VON NAMIBIA IN DEN HIMALAYA

Klaus Dierks
©  Dr. Klaus Dierks 1982-2004

 

Was hat ein Namibier im Himalaya zu suchen? Das Sonnenland Namibia ist ein eher flaches und trocken-heißes Steppen- und Wüstengebiet. Unter dem endlosen weiten und meist wolkenlosen Horizont erheben sich einzelne Felsberge, teils flach abgesägt, teils schroff, mit beachtlichen klettertechnischen Schwierigkeiten.

Namibia erinnert mit seinem freien, hohen Himmel, seiner fast unirdisch anmutenden Klarheit der Atmosphäre an Tibet. Namibia ist, wie das Dach der Welt, ein menschenleeres, einsames Hochland voller Licht und herber Farbkontraste.

Wenn die von Mensch und Tier sehnsüchtig erwartete Regenzeit in Namibia ihre ersten phantastisch emporquellenden Wolkentürme auf den nordöstlichen Horizont wirft, dann könnte man meinen, man blicke von Tibet nach Süden zu den unüberwindlichen Eisketten des Himalaya. Die riesigen weißen Wolkenhaufen und -spitzen gegen den blauen afrikanischen Himmel sehen genauso wie die Berge des Hoch-Himalaya aus.

Spätestens bei diesem Anblick beginnt der Horizont zu locken.

Die Sehnsucht läßt dann die Gedanken dorthin gehen, wo sich in schwindelnder, eisiger Steilheit die höchsten Berge der Welt erheben. Aber es ist nicht nur das. Ist es ein Zufall, daß ich am gleichen Tag wie der Tibet- und Himalayaforscher Sven Hedin geboren bin? Offensichtlich ist mir das Schicksal vorausbestimmt, daß ich immer dann, wenn ich in Namibia bin, Sehnsucht nach dem Himalaya empfinde, und daß mich, wenn ich im Himalaya bin, die Sehnsucht nach Hause, nach Namibia packt.

Ich bin in Berlin, in der großen norddeutschen Tiefebene, aufgewachsen und glaubte bis zu meinem fünften Lebensjahr, daß es auf der Welt nichts höheres als ein Haus geben könnte. Die erste Etappe auf der langen "Pad" in den Himalaya war dann das Riesengebirge, wo mein Vater in mir die Liebe zu den Bergen weckte. Hier sah ich zum ersten Mal in meinem Leben Felsen, denn in der Mark Brandenburg gibt es außer Eiszeit-Findlingen keine gewachsenen Felsen. Es ging mir damals wie dem Oshiwambo sprechenden Namibier, der aus Nord-Namibia zum ersten Mal nach Tsumeb kommt und Steine sieht. Ich war fasziniert!

Schnee und Eis dagegen waren mir, seit ich denken kann, immer vertraut. Davon gab es genug in den, in meiner Erinnerung immer schönen, schneereichen Wintern meiner Kindheit. Ich erinnere mich an frostklirrenden Sonnenschein und an einen tiefblauen, noch von keiner Umweltverschmutzung berührten Winterhimmel über Berlin. Schlechtes Wetter hat es damals wohl nie gegeben. Seitdem reizt mich Eisklettern mehr als Felsklettern, auch wenn ersteres in Namibia nicht zur Verfügung steht.

Mein erster Berg war die Schneekoppe in Schlesien mit ihren stolzen 1 609 Meter, auf die mich mein Vater, im Alter von fünf Jahren, im Jahre 1941 mit dem Wanderstock hochzog. Lange Zeit glaubte ich, daß es nichts höheres als die Schneekoppe im Riesengebirge geben könnte. Damals wusste ich noch nichts vom Himalaya, aber der Weg war vorgezeichnet. Er führte über das sächsische Elbsandsteingebirge und über die Alpen bis hin zu den höchsten Bergen der Welt, die ich 1959 zum ersten Mal sah.

Für rein technisches Klettern habe ich mich nie sonderlich interessiert. Dafür bin ich vermutlich zu feige. Ich bin zwar einigermaßen schwindelfrei, habe aber dafür Gleichgewichtsprobleme. Vor großen Höhen habe ich durchaus Angst. Das merke ich, wenn mich mein Beruf auf die Gerüste von hohen Brücken führt. Dort habe ich dann immer wieder Gelegenheit, meine Angst bezwingen zu müssen.

