der männlichen Tiere den Beinamen Zopkio und im Falle der weiblichen Zhum. Die Kreuzung von Lhang und Nak ergibt ein Zopkio-Dimzi, beziehungsweise ein Zhum-Dimzi. Werden Yak und Dri gekreuzt, kommt ein Zopkio-Urang oder Zhum-Urang zustande. Yak und Zhum-Dimzi produzieren ein Tolmu, ein Lhang und Zhum-Dimzi bringen ein Pam-Dzo (männlich) oder ein Pamo (weiblich) hervor. Lhang und Tolmu bekommen ein Yir, Lhang und Yir ein Ik und Lhang und Ik ein Gar. Diese Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Man sollte nicht versäumen, sie bei einer Expedition in den Sherpa-Himalaya auswendig zu lernen und mit diesen Kenntnissen die Sherpa zu beeindrucken. Da sich die Sherpa aber offensichtlich selbst nicht immer in diesem "Yak-Durcheinander" zurecht finden, nennen sie der Einfachheit halber alle männlichen Kreuzungsprodukte Dzo und die weiblichen Dzomo. Entsprechend dieser vereinfachten Yakterminologie werden die urweltlich aussehenden, langhaarigen Tiere beim Karawanenbetrieb mit kräftigen "Yak"- beziehungsweise "Dzo"-rufen angejagt.

Während Tengpo hauptsächlich für Viehzucht geeignet ist, kann im dreihundert Meter tiefer gelegenen Thame bereits Ackerbau betrieben werden. Die Kartoffel, die Mitte des 19. Jahrhunderts aus Darjeeling, wo die britischen Kolonialherren sie eingeführt hatten, ihren Weg ins Sherpaland fand, bildet die Grundlage des Sherpa-Ackerbaus. Von Fürer-Haimendorff schätzt den jährlichen Kartoffelverbrauch bei einer siebenköpfigen Sherpafamilie auf drei Tonnen, und auf nur etwa zweihundert Kilogramm den Verbrauch bei anderen Gemüsesorten. Die Kartoffel hat das Tsampa aus Gerstenmehl als Grundnahrungsmittel inzwischen großenteils verdrängt. Erst die "Kartoffel-Revolution" machte das Leben in den Hochtälern am Fuße des Mount Everest erträglich.

Der Khumbu wird vom Dudh Kosi, dem Milchfluss, der von Norden nach Süden fließt, entwässert. Am Oberlauf, in den seine drei Hauptquellflüsse münden, liegen die wichtigsten Sherpadörfer des Khumbu. Die Sherpalandschaft am mittleren Dudh Kosi wird Pharak genannt, an die sich im Süden der Solu anschließt. Der westliche Quellfluss ist der Nang po-Tsangpo, der vom Nangpa La an der tibetischen Grenze kommt. Direkt an diesem Fluss liegt das Sherpadorf Dramo, und etwas weiter westlich in Richtung Trashi Laptsa, die wichtige Ortschaft Thame mit dem berühmten alten Kloster. Weitere Dörfer am Nangpo-Tsangpo sind Langmoche und Thamoti.

Unterhalb der drei großen Sherpadörfer Khumjung, Khunde und Namche mündet der Nangpo-Tsangpo in den Dudh Kosi, der am Cho Oyu entspringt. Der dritte Quellfluss ist der Imja Khola, der vom Mount Everest und Lhotse kommt und sich unterhalb der Ortschaft Phortse mit dem Dudh Kosi vereinigt. Das berühmte "Everestkloster" Tengpoche und die beiden Dörfer Pangpoche und Dingboche liegen alle am oder über dem Imja Khola. In Pangpoche befindet sich die älteste Gompa des ganzen Khumbu.

