GEISTIGES ERLEBNIS IM HIMALAYA - AUF DEN SPUREN DER LAMAS: TEIL 2

Klaus Dierks
©  Dr. Klaus Dierks 1982-2004

 

Es gibt viele Möglichkeiten, das "buddhistische Paradies", das Nirvana, zu erklären. Eine sehr treffende Definition gab Hermann von Schlaginweit, der Mitte des 19. Jahrhunderts mit seinen Brüdern Robert und Adolph den Himalaya und seine Randgebiete durchforschte. Er schilderte die Reaktion eines hohen tibetischen Lamas, Chibu Lama, den er in Darjeeling getroffen hatte und dem er die physikalischen Grundlagen des Thermometers zu erklären versuchte: "Sehr naiv dagegen sprach er sich über manche physikalische Verhältnisse aus; es genüge zu erwähnen, wie er sich den Nullpunkt des Thermometers dachte, nachdem ich mit ihm den Zweck und Aufbau desselben möglichst klar durchgesprochen hatte; seine Auffassung ist zugleich für die allgemeine tibetische Interpretation der Dinge charakteristisch. Der Nullpunkt sollte nämlich nach seiner Idee dort sein, wo es für den Menschen weder kalt noch warm ist; dies entspräche dem wahren Nirvana des Buddhismus im Thermometer! Meine Thermometer, meist hundertteilige aus Deutschland, hatten die Null da, wo man allerdings schon lange friert."

Offen bleibt, wer hier wen belehren wollte und wessen Lehre für den Fortschritt und die Erlösung der Menschheit bedeutungsvoller ist.

Der tibetische Buddhismus weist einen Weg für eine irregeleitete, materialistische Menschheit. Der friedliche Geist dieser Lehre beeinflusst immer noch die asiatische Szene, selbst, und in den neunziger Jahren verstärkt, den chinesischen Sozialismus.

Der tibetische Buddhismus ist eine äußerst vielschichtige "Philosophie der inneren Freiheit", die Platz für alle Menschen, aber auch alle Ideologien hat. Sie kann selbst, wie es der 14. Dalai Lama kürzlich mit diplomatischer Heiterkeit ausdrückte, bei der "Verwirklichung des Sozialismus hilfreich sein". Das letzte Ziel dieser im Grunde "atheistischen Erleuchtungslehre" ist die endgültige Erkenntnis, das Gleichgewicht mit dem Universum zu finden. Buddhas und Bodhisattvas erfüllen bei diesem Streben nur eine Hilfsfunktion. Der "wissenschaftliche Sozialismus" hat trotz aller physischen Gewaltanwendung und trotz der brutalen Unterwerfung Tibets keinen Eingang in diese geistige Welt gefunden.

Der Eintritt in das geistige Kraftfeld des Himalaya erfolgt, sobald man begriffen hat, daß diese Welt sich - noch - im stabilen Gleichgewicht mit der Umwelt befindet, wenn es gelingt der ökologischen Zerstörung, die auch auf dem Dach der Welt Eingang gefunden hat, Einhalt zu gebieten. Diese Harmonie verspürt man trotz aller Primitivität der Verhältnisse immer wieder in den Sherpa-Dörfern. Das Leben der Sherpa ist durch die extreme Gebirgswelt geprägt.

Tibet.TardjeelingGompa.jpg (62899 bytes)

Tardjeeling-Gompa in West-Tibet im oberen Tsangpo-Tal
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Tibet.Tradün2.jpg (60129 bytes)Tibet.Tradün3.jpg (41946 bytes)

Tradün-Gompa in West-Tibet im oberen Tsangpo-Tal: Heinrich Harrers "Rotes Kloster mit dem goldenen Dach"
Photos: Copyright: Klaus Dierks

In dieser Umwelt gibt es keine "Komfort- und Wohnzimmerlandschaften" und den idiotisch übertriebenen Luxus einer kranken Gesellschaftsordnung. Trotzdem sind die Sherpa viel glücklicher als die egoistischen, komfortsüchtigen Individualisten des Westens.

Bei den Sherpa gibt es keine kalkulierbare Sicherheit, und sie kennen weder Sicherheitsdenken noch Rentenversicherung. Das fast krankhafte Sicher heitsbedürfnis der Menschen des Westens ist ihnen fremd. Die ständige Bedrohung durch die Naturgewalten, gegen die sie sich nicht mit Versicherungen schützen können, ist Teil ihrer natürlichen Umwelt, und auch ohne Versicherungspolicen gegen Naturkatastrophen sind sie selbst in Extremsituationen ständig Herr der Lage. Sie sind sich der Gefahren, die sie dauernd umgeben, bestens bewusst. Doch die Verwurzelung in die geistige Landschaft des Himalaya ist stärker als ihre Angst. Die Welt der Götter, Dämonen und Geister ist ihnen Hilfe bei der Daseinsbewältigung. Die Menschen des Himalaya werden von der gefährlichen Umwelt geprägt, und sie sehen sich als harmonischen Teil dieser Weltordnung. Aus dieser Harmonie schöpfen sie ihre Kraft, Ausgeglichenheit und Sicherheit. Im Gegensatz dazu geht es den Menschen des Westens nicht um die Harmonie mit ihrer Umwelt, sondern um Sicherheit und Wohlstand. Sie haben die Harmonie mit der Natur gegen die geistige und physische Enge der Zivilisation eingetauscht und die Freiheit verloren. Ein Bürger eines westlichen Wohlfahrtstaates kann es kaum verstehen, daß Menschen ohne gesetzlich verankerte Sozialleistungen glücklich und zufrieden sein können.

Die Gemeinschaften, in denen es diesen, durch Harmonie mit der Umwelt hervorgerufenen, Glückszustand noch gibt, sind auf unserer Erde selten geworden. Die Völker des Himalaya, die in diesem beneidenswerten Zustand leben, sind durch Akkulturation genauso bedroht wie die San-Gemeinschaft der !Kung in der nördlichen Kalahari in Namibia. Auch von den San, die heute noch als Jäger und Sammler leben, kann man sagen, daß sie einen altertümlichen Zustand der Menschheit repräsentieren und sich in einem harmonischen Gleichgewichtszustand mit der Natur und mit sich selber befinden. In ihrem menschlichen Verhalten erinnern sie mich oft an die Sherpa, wenn letztere auch auf einer ganz anderen Kulturstufe als die !Kung leben. Der Verhaltensphysiologe, Irenäus Eibl-Eibesfeldt, schreibt über die !Ko-San in Botswana: "Was auffällt, wenn man in einer Buschmanngruppe lebt, ist nicht der Mangel an Aggressionen, sondern die Tatsache, daß diese Menschen ihre Aggressionen gut zu kontrollieren wissen und daß bei Erwachsenen die freundlich bindenden Verhaltungsweisen dominieren. Diese Menschen sind den Tag über viele Stunden damit befasst, freundliche Kontakte zu pflegen. Sie plaudern, lausen sich, spielen mit den Kindern und lassen das Rauchrohr kreisen. ... Da die Frauen für den täglichen Nahrungserwerb nur zwei bis drei Stunden am Tag sammeln und die Männer nur in größeren Zeitintervallen auf eine Jagdexkursion gehen, bleibt diesen Menschen auch Zeit, sich einander zu widmen. ... Man könnte sagen, diese Menschen haben reichlich Zeit, im eigentlichen Sinne Mensch zu sein. Wir verlieren diese Gabe mehr und mehr."

Tibet.TschangthangGertze1.jpg (54436 bytes)Tibet.TschangthangGertze2.jpg (63138 bytes)

Gertze im Tschangthang in Nord-Tibet
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Tibet.TschangthangTsochen1.jpg (67343 bytes)Tibet.TschangthangTsochen2.jpg (59618 bytes)

Tsochen im Tschangthang in Nord-Tibet
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Diese Aussage trifft Wort für Wort auch für die Menschen des Himalaya zu. Sie sind, wie die !Kung-Buschleute, ganz einfach Teil der Umwelt, der Wirklichkeit. Sie sind eine unteilbare Komponente der kosmischen Welt. Die Religion des tibetischen Buddhismus hilft ihnen dabei, Mensch zu sein. Die Religion ist nicht nur ein kleiner Teil des Lebens, wie bei uns, sondern sie ist das Dasein überhaupt. Nicht nur die Berge sind die Throne der Götter, sondern auch Bäume, Felsen, Steine, Flüsse, Seen und Blumen. Alles ist entweder heilig oder dämonisch. Die Menschen können diese Umwelt nur mit Hilfe der Religion in den Griff bekommen. Deshalb flattern auch überall an markanten Stellen im Himalaya Gebetsfahnen. Die Unberechenheit der Natur bestimmt das Leben der Menschen. Der Mensch fühlt sich abhängig und handelt dementsprechend. Er lebt in dem göttlichen Koordinatensystem zwischen Raum und Zeit. Welche Position, welche Koordinate der Mensch in dieser Welt einnimmt, hängt von seinem Tun und Verhalten, von seinem Karma - der Bilanz von guten und schlechten Taten - ab, die sein Leben nach der nächsten Wieder geburt bestimmt.

Die Durchdringung der realen - oder ist es die unreale? - Umwelt in all ihren Naturformen mit der unrealen - oder realen? - Welt der Erscheinung, des Bewusstseins, der Götter und Dämonen zu einem kosmischen Ganzen wird von jedem Menschen anders erlebt. Der Sherpa-Yakhirte, zum Beispiel, nimmt Götter und Dämonen als gegeben hin und verhält sich entsprechend. Der hochgeistige Lama dagegen sieht in der Welt des Geistes nur die Reflektion seines eigenen Bewusstseins. Die Verknüpfung beider Welten erfolgt durch Meditation, Gebete und ständiges Studium zur Erlangung der letzten Erkenntnis.

Man muß zwischen einem streng dogmatischen, auf den heiligen Schriften und geheimen mündlichen Überlieferungen aufbauenden Buddhismus und der Religion des Volkes unterscheiden. Auf der einen Seite lebt in den Klöstern und Tempeln eine kleine geistige, religiöse Elite. Andererseits existiert jedoch eine große Masse von Laien und nicht- studierten Mönchen außerhalb dieser elitären Minderheit und hängt einem tiefen, unreflektierten Volksglauben an. Man kann jedoch keine strikte Trennung zwischen hochgeistiger Theologie und Volksglauben vornehmen. Die Volksreligion weist viele Elemente auf, die der tibetischen, buddhistischen Theologie entnommen sind, und das Umgekehrte ist genauso wahr.

In der Theologie des tibetischen Buddhismus dominiert die Vorstellung von der "Leerheit alles Seins", auf tibetisch " Stong pa" genannt. Die Volksreligion dagegen glaubt, daß das Kosmos von einem Kräftespiel von göttlichen Einwirkungen, von guten und bösen Mächten beherrscht wird, die sich gegeneinander ergänzen, aufheben oder sogar bekämpfen. Diese sichtbaren und unsichtbaren Gewalten können überweltlich, wie die Götter des Buddhismus, oder weltlich, wie die Gottheiten und Geister des Bon C'os, sein. Das ganze Leben der Sherpa und Tibeter wird durch die Tatsache beeinflusst, sich die Gunst dieser gutartigen " Numina" zu erhalten und sich vor den bösartigen zu schützen.

In dieser Welt ist alles fließend. Nichts ist absolut, nichts lebt aus sich allein heraus. Der historische Buddha sagt: "Bedenkt, meine Kinder, daß nur der Wechsel beständig ist."

Auch die Kette der Wiedergeburten, die durch verschiedene Tode des Menschen lediglich unterbrochen wird, ist fließend bis zur letzten Erlösung durch letzte Grenzerkenntnisse. Selbst der Übergang zwischen den verschiedenen Religionen des Himalaya ist fließend, weil sich die meisten Religionen, die auf dem Hinduismus oder Buddhismus fußen, auf einen gemeinsamen Ursprung zurückführen lassen. Das religiöse Weltbild der Bewohner des Hoch-Himalaya geht auf uralte Zeiten zurück, auf die alte Naturreligion voller Götter, Geister und Dämonen. Die heutigen Hochreligionen sind nur der letzte Pinselstrich an diesem Gemälde der Religionsge schichte des Himalaya.

Der Himalaya war immer die kulturhistorische Drehscheibe Asiens. Wir finden hier nicht nur die Elemente der alten Naturreligionen und die der heutigen asiatischen Hochreligionen - Hinduismus, Buddhismus, Islam und Jainismus -, sondern auch Elemente längst vergangener Glaubenswelten iranischen, hellenistischen und selbst skythischen Ursprungs.

Alle diese verschiedenen Glaubenselemente, die über die Jahrtausende hinweg auf dem Dach der Welt zusammengeflossen sind, haben den Mann beeinflusst, den die Sherpa und Tibeter den "Zweiten Buddha" nennen. Diese Zentralfigur des tibetischen Buddhismus, Padmasambhava oder Guru Rimpoche, vereinfachte die schwierige Urlehre des historischen Buddha vom " Achtfachen Tugendpfad", der zur Erlösung der Menschen führt.

Tibet.GyantseKumbum1.jpg (69236 bytes)Tibet.GyantseKumbum2.jpg (59250 bytes)

Kumbum-Tschörte in Gyantse, Tibet
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Tibet.GyantsePelkorChöde1.jpg (62739 bytes)Tibet.GyantsePelkorChöde3.jpg (56370 bytes)

Haupttempel Pelkor Chöde mit Kumbum-Tschörte in Gyantse, Tibet
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Tibet.GyantsePelkorChöde2.jpg (54306 bytes)

Blick von der Pelkor Chöde auf die Stadt Gyantse mit der Festung (Dzong) im Hintergrund
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Tibet.GyantseDzong.jpg (55717 bytes)

Blick vom Dzong auf die Stadt Gyantse mit Pelkor Chöde und Kumbum im Hintergrund
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Die Grundzüge des tibetischen Buddhismus sind nur zu begreifen, wenn einige Kenntnisse über Buddha's Lehre vorhanden sind. Grundsätzlich kann gesagt werden, daß Buddha kein Gott ist. Er ist keine Erlöserfigur, die der Menschheit zur Erlösung verhilft - die Menschen müssen sich selbst erlösen. Er verspricht auch kein ewiges Leben, sondern zeigt lediglich Wege auf, wie man aus dem ewigen Kreis der Wiedergeburten ausbrechen kann. Die Historiker sind sich noch nicht einig, wann Buddha Sakyamuni - Buddha heißt auf Sanskrit der "Erleuchtete" oder der "Erwachte" - eigentlich geboren ist. Das Geburtsjahr schwankt zwischen 577 und 560 v. Chr.

Tibet.GyantseKumbumSakyamuni.jpg (70915 bytes)

Der historische  Buddha "Gautama" in der Kumbum-Tschörte in Gyantse, Tibet
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Buddha hatte den Familiennamen Gautama und wurde als Sohn des Königs Shuddhodana und der Königin Mahamaya in Lumbini im Königreich Sakya in der Teraizone nahe der heutigen indisch-nepalischen Grenze geboren. Er wird deshalb auch Sakyamuni - "der aus Sakya kommende" - genannt. Fünf Tage nach seiner Geburt gaben ihm einhundertundacht Brahmanen am Hofe von Sakya den Vornamen Siddharta: "Einer, der sein Ziel erreicht hat". Den Ehrentitel "Buddha" erhielt er erst nach seiner Erleuchtung in Bodhgaya.

Nepal_Lumbini4.jpg (53351 bytes)

Lumbini, an der Grenze zwischen Nepal und Indien, Geburtsort des historischen Siddharta Gautama Buddha
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Nepal_Lumbini5.jpg (119168 bytes)Nepal_Lumbini6.jpg (47733 bytes)

Buddhistischer Tempel in Lumbini am Geburtsort des Gautama
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Nach einer luxuriösen Jugend am königlichen Hofe und späterer Askese, um die Wahrheit zu finden, erwarb Siddharta Gautama das Wissen, das "alles Übel und alle Schändlichkeiten der Welt" beseitigt. Die Lösung lag im Erkennen der "Vier edlen Wahrheiten".

Baltistan.Skardu4.jpg (71062 bytes)

Skardu, Eingangspforte in den Karakorum, im heute islamischen Pakistan
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Baltistan.Skardu2.jpg (93746 bytes)

Der historische Buddha, 7. nachchristliches Jahrhundert, späte Gupta-Zeit, Skardu, Baltistan 
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Die erste Wahrheit ist die, daß das menschliche Leben von der Geburt bis zum Tode voller Leid ist. Die zweite Wahrheits-Erkenntnis stellt fest, daß das Leiden nur dem selbstsüchtigen Verlangen des Menschen nach Reichtum, Macht und Liebe sowie dem Hass und der Gier entspringt. Das dritte Wahrheits-Prinzip beweist, daß der Mensch sich von Leid, Gier und Hass befreien kann. Der vierte Wahrheitsgrundsatz zeigt, wie der Mensch auf dem " Mittleren Pfad" das Nirvana erreichen kann.

Der "mittlere Pfad" ist ein Kompromiss zwischen Begierde, Lust und Glücksstreben einerseits und Selbstpeinigung und Askese andererseits, der zur allerletzten Erkenntnis, zur Erleuchtung, zum Erlöschen und der "Nicht-Irgend-Etwasheit" des Nirvana führt. Die Religionsphilosophie des Siddharta baut auf der Grundlage auf, daß alles auf dieser Welt relativ ist, "nichts durch sich allein existiert". Solange der Mensch nicht fähig ist, diese Wahrheit zu erkennen, solange er durch seine Leidenschaften neues Leiden schafft, kann er dem Zyklus der leidvollen Wiedergeburten nicht entgehen. Unwissenheit, Gier und Hass sind die drei grundlegenden Sünden, die den Menschen daran hindern, das Nirvana und damit die Befreiung von allen Zwängen des irdischen Daseins zu erreichen.

Nach der Überlieferung erwarb Buddha dieses göttliche Wissen in einer Vollmondnacht im Frühling des Jahres 528 v. Chr. unter einem Feigenbaum in Bodhgaya, der heute noch als heiliger Baum verehrt wird.

Gautama nahm seine selbsterlösende Erkenntnis nicht ins Nirvana mit, sondern blieb auf der Erde, um sie der leidenden Menschheit zu vermitteln. Der "Erleuchtete" ging auf die Wanderschaft und setzte das " Rad der Lehre" in Bewegung. Er lehrte seine Jünger die "vier edlen Wahrheiten" und brachte ihnen auch bei, nicht nur genussvolle Ausschweifungen, sondern auch selbstquälerische Selbstverachtung zu meiden, also den "mittleren Pfad" zu gehen, den er den " Erhabenen Achtfachen Pfad" nannte. Dieser Pfad werde zu Weitblick, Ruhe und Erkenntnis führen. Acht Tugenden sind die Grundlage dieses mittleren Pfades: Recht Sehen, Denken, Reden und Handeln, der rechte Lebenswandel und Eifer, das rechte Bewusstsein und die rechte Konzentration.

Mit seinen Jüngern gründete Buddha die Sangha, die Gemeinschaft aller Gläubigen. Damit waren die Pfeiler des Buddhismus geschaffen, die "drei Juwelen", auf denen seither die Glaubenswelt des Buddhismus beruht: Buddha, der Lehrer; Dharma, die Lehre und Sangha, die Gemeinde. Mit "Buddha, Dharma und Sangha" beginnt jedes buddhistische Gebet. Mit der Dharma zogen Buddha und seine Jünger durch den indischen Subkontinent und kamen einer Legende nach auch nach Nepal. Die ausdrückliche Voraussetzung ihrer Lehre ist, daß "jeder Mensch seinen eigenen Weg ins Nirvana suchen muß". Buddhas Gebote sind einfach und einprägsam:

1. Ethisches Verhalten in Taten: Kein Lebewesen, auch nicht das kleinste Insekt, zu töten oder zu dessen Tode beizutragen; nicht zu nehmen, was einem nicht gegeben ist; sich vor Ehebruch und Unzucht zu hüten.

2. Ethisches Verhalten in Worten: Nicht zu lügen, nicht zu verleumden, keine harte, schimpfende, verbal verletzende oder fluchende Rede anzuwenden; nicht zu schwatzen, zu plappern und zu plaudern, wozu auch das automatenhafte Beten zu Göttern gehört; weder Wundergeschichten noch Witze zu erzählen.

3. Ethisches Verhalten im Geist: Geiz und Habgier zu verachten; Übelwollen, Neid und Rivalitätsgefühle zu vermeiden; keine falsche Anschauung zu haben.

Die rechte Anschauung eines Buddhisten wird durch die folgenden Postulate wiedergegeben: Zu wissen, daß jedes Lebewesen dem Kreislauf der Wiedergeburten unterworfen ist, daß es dem Gesetz von Ursache und Wirkung, dem Gesetz des Karma unterstellt ist und daß das augenblickliche Leben die Folge der Summe aller vergangenen, willentlichen Taten ist; zu wissen, daß alles unbeständig und vergänglich ist und in Abhängigkeit von anderem entsteht; zu wissen, daß alle Dinge "ohne Ich", das heißt relativ, sind, daß es nichts Absolutes gibt; zu wissen, daß alles im Leben mit Leiden verbunden ist und daß die Ursache für dieses Leiden die Unwissenheit und Verblendung, die Gier und der Hass sind.

Verschiedene buddhistische Texte erwähnen im Rahmen des Dharma weitere Verhaltensregeln: Keine berauschenden Getränke oder andere Mittel einnehmen, die Vernunft und Selbstkontrolle beeinträchtigen; Gewalttätigkeit, Zorn, Ärger, Neid, Überheblichkeit und Trotz zu vermeiden und stattdessen Eigenschaften und Taten wie Geben, liebevolle Worte, Demut, Tatkraft, maßvolle Lebensweise, Vertrauen zu anderen Menschen und das "Nicht-an-den-Dingen-haften" zu entwickeln und zu fördern.

Man muß sich jedoch von einer rein verstandesmäßigen Aneignung von Buddhas Lehre hüten. Es war immer Buddhas Anliegen, seine Anhänger zu überzeugen, daß die Thesen seiner Dharma tagtäglich gelebt und angewandt werden müssen. Diese Anwendung wird durch Geistesschulung mit Hilfe von Achtsamkeit und Bewusstseinsklarheit verwirklicht. Die Basis dieser Schulung ist ein wertfreies, bewusstes und völlig klares Beobachten aller inneren und äußeren menschlichen Vorgänge. Das Ziel wird durch leidenschaftslose Körperbetrachtung, durch selbst-analysierende Gefühlsbetrachtung, sowie durch Geistes- und Geist-Objekt-Betrachtung erreicht.

Die Körperbetrachtung kann durch achtsames, bewusstes Atmen intensiviert werden. Man versucht nicht, wie bei hinduistischen Yogaübungen, die Atemtechnik zu lenken und zu beherrschen, sondern man atmet während der Bewusstwerdung der Empfindungen in allen Teilen des Körpers ruhig ein und aus, wird dabei ganz leicht und glasklar und stärkt somit seine Konzentrationsfähigkeit und Einsicht.

Atmungs-Achtsamkeit ist nur ein Aspekt buddhistischer Meditationstechnik. Das ganze Leben sollte ein Meditationsobjekt sein. Was immer man physisch und psychisch tut, sollte man leidenschaftslos, ohne Zu- oder Abneigung in Hinblick auf alle körperlichen und geistigen, selbst die gefühlsmäßigen Abläufe, beobachten und analysieren. Man darf bei diesen Betrachtungen natürlich nicht das Meditationsziel aus den Augen verlieren. Vor jedem Handlungsvorgang sollte man sich über die Zweckmäßigkeit beziehungsweise Nichtzweckmäßigkeit hinsichtlich dieses Zieles klar werden. Selbst Ablenkungen bei den Meditationsübungen sollten aufmerksam analysiert und in den Meditationsablauf integriert werden.

Gefühlsbetrachtungen dienen in erster Linie dazu, Gefühle und die Voraussetzungen zu diesen zu beobachten und über die psychologischen Ablaufgesetzmäßigkeiten nachzudenken.

Man sollte durch Meditation die grundlegende Einsicht fördern, daß der Mensch "ichlos", eine "Nicht-ich-heit" ist, daß es kein "Selbst" und kein "Mein" gibt, daß alles unbeständig und relativ ist. Nur so erreicht man, zusammen mit den hohen Tugenden der Güte und des Mitleids, der Ablegung von Untugenden wie Selbstsucht und Stolz, wahre Wirklichkeitserkenntnis und die endgültige Befreiung vom Kreislauf des Leidens.

Die einfachen Menschen nahmen diese schlichten Lebensregeln schnell an, während die Gelehrten und die Mönche der buddhistischen Religion sich bemühten, zu neuen Erkenntnissen und einer Weiterentwicklung der Lehre zu gelangen. Es war der erste Schritt zur späteren Trennung von Volksglauben auf der einen und einer hochgeistigen Religionsphilosophie auf der anderen Seite. Später kamen auf der "Volksseite" weitere Elemente von asiatischen Götterkulten hinzu, die erst zum Mahayana Buddhismus und dann zum tibetischen Vajrayana führten.

Heute gibt es über fünfhundert Millionen Buddhisten in aller Welt, die verschiedenen Glaubensrichtungen angehören. Das Hinayana - das "kleine Fahrzeug" - stellt den ursprünglichen Buddhismus dar. Jeder Gläubige dieser Richtung sucht für sich selbst die Erleuchtung, die "Buddhaschaft" und das Nirvana zu erreichen.

Nach dem dritten buddhistischen Konzil im ersten nachchristlichen Jahrhundert spaltete sich ein Teil der Glaubensgemeinschaft unter Führung von Nagar dschuna vom Hinayana ab und begründete das Mahayana, das "große Fahrzeug". Hier wird nach den Prinzipien der tätigen Nächstenliebe - des Bhakti-Marga - das Ziel verfolgt, nicht ins Nirvana einzugehen, ehe alle Menschen erlöst sind.

Der Buddhismus kam erst etwa tausend Jahre nach seiner Entstehung in verschiedenen Wellen auf das Dach der Welt. Bei dieser friedlichen Durchdringung gab es zwei Hauptzielrichtungen. Die östliche Ausbreitungswelle ging vom indischen Staat Bihar aus und erreichte erst Nepal, dann Tibet und zum Schluß Bhutan. Eine weitere Einflussnahme erfolgte über Kaschmir und Ladakh in West-Tibet. Der Hinduismus kam erst in den Himalaya, nachdem der Buddhismus dort schon Wurzeln geschlagen hatte. Die indische Urreligion setzte sich nur in Nepal auf Dauer fest, befindet sich aber inzwischen auch in Sikkim auf dem Vormarsch.

Sikkim.Thanggu.1.jpg (84807 bytes)

Blick auf Thanggu in Nord-Sikkim, nahe der tibetischen Grenze
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Sikkim.Thanggu.Gompa.1.jpg (84581 bytes)Sikkim.Thanggu.Gompa.2.jpg (98380 bytes)Sikkim.Thanggu.Gompa.3.jpg (157045 bytes)

Thanggu-Gompa im Jahre 2000
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Im sechsten nachchristlichen Jahrhundert entstand unter dem Einfluß der Yogatscha ra-Schule in Nordindien der tantrische Buddhismus, Vajrayana, das "diamantene Fahrzeug", das sich dann im achten Jahrhundert, hauptsächlich durch die Tätigkeit von Padmasambhava, in Tibet zu voller Blüte entfaltete. Im Vajrayana wurden zahlreiche Praktiken und Rituale des hinduistischen Shivakultes in den Mahayana Buddhismus integriert, wie etwa die Hilfswerkzeuge des Tantrismus. Man findet Meditations- und Gebetshilfen wie den kosmischen Zauberkreis, die Man dala, die mystischen Handhaltungen, Mudra und Zaubersilben, Mantra genannt.

Der Vajrayana kam im siebten Jahrhundert während der Herrschaft des tibetischen Königs Srong'tsan-sgam-po nach Tibet, wurde von den tibetischen Völkern jedoch erst akzeptiert, als er sich an die örtlichen religiösen Bedürfnisse angepasst hatte. Die Durchdringung des uralten tibetischen Naturglaubens, Bon C'os, mit dem Buddhis mus, Cha C'os, ging nicht ohne Proteste und kriegerische Gegenwehr vonstatten. Die Bön-Priester des alten Tibet setzten kriegerische und geistige Waffen gegen die von Srong'tsan-sgam-po geschaffene tibetische Schriftsprache und das neu eingeführte Klosterwesen ein. Die eigentliche Anpassungs- und Durchdringungsphase von Bon C'os und Cha C'os wurde erst in der Regierungszeit des tibetischen Königs Di-srong-detsen, der den Guru Rimpoche ins Land holte, abgeschlossen. Der Guru errichtete im Jahre 775 zusammen mit dem Prediger Shantarashira das Kloster Samye und begründete damit Tibets erste Sangha. Di-srong-detsen machte den Buddhismus 792 zur Staatsreligion in Tibet.

Tibet.Kailash1.jpg (56182 bytes)Tibet.Kailash4.jpg (67474 bytes)

Der für Hindus und Buddhisten gleichermaßen heiligste Berg Tibets, Kailash
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Tibet.ChiuGompa2.jpg (54674 bytes)

Chiu Gompa mit Kailash im Hintergrund
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Tibet.Manasarovar.Hor.jpg (47274 bytes)

Hor, nördlich vom Manasarovar-See im Kailash-Gebiet
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Tibet.Manasarovar4.jpg (55009 bytes)

Der heilige Manasarovar-See im Kailash-Gebiet
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Der Guru Rimpoche fügte dem bereits vorhandenen Naturglauben des Bon C'os und dem magischen Zauberkult des Tantrismus den Cha C'os, die Lehre Buddhas, hinzu. Aus dieser Durchdringung von These und Antithese entstand der tibetische Buddhismus als Volksreligion mit verschiedenen Glaubensrichtungen, die sich in unterschiedlichen Ordenssekten manifestierten. Selbst der aus dem nördlichen Sibirien kommende Schamaismus hat die neue Religion beeinflusst.

Das Zusammenleben der Dualität aller Dinge, die man in allen Religionen Ostasiens antreffen kann - der Dualismus zwischen Gut und Böse, Sünde und Erleuchtung, Masse und Energie, Mikrokosmos und Makrokosmos, männlichem und weiblichem Prinzip - ist das Verdienst des Guru Rim poche. Er schuf so die letzte Stufe des Vajrayana als Symbol absoluter Klarheit und Erkenntnis, die durch ihr gleißendes Licht - "wie ein Diamant" - die letzten Wahrheiten erschließt.

Buddha empfahl für seinen " Mittleren Pfad" mäßige Entsagung, um Erkenntnis zu gewinnen.

Um die Bewohner zur Annahme seiner neuen Lehre zu motivieren, schlug der Vajrayana nach der Lehre des Guru Rimpoche neue, realistische Wege ein, wie etwa die Erlangung der Erleuchtung durch geschlechtliche Freuden. "Erleuchtung durch Sex" oder Bergsteigen im Himalaya als Form der Meditation - der tibetische Buddhismus läßt viele Wege ins Nirvana offen.

Unter dem Enkel des Di-srong-detsen, dem König Ral-pa-tschan, erreichte die Gründerzeit des tibetischen Buddhismus ihren Höhepunkt. Allerdings ruhten die alten Bön-Kräfte nicht. Im Jahre 836 wurde Ral-pa-tschan ermordet. Unter dem nächsten König, Langdarma, begann eine Zeit des Niedergangs des tibetischen Buddhismus und der Diadochenkämpfe. Die Wiederbelebung des Buddhis mus in Tibet erfolgte von West-Tibet. Die Könige von Guge, die ihre Herrschaft über Ladakh und Zanskar ausgebreitet hatten, begründeten eine buddhistische Renaissance, die zweihundert Jahre dauerte. Einer der wichtigsten Reformer dieser Zeit war der indische Gelehrte Atisha. Neue Klöster, wie das Kloster Sakya, entstanden, und neue Glaubensgemeinschaften wurden begründet. Zu der ältesten Nyingma-pa-Sekte, der "Alten Schule", die noch von Guru Rimpoche begründet worden war, kamen Sakya-pa, Kar-Gyud-pa und die Kadam-pa Sekten hinzu, die sich in der Auslegung der Rituale unterschieden, aber an den Grundprinzipien des Buddhismus festhielten.

Zanskar_Ringdum_Gompa_6.jpg (62733 bytes)Zanskar_Ringdum_Gompa_7.jpg (107606 bytes)Zanskar_Ringdum_Gompa_8.jpg (117364 bytes)

Ringdum-Gompa im Zanskar (Teil von West-Tibet vor 1000 Jahren), am Fuße des 7 135 m hohen Nun Kun
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Tibet.Thöling1.jpg (68956 bytes)

Thöling in West-Tibet, Hauptstadt des Guge-Königreiches
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Tibet.Tsaparang2.jpg (60970 bytes)Tibet.Tsaparang1.jpg (55456 bytes)Tibet.Tsaparang3.jpg (47791 bytes)Tibet.Tsaparang6.jpg (61185 bytes)

Tsaparang in West-Tibet, Haupt-Tempel des Guge-Königreiches
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Tibet.Sakya1.jpg (66980 bytes)Tibet.Sakya2.jpg (76940 bytes)Tibet.Sakya3.jpg (46812 bytes)

Sakya-Gompa, südlich von Shigatse in Zentral-Tibet
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Sikkim.Rumtek.1.jpg (115074 bytes)Sikkim.Rumtek.2.jpg (169452 bytes)

Rumtek-Gompa, südlich von Gangtok in Sikkim: Sikkim ist heute der geistliche Mittelpunkt der Kadam-pa-Richtung des tibetischen Buddhismus
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Sikkim.Rumtek.Martam.jpg (102843 bytes)

Martam südlich von der Rumtek-Gompa
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Sikkim.Lachen.1.jpg (129499 bytes)

Lachen mit der Kadam-pa-Gompa in Nord-Sikkim
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Sikkim.Lachen.Gompa.1.jpg (75896 bytes)

Lachen-Gompa
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Sikkim.Lachung.1.jpg (96372 bytes)Sikkim.Lachung.2.jpg (114341 bytes)Sikkim.Lachung.Gompa.1.jpg (127468 bytes)Sikkim.Lachung.Gompa.2.jpg (108243 bytes)

Lachung-Gompa in Nordost-Sikkim
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Sikkim.Tashiding.Gompa.1.jpg (154125 bytes)

Tashiding Gompa in western Sikkim
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Sikkim.Yuksom.Gompa.jpg (125802 bytes)

Gompa in the old Capital of western Sikkim, Yuksom
Photo: Copyright: Klaus Dierks

In der Folgezeit wurden die Nachfolger des mongolischen Dschingis-Khan von Kun-dga'-rgyal mtshan, dem Groß-Abt des Klosters Sakya, zum tibetischen Buddhismus bekehrt, was dem Kirchenstaat Tibet einen mächtigen Auftrieb gab. Dieses tibetische "Kaiser-Papst-Verhältnis" zwischen Mongolen und Tibetern beeinflusste die Geschichte des tibetischen Buddhismus mehrere Jahrhunderte lang. Einer erneuten Epoche des moralischen Niedergangs und der Verflachung der ursprünglichen Form des tibetischen Buddhismus folgte um 1400 herum die strenge Reformation des Gründers des Gelug-pa Ordens, Tsong-Kha-pa, der die "drei Säulen des Staates", die Klöster Ganden, Drepung und Sera bei Lhasa gründete. Die Anhänger des Gelug-pa, des "Ordens der Tugendhaften", trugen im Gegensatz zu den roten Roben und Hüten der alten Sekten, gelbe, was ihnen den Namen "Gelbmützensekte" einbrachte. Wegen der politischen und sozialen Folgen der Aktionen der Gelbmützensekte wanderten die Sherpa aus dem Osten Tibets aus und ließen sich im Solu Khumbu nieder. Dort konnten sie bis zum heutigen Tage unbeeinflusst der alten Glaubensrichtung der Rotmützensekte des Guru Rimpoche anhängen.

Tibet.LhasaGanden1.jpg (67736 bytes)Tibet.LhasaGanden2.jpg (66452 bytes)

Ganden-Gompa, östlich von Lhasa in der zentral-tibetischen Provinz Ü: eine der "drei Säulen des Staates": in der chinesischen Kulturrevolution zerstört und teilweise wideraufgebaut (1997)
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Tibet.LhasaGanden3.jpg (63462 bytes)

Ganden-Gompa: Tsong-Kha-pa: Gründer des Gelug-pa-Ordens (Gelbmützenorden)
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Tibet.LhasaDrepung3.jpg (62242 bytes)Tibet.LhasaDrepung4.jpg (70145 bytes)

Drepung-Gompa: westlich von Lhasa
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Tibet.LhasaDrepung2.jpg (69784 bytes)

Drepung-Gompa: Mani-Steine mit Ordensbegründer Tsong-Kha-pa
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Tibet.LhasaDrepung5.jpg (81579 bytes)

Drepung-Gompa: Der Buddha des zukünftigen Zeitalters: Maitreya
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Tibet.LhasaSera4.jpg (60841 bytes)Tibet.LhasaSera3.jpg (59005 bytes)Tibet.LhasaSera1.jpg (74431 bytes)

Sera-Gompa: nördlich von Lhasa
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Tibet.LhasaSera2.jpg (79830 bytes)

Sera-Gompa: Der Buddha des zukünftigen Zeitalters: Maitreya
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Tibet.LhasaSera5.jpg (56036 bytes)

Blick von der Sera-Gompa nach Süden auf Lhasa und den Potala-Palast
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Die geistige Kraft des Guru Rimpoche, der von Tibetern und Sherpa auch Lobpön Pädmadschungnä genannt wird, wirkt bis in unsere Zeit fort. Trotz des Verlustes der weltlichen Macht hat der tibetische Buddhismus, der seit Tsong-Kha-pa durch die inkarnierte Reihe der Dalai Lamas repräsentiert wird, nicht an geistigem Einfluß eingebüßt. Dieses geistige Kraftfeld ist selbst der Ideologie des chinesischen Sozialismus überlegen geblieben.

Die reichlich phantastische, legendäre Lebensgeschichte des Guru Rimpoche ist symbolisch für den Vajrayana Buddhismus, zeigt er doch, daß das "äußere" Leben, unser tägliches Leben, nichts mit dem wirklichen Leben zu tun hat. Das wirkliche Leben spielt sich auf einer anderen Ebene ab, die wir nur durch Erkenntnis begreifen können.

Für die moderne Gesellschaft des materialistischen Zeitalters kann der tibetische Buddhismus Hilfe sein, Geist, Liebe und gegenseitiges Verständnis wiederzugewinnen. Er schafft die Grundlage zu dem, was ein Mensch sein und tun sollte. In Ruhe und Einsamkeit, in innerlicher Beschaulichkeit und Versenkung kann er den Sinn für geistige Freiheit entwickeln, den Buddha vorgeschlagen hat, das Leiden der Menschheit zu überwinden.

Die christlich-abendländische Philosophie wird im Gegensatz zur buddhistischen Denkrichtung, die durch den Mandala Kreis symbolisiert wird, durch das Kreuz gekennzeichnet. Nichts könnte die geistigen Welten, die zwischen den beiden Prinzipien liegen, besser charakterisieren. Das Kreuz repräsentiert westliches Aktivdenken, zeigt nach oben in den Himmel. Der Kreis ist nach innen gerichtet, ist in seiner geometrischen Grundauffassung passiv und verkörpert die Meditation als Symbol des unendlichen Weltalls. Die Mandala ist mehr als Zeit und Raum der westlichen Philosophie. Zeit und Raum sind für den tibetischen Buddhismus nur eine Sinnestäuschung. Der Kreis weist auf die Leere. Er ist Symbol für die grenzenlose Leere und Einsamkeit des Himalaya und für die Moksa, die Erlösung im Nirvana. Der Radius des Kreises kann unendlich groß oder unendlich klein sein. Die Beschäftigung mit den geistigen Grundlagen einer anderen Welt schafft neue Lebenseinsichten und läßt den Himalaya als geistiges Erlebnis völlig neue Dimensionen annehmen, die über das physische Bergsteigererlebnis hinausgehen. Erst die Kombination von bergsteigerischer Tätigkeit in den höchsten Bergen der Welt und der Begegnung mit der geistigen Landschaft des Himalaya schafft die Voraussetzung für die Grenzerlebnisse, die der Bergsteiger auf dem Dach der Welt sucht.

WB00823_.GIF (134 bytes)  Teil 1:

Inhaltsverzeichnis

forward.GIF (132 bytes)