Geklettert bin ich das erste Mal in meinem Leben auf der Stalinallee im ehemaligen Ost- Berlin, wo 1952 am Straußberger Platz die ersten Hochhäuser der Nachkriegszeit gebaut wurden. Ich war zu jener Zeit ein sechzehnjähriger Schüler und wollte mir etwas Feriengeld verdienen. Auf wackligen, kaum gesicherten Leitern musste ich zehn Stockwerke hochklettern. Damals habe ich gelernt, daß man Angst haben darf, sie jedoch überwinden muß.

Trotzdem ist mir Klettern fremd geblieben. Ich wollte aber immer in die Berge und wollte auf immer höhere Gipfel steigen. Dazu ist es nötig, daß man ab und zu klettert, nicht als Selbstzweck, sondern um hochzukommen.

Meine Fahrten in den Himalaya begannen 1959. In jenem Jahr durchquerte ich - als Gefangener der Chinesen nicht ganz freiwillig - das autonome Himalayafürstentum Sikkim.

1960 war ich wieder im Himalaya. Ich bestieg mit einer kleinen Gipfelmannschaft einige Fünftausender in Kaschmir und sammelte dort erste Bergerfahrung im Himalaya. Meine Wanderungen führten mich auch in den Gharwal Himalaya und in den Himachal Pradesh im indischen Himalaya. Im gleichen Jahr besuchte ich das älteste Hindu-Königreich im Himalaya, Nepal, das seit dieser Zeit "das Traumland" für mich geblieben ist.

In den Jahren nach 1960 gingen meine Gedanken immer wieder zu den hohen Bergen zwischen Indien und Tibet zurück. Nach einigen schönen Trecks in den südamerikanischen Anden, in Bolivien, Peru und Ekuador in den siebziger Jahren kehrte ich 1980 mit der "Ersten Namibia Himalaya Expedition" nach Nepal zurück. Weitere Trekking-Expeditionen folgten 1982, 1984 sowie 1991, 1992, 1994 1995, 1997, 1998, 1999 und 2000.

In Namibia lebt der Mensch immer noch im Einklang mit der Natur. Er bewegt sich in einer menschenleeren Wildnis und lernt von Kindheit an, daß man sich vor der Natur und dem Alleinsein im afrikanischen Busch nicht zu fürchten braucht. Namibier wissen, daß Alleinsein das Gegenteil von Einsamkeit ist. Sie wissen, daß man sich immer nur in einer Menschenmasse einsam fühlt. Namibier kennen ihre Umwelt und ihre Erscheinungen, Tiere, Pflanzen, Steine und das Wetter.

Als Ingenieur des Verkehrsministeriums von Namibia, und viel später, nach der namibischen Unabhängigkeit im Jahre 1990, als Stellvertretender Minister für Öffentliche Arbeiten, Verkehr und Kommunikationen habe ich alle Teile dieses wilden Landes durchkreuzt und durchwandert und auch Hunderte von Nächten allein irgendwo draußen in den endlosen Weiten geschlafen. Als Namibier brauche ich keine Wildnislandschaften im Himalaya zu suchen. Wildnis haben wir hier genug! In Namibia gibt es außerdem so wenige Menschen, daß man sich freut, wenn man jemanden trifft. Im Gegensatz zu den stressgeplagten Europäern meidet man die Menschen nicht.

Viele Bergsteiger aus den überzivilisierten, übertechnisierten, umweltverschmutzten und von Menschen wimmelnden Kontinenten der nördlichen Halbkugel wollen vor einem sinnlosen Leben in einer bürokratisierten Umwelt fliehen und gehen deshalb in den Himalaya. Sie suchen die Freiheit der Berge in einer unzerstörten Umwelt, weil sie mit ihrer Gesellschaft zu Hause nicht mehr fertig werden. In Afrika gibt es diesen Zivilisationsüberdruss noch nicht, wenn auch in einem modernen Lande wie Namibia erste Anfänge dazu vorhanden sind. Aber die Identitätskrise der Europäer und Nordamerikaner ist hier noch nicht vorhanden. In Europa spricht man vom "Aussteigen aus der Gesellschaft" und vom "Einsteigen in die Wildnislandschaften", um sich selber zu finden und der Zivilisationskrise zu entgehen.

