KEINE LUFT ZUM ATMEN - GRENZERLEBNISSE IM HIMALAYA

Klaus Dierks
©  Dr. Klaus Dierks 1982-2004

 

Wer sich in das Gebiet der Chomo Lungma, des höchsten Berges der Welt, begibt, bewegt sich auf den Spuren berühmter Bergsteiger. Es gibt wenige Bereiche im Himalaya, die so gründlich durchforscht und erklettert sind, wie gerade die Gegend um den Mount Everest herum. Aber selbst hier kann eine nur spärlich ausgerüstete Expedition wie die der ersten drei "Namibia Himalaya Expeditionen" in den achtziger Jahren noch Neuland betreten und "von der Landkarte heruntermarschieren". Es gibt viele Gelegenheiten, Abenteuer und Grenzerlebnisse zu durchstehen. Solche Möglichkeiten ergeben sich für unsere Expedition 1980 bei der Überschreitung des Trashi Laptsa zwischen Rolwaling und Khumbu, 1982 bei der schwierigen Übersteigung des Amphu Laptsa zwischen Khumbu und Hongu auf einer teilweise neuen Route mit Trägern und 1984 bei der erneuten Besteigung des Trashi Laptsa sowie einer Winterbegehung des Kyacho Ri im Cho Oyu Gebiet.

Auf unserer "Ersten Namibia Expedition 1980" folgen Gerd Kuchling und ich der schwierigsten und unwegsamsten, dafür aber schönsten Route zum Mount Everest. Wir ziehen durch den Rolwaling-Himalaya an der Grenze zu Tibet mit seiner uralten, unverfälschten lamaistischen Kultur. Wir wollen den berüchtigten Trashi Laptsa übersteigen, den Edmund Hillary den schwierigsten Bergübergang der Welt nennt.

Auch die Sherpas von Beding, dem Hauptort der Rolwaling-Sherpas, wo sich eine alte tibetische Gompa befindet, warnen uns vor den Gefahren des fast 6 000 Meter hohen Trashi Laptsa. Gerade in der Nachmonsunzeit, im Oktober und November, sei es wegen der plötzlichen Wetterumschwünge und der ständigen Schneesturmgefahr nicht ratsam, den Pass zu überschreiten. Die trügerischen Schneeverhältnisse und die ewigen Lawinenprobleme sind eine zusätzliche Gefahrenquelle.

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Beding, Hauptort des Rolwaling mit Gaurisankar im Hintergrund
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Die Gompa in Beding im Rolwaling
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Sherpa-Kinder in Beding im Rolwaling
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Sherpa-Frau in Beding im Rolwaling
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Sherpa-Ehepaar in Na, östlich von Beding im Rolwaling mit Gaurisankar 7 145 m im Hintergrund
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Sherpa-Frauen in Na
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Sherpa in Na
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Sherpa-Kinder in Na
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Sherpa-Sommerdorf Na im Rolwaling
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Ein Sherpa in Beding erzählt uns, daß der Trashi Laptsa eigentlich nur im Sommer, in der Monsunzeit, begehbar sei. Wir wollen ihn in der Nachmonsunzeit, im Oktober 1980, besteigen. Die Sherpa in Beding sind sich über die Wetterbedingungen im Oktober nicht einig. Einige sprechen von hohem Neuschnee, andere meinen, es lägen nur drei bis fünf Zentimeter. Nima Lama gibt eine für ihn typische, orakelhafte Erklärung ab, die er aus seinem "heiligen Lamabuch" entnimmt, das er im Rucksack mit sich trägt und ständig, besonders was das Wetter angeht, zu Rate zieht: "Wenn es jetzt regnet, wird es oben schneien. Wenn es auf dem Trashi Laptsa schneit, werden wir große Probleme haben. Viele Sherpa sind dort schon ums Leben gekommen. Wenn es nicht schneit, ist uns das Glück hold. Jetzt ist die Zeit für Schneefälle."

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Der fast 7000 m hohe Chobutse im Rolwaling, auf dem Wege zum Trakarding-Gletscher
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Für eine nur mit dem nötigsten ausgerüstete Expedition ist auch eine senkrechte, überhängende Eiswand im Drolambao Eisbruch unterhalb des Trashi Laptsa ein großes Hindernis.

Ehe wir diesen berüchtigten Eisbruch erreichen, an dem schon bestens ausgerüstete Expeditionen gescheitert sind, müssen wir erst den Trakarding Gletscher überqueren. Diese Querung artet in eine zwei Tage dauernde Gletscherschinderei aus. In dieser Zeit sind wir ständig von Felslawinen bedroht, die alle paar Minuten von den sechs- und siebentausend Meter hohen Bergen über uns heruntersausen. Es ist ein russisches Roulette, die sich in Bewegung befindlichen, lebensgefährlichen Schotterhänge zu überqueren. Unter uns fallen Eiswände senkrecht zu einem teilweise gefrorenen See ab, dem Tsho Rolpa. Die Sherpa spucken gegen den ankollernden Felsbeschuss und murmeln ein hastiges "Om Mani Padme Hum", um die Dämonen des Himalaya zu besänftigen. Es ist kein bergsteigerisches Vergnügen mehr, sich in mehr als fünftausend Meter Höhe, mit qualvoll keuchenden Lungen, im Laufschritt vor dem Steinschlag in Sicherheit bringen zu müssen.

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Die ständig lawinengefährdeten Hänge über dem Tso Rolpa, auf dem Wege zum Trakarding-Gletscher
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Gletscher im Himalaya sind mit Moränengeröll überlagerte Ungeheuer, eine bizarre zerrissene, schwer begehbare, chaotische Mondlandschaft. Wir schinden uns über schuttbedeckte Eisberge des Trakarding. Unter uns rollen Steine weg, der Schritt kommt immer wieder aus dem Rhythmus, wird zur Qual. Wir tasten uns an tiefen Gletscherspalten und an tiefen, teilweise gefrorenen, mit grünem Eiswasser gefüllten Riesenkratern vorbei, in die die Eiswände senkrecht abfallen.

Bei dieser Schinderei über den Gletscher und bei der ständigen Spaltengefahr interessiert mich die Besteigung des Trashi Laptsa überhaupt nicht mehr. Erstens wird es da oben noch härter werden. Ich habe auch Angst vor der Kletterei durch den Eisbruch, ohne bergsteigerische Hilfsmittel. Wer auf den Trashi Laptsa gehen möchte, ist wirklich nicht mehr bei Sinnen. Ich schleppe meine Füße weiter und versuche nicht zu oft zu stolpern, um nicht zu stürzen.

Tagsüber kann diese großartige Hochgebirgswildnis durchaus hohe Temperaturen entwickeln. Die mit unglaublicher Intensität strahlende, tropische Sonne verwandelt die arktische Himalaya-Umgebung in eine glühende Hölle, und beim Menschen entwickelt sich die berüchtigte Gletschermüdigkeit. Sobald die Sonne hinter den hohen Bergen untergeht, wird es sofort sehr kalt, stürzt die Kälte aus dem Weltraum herab, an den wir nahe herangekommen sind.

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Gletschersee imTrakarding-Gletscher
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Edelweiß auf dem Trakarding-Gletscher
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Sherpa-Rast auf dem Trakarding-Gletscher
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Irgendwo in der eisigen, unbewohnbaren Urlandschaft wird dann das Lager aufgeschlagen. Wir schlafen in kleinen, sargähnlichen, doppelt-wandigen Zelten auf etwa zehn Millimeter dicken Schaum- Gummimatrazen direkt auf dem blanken Eis, das in der Nacht körpergerecht schmilzt.

Unsere Sherpa versuchen, auf unseren Primuskochern das kärgliche Abendessen zu kochen. Es ist gar nicht einfach, in großen Höhen warme Mahlzeiten zuzubereiten, da das Wasser bereits bei 70o bis 80oC kocht. Deshalb können hier oben auch kein Reis oder Kartoffeln, das Hauptnahrungsmittel der Sherpa, gargekocht werden. Es gibt Tshura - das sind Reisflocken - oder Tsampa - das ist grobes geröstetes Gerstenmehl -zu einem lauwarmen Brei angerührt. Dazu trinken wir Bö Tscha, den tibetischen Buttertee, der aus Blättern, Stängeln und dem Staub des chinesischen Tees, aus Salz, Soda und meist ranziger Yakbutter - oft mit Yakhaaren vermischt - besteht. Man sollte nun meinen, daß die fleisch- und fettlose einseitige Ernährung bei ständiger körperlicher Höchstleistung Wunschträume von riesigen Namibia-Steaks hervorrufen würde. Aber Hungerhalluzinationen plagen uns nicht. Wir merken nur, daß wir in einer Höhe, in der sich der Körper nicht mehr regenerieren kann, abbauen und schwächer werden.

Sobald die Sonne untergeht, wird es sofort sehr kalt. Wir können uns nur noch in unsere Zelte begeben und in unsere hoffentlich schnell warm werdenden Schlafsäcke kriechen. Nachts wird man, wenn die Natur ruft, oft vor schwere Entscheidungskonflikte gestellt: Soll man in die Eiseskälte hinaus oder nicht?

Ich erinnere mich an eine Nacht im März 1982 am Cho Oyu. Ich mußte nachts bei schwerem Schneesturm hinaus. Durch die fast waagerecht dahinpeitschenden Schneelinien zuckten alle paar Sekunden Monsunblitze im Süden, Richtung Indien - ein grandioses, wenn auch witterungsmäßig für die nächsten Tage ungünstiges Schauspiel. Das Hinein- und Herausklettern in und aus dem eisüberkrusteten Schlafsack mit fast allen Kleidungsstücken ist in dieser großen Höhe eine keuchende Anstrengung, die gewöhnlich auch den Partner weckt und meistens mehrere Minuten dauert.

Schlimmer noch ist es, in die oft tiefgefrorenen doppelten Bergschuhe hineinzusteigen. Diese von Jammern und Fluchen begleitete Schinderei kann bis zu zwanzig Minuten dauern. Es ist unangenehm genug, auf nacktem Eis oder Schnee in einem engen, sargähnlichen Zelt die Nächte durchzubringen. Nachts ist das Zelt innen mit einer dicken Eisschicht bedeckt, die bei jedem mühsamen Atemzug ins Gesicht fällt. Die ganze Nacht hindurch gehen in regelmäßigen Abständen gewaltige Schnee- und Eislawinen vom Eisbruch und von den Riesenbergen um uns herum herunter. Die Druckwelle schüttelt jedesmal unser Zelt, und das Gletschereis unter uns beginnt sich zu bewegen. Hoffentlich öffnet sich nicht eine Gletscherspalte. Man kann sich kaum ein unheimlicheres Gefühlserlebnis vorstellen.

Mühseliges, keuchendes, schnaufendes Atmen, die Bewegungen des Partners, Zweifel an der eigenen Person, Angst, Einsamkeit und Alpträume - wohl durch den Sauerstoffmangel und den geringen Sauerstoffdruck hervorgerufen - sowie Schlaflosigkeit: Nächte im Himalaya, auch sie sind Teil einer Expedition.

Wir stehen gewöhnlich vor fünf Uhr auf. Im allgemeinen ist der erste Gedanke der nicht sehr ermutigende, dafür aber berühmte Ausspruch von F.S. Smythe während der Britischen Everest Expedition 1931, den jeder Bergsteiger im Himalaya kennt: "Ein weiterer verdammter Tag!"

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Big-Pher-Go Shar, südlich vom Trakarding-Gletscher
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Es ist eiskalt draußen, oft zwischen minus zwanzig und dreißig Grad Celsius, aber in der Vor- und Nachmonsunzeit herrscht im Himalaya frühmorgens meistens wunderbares klares Wetter mit einem tief-blauen Himmel, der im unglaublichen Kontrast zu den Eisformationen und Gletschern der Riesenberge um uns herum steht. Diese Steilwände sind kristall-klar zu sehen und führen uns deutlich die Schwierigkeiten vor Augen, die uns bevorstehen, da wir die lawinendurchtobte Wand hinter unserem Lager gleich durchklettern müssen. In der Frühe gibt es aus Schnee zubereiteten lauwarmen Tee und einige Kekse, die wir appetitlos durch unsere wunden Kehlen hinunterzuspülen versuchen. Vitaminpillen erhalten am Leben.

Unserer Sherpa-Sirdar der 1980er Expedition, Nima Lama, betet schon seit vier Uhr morgens ununterbrochen. Kurz vor dem Aufbruch brennt der fromme Sherpa vor einem schnell aufgebauten Steinaltar Räucherkerzen ab, um die tibetische Berggöttin Tseringma für den gefährlichen Übergang über den Trashi Laptsa um Beistand zu bitten.

Als wir uns mit schwerem Gepäck und steifen Knien aufmachen, verfliegen alle Zweifel und Ängste. Zunächst geht es über den Gletscher. Die im Frost erstarrten Schneebrücken tragen uns - hoffentlich - sicher über die gähnenden Spalten, die endlos in eine blau-grüne Tiefe zu fallen scheinen. Oben brennt schon die Sonne auf die in den Himmel ragenden Bergspitzen. Hier "unten", in 5 200 Meter Höhe, ist alles noch in blaue Kälte gehüllt. Die Felswände sind größtenteils senkrecht und vereist, haben aber genug gute Trittmöglichkeiten.

An besonders ausgesetzten Stellen müssen wir die Träger ans Seil nehmen. Nach drei Stunden Schinderei haben wir die ersten zweihundertfünfzig Meter Steilbruch überwunden. Aber dann kommt eine etwa hundert Meter hohe Felsrinne, fast siebzig Grad steil. Sie ist vielleicht drei Meter breit, und hier kommt alles heruntergesaust, was der Drolambao Eisbruch darüber für uns bereit hält: Furchtbarer Steinschlag, Neuschneelawinen, mörderisch glatter, vereister Fels. Es ist die Hölle für uns alle. Aber immer wieder raffen wir uns auf, feuern uns an, und irgendwann hat alle Quälerei ein Ende.

Die zerrissenen Eis-Seracs hängen in unmöglichen Winkeln über uns. Sie können jeden Augenblick auf uns herunter krachen. Der Steinschlag hat zwar aufgehört, dafür kommt von Norden ein eisiger Wind auf. Wir frieren trotz der Anstrengung, unsere Kleidung beginnt zu erstarren. Der Eisbruch über uns sieht unbezwingbar aus. Hier ist Edmund Hillary auch schon einmal gescheitert. Alles das geht durch meinen Kopf, als wir versuchen einzusteigen. Das Eis ist brüchig, und in der überhängenden, blau-grünlich schimmernden Eiswand können wir mit unseren Eispickeln keine Stufen schlagen. Jeder Pickelschlag löst eine kleine Eislawine aus. Wir haben keine Eisschrauben - die hat Nima Lama vor Wochen in Kathmandu vergessen -, um ein Seil zu verankern. Wir haben auch keine Steigeisen für uns und die Träger. Wir kämpfen mit unseren eisverkrusteten Gesichtern wie die Irren, keuchen und brüllen uns an. Es hilft alles nichts, wir haben nicht die richtige Ausrüstung für diesen schwierigen Eisbruch. Zurück, zurück, verloren, gescheitert ... das bittere Gefühl der Niederlage, die furchtbare Erschöpfung in 5 000 Meter Höhe - auch das sind Grenzerlebnisse! Man macht alle Phasen der Verzweiflung durch, aber irgendwann wird man wieder ruhig und nimmt das Unausweichliche an.

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Drolambao-Eisbruch am Big-Pher-Go Shar, der uns fast zum Verhängnis wird
Photos: Copyright: Klaus Dierks

"Es ist aus, hierhin komme ich nie wieder zurück. Ich gebe auf" - eine schreckliche Erkenntnis! Wir müssen die ganze alptraumhafte Strecke nach Beding uns wieder zurückquälen. Wir müssen uns wieder die furchtbare Lawinen- und Spaltenstrecke über den Trakarding Gletscher und an den Steinschlaghängen über dem Tsho Rolpa durchkämpfen. Wir torkeln voller Hoffnungslosigkeit über diese quälenden Pfade. Wir durchschreiten das tiefe Tal der Niederlage im buchstäblichen Sinne und steigen in zwei Tagen zu dem Sommerweidedorf Na über Beding ab.

Wir haben keine Hoffnung mehr, das Expeditionsziel noch zu erreichen und über den Trashi Laptsa zum Mount Everest zu wandern. Aber irgendein innerer Trotz hält uns aufrecht. Kurz vor Na treffen wir auf eine französische Expedition, die auch den Trashi Laptsa überqueren will und die über alle nötige Ausrüstung, einschließlich der Eisschrauben, verfügt. Sie lädt uns ein, mit ihnen noch einmal den Trashi Laptsa zu versuchen. Die Franzosen sind froh, daß wir bereits gewisse Erkundungen an der Schlüsselstelle im Drolambao Eisbruch durchgeführt haben und ihnen so helfen können, Zeit und Probleme zu sparen.

Die Hoffnung flammt wieder wie ein "Veldbrand" in uns auf. Wir leben wieder, so intensiv und aktiv, wie man nur hier zwischen diesen Irrsinnsbergen leben kann. Wir kämpfen uns, nun schon das dritte Mal, - vor einigen Tagen hätte ich noch gedacht, daß ich um nichts in der Welt diese Schinderei noch einmal durchstehen würde - die schwierige Lawinenstrecke zum Eisbruch hoch, wieder zwei erschöpfende Tage lang.

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Auf dem Wege zum Trashi Laptsa, im Hintergrund der über 7 000 Meter hohe Tengi Ragi Tau
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Diesmal überwinden wir den Eisbruch, an dem wir das erste Mal gescheitert sind: Der Weg zum Mount Everest ist frei, wir haben es geschafft, was wir uns vorgenommen haben. Die Übersteigung des vereisten, vergletscherten, fast 6 000 Meter hohen Trashi Laptsa läuft jedoch auch nicht ganz ohne Probleme ab. Einer unserer Träger wird schneeblind, und unsere einzige Trägerin, Didi Doma, bekommt Frost in ihre Füße. Als wir erschöpft oben auf dem Trashi Laptsa unser Höhenlager aufschlagen, steht uns eine der schlimmsten Nächte bevor, die ich je im Himalaya erlebt habe.

In Minutenschnelle beginnt ein blizzardähnlicher Schneesturm zu toben. Wir steigen, so schnell es die waagerecht peitschenden, eisnadelscharfen Schneeschnüre zulassen, auf 5 700 Meter ab, wo unsere Sherpa unter einer etwas überhängenden Felswand des fast 7 000 Meter hohen Tengi Ragi Tau einen einigermaßen geschützten Lagerplatz gefunden haben. Hier werden wir hoffentlich von, vom Tengi Ragi Tau abkommenden, Lawinen geschützt sein. Unser Zelt ist etwas exponiert, aber meine Kameraausrüstung befindet sich, derweil gut geschützt, direkt unter dem Felsüberhang. Das Zelt steht auf dem einzigen ebenen Fleckchen weit und breit.

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Blick nach Westen auf den Drolambao-Gletscher: Wir haben fast die Passhöhe des Trashi Laptsa erreicht
Photos: Copyright: Klaus Dierks

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Unser Lager in fast 6 000 Meter Höhe auf dem Trashi Laptsa
Photos: Copyright: Klaus Dierks

An diesem Tage der denkwürdigen Trashi Laptsa Überquerung kriechen wir bereits um siebzehn Uhr in unser Zelt, an dem die ganze Nacht der Schneesturm zerrt. Der Höhensturm, der in fast 6 000 Meter dem Donnern von Hunderten von Düsentriebwerken oder dem Tosen einer gewaltigen Ozeanbrandung ähnelt, macht unsere Lage unheimlich. Ich verkrieche mich in meinen Daunenschlafsack. Wie ein Kind im nächtlichen Tropengewitter verstecke ich mich in der letzten Tiefe des Schlafsacks.

Unsere Lage in dem unebenen, am Spaltenabgrund stehenden Zelt ist mehr als unbequem. Der Körper rollt auf dem abschüssigen Eisboden immer wieder an die Zeltwand, die ins Leere ragt. Zwischen Gerd Kuchling und mir ist nur Platz für die wichtigsten Ausrüstungsgegenstände. Schlafen kann ich nur, wenn ich die Füße an den Eingang lege und meine Matte zu Gerd schiebe. Sonst würde ich unweigerlich an die hohle Stelle des Zeltbodens rutschen, an der Wand zum Abgrund der Gletscherspalte.

Um fünf Uhr stehen wir nach stockdunkler, eiskalter, sturmdurchtoster Nacht zähneklappernd auf. In dieser Höhe haben wir alle schlecht geschlafen. Ich befürchtete die ganze Zeit, daß der Höhensturm unser kleines, verletzliches Zelt in die Gletscherspalte neben uns wehen würde. Zum ersten Mal seit vielen Tagen hat Nima Lama nicht schon um vier Uhr angefangen zu beten, was für mich ein sicheres Anzeichen dafür ist, daß das Schlimmste vorläufig hinter uns liegt.

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Abstieg vomTrashi Laptsa nach Osten in den Khumbu
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Trashi Laptsa-Eisbruch
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Sechstausender ohne Namen am Trashi Laptsa
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Östliches Basislager desTrashi Laptsa
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Erfolg und Niederlage, Glücksgefühl und Todesangst liegen im Himalaya dicht beieinander. Die Berge diktieren die Umstände, nicht die Menschen. Unser Schicksal ist nicht nur von persönlichem Können und der eigenen Kondition abhängig. Ich falle beim Aufstieg auf den Trashi Laptsa, mitten im Drolambao Eisbruch, über dem endlosen Eisabgrund, ins Seil. In diesen Bruchteilen einer kaum messbaren Zeiteinheit umschließen die Gedanken ein Nichts und das ganze Leben. Eine weitere Grenzschwelle ist überschritten.

Als wir zwei Tage später auf der anderen Seite in Thame ankommen, habe ich allen Grund, dankbar die große Gebetsmühle in der Gompa zu drehen. Daß unsere kleine Namibia Himalaya Expedition 1980 den Trashi Laptsa zwei Mal angepackt und das zweite Mal erfolgreich durchstiegen hat, ist weniger ein bergsteigerischer Erfolg als ein Sieg über uns selbst. Im Himalaya hat Erfolg überhaupt keine Bedeutung. Der Lama Rimpoche vom Kloster Thame gibt mir den weisen Gedanken mit: "Der Weg ist das Ziel".

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Sherpa-Sommerweidedorf Na im Kumbu (zwischen Trashi Laptsa und Thame) 
Photos: Copyright: Klaus Dierks

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Thame Gompa, nördlich von Namche Bazar im Sherpaland 
Photos: Copyright: Klaus Dierks

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Thame Gompa, links: Nima Lama, unser Sherpa-Sirdar 1980 
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Thame Gompa: Blick zum Tramserku, südlich von Namche Bazar  
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Am Trashi Laptsa hat es schon viele Tragödien gegeben. Bruce Campbell-Watt beschreibt eine, die er 1981 bei der Überschreitung dieses berüchtigten Passes erlebt hat. Bereits beim Aufstieg von der letzten Yakweidesiedlung, Na, im oberen Rolwalingtal, hörte er durch das "Sherpa-Buschtelephon" von einer deutschen Trekkingexpedition, die am Trashi Laptsa in Schwierigkeiten geraten sein sollte. Später fand er verschiedene verlassene Lager der Deutschen, wo ein Teil der Ausrüstung zurückgelassen worden war. Die Etappenlängen zwischen den einzelnen Nachtlagern waren so kurz, daß man allein daraus ableiten konnte, daß die Gruppe sich in Gefahr befand.

Nach der Überwindung des Eisbruches des Drolambao Gletschers fand Bruce das vierte Lager, das die Deutschen seit Na aufgeschlagen hatten. Nach nur zwei Stunden stieß er auf ein weiteres Nachtlager. Für Bruce und seinen Sherpa Sirdar bestand kein Zweifel daran, daß die deutsche Gruppe ernste Probleme haben mußte. Bruce schrieb dazu folgendes in sein Tagebuch:

"Für die Überquerung des Passes war es immer noch früh genug am Tage, aber angesichts der späteren Ereignisse war es wohl gut, daß wir uns Zeit ließen. Vielleicht auch nicht, ich weiß es nicht. Ich glaube nicht, daß unser Auftauchen später irgendeinen Unterschied gemacht hätte. Ich fragte Phuri noch einmal, was er von den anderen Trägern gehört hätte, aber ich konnte sein begrenztes Englisch wirklich nicht verstehen. Ich konnte nur ausmachen, daß außer dem Expeditionsarzt auch noch der Koch krank sei. Die Deutschen begannen die Passüberschreitung bei schlechtem Wetter und brauchten mindestens sechs Tage, um ihn zu kreuzen. Mit zwei Kranken muß es für sie ein entsetzlicher Trip gewesen sein. ... Wir brachen um 7Uhr30 auf, und der Aufstiegsweg zur Passhöhe war weitaus länger, als es von unten den Anschein gehabt hatte. Mit Steigeisen an den Füßen war es leichtes Gehen für Phuri und mich, wir mußten aber einzelne Stufen für die Träger schlagen. Bald sprang ein starker, unangenehmer Wind auf, der uns Ladungen von beißendem Schnee ins Gesicht blies und das Dasein recht unerfreulich machte. Ich hielt mich nicht lange auf dem Gipfel auf, sondern machte nur einige Aufnahmen von meinem ersten Blick in das berühmte Land des Solu Khumbu, über das es so viele große Abenteuergeschichten gibt. In dem widerlichen Wind konnte ich weder den Blick noch die Abenteuer würdigen.

Als wir auf der Ostseite abzusteigen begannen, sahen wir direkt unter uns das Lager der größeren Gruppe. Eine kurze Steilwand brachte uns zu der Gruppe hinunter, und zu meinem Schrecken sah ich, daß ein menschlicher Körper in ein Zelt gewickelt war. Nur die Bergschuhe des Toten ragten aus der Plane heraus. Zwei Männer und ein Mädchen standen im Lager herum. Ich fragte sie, was geschehen sei, und bekam eine entsetzliche, alptraumhafte Geschichte zu hören. Die drei waren Neuseeländer, der eine war Arzt vom Hillary Hospital in Khunde, sprach Nepali und kannte die ganze Tragödie.

Sie braute sich folgendermaßen zusammen: Der deutsche Arzt, ein Fünfundvierzigjähriger mit beachtlicher bergsteigerischer Erfahrung im Himalaya, war bereits in Na höhenkrank, noch ehe der Anstieg zum Pass überhaupt begonnen hatte. Auch der junge Koch aus Kathmandu war schon in Na krank. Die Gruppe versuchte, ein sehr striktes zeitliches Programm einzuhalten, und der Pass mußte bis zu einem bestimmten Datum überquert werden, damit ein festgebuchter Flug in Lukla erreicht werden konnte. So kämpfte sie sich trotz des schlechten Wetters weiter. Selbst als sich der Zustand des Arztes verschlechterte, hatte keiner der anderen drei Expeditionsteilnehmer den Mut, auf Umkehr zu bestehen. Offensichtlich versicherte der Arzt, daß er nicht sehr krank sei und daß es ihm bald besser gehen werde. So nahm das Schicksal seinen Lauf.

Ohne Rücksicht auf Verluste drängten die Bergsteiger voran. Der Träger, den wir getroffen hatten, weigerte sich, weiterzugehen, und verlangte seine Bezahlung. Die Deutschen zahlten ihn und den kranken Koch, den sie mit dem Sherpa zurückschickten, aus. Was danach geschah, ist nicht ganz deutlich. Vermutlich war der junge Koch schon so krank, daß er weder vorwärts noch rückwärts konnte und, von den anderen Sherpa im Stich gelassen, auf dem Gletscher starb. Bei unserem Aufstieg sahen wir jedenfalls keine Spur von ihm. Er muß wohl vom Wege abgekommen und einsam gestorben sein. Der neuseeländische Arzt erklärte mir, daß die Sherpa, die ja aus Tradition Gebirgsnomaden sind, einen Kranken, dem nicht mehr zu helfen ist, seinem Schicksal überlassen, um die übrige Gruppe zu schützen. Die Restgruppe könnte nicht ihr Leben aufs Spiel setzen, und sie sei gezwungen, ihn seinem Schicksal zu überlassen.

Oben am Eisfall war dann der deutsche Arzt zu keiner Bewegung mehr imstande. Sie begannen ihn zu tragen, bergauf zu tragen. Wie wahnsinnig kann man noch werden? Im rollenden Einsatz mußten sie den kranken Mann Stück für Stück höher transportieren und dann wieder umkehren, um die Lasten zu holen. Kein Wunder, daß die Passüberquerung so lange dauerte. Die Neuseeländer, die den Pacharmo besteigen wollten, trafen die drei gesunden Deutschen in ihrem Lager auf der Ostseite des Passes, nachdem sie ihren kranken Expeditionsleiter in der Obhut des Sirdars und der Träger allein auf der Westseite zurückgelassen hatten. Eine unglaubliche Situation!

Natürlich waren die Neuseeländer empört und drängten die drei anderen, sofort umzukehren und alles Menschenmögliche für den Kranken zu versuchen. Die drei Deutschen stimmten zunächst zu, kehrten aber nach kurzer Zeit wieder um. Die Neuseeländer gingen allein weiter und fanden den Sirdar, der gerade versuchte, die Träger anzuspornen. Sie trugen den kranken Mann noch vor Einbruch der Nacht über den Pass. Der neuseeländische Arzt stellte fest, daß er bereits seit einigen Tagen unter Lungenödem gelitten hatte und jetzt auch noch ein Gehirnödem entwickelt hatte und im Delirium war. Der arme Mensch hatte seine äußerste Grenze erreicht, drehte völlig durch, riss sich seine Kleidung vom Leibe und mußte gefesselt werden. Er starb um 22Uhr30 am 23. April 1981.

Ich muß sagen, daß ich noch nie in meinem Leben eine derart erschreckende Geschichte gehört hatte ... .

Die drei anderen Deutschen waren in tiefem Schock und lagen tatenlos in ihren Zelten. Der neuseeländische Arzt war über diese Tragödie, die nicht hätte passieren dürfen, wütend und entsetzt. Dennoch scheint etwas Unausweichliches, Schicksalhaftes in diesem Vorfall zu liegen. Der bedauernswerte Deutsche, der sich an den Aufstieg machte, obwohl er bereits höhenkrank war, beging so sicher Selbstmord, als wenn er sich eine Pistole gegen den Kopf gesetzt hätte. Die Träger weigerten sich, die Leiche ins Tal zu tragen. Sie wurde in einem Schneegrab beigesetzt."

Dieses Erlebnis von Bruce Campbell-Watt steht für viele tragische Vorkommnisse am Trashi Laptsa. Ausländische Bergsteigergruppen, aber auch Einheimische, versuchen sich immer wieder an diesem gefährlichen und unberechenbaren Übergang, weil er die kürzeste Verbindung zwischen dem Rolwaling und dem Khumbu darstellt. Inzwischen ist dieser schwierige Passübergang von der nepalischen Regierung gesperrt worden und darf nur noch im Rahmen einer organisierten Expedition überschritten werden. Der Rolwaling darf nur noch mit einer speziellen Erlaubnis besucht werden

Der Trashi Laptsa sollte mich auch nicht ungeschoren davonkommen lassen. Ende 1984 komme ich an diesem Pass in ernste Schwierigkeiten. Die Namibia Himalaya Mini-Expedition 1984 besteht aus meiner Frau, die das erste Mal im Himalaya ist, unserem Sirdar, Dawa Thondup, und vier Sherpa-Trägerinnen, die meiner Frau und mir das Leben so angenehm wie möglich machen.

Trotz des langen Akklimatisierung-Anmarsches auf dem Normalweg zum Everest Basislager, haben wir wohl das Höhenanpassungsprinzip der "Himalayan Rescue Association", nämlich nicht zu schnell zu hoch zu steigen, nicht genug beachtet. So nimmt das Unheil seinen Lauf. Nachdem wir den Trashi Laptsa wieder erfolgreich, diesmal von der Ostseite, bestiegen haben, schlagen wir unser Höhenlager an dem mir bereits bekannten Platz auf fast sechstausend Meter Höhe auf. Hier entwickele ich in der Nacht alle Anzeichen eines Gehirnödems mit den bekannten, lebensbedrohenden Symptomen: Intensive Kopfschmerzen, die auch nicht mehr auf stärkste Schmerzmittel ansprechen; ständiges Erbrechen; allgemeine Benommenheit und Gleichgültigkeit der gewaltigen Umwelt des Hoch-Himalaya gegenüber und tödliche Schwäche. Ich bekomme auch Halluzinationen - ich spreche mit dem toten, deutschen Arzt, dessen Tragödie ich im April 1981 indirekt miterlebt habe und der hier irgendwo in der Nähe der großen Gletscherspalte bei unserem Lager in einem unmarkierten Schneegrab beigesetzt ist.

Am 1. November 1984 wollte ich mit Dawa Thondup den knapp 6 300 Meter hohen Pacharmo besteigen, eine makellose Eispyramide, die vierhundert Meter über uns in den schwarz-blauen Himmel aufragt. Ich hoffe noch auf Besserung meines Zustandes und will die Besteigung nicht aufgeben. Glücklicherweise drängt meine Frau auf sofortigen Abstieg. Ohne ihr Drängen hätte ich wohl das Schicksal des deutschen Arztes geteilt. Die Trennungslinie zwischen Transport- und Nichttransportfähigkeit, das heißt zwischen Leben und Tod, ist bei der Akuten Bergkrankheit haarfein. Bei einer eintretenden Nichttransportfähigkeit gibt es kaum Rettungsmöglichkeiten. Bei Ausbruch der Akuten Bergkrankheit oder bei einem Lungen- oder Gehirnödem bewirkt Ruhe für ein oder zwei Tage in einer Höhe von sechstausend Meter keine Besserung, da der Körper sich hier nicht mehr regenerieren kann.

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Pacharmo 6 246 m, südlich vom Trashi Laptsa
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Schweren Herzens verzichten wir also auf die Pacharmo Besteigung. Aber diese ist wohl kaum das Leben wert! Der schwierige Abstieg, den ich aber noch durchstehen kann, bringt dann einen Tag später, in geringerer Höhe, dramatische Besserung, so daß ich zwei Wochen später noch an eine Winterbesteigung des 6 180 Meter hohen Kyacho Ri im Cho Oyu Gebiet denken kann.

Seit knapp hundert Jahren nehmen die Bergsteiger der Welt die unerhörte Herausforderung an, auf die höchsten Berge unserer Erde zu steigen. Genauso lange hört man von den Grenzerlebnissen und den extremen Bedingungen, unter denen solche Besteigungen stattfinden. Die körperliche und seelische Beanspruchung des Menschen erreicht immer wieder die zulässigen Grenzwerte. Diese Grenzbelastungen schließen Erschöpfungszustände ein, die häufigste Todesursache im Himalaya, sowie Kälte, die ungewohnte große Höhe mit den daraus resultierenden schweren Störungen im Körper, Gefahren durch Lawinen und Gletscherspalten, schwere Gepäcklasten, Krankheiten, Schmerz, Angst und Einsamkeit.

Professor Chatterjee von der medizinischen Fakultät der Wehrmachts- Hochschule der indischen Armee in Pune unterscheidet zwischen physischen und psychologischen Stresssituationen: Physischer Stress besteht aus Sauerstoffmangel, Kälteextremen, Rückgang des Sauerstoffdruckes, hohen Windstärken, Erschöpfungs- und Ermüdungszuständen sowie Sonnenstrahlungseffekten. Der psychologische Stress baut sich aus folgenden Komponenten auf: Isolationsgefühle, Bewusstseinstrübung, Expeditionsmonotonie, Furcht, Frustration und die Auswirkung der physischen Stresssituation.

Wie oft fehlt dem Himalayabergsteiger in Höhen, in denen die modernen Verkehrsflugzeuge fliegen, die Luft zum Atmen. Welche Willenskraft wird gebraucht, um in der dünnen Luft immer höher zu steigen!

Die drei namibischen Himalaya-Expeditionen, 1980, 1982 und 1984 sowie weitere Trecks in den Zanskar und Ladakh im Jahre 1992, zum K2-Basislager im Karakorum im Jahre 1994, nach Zentral Tibet im Jahre 1997 und nach West Tibet, zum Kailash und Shisha Pangma, im Jahre 1998, wieder nach Ladakh und in den östlichen Karakorum 1999 und zum Kangchendzönga 2000 in Sikkim, hatten immer wieder mit zahlreichen Problemzuständen zu tun. Diese Trekking-Expeditionen waren aus grundsätzlichen Erwägungen heraus, aber auch wegen der beschränkten finanziellen Möglichkeiten, als Kleinst-Expeditionen im Westalpenstil geplant. Dadurch waren Schwierigkeiten und Grenzerlebnisse von vorne herein einprogrammiert. Der "Partner Berg" sollte mit fairen Mitteln - ohne Sauerstoff, Bohrhaken, Aluminiumleitern, Hubschraubern, und tragbaren Saunas - angegangen werden.

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Das Indus-Tal westlich von Skardu bildet die Eingangspforte in den Karakorum (1994 Expedition)
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Auf dem Wege zum zweithöchsten Berg der Erde, zum K 2 im Karakorum, muss erst die schwierige, ständig steinschlaggefährdete Braldoschlucht zum Baltoro-Gletscher gequert werden (1994 Expedition)
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Askole ist die letzte menschliche Siedlung vor dem Baltoro-Gletscher (1994 Expedition)
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Der Biafo-Gletscher im Karakorum wird gequert (1994 Expedition)
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Nach dem Biafo-Gletscher muss eine steile Felswand in Dumordo durchklettert werden (1994 Expedition)
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Ein eiskalter Gletscherfluß in Paiju wird auf dem Wege zum Baltorogletscher im Karakorum mit den Trango-Türmen im Hintergrund gequert (1994 Expedition)
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Der Beginn des Baltorogletschers im Karakorum mit den Trango-Türmen im Hintergrund (1994 Expedition)
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Die 6 000 und 7 000 m hohen Granittürme (Uli Biaho und Trango-Türme) im Baltorogletschergebiet im Karakorum (1994 Expedition)
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Der 7 821 m hohe Masherbrum im Baltorogletschergebiet im Karakorum (1994 Expedition)
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Träger auf dem Baltorogletscher im Karakorum (1994 Expedition)
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Der 7 279 m hohe Mustagh im Baltorogletschergebiet im Karakorum (1994 Expedition)
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Die 7 668 m hohe Chogolisa im Karakorum, an der 1954 der Erstbesteiger des Nanga Parbat, Hermann Buhl abstürtzte (1994 Expedition)
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Unsere Träger in  Concordia auf dem Baltoro-Gletscher im Karakorum (1994 Expedition)
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Unsere Träger in  Concordia mit dem K2 im Hintergrund   (1994 Expedition)
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Der Broad Peak 8 047 m vom Basislager aus im Karakorum (mit namibischer Flagge im Vordergrund: 1994 Expedition)
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Der zweithöchste Berg der Erde, der K 2 8 611 m vom Basislager aus im Karakorum (1994 Expedition)
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Baltit, die Hauptstadt des Hunza-Tales im westlichen Karakorum (1994 Expedition)
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Der 7 788 m hohe Rakaposhi, Hausberg im Hunza-Tal im   westlichen Karakorum (1994 Expedition)
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Der höchste Berg des Zanskar: Nun Kun 7 135 m (1999 Expedition)
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Passstraße zwischen Lamayuru-Gompa und Khalsa im Indus-Tal, Ladakh 
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Blick von der Lamayuru-Gompa nach Wangla und in den Zanskar, Ladakh
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Blick vom  fast 6 000 m hohen Wari-La nach Süden in das Indus-Tal und in den Zanskar, Ladakh (1999 Expedition)
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Blick vom  Wari-La nach Norden in das Shyok-Tal und in den östlichen Karakorum, Ladakh (1999 Expedition)
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Blick zurück nach Süden zum Wari-La, Ladakh (1999 Expedition)
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Zusammenfluss von Nubra und Shyok im östlichen Karakorum, Ladakh (1999 Expedition)
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Wilde Kamele (Trampeltiere) im Shyok-Tal im östlichen Karakorum, Ladakh (1999 Expedition)
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Siling im Shisha Pangma-Gebiet in Tibet im Jahre 1998
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Der Shisha Pangma 8 012 m von Norden im Jahre 1998
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Tibetischer Nomade vom Shisha Pangma im Jahre 1998
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Nordwestlich vom Shisha Pangma: Am Paiku Tso mit Ganesh-Himal mit dem Ganesh I 7 406 m im Süden: zwischen Nepal und Tibet, 1998
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Blick nach Osten: Paiku Tso mit Shisha Pangma-Gruppe, 1998
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Blick nach Südosten: Paiku Tso mit Gang Benchnen 7 211 m, 1998
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Blick nach Norden zum Paiku Tso, Tibet, 1998
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Nationale Großexpeditionen, deren Berichte wie Meldungen von Kriegsschauplätzen klangen und deren bergsteigerische Aktivitäten wie Materialschlachten abgewickelt wurden, gehören heute der Geschichte an und entsprechen auch nicht unserem Stil sowie den finanziellen Möglichkeiten eines kleinen Landes wie Namibia.

Durch diese Einschränkungen müssen wir unsere Ausrüstung auf das äußerste, nur wirklich Lebensnotwendige begrenzen. Auf einen Expeditionsarzt, Sauerstoffausrüstung für medizinische Zwecke, extreme Seilhilfen, Funkgerät und vieles andere mehr müssen wir verzichten. Die verschiedenen Namibia-Himalaya-Trekking- Expeditionen gehören mit jeweils etwa zweihundert Kilogramm Ausrüstung sicherlich zu den kleinsten "Mini-Expeditionen", die bisher mit einem solchen bergsteigerischen Programm im Himalaya unterwegs waren. Der Gewichtsvorteil der Klein-Expedition wird mit der größeren Möglichkeit erkauft, in gefährliche Grenzsituationen zu geraten.

Der Grenzbereich des Expeditionsbergsteigens, die Todeszone des Himalaya, beginnt bei etwa 6 000 Meter Höhe. Ehe man dieses Gebiet - das Dach der Welt - erreicht, liegt zunächst der einige Wochen dauernde Anmarsch durch die Vorberge des Himalaya vor uns.

Nepal ist ein armes Land, und die alle bekannten Dimensionen übersteigende, riesenhafte Gebirgskette des Himalaya schafft fast unüberwindliche Widerstände beim Bau einer physischen Infrastruktur. So gibt es in diesem Teil der Welt, im Gegensatz zu den Alpen, dem Kaukasus und den südamerikanischen Anden, keine Eisenbahnen und fast keine Straßen. Der größte Teil Nepals ist bis in die letzten Täler des Hoch-Himalaya mit einem dichten Netz von Fußpfaden überzogen, auf denen sich der Warenverkehr auf menschlichen Rücken abspielt.

Auf diesen Fußpfaden, auf dem Anmarsch zum Mount Everest durch den Rolwaling oder auf dem Normalweg über Junbesi etwa, sind noch keine Grenzerlebnisse zu erwarten. Die Fußpfade sind im allgemeinen schlecht, kleben oft an unglaublich steilen Gebirgshängen und sind niemals eben. Da eine ganze Reihe von tiefen eingeschnittenen Nord-Süd-Tälern und zwischen diesen Tälern wieder Pässe von drei- bis viertausend Meter Höhe gequert werden müssen, sind selbst auf dem Normalweg zum Mount Everest beträchtliche Höhenunterschiede zu überwinden. Dieses Absteigen von dreitausend Meter auf fünfzehnhundert Meter und der Wiederaufstieg auf der anderen Talseite auf steilen, elenden Wegen zurück auf ähnliche Höhen sind auf die Dauer außerordentlich frustrierend.

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Namche Bazar: Hauptort im Sherpaland: Blick nach Westen zum Kongde Ri 
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Namche Bazar: Alter Tibeter aus Tingri Shekar
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Die meist haarsträubenden, wackligen Brücken über eiskalte, dahintobende Gletscherflüsse bescheren uns in der Regel größere Angsterlebnisse als technisch wirklich schwierige Eiswände im Hoch-Himalaya. Auf unserem Anmarsch gibt es Unannehmlichkeiten wie die aggressiven Blutegel in den tropischen Urwäldern. Bergsteigerische Problemsituationen gibt es hier jedoch nicht.

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Eine von vielen Brücken im Himalaya, die Schwindelfreiheit erfordern (über den Samling Khola im Lapchi Kang)
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Blick in das Dudh-Kosi-Tal vom Khari La: südlich von Namche Bazar
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Dudh-Kosi-Tal bei Phakding: südlich von Namche Bazar: Mein Sherpa-Sirdar Dawa Thondup aus Khunde: auf zwei Expeditionen: 1982 und 1984
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Kangtega 6 779 m von Khunde aus gesehen
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Blick von Khunde auf den Tramserku 6 808 m
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Dawa Thondup mit seinem jüngsten Enkelsohn Ang Tshering Sherpa aus Khunde: mit Angs Mutter und meiner Frau Karen Dierks: 1984
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Ang Tsherings Mutter in Khunde
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Eine der größten Gefahren bei einer Expedition in den Hoch-Himalaya sind neben den natürlichen Risiken - wie Gletscherspalten, Lawinen, Neuschnee und Schlechtwetterverhältnissen - der Tod durch Erschöpfung und die berüchtigte Höhenkrankheit. Diese unberechenbare Krankheit kann bereits in Höhen von drei- bis viertausend Meter auftreten und wird durch den abnehmenden partiellen Sauerstoffdruck hervorgerufen, der schwere Störungen im Körper zur Folge hat.

Die Atmosphäre besteht bis auf eine Höhe von 11 000 Meter aus etwa 21 Prozent Sauerstoff und 79 Prozent Stickstoff sowie Edelgasen. Der Luftdruck beträgt auf Meereshöhe 760 Millimeter Quecksilbersäule und in 5 600 Meter Höhe nur noch 380 Millimeter. Mit dem Sauerstoff- Stickstoff-Verhältnis beträgt der Sauerstoffdruck auf Meereshöhe 150 Millimeter Quecksilbersäule und auf 5 600 Meter Höhe nur noch die Hälfte, nämlich 75 Millimeter.

Es muß bei der Höhenkrankheit zwischen milden und lebensbedrohenden Symptomen unterschieden werden. Die milden Symptome, wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Appetit- und Schlaflosigkeit, Kurzatmigkeit, hartnäckiger Höhenhusten und Antriebsarmut bekommt jeder Höhenbergsteiger irgendwann einmal. Diese Krankheitszeichen verschwinden gewöhnlich nach einigen Wochen Akklimatisierung. Optimalerweise kann in fünf Wochen Aufenthalt in über 5 000 Meter Höhe eine fünfundachtzig prozentige Anpassung erreicht werden.

Die indische Armee hat bei großangelegten Forschungsvorhaben über Höhenanpassung im Himalaya festgestellt, daß auf 5 600 Meter Höhe beim nichtangepassten Bergsteiger, selbst in Ruhestellung, Kopfschmerzen, Ermüdungszustände, Erbrechen und schwere Atemschwierigkeiten auftreten. Unter Last, beim aktiven Bergsteigen, kommen weitgehende Lethargie, getrübtes Urteilsvermögen, allgemeine Schwäche, die sich bis zur Bewusstlosigkeit steigern kann, hinzu.

Die schweren Symptome, wie Lungen- und Gehirnödem, stellen fast immer ein tödliches Risiko dar. Es gibt immer noch keine zuverlässige wissenschaftliche Theorie über die Bekämpfung der Höhenkrankheit. Sie ist unheimlich, nicht kalkulierbar und kann auch bei bester Kondition und Höhenerfahrung jederzeit auftreten. Oft werden gerade junge, erfahrene und besonders leistungsfähige Bergsteiger von ihr heimgesucht. Es gibt noch keine medizinische Vorbeugungsmaßnahmen. Medikamente bekämpfen bestenfalls die milden Symptome. Die beste Vorbeugung bei einer Expedition ist nach wie vor eine genau geplante Akklimatisierungsphase, wobei man im Durchschnitt pro eintausend Höhenmeter über viertausend Meter eine Woche Anpassung veranschlagen sollte.

Die Anpassungsphase am Beginn einer Expedition und die lange Vorbereitungszeit zu Hause dienen auch noch einem anderen Ziel. Man braucht in großen Höhen eine beträchtliche Willenskraft zum Bergsteigen, da schon das normale Leben und Atmen ohne körperliche Anstrengung zur Qual wird. Die für diese Willensanstrengung notwendige seelische Kraft muß über lange Zeit hinweg entwickelt werden. Nur so können später in der kritischen Phase einer Expedition verdichtete Energie und Zähigkeit aufgebaut werden, auf die dann in großen Höhen zurückgegriffen werden kann.

Wir sollten diese seelische Kraft während eines kritischen Stadiums der Namibia Himalaya Expedition 1982, nämlich bei der Überschreitung der abschreckend schwierigen Amphu Laptsa Gebirgskette zwischen Mount Everest und Makalu, noch sehr nötig haben. Die Tibeter haben ein Sprichwort, das besagt, daß es Unheil bringe, wenn man sich den Thronen der Himalaya-Götter nähere.

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Amai Dablam 6 828 m
Photos: Copyright: Klaus Dierks

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Tsiringma in der Amphu-Laptsa-Gebirgskette, östlich vom Amai Dablam: zwischen Mount Everest und Makalu
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Inhaltsverzeichnis

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