IN SECHZIG MINUTEN UM DIE ERDE - UMWELT IM NEPAL-HIMALAYA

Klaus Dierks
©  Dr. Klaus Dierks 1982-2004

 

Der Flug von Patna nach Kathmandu, der Hauptstadt des Königreiches Nepal, ist, obwohl er nur vierzig Minuten dauert und mit einer alten Propellermaschine (1982) der "Royal Nepal Airlines" durchgeführt wird, ein Flug um den Erdball. Patna, die Hauptstadt des indischen Staates Bihar, liegt an den Ufern des mächtigen Ganges-Flusses, der seine lehmbraunen Fluten in der Vormonsunzeit 1982 gemächlich durch die heißen, trocknen und staubigen Tiefebene des indischen Subkontinentes in den Golf von Bengalen wälzt. Hier, in Indiens klebriger Tropenhitze, sieht man es ihm nicht an, daß er seinen Ursprung in den Gletschern des Hoch-Himalaya hat, der sich nur rund zweihundert Kilometer weiter nördlich hochzutürmen beginnt.

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Bhairahawa an der indisch-nepalischen Grenze
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Kurz nach dem Abheben des Flugzeuges versinkt die braune Ebene mit ihren elenden Dörfern und dem alptraumhaften Menschengewimmel, dem ohrenbetäubenden Lärm der Rikschaklingeln, der plärrenden Lautsprecher und dem chaotischen Händlergeschrei im Dunst. Minuten später ändert sich das Bild. Während die glutäugigen Stewardessen, die alle einen roten Tupfen, den " Tika", auf der Stirn haben, in ihren farbenfrohen Saries die ersten Büchsen eiskalten, japanischen Bieres servieren, wird das gesprenkelte Braun der landwirtschaftlich intensiv genutzten Gangesebene durch das satte Grün der tropischen Urwälder und durch große, aus dem Dschungel gerodete Flächen abgelöst. Wir haben bereits die indisch-nepalische Grenze überflogen und nähern uns den ersten, mit dichter Vegetation überwucherten Gebirgsketten des Vor-Himalaya, die ganz unmittelbar und plötzlich aus den endlosen bewaldeten Ebenen aufsteigen.

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Tropische Dörfer in der nepalischen Terai-Zone
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Das immer noch geheimnisvolle Königreich Nepal liegt wie ein langes, schmales Rechteck an der Südflanke des Himalaya. Es liegt zwischen Indien und Tibet und ist die Treppe, die auf das Dach der Welt führt. Mit seiner Fläche von 141 000 km2 nimmt Nepal nur ein Sechstel der Fläche Namibias ein. Dafür hat das Land aber mehr als zehnmal so viele Einwohner, die hauptsächlich im Terai und in der nepalischen Landesmitte leben. Die Teraizone ist die südlichste der nepalischen Großlandschaften. Diese Ebene liegt an der indischen Grenze, ist malariaverseucht und dicht besiedelt. Neben den immer größer werdenden landwirtschaftlich genutzten Gebieten gibt es hier noch die letzten großen Urwälder südlich des Nepal-Himalaya, in denen Tiger, Leoparden, Panzernashörner, wilde Elefanten, Bären und Büffel zu Hause sind. Die wenigen Dörfer, die man aus der Luft sieht, bestehen aus elenden, strohgedeckten, oft auf Pfählen stehenden Hütten. Sie sind neben den unregelmäßigen Feldern gebaut, die dem Dschungel mühsam abgewonnen wurden.

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Übergangslos steigen die ersten tropischen Vorberge des Himalaya aus der Gangesebene auf: Zwischen Siliguri und Kurseong in West-Bengalen
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Die gleichmäßige Schwemmlandschaft des Terai steigt dann plötzlich in langen Wellen in die etwa 2 000 Meter hohen Churia- und Siwalikberge an. Diese vergleichsweise niedrigen Vorberge des Himalaya sind mit dichtem Regenwald bewachsen - eine fast menschenleere Fieberhölle. Vom Flugzeug sieht man die gewaltigen Himalaya-Ströme, die sich durch die grünen Dschungelberge hindurchwinden. Man sieht Krokodile auf den großen gelblich-weißen Sandinseln, und man kann sich die tropische Tierwelt da unten gut vorstellen. Die Flusstäler sind nicht sehr tief eingeschnitten, obwohl sie steile Hänge haben.