Auf mich trifft weder das eine noch das andere zu. Als Namibier gehe ich in den Himalaya, um die Berge zu suchen, wo sie am schönsten sind. Es gibt aber für einen Namibier noch andere Gründe, auf die höchsten Berge der Welt zu steigen. Die Antwort auf die Frage, was Bergsteiger in die gefährlichen und quälenden Höhen des Himalaya treibt, ist sehr kompliziert. Der britische Bergsteiger George Leigh Mallory, der 1924 auf noch nicht geklärte Weise sein Leben am Mount Everest verlor, gab einmal auf die Frage, warum er auf den Everest steige, die berühmte Antwort: "Weil es ihn gibt!"

Aber auch das ist nicht die ganze Wahrheit. Es ist nicht nur die Herausforderung, auf hohe Berge zu steigen und damit immer wieder die Grenzen menschlicher Leistungs- und Leidensfähigkeit zu erproben, sondern auch das Glücksgefühl, äußerste Strapazen erfolgreich gemeistert zu haben und trotz aller Gefahren wieder in das Leben zurückgekehrt zu sein. Im Himalaya - genau wie in Namibia - kann sich eine starke Naturbeziehung frei ausleben. Die Aussicht auf einem hohen Himalayagipfel ist ganz sicher mit nichts in der Welt zu vergleichen. Das ist ein weiteres Motiv für das "Warum".

In unserer Zeit ist für Geld fast alles zu haben. Man kann in jede Ecke der Welt fahren und selbst heute schon "Achttausender" aus dem Katalog buchen. Das Erlebnis, einen hohen Berg im Himalaya bestiegen zu haben, ist allerdings nicht nur mit Geld zu kaufen. Wer im Himalaya von den Trekkingpfaden auf hohe Berge steigen will, braucht zur Vorbereitung ein jahrelanges intensives Fitnesstraining, das ein körperliches Verkümmern und die Entwicklung zu einem modernen Wohlstandswrack nicht zulässt. Es gilt heute als bewiesen, daß die physiologischen Höhenanpassungsveränderungen im menschlichen Körper diesen in die Lage versetzen, höhere Leistungen als vor der Akklimatisierung zu vollbringen. Fitness kann also durch Anstrengungen in großen Höhen gesteigert werden. Die wichtigste Antwort auf die Frage nach dem "Warum" aber liegt in der Liebe zu den Bergen.

Alle großen Bergsteiger in der Geschichte des Alpinismus haben sich mit der Frage nach dem "Warum" auseinander gesetzt. Louis Trenker sprach vor Jahrzehnten von der Flucht in die Berge, von der Flucht aus der Gesellschaft, aus der bürgerlichen Enge und Beschränktheit. Der Matterhornbezwinger Edward Whymper wollte mit der Lebensform des Bergsteigens eine neue Dimension des Daseins erschließen.

Das ist sehr wahr! Bergsteigen ist eine Form der Meditation, die neue Lebenseinsichten gewinnen läßt. Bergsteigen, gerade im Himalaya, repräsentiert das große "Gleichgewicht der Kräfte" zwischen der kleinen Welt der Menschen und dem Universum. Der Himalayabergsteiger begibt sich nicht nur in die großartigste Hochgebirgswildnis der Welt, sondern kommt auch mit der geistigen Landschaft des Buddhismus in Berührung. Die lamaistischen Klöster vor den Riesenbergen sind ein starkes Motiv für ein solches Unternehmen.

Die Berge des Himalaya sind von Göttern bewohnt. Sie sind Jahrtausende alte Wallfahrtsstätten der gläubigen Hindu und Buddhisten Asiens. Die höchsten Berge der Welt regen offensichtlich den menschlichen Geist an, sich in gleichen Höhen zu bewegen.

Für den tibetischen Buddhisten ist es das höchste Ziel im menschlichen Leben, Harmonie des im irdischen Kreislauf gefangenen Menschen mit dem Kosmos zu erreichen. Er kann diese letzte Vollendung nur nach einer langen Kette von Wiedergeburten und nach dem Aufstieg in eine höhere Lebensform durch Meditation und Erkenntnis finden.

Der Bergsteiger sucht nach der Verknüpfung von westlichem Aktivdenken und buddhistischem Gedankengut. Er gewinnt dadurch neue Einsichten in die wirklichen Prioritäten im Leben. Politische Tagesereignisse und Ideologien verlieren im Himalaya ihre Bedeutung. Bergsteigen verschafft natürliche Hochgefühle, wirkt wie eine natürliche Droge im Gegensatz zu künstlichen Drogen wie Rauschgift, Alkohol und Nikotin. Diese naturgebundenen Hochgefühle können sich zu einer Sucht steigern, die Schmerz und Angst verringert.

Die Geschichte der Philosophie des Bergsteigens ist einen langen Weg gegangen. Sie reicht von Friedrich Nietzsche über Louis Trenker bis hin zu Reinhold Messner. Nietzsche sprach von Bergsteigern als "Übermenschen gegen verweichlichten Intellektualismus". Von dieser Einstellung bis hin zur Ideologie vom germanischen Herrenmenschen war es nur noch eine kurze Seillänge. Hier bewegt sich die Bergsteigerei auf gefährlichen Abwegen, die bis hin zur Anbetung der Todessehnsucht, der Sucht, Lebensintensität durch Gefahr zu steigern, reichten. Man sollte sich hüten, sich in diesem Gewirr von Übermenschendasein und Todessehnsucht zu versteigen und dabei nicht wieder zurückzufinden. Todessehnsucht steigert ganz sicher nicht das Lebensgefühl, und es ist besser, gesunde Angst zu empfinden und Lawinen und Steinschlag, wenn möglich, aus dem Weg zu gehen.

Nach wie vor bewegt sich das Bergsteigen in zwei völligen Extremen. Das eine Extrem ist die "Eroberung" des Gipfels. Man kämpft mit allen technischen Mitteln um den Berg und versucht zu "siegen". Diese Geisteshaltung gipfelte in den fünfziger und sechziger Jahren in der "Eroberung" aller Achttausender durch hauptsächlich national geführte Expeditionen. Das andere Extrem sucht die freie körperliche und geistige Auseinandersetzung mit dem "Partner" Berg, mit der Welt der hohen Gipfel, die für den Bergsteiger der faszinierendste Teil der Natur ist. Man will das "Shangri-La" des Bergsteigens erreichen, die geistige Glückseligkeit beim Bergsteigen. Der Berg soll nicht erobert, sondern an sich selbst erfahren werden.

Der Himalaya ist eine geistige Landschaft, in der man sich selber finden kann. Diese Landschaft bewegt den Bergsteiger zutiefst. Sie macht ihn glücklich und ausgeglichen. "Freiheit der Berge" heißt nicht, daß man tun und lassen kann, was man will, sondern, daß man die Freiheit hat, "sich selbst zu sein". Auf dem Umweg über die höchsten Gipfel der Welt kann man sein eigenes Ich, seine eigene Identität, finden.

In Namibia leben - wie auch im Himalaya - viele verschiedene Völker zusammen. Das Spektrum der unterschiedlichen Gemeinschaften reicht in Namibia von der Steinzeit bis in das technologische Zeitalter des Endes des zwanzigsten Jahrhunderts. In einer solchen Umwelt ist es besonders wichtig, jeder Gemeinschaft und jedem Individuum seine eigene Identität zuzugestehen. Wo man mit seiner eigenen Identität im Einklang ist, gibt es keine Identitätskrise. Bergsteigen in der Wildnis ruft ein besonders starkes Identitätsbewusstsein hervor. Die immer wieder gemeisterten Grenzerlebnisse bauen ein kaum zu erschütterndes Selbstvertrauen auf.

Trotz vieler Gemeinsamkeiten und der Freiheit der Wildnis in einem der menschenleersten und ursprünglichsten Länder des afrikanischen Kontinentes, kann man sich kaum eine größeren Gegensatz als den zwischen den mächtigen Eisgebirgen des Himalaya und der Weite der afrikanischen Dornbuschsteppe vorstellen. Vor dem Hintergrund der versuchten Beantwortung der Frage nach dem "Warum" ist der Schritt von der Wildnis Namibias in die Hochgebirgswelt des Himalaya ein logischer.

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