Von Tengpo steigen wir auf recht guten Wegen durch dichte Wacholdergehölze ab, immer mehr den gewaltigen Bergen des Khumbu entgegen. Die eindrucksvolle Gebirgskulisse wird zunächst durch die mächtigen Gipfel von Tramserku und Kangtega im Süden und später durch den Amai Dablam und Khumbui Yul La, die heiligen Berge des Sherpalandes, beherrscht. Nach einigen Stunden erholsamen Abwärtsgehens taucht tief unter uns, auf einer Höhe von nur noch 3 800 Meter, der Ort Thame auf. Hoch über Thame Og klebt an einem fast senkrechten Felsen das traditionsreiche Kloster Thame. Rings um die Gompa herum, die mit ihrem roten Hauptgebäude einen märchenhaften Kontrast zu den Schneebergen ringsherum abgibt, gruppieren sich die einzelnen Häuser der Lamas. Im Gegensatz zu den tibetischen Klosterburgen, wie ich sie in Tibet und im Ladakh erlebt habe, wo die Lama alle in einem Klosterkomplex zusammen leben, bevorzugen die individualistischen Sherpa ihre eigenen Wohngebäude, in denen sie höchstens zu zweit hausen.

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Thame Gompa: Blick zum Tramserku, südlich von Namche Bazar  
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Nachdem wir in einem der Lamahäuser Quartier bezogen haben, gehe ich hinüber zur Gompa, um dankbar, für den geglückten Trashi Laptsa Übergang, die große Gebetsmühle zu drehen. Sie ist genauso groß und genauso verwirrend bunt angemalt wie die von Beding und Simi Gaon im Rolwaling. Die Gebetsmühle gehört zu den Sherpa wie das Rad als Fortbewegungsmittel zu uns. Der einzige Unterschied ist der, daß erstere zum Beten und nicht zur Fortbewegung gedreht wird. Nicht materieller Fortschritt, sondern das Einssein mit dem Kosmos zählt in der geistigen Landschaft der Sherpa. Man macht sich selbst die Wasserkraft beim Beten zunutze. Die Sherpa sind gute Ingenieure und haben bereits vor Jahrhunderten Konstruktionen entwickelt, die dem modernen Prinzip der Kaplantur bine entspricht. Nur ist diese Turbine nicht dazu da, Energie zu erzeugen, sondern um eine Gebetsmühle anzutreiben.

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Die große Gebetsmühle in der Gompa von Junbesi im Solu 
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Das Rad hat zwar immer noch nicht Eingang im Sherpa-Himalaya gefunden. Die physischen Hindernisse, die der Himalaya auftürmt, werden dafür sorgen, daß dieser beneidenswerte Zustand noch eine Weile erhalten bleibt. Aber die Zeiten ändern sich selbst in dieser Umwelt. Das erste Kleinstwasserkraftwerk mit 260 kW ist im Nangpo Tsangpo Tal zwischen Thame und Namche in den achtziger Jahren gebaut worden. Es soll das durch den Trekking- und Expeditionstourismus immer größer werdende Energiedefizit decken. Hauptenergieträger im Khumbu ist immer noch das Holz. Leider ist durch den unvernünftigen Raubbau an der empfindlichen Waldesökologie in den letzten Jahren eine Situation entstanden, die ohne neue Energieträger nicht mehr zu meistern ist. Die Nutzung der unerschöpflichen Wasserkraft als Stromproduzent für die Dörfer Thame, Khumjung, Khunde, Namche und selbst die Gompa Tengpoche bietet hier einen Ausweg. Allerdings konnten die nepalischen Ingenieure die Hochspannungsleitungen nicht unterirdisch verlegen sondern neben den Karawanenpfaden der Sherpa - eine unglaubliche Verschandelung der Natur: Elektrische Leitungen vor den höchsten Bergen der Welt! Der Wald von Gebetsfahnen über Namche sieht auf den ersten Blick wie eine Ansammlung von Hochspannungsmasten aus. Man kann nur die Hoffnung aussprechen, daß die findigen Sherpa dafür sorgen, daß die "wirklichen" Hochspannungsmasten - wenn sie schon da sein müssen - zu Ehren der Götter wenigstens als Gebetsfahnen gestaltet werden.

An Thame läuft der wichtige Karawanenweg von Tibet über den Nangpa La nach Namche vorbei. Seit 1980 ist die Grenze zwischen der Volksrepublik China und dem Königreich Nepal wieder für einen kleinen, wenn auch erschwerten Grenzverkehr geöffnet. Nur die Tibeter, die im nepalischen Solu Khumbu oder in der tibetischen Provinz Tingri Shekar leben, dürfen den Grenzpass überschreiten. Für Ausländer ist der Nangpa La nach wie vor gesperrt. Ein Polizeiposten nördlich von Thame sorgt dafür, daß diese strenge Regel von jedermann befolgt wird.

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Tingri Shekar nördlich vom Mount Everest in Tibet: Dzong und Gompa (beide in der chinesischen Kulturrevolution zerstört), 1997 
Photos: Copyright: Klaus Dierks

In der Gompa von Thame haben wir immer wieder Gelegenheit, Tibeter zu treffen, die, seit die Volksrepublik China den neuen Kurs eingeschlagen hat, jetzt wieder über den Nangpa La in das Sherpaland kommen. Von ihnen erfahre ich zum ersten Mal, seit über zwanzig Jahren, etwas über die Verhältnisse im Tibet der achtziger Jahre, das die Chinesen eine "Autonome Region der Volksrepublik China" nennen und daß seit meinem letzten Besuch im Jahre 1959 eine drastische Umwälzung erfahren hat. Über die sozio-ökonomischen und religiösen Veränderungen, die Unterdrückung der Religion, die Zerstörung der vielen Klöster in der "Kulturrevolution", der versuchten Gleichschaltung der Bevölkerung durch Uniformierung, über Zwangsarbeit, Reiseverbot und Hunger sowie über die Ausrottung, Verschleppung und Umsiedlung von ganzen Bevölkerungsteilen in den sechziger und siebziger Jahren hat man im Westen bis 1980 immer nur Bruchstücke erfahren. Wir hören, daß im "Neuen Tibet" niemand mehr lache, daß die alten Gebetsfahnen durch die roten Fahnen der Volksrepublik ersetzt, die traditionelle tibetische Kleidung verboten und selbst die tibetische Sprache weitgehend durch Mandarin verdrängt worden sei. In der Schule wird auf Man darin die neue sozialistische Doktrin gelehrt, die neuen Straßen werden von chinesischen Lastwagen befahren, eine Eisenbahn nach Lhasa ist im Bau, und an Stelle der Tschörten gibt es Telephonleitungen entlang der alten zentralasiatischen Karawanenwege. Hunderttausende von neu eingewanderten Han-Chinesen kontrollieren seit 1959 jeden politischen und sozio-ökonomischen Aspekt in Tibet. Unersetzliche Kulturgüter sind entweder zerstört oder nach China verschleppt und zum Teil sogar auf den internationalen Auktionsmärkten des Westens verramscht worden. Von über dreitausend Klöstern und Tempeln bestehen 1980 nur noch ein Dutzend. Ich kann heute nur zu dem Schluß kommen, daß von dem alten Kirchenstaat auf dem Dach der Welt, wie ich ihn noch in den fünfziger Jahren kennenlernen durfte, nichts mehr übrig sei.

Hier in Thame höre ich mit großer Anteilnahme, daß die buddhistische Religion trotz aller Versuche, das alte Tibet zu zerstören, in der Zeit der Verfolgungen nicht völlig untergegangen ist, sondern wie Glut unter der Asche weiterglühte, bis der neue Wind aus Beijing in den achtziger Jahren sie zu helllodernden Flammen anfachte. Seit 1980 herrscht in Tibet wieder beschränkte Religionsfreiheit. In den wenigen Klöstern und Tempeln, die den Feuersturm der Kulturrevolution überlebt haben, darf wieder gebetet werden.

In Tibet wurde ja Jahrhunderte lang gebetet und meditiert. Hier hat man immer geglaubt, daß das Karma - die Summe aller Taten eines Menschen in einem bestimmten Leben - oder Sönam, wie Tibeter und Sherpa dieses "Tatenschicksal" nennen, den Lebensstatus im ewigen Zyklus der Wiedergeburten bestimmt. Innere Werte, das große Gleichgewicht der Menschen mit sich selbst und der Welt, waren immer wichtiger als äußerliche, materialistische Werte. Erfolg, westliche "Ratio" und Leistungsdenken konnten nicht in die Seelen der Tibeter eindringen.

Für sie ist die ewig unveränderte, innere Weltordnung der Maßstab aller Dinge. So scheint es, als ob der tibe tische Buddhismus dem technokratischen, atheistischen Sozialismus an geistiger Kraft überlegen sei und die Regierung in Beijing gezwungen habe, religiöse und sozio-ökonomische Zugeständnisse zu machen.

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Kumbum-Tschörte in Gyantse, Tibet, 1997
Photos: Copyright: Klaus Dierks

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Haupttempel Pelkor Chöde mit Kumbum-Tschörte in Gyantse, Tibet
Photos: Copyright: Klaus Dierks

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Blick von der Pelkor Chöde auf die Stadt Gyantse mit der Festung (Dzong) im Hintergrund
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Blick vom Dzong auf die Stadt Gyantse mit Pelkor Chöde und Kumbum im Hintergrund
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Der historische  Buddha "Gautama" in der Kumbum-Tschörte in Gyantse, Tibet
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Die drei Eckpfeiler des tibetischen Buddhismus, die die Voraussetzung zur letzten, endgültigen Erkenntnis und damit Erlösung darstellen, sind Meditation, Studium der heiligen Schriften und aktive Nächstenliebe. Diese grundsätzlichen Verhaltensweisen können in einer vom Materialismus irregeleiteten Welt neue Hoffnung geben, passen aber bestimmt nicht in das Schema einer "westlich- marxistischen" Ideologie.

Inwiefern die sozialen, wirtschaftlichen und religiösen Freiheiten - wie Tempelbesuch, Reisefreiheit, die Aufhebung der Verpflichtung, chinesische Kleidung zu tragen, kleiner Grenzverkehr mit Nepal, die teilweise Aufhebung der Kolchosenwirtschaft und der Zwangsarbeit, kleine Handelsprivilegien und ermäßigte Steuerabgaben ehrlich und dauerhaft gemeint sind und nicht einer augenblicklichen, kurzfristigen Interessenlage Beijings dienen, läßt sich noch nicht abschätzen. Es sind wohl kaum buddhistische Nächstenliebe und Toleranz, sondern viel mehr politische Strategie und Taktik, die die Regierung der Volksrepublik China dazu veranlasst haben, diese Zugeständnisse zu machen. Der 14. Dalai Lama schien das in der Vergangenheit auch zu vermuten, sonst hätte er das Angebot Beijings, nach Tibet zurückzukehren, längst angenommen.

(Allerdings erlebe ich in den Jahren 1997 und 1998 auf monatelangen Expeditionen in Tibet, in zum Teil Gebieten (Treck entlang der Grenze zwischen Sikkim und Tibet, in den Gebieten, in denen ich 1959 geweilt hatte und die menschenleeren Gebiete des Tschangthang nördlich des Kailashberges), die seit dem zweiten Weltkrieg von keinem Europäer (ich bekam als namibischer Minister vom chinesischen Premierminister eine Sondererlaubnis) mehr betreten worden war, dass das alte Tibet doch noch lebte, das der tibetische Buddhismus alles andere als tot war, dass die Tibeter wieder lachten und ihre traditionelle Kleidung trugen und dass zahlreiche Klöster entweder niemlas zerstört waren oder inzwischen wieder aufgebaut worden waren).

Auf dem vom Nangpa La ins Tal führenden Weg wandern wir mit vielen tibetischen Händlern in das Haupthandelszentrum der Sherpa hinab nach Namche Bazar. Dieser Weg von Thame nach Namche ist ein heiliger Pilgerpfad, der von unzähligen Tschörten, Manimauern und Gebetsfahnen gesäumt wird. Nima Lama betet auf dieser "Via Sacra" der Sherpa unaufhörlich vor sich hin. Wir wandern durch herbstliche Wacholder- und Kiefernwälder immer weiter bergab. Die Berge sind heute von Nebel verhangen, auf den Gipfeln hat es über Nacht geschneit. Wir überqueren den wildrauschenden Gletscherfluss Nangpo Tsangpo auf einer der vielen von Edmund Hillary im Khumbu gebauten, sehr guten Fußgängerbrücken. Später geht es durch herrliche Tannenwälder, auf deren Riesenbäumen blau-schwarze Tannenzapfen sitzen, die merkwürdigerweise senkrecht nach oben stehen.

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Zwischen Thame und Namche Bazar mit Tramserku im Hintergrund 
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Nördlich von Namche Bazar: Meine Frau Karen Dierks (geb. Karen von Bremen), 1984 
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Unterwegs treffen wir immer wieder Händler oder sogar Neueinwanderer aus Tibet, die über den Nangpa La ins Sherpaland gekommen sind. Neueinwanderer kommen ständig über die Grenze und sorgen für Blutauffrischung bei den Sherpa. Von den Alteingesessenen werden sie Khampa genannt. Erst nach zwei bis drei Generationen dürfen sie sich Sherpa nennen und werden als vollwertige Mitglieder der Sherpagemeinschaft angesehen. Das Wort Khampa wird von den Sherpa für alle Nicht-Sherpas gebraucht, selbst für Nepalis, ganz gleich welchem nepalischen Volk sie angehören. Die tibetischen Khampa, die genau wie die Sherpa aussehen, verrichten im allgemeinen minderwertige Arbeiten, werden aber mit der üblichen Großzügigkeit, Gastfreiheit und Brüderlichkeit von den Sherpa aufgenommen.

Namche Bazar ist mit etwa achthundert Einwohnern die dörfliche Hauptstadt des Sherpalandes. Namches Sherpagemeinschaft ist dafür bekannt, daß sie für Himalayaverhältnisse einen recht hohen Lebensstandard hat. Der Ort liegt 3 480 Meter hoch und öffnet sich halbkreisförmig nach Westen. Unterhalb von Namche fallen steile Berghänge zum Nangpo Tsangpo und Imja Khola ab.

Als wir ankommen, liegt Namche im Nebel. Auf den schlammigen, mit menschlichem und tierischem Kot bedeckten Straßen ziehen vollbeladene Yakkarawanen, begleitet von Tibetern, die von den Durftwolken ranziger Butter umhüllt sind. Es gibt hier auch viele Bergsteiger, Trekkingtouristen und Andenkenverkäufer. Namche ist das erste Sherpadorf, das nicht mehr friedlich-weltabgewandt wie die anderen Sherpadörfer wirkt. Hier hat die neue Zeit bereits ihren Einzug gehalten. Seit 1984 gibt es sogar elektrisches Licht, das von dem - oft nicht funktionierendem - hydroelektrischen Kleinstkraftwerk im Nangpo Tsangpo geliefert wird.

Ringsumher erheben sich die mächtigen Eisgipfel des Sherpa- Himalaya, im Westen die Kongde Ri und im Süden Tramserku und Kangtega. Das Dorf ist seit Jahrhunderten der wirtschaftliche Mittelpunkt des Sherpalandes. Früher einmal, als die wichtige Handelsroute von Tibet über den 5 806 Meter hohen Nangpa La noch offen war, lebten seine Einwohner vom Handel. Mit der Schließung der tibetisch-nepalischen Grenze im Jahre 1959 wurde auch der Handel unterbunden und schließlich durch den zunehmenden Expeditions- und Trekkingtourismus verdrängt, der den Charakter des Sherpalandes nachhaltig verändert hat.

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Namche Bazar: Hauptort im Sherpaland: Blick nach Westen zum Kongde Ri 
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Namche Bazar: Alter Tibeter aus Tingri Shekar
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