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Mahabharatberge zwiscehn Butwal und Pokhara
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Nachdem wir in Minuten Nepals erste Treppenstufe überflogen haben, bekommen wir jetzt ein etwa zwanzig Kilometer breites Tal zu Gesicht, das parallel zum Himalaya verläuft. Diese Tal-Ebenen zwischen Siwalikzone und Mahabharat Lekh werden "Dun" genannt und ebenfalls intensiv genutzt. Die jetzt in der trockenen Vormonsunzeit gelbgrün leuchtenden Reisfelder wechseln mit Plantagen ab, auf denen subtropische Früchte aller Art gedeihen. Auch diese fruchtbaren Dun-Ebenen, die Nepals Kornkammer sind, wölben sich übergangslos in gewaltige, steile und von dichtem Wald überwucherte Berghänge hoch. Die zweite Treppenstufe Nepals bilden die bis zu 3 000 Meter hohen Mahabharatberge, die die alte nepalische Kultur bis heute nach Süden abgeschirmt haben. Die großen Ströme, die dem Dach der Welt entspringen, bahnen sich in unglaublich tiefen, zerklüfteten Tälern durch die Mahabharatkette ihren Weg nach Süden in die indische Gangesebene. Die Schluchten, die wir überfliegen, sind von einer eigenartigen wilden Schönheit. Ab und zu steigen aus diesen mit Rhododendron und Eichenwäldern bedeckten Steilflanken, wie mit dem Rasiermesser herausgeschnitten, Hunderte von künstlich angelegten Terrassen hervor, aus deren üppigem Grün ockerfarbene, doppelstöckige Häuser herausleuchten. Man sieht auch kreuz und quer laufende Fußgängerwege, auf nepalisch "Bato" genannt, auf denen sich schweißtriefende, unter schweren Lasten gebeugte Träger vorwärtsquälen.

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Moderner Verkehr zwischen Pokhara und Kathmandu in Mugling
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Plötzlich öffnet sich der dicke Wolkenvorhang im Norden, und man erblickt, vor Ehrfurcht erstarrt und voll überquellender Freude, in reinstem, unirdischem Weiß die ersten Schneeberge des Hoch-Himalaya.

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Tsiringma in der Amphu-Laptsa-Gebirgskette, östlich vom Amai Dablam: zwischen Mount Everest und Makalu
Photo: Copyright: Klaus Dierks

In weniger als fünfundvierzig Minuten nach dem Start in Patna setzt unsere kleine Maschine im dichtbesiedelten Tal von Kathmandu, zur Landung an.

Die aus zwei- und dreistöckigen Ziegelhäusern bestehenden Newar-Städte liegen eng nebeneinander. Dazwischen leuchten grüne Felder und Reisterrassen. Die ersten, für die alten nepalischen Tempel charakteristischen Pagoden tauchen auf. Sie sind Symbol dafür, daß sich hier im Schutz des Mahabharatgebirges im Süden und des Hoch-Himalaya im Norden die nepalische Kultur und Zivilisation unversehrt erhalten konnte.

Das Pahar, wie das Mittelland genannt wird, weist nicht solche schroffe Formen wie die Gebirge im Süden und erst recht nicht im Norden auf. Es liegt 600 bis 2 000 Meter hoch, und die klimatischen Umstände sind gemäßigt und für die menschliche Besiedlung sehr geeignet. In diesem fruchtbaren Teil des Landes lebt die überwiegende Mehrheit der neunzehn Millionen (1992) Einwohner Nepals.

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Kathmandu mit Taleju-Tempel, die Hauptstadt Nepals
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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An einem tauffrischen Herbstmorgen in Thimi, östlich von Kathmandu
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Wir landen auf dem Tribhuvan Flughafen von Kathmandu, und es kommt mir vor, als wäre ich nie weg gewesen. Ich empfinde das Glücksgefühl, nach langer Abwesenheit heimzukehren.

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Durchbruchs-Schlucht desTamba Kosi zwischen Lapchi Kang und Rolwaling 
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Blick in das Tista-Tal in Sikkim nach Norden: in Richtung Mangan und Chungthang: im Jahre 2000
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Blick in das Lachen-Chu-Tal in Sikkim nach Süden: von Lachen in Richtung Chungthang
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Landschaft zwischen Lachung und Chungthang
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Hätte unsere Flugreise nach Norden noch eine Viertelstunde länger gedauert, so hätten wir die höchsten Berge der Welt und die Grenze nach Tibet überflogen. Auf dem Wege von Patna nach Kathmandu lernten wir die vier südlichen Großlandschaften Nepals kennen. Bei einem Flug von Kathmandu nach Lhasa würden wir die drei nördlichen Landschaftsgebiete sehen: die Hauptkette des Himalaya, den Inneren Himalaya und die tibetischen Randgebirge.

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Chomo Lungma (Mount Everest) 8 849 m: Blick vom Gokyo Kang: Südwestwand
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Nuptse Westwand 7 861 m: Blick von Gorak Shep: Everest Basislager
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Auf dem Khumbu-Gletscher: Aufstieg zum Khumbu-Eisbruch
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Büßereis auf dem Khumbu-Gletscher: Aufstieg zum Khumbu-Eisbruch: hinter der Gebirgskette der 7 550 m hohe Changtse in Tibet
Photos: Copyright: Klaus Dierks

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Büßereis auf dem Khumbu-Gletscher: Einblick in den Khumbu-Eisbruch und zum Süd-Col zwischen Chomo Lungma und Lhotse
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Der Khumbu-Eisbruch mit Blick auf den Lhotse 8 501 m
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Ein tibetisches Dorf südlich vom Pang La, auf dem Anfahrtswege nach Rongbuk, 1997
Photos: Copyright: Klaus Dierks

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Das Dorf Passum auf dem Anfahrtswege nach Rongbuk, Tibet, 1997
Photos: Copyright: Klaus Dierks

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Rongbuk-Gompa, Tibet, 1997
Photos: Copyright: Klaus Dierks

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Die Chomo Lungma vom tibetischen Basislager aus in Rongbuk, 1997
Photos: Copyright: Klaus Dierks

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Lhotse 8 516 m Südwand
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Die mächtigen Faltengebirge des Himalaya erstrecken sich über fast zweitausendfünfhundert Kilometer von Kaschmir im Westen bis nach Burma im Osten. Diese gewaltige, eisgepanzerte Barriere trennt das tropische Indien vom Hochland von Tibet. Die wenigen Lücken, die es in diesem gigantischen Wall gibt, sind die tiefen Schluchten, durch die die Ströme aus Tibet fließen.

Acht der insgesamt vierzehn Gipfel im Himalaya und Karakorum, die über achttausend Meter hoch sind, liegen in Nepal. Von Westen nach Osten sind diese Bergriesen Dhaulagiri (8 153 m), Annapurna (8 091 m), Mount Everest (8 848 m), Lhotse (8 501 m), Makalu (8 475 m) und Kangchendzönga (8 598 m). Ein neunter Achttausender - der von den Tibetern Shisha Pangma, von den Nepalis Gosaithan und von den Chinesen Kao seng tsan Feng genannt wird, ist 8 013 Meter hoch und liegt nur eine kurze Strecke nördlich der nepalisch-tibetischen Grenze in Tibet.

Im Himalaya gibt es immer noch viele Widersprüche, die durch die Höhen der Berge und die Deutung ihrer Namen hervorgerufen werden, so seltsam das für einen Außenstehenden klingen mag. Selbst in modernen Veröffentlichungen findet man die unterschiedlichsten Höhenangaben. Es ist kaum zu glauben, daß es im Zeitalter der Weltraumplanung und der Informatik immer noch nicht genau feststeht, wie hoch die höchsten Berge der Welt nun eigentlich sind. Berühmte Berge wie der Mount Everest sind seit der Erstvermessung im Jahre 1852 immer wieder vermessen worden. Nach den Maßzahlen in den Jahren 1849 und 1850 ergaben sechs Berechnungen des "Survey of India" für den Mount Everest einen Mittelwert von 8 839,80 Meter. Das war mehr als hundert Jahre lang die offizielle Höhenangabe, die jedoch oft als zu niedrig angezweifelt und später auf über 8 900 Meter geschätzt wurde, nachdem eine Neuvermessung im Jahre 1902 eine Höhe von 8 882 Meter ergeben hatte.

Wie ist die Unsicherheit selbst bei oft vermessenen Bergen zu erklären? Der Hauptgrund liegt natürlich in der gewaltigen Höhe und der Unzugänglichkeit dieser Berge. Außerdem weist die Lichtbrechung zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten beträchtliche Unterschiede auf, und die Schwereablenkung und Massenanziehung dieses riesenhaften Gebirgskomplexes sind weitere Fehlerquellen. Ungenaue Basishöhen und Geoidkorrekturen spielen ebenfalls eine Rolle, und schließlich dürfen auch die unterschiedlichen Schneehöhen auf den Gipfeln nicht unberücksichtigt bleiben.

Seit 1952 sind im Himalaya Neuvermessungen im Gange. Da sich die verschiedenen Fehlberechnungen zum Teil wieder gegenseitig aufheben, sind die Meßfehler und andere Fehlerquellen nicht so schwerwiegend wie ursprünglich angenommen war. 1955 wurde die Höhe des Mount Everest auf 8 848 Meter mit einer möglichen Abweichung von plus-minus 2,4384 Meter neu festgesetzt, und an diese Angaben hat man sich nunmehr zu halten. Aber auch diese Höhenangabe ist noch nicht völlig korrekt. Immerhin steht aber fest, daß der Mount Everest tatsächlich der höchste Berg der Erde ist.

Auch die Namen verschiedener Gipfel sind umstritten. Die höchste Erhebung der Welt wurde 1865 auf Vorschlag von Sir Andrew Waugh, dem obersten Vermessungsbeamten des "Survey of India", nach seinem Vorgänger Sir George Everest, benannt. Diese "kolonialistische" Namensgebung hat im Nachhinein viel Kritik hervorgerufen, zumal damals schon der tibetische Name - Chomo Lungma - bekannt war. Hätten Bergsteiger und nicht Beamte den "Dritten Pol der Erde" identifiziert, dann hätte sich sicherlich der tibetische Name durchgesetzt. Die Chinesen nennen den Mount Everest übrigens Qomolangma.

Die Eisgiganten der Himalayakette steigen in atemberaubender Steilheit ganz abrupt aus dem nepalischen Mittelland auf und trennen die mongolische Welt Zentralasiens von der indo-arischen im Süden. Hier gibt es die gewaltigsten Höhendifferenzen und die tiefsten Durchbruchsschluchten der Erde. So sind die 8 091 Meter hohe Annapurna und der 8 172 Meter hohe Dhaulagiri nur fünfunddreißig Kilometer voneinander entfernt. Dazwischen fließt der Kali Gandaki auf nur 1 200 Meter Höhe. Auch der Arun im Osten Nepals fließt bei Lamobagar in einer Höhe von 1 200 Meter am weiter westlich gelegenen und ebenfalls nur dreißig Kilometer entfernten Makalu vorbei, der sich zu einer Höhe von 8 475 Meter auftürmt.

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Makalu 8 475 m Südwestwand: Blick vom Mera Peak 6 461 m
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Nördlich der Himalaya-Hauptkette liegen die Täler des Inneren Himalaya, die den Übergang zwischen dem nordindischen Monsungebiet und dem trockenen Hochland von Tibet darstellen. Diese Hochtäler, die von Mongolen bevölkert sind, die der tibetischen Kultur angehören, sind von allen Seiten von den Riesenbergen des Hoch-Himalaya umgeben. Sie sind das häufigste Ziel der bergsteigerischen Expeditionen.

In einigen Gebieten hat Nepal auch Anteil an den tibetischen Randgebirgen, die die eigentliche Wasserscheide zwischen dem Tsangpo Fluss-System und der indischen Gangesebene bilden. Geologisch gesehen ist der Haupt-Himalaya jünger als die tibetischen Randgebirge. Die Flüsse, die den Randgebirgen entspringen, sind sehr viel älter als die Hauptkette, die nur ein- bis zweitausend Meter höher ist als die Randgebirge. Am eigentlichen Hochland von Tibet mit seinen einsamen braunen Gebirgswüsten hat Nepal keinen Anteil.

Mit unserem alten Propellerflugzeug liegt nur eine halbe Flugstunde zwischen den zweitausend Meter hohen Vorbergen der Siwaliks und dem eisgepanzerten Hoch-Himalaya. Ein nepalischer Träger würde zwei Wochen mühseligen Fußmarsches benötigen, um diese Strecke zurückzulegen. Erdgeschichtlich verging von der Entstehung der Siwalikberge bis zur Auffaltung der Himalayahauptkette zwei Millionen Jahre.

Welches andere Land auf der Erde kann bei einer durchschnittlichen Breite von etwa zweihundert Kilometern und einer stufenweise Höhe von zweihundert bis fast neuntausend Metern in einer unglaublichen vertikalen Staffelung fast alle Klima- und Vegetationszonen der Welt bieten!

Obwohl die Hauptkette des Himalaya nicht die Hauptwasserscheide zwischen Zentralasien und dem indischen Subkontinent ist, so ist sie doch die große Klima- und Wettergrenze. Das Wetter wird in der Himalayaregion durch den Monsun, den subtropischen Breitengrad und die verschiedenen Höhenlagen bestimmt. In den Wintermonaten - