5. DIE KOLONIALE ZEIT: DIE SÜDAFRIKANISCHE HERRSCHAFT

5.5 UNABHÄNGIGKEITSPROZESS: PERIODE DER INTERIMSREGIERUNGEN: 1975-1987

1975 Die Namibiapolitik der Bundesrepublik Deutschland ändert sich: die Präsenz Südafrikas in Namibia wird nun als illegal angesehen.
Die Namibia Demokratische Partei wird aus den Resten der aufgelösten SWAUNIO in Vaalgras von Emil Appolus gegründet.
Die Nama-Allianz bildet sich unter der Leitung von Daniël Luipert. Die Allianz schließt sich später der Turnhalle-Konferenz an.
Nach einer Spaltung in der Rehoboth Volkspartei gründet Diergaardt die Rehoboth Befreiungspartei (Rehoboth Liberation Party).
Hifikepunye Pohamba wird als SWAPOs Sekretär für Finanzen und Administration in Lusaka angestellt.
Daniel "Danny" Tjongarero wird in der SWAPO politisch aktiv. Er und der britische Anwalt Cedric Thornberry entwickeln als Reaktion auf die Turnhalle-Konferenz ein gemäßigtes Diskussionspapier für eine Verfassung für ein unabhängiges Namibia (SWAPO-Diskussionspapier für ein unabhängiges Namibia). Viele Ideen dieser Verfassung werden später in das SWAPO-Wahlmanifest 1989 aufgenommen.
Eine zweite Talsperre entsteht 57 km westlich von Okahandja, der Swakoppoort-Damm.
Der SA Rand wird gegen den US Dollar mit 17,3% abgewertet.
Januar Es gibt neue interne Wahlen im Ovamboland. Obwohl viele potentielle Wähler ins Exil gegangen sind, wird durch massive Unterdrückungsmaßnahmen der Südafrikaner eine angebliche Wahlbeteiligung von 76% erreicht. Im Süden, unter den Kontraktarbeitern, nehmen nur 4% an den Wahlen teil.
Die angolanischen Befreiungsbewegungen unterzeichnen den Alvor-Vertrag, der den 11.11.1975 als Unabhängigkeitsdatum für Angola festsetzt. Es wird eine Interims-Regierung, bestehend aus den drei Befreiungsbewegungen MPLA, FNLA und UNITA, eingesetzt.
22./23.02. Die National-Konvention (NC) von 1971 löst sich formell auf, nachdem SWAPO die NC bereits im Dezember 1974 verlassen hatte. SWAPO, SWANU und andere politische Organisationen formen die Namibia National-Konvention (NNC). Die NNC gebraucht weiterhin den Bannerspruch der NC: "From Divided Doom to United Existence". Die NAPDO tritt der NNC bei. Später opponiert die NNC gegen die Turnhalle-Konferenz und weigert sich an deren Beratungen teilzunehmen. Danny Tjongarero und Zephania Kameeta sind unter anderen Organisatoren für die NNC.
Eine zweite politische Gruppierung, hauptsächlich aus den Nama- und Damagruppen, bildet später den Namibia National-Rat (Namibia National Council)(während der Okahandja Nationalen Einheitskonferenz, 1975).Eine dritte Gruppe bleibt in der ursprünglichen NC unter der Führung von Clemence Kapuuo.
Die FCPP wird von Andrew Kloppers in die Arbeiter-Partei (LP)(Labour Party (LP)) umbenannt. Zusammen mit ihrer Opposition, der Nationalen Unabhängigkeitspartei (NIP), der späteren (1981) Namibia Unabhängigkeitspartei (NIP)(Namibia Independence Party (NIP)), tritt die LP der Turnhalle-Verfassungskonferenz bei.
28.02. Der südafrikanische Minister für Farbigen-, Rehoboth- und Nama-Angelegenheiten, Hennie Smit, kündigt an, dass das Nama-Reservat der Bondelswarts in Warmbad aufgelöst wird. 379 Bondelswarts werden umgesiedelt, hauptsächlich nach Gibeon.
April Der Damara Advisory Council schlägt für alle in Namibia lebenden Dama Wahlen vor, um die verschiedenen Dama-Splittergruppen zu vereinigen.
06.04. Joel Stephanus wird der Gruppenführer der Vaalgras Traditional Authority.
05.05. In Windhoek findet ein Symposium statt, das eine Gruppe von ausgewählten "weißen" Beamten auf die politischen Änderungen vorzubereiten soll. Pik Botha, Südafrikas Botschafter bei den Vereinten Nationen, Dirk Mudge und Eben van Zijl sind die Hauptvortragenden. Sie erklären, dass seit den Tagen des südafrikanischen Premierministers General Hertzog "Südafrika niemals territoriale Ansprüche in Südwestafrika gehabt hätte".
20.05. Der südafrikanische Premierminister Vorster erklärt vor der Afrikaanse Chamber of Commerce in der Windhoek High School, dass es die Ansicht seiner Regierung sei, dass "die Völker von SWA ihre eigene politische und verfassungsmäßige Zukunft bestimmen müssten ... alle Optionen seien offen ... selbst die der Unabhängigkeit". Vorster lehnt allerdings eine UNO-Überwachung von SWA ab. Diese Rede sendet Schockwellen durch die "weiße" Gemeinschaft in Namibia.
Juni Die NNC plant eine politische Demonstration in den Straßen von Windhoek, die von der SWA Administration jedoch verboten wird.
24.06. Die HNP unter ihrem Vorsitzenden Albert Hertzog erklärt, dass "Südwestafrika einen integralen Bestandteil von Südafrika ausmache".
Mitte des Jahres Mitglieder der SWAPO-Jugendliga fordern bei einem Treffen mit der SWAPO-Führung in Lusaka die Abhaltung eines Partei-Kongresses, der nach den Beschlüssen des SWAPO Beratungs-Kongresses in Tanga 1969/70 vor Monaten hätte abgehalten werden müssen.
Juli Der südafrikanische Minister für Bantu-Administration und -Entwicklung, M.C. Botha, gibt, nach intensiven Bemühungen von Clemence Kapuuo, eine Erklärung an die Ovaherero in Okakarara ab, dass die Aminuis-Ovaherero nicht mehr von einer Umsiedlung in den Rietfontein-Block im Hereroland-Ost bedroht seien. Ursprünglich war es nach den Prinzipien des Odendaal-Planes vorgesehen, für die Tswana ein neues Homeland, Tswanaland, in Aminuis zu realisieren. Botha verletzt damit den Grundsatz des Odendaal-Planes, für alle "schwarzen" Gemeinschaften in Namibia ethnische Homelands einzurichten. Kapuuo wird dadurch beeinflusst, sich der Turnhalle-Konferenz anzuschließen.
SWAPOs PLAN beginnt über die offene Grenze zwischen Angola und Namibia, südafrikanische Truppen im Ovamboland und den Calueque-Damm bei Ruacana anzugreifen. Das führt zu südafrikanischen Angriffen auf die angolanische MPLA und zur permanenten Besetzung des Calueque-Staudammes (der auf angolanischem Territorium liegt) durch die Südafrikaner.
01.08. Der SWA Farbigen-Rat fordert während seiner ersten Sitzung eine wirkungsvolle wirtschaftliche Integration in die "weiße" Minderheit in Namibia. Die südafrikanische Regierung wird aufgefordert, den Ausdruck "farbig" mit "braun" zu ersetzen. Während der zweiten Sitzung des Rates wird die fortgesetzte Apartheidspolitik Südafrikas verurteilt.
Dawid Bezuidenhout tritt der LP bei.
16.08. Der Chef-Minister der Owambo-Stammes-Exekutive und Ondonga-König, Filemon (Shuumbwa) yElifas lyaShindondola, kommt in Onamagongwa im Ondangwa-Gebiet durch einen, wahrscheinlich politisch motivierten, Anschlag ums Leben. SWAPOs Nationaler Vorsitzender, David Meroro, lehnt eine Verantwortung SWAPOs dafür ab. Eine Reihe von SWAPO-Mitgliedern, u.a. der Vorsitzende der SWAPO im Ovamboland, Skinny Hilundwa, werden nach dem Anschlag auf Elifas verhaftet. Viele der folgenden Unterdrückungsmaßnahmen der Südafrikaner werden aufgrund des Riotous Assemblies Act, 1956 und des Suppression of Communism Act, 1950 (letzterer wurde später in das Staatssicherheitsgesetz von 1950 umbenannt) ausgeübt. Alle diese Gesetze werden nachträglich für Namibia rechtskräftig gemacht. Aaron Mushimba, Axel Johannes, Hendrik Shikongo und Victor Nkandi werden verhaftet und im Swakopmund-Prozess zum Tode verurteilt. Sie werden im März 1977 (24.10.1975 im Falle von Nkandi), nachdem die Appellate Division of the Supreme Court of South Africa in Bloemfontein das Urteil wegen Prozessunregelmäßigkeiten aufgehoben hat, freigelassen und gehen ins Exil.
In Reaktion auf die Ereignisse vom August 1975 gehen Tausende, meist jugendliche, SWAPO-Mitglieder ins Exil, hauptsächlich nach Zambia. Die SWAPO in Zambia ist auf den Ansturm nicht vorbereitet. Das führt dann später zu der SWAPO-Krise von 1976.
26.08. Pastor Cornelius Tuhafeni Ndjoba wird als neuer Chef-Minister für die Owambo-Exekutive gewählt.
01.09. Die Turnhalle-Verfassungsgebende Versammlung, die schon im November 1974 angekündigt worden war, wird von den Südafrikanern mit großem Aplomb in Windhoek aus der Taufe gehoben. SWAPO und andere Anti-Apartheids-Parteien nehmen nicht daran teil, halten aber unter Führung von Danny Tjongarero eine Protestdemonstration vor dem historischen Turnhallegebäude ab. Vor der Konferenz kommt es zu einer Verhaftungswelle der Südafrikaner von "schwarzen" Oppositionspolitikern, hauptsächlich von der SWAPO und der NNC. Clemence Kapuuos Teilnahme an der Turnhalle-Konferenz repräsentiert einen Versuch, das Los der Ovaherero zu verbessern. Peter Katjavivi, SWAPOs Vertreter für Westeuropa, lehnt die Turnhalle-Konferenz als puppets in the silence of a political graveyard ab. Einige Dama-Parteien wie das DEC, Justus ||Garoëbs Damara-Rat (zusammen mit Paulus ||Gowaseb und Simon Immanuel !Gobs) und die DTEC treten in Opposition zur Turnhalle-Konferenz, während Engelhardt Christys DUF sie unterstützt.
Die "weißen" Mitglieder der Turnhalle sind Dirk Mudge, Eben van Zijl, A.H. du Plessis und E.T. Meyer.
Die Nominierung von A.H. du Plessis, Vorsitzender der NPSWA und südafrikanischer Minister für Gemeinschaftsentwicklung, zeigt die Haltung Pretorias, die Kontrolle über die Turnhalle-Konferenz in der Hand zu behalten. Die umstrittene Nominierung reflektiert weiterhin die wachsenden Differenzen innerhalb der NPSWA über die Abschaffung der Apartheid und die "weiße" parlamentarische Vertretung im südafrikanischen Parlament. Diese Streitpunkte führen später zu der Spaltung der NPSWA und der Gründung der Republikanischen Partei (RP) unter dem Vorsitz von Dirk Mudge innerhalb der Demokratischen Turnhalleallianz (DTA). Diese Entwicklungen führen dann auch zu wachsender Unzufriedenheit in der deutschen Gemeinschaft. Als Folge wird 1977 die " Interessengemeinschaft Deutschsprachiger Südwester (IG)" gegründet.
Andere ethnische Gruppen in der Turnhalle-Konferenz sind wie folgt repräsentiert: Ovaherero (Johannes Karuaihe, E. Hiiko, Levy Nganjone, G. Kanguvi); Farbige (Dawid Bezuidenhout, Joey Julius, Barney Barnes, Andrew Kloppers); Baster (Ben Africa, Abraham Jeremia Strauss, Justice Chris Mouton, Piet Junius); Tswana (Gregor Tibinyane, Matheus Lebereki, Gates Mootseng, P. Tibinyane); Dama (T. Eigab, Johannes Gâseb, Engelhardt Christy, Johannes Skrywer); Ovambo (Immanuel Helao Nghihulifua, Toivo Shiyagaya, Peter Tanyangenge Kalangula, T. Nakambonde); Caprivianer (Gabriël Siseho, Richard Muhinda Mamili, M. Moraliswani, F. Mungu); Nama (Cornelius Cloete, Ernst Kuhlmann, Frans Afrikaner, Daniël Luipert); Kavango (Alfons Majavero, Josef Kandjimi, Rudolf Ngondo, L. Hakusembe) und die San ( Buschleute)(Geelbooi Kashe, Martin Xaesce). Der Sekretär der Konferenz ist Billy Marais.
SWAPOs Nationaler Vorsitzender, David Meroro, geht über Botswana nach Zambia ins Exil.
23.09. Die NPSWA stellt die Turnhalle-Konferenz als ihre ureigene Idee dar. Die HNP dagegen lehnt die Konferenz vehement ab (Mai 1975).
28.09. Nach dem Tod von Ondonga-König Omukwaniilwa Filemon (Shuumbwa) yElifas lyaShindondola wird Immanuel Elifas (Kauluma)(1975-Gegenwart) der 17. Ondonga-König. Er residiert in Onamungundo.
Sept./Oktober Die UNITA und die FNLA spalten sich von der MPLA ab. Die Kämpfe in Angola beginnen.
14.10. Die Föderale Partei (FP) bildet sich unter Bryan O'Linn, nachdem die UP in Namibia mit der UP in Südafrika bricht. Einige Mitglieder der ehemaligen UP, geführt von Jacques Pierre Niehaus, gründen die SWA Aktionsgruppe (SWAAG), die später mit der Aktionsfront zum Schutze der Turnhalleprinzipien (AKTUR) verschmilzt.
10.11. Die Okahandja Nationale Einheitskonferenz findet in Opposition zur Turnhalle-Konferenz statt. Eine der teilnehmenden Parteigruppierungen ist die NNC, die aus der SWAPO, der SWANU, der Rehoboth Volkspartei, dem DTEC und der NAPDO besteht. Die zweite Parteiengruppierung, die nicht mit der NNC zusammengehen will, setzt sich aus einer Reihe von kleineren Parteien, hauptsächlich aus den Nama- und Damagemeinschaften sowie einer kleineren Ovaherero-Gruppe, zusammen. Sie besteht aus dem DEC, dem Damara-Rat, der Namibia Fortschrittspartei (Bondelswarts)(Namibia Progressive Party (Bondelswarts)), der Hoachanas-Gemeinschaft, der Vaalgras-Gemeinschaft, der Witbooi-Gemeinschaft von Gibeon, der Demokratischen Organisation von Namibia, den zwei Ovaherero-Parteien (Mbanderu-Rat von Epukiro und Aminuis und der Vereinigung für die Erhaltung des Tjamuaha-Maharero Königlichen Hauses) und der Voice of the People Party. Die zweite Gruppierung schließt sich im April 1976 zum Namibia National-Rat (Namibia National Council) zusammen.
Die zweite Sitzung der Turnhalle-Konferenz beginnt.
11.11. Angola wird unabhängig. Der erste Präsident ist Agostinho Neto (52), der einseitig die Unabhängigkeit von Portugal ausruft. Er bittet Kuba, die Integrität des neuen Staates zu gewährleisten, da sowohl Südafrika mit Operation Zulu und die von Zaire unterstützte FNLA unter Holden Roberto mit der Chipenda Column tief nach Angola eingedrungen waren. Die Südafrikaner hatten Benguela, Lobito und Novo Redondo erobert. Die FNLA hatte den Caxito-Fluss, etwa 30 km von Luanda, erreicht. Etwa 50 000 kubanische Soldaten kommen in Luanda an.
Der erste Außenminister Angolas ist José Eduardo dos Santos (33).
Dezember Die kubanischen Truppen stoppen den südafrikanischen Vormarsch am Queve-Fluss, etwa zwei Fahrstunden von Luanda entfernt.

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Turnhalle-Gebäude, 1975
Namibia State Archive

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Das Grab des Ondonga-Königs Filemon Elifas Shuumbwa in Olukonda
Copyright of Photo: Dr. Klaus Dierks

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[Inhaltsverzeichnis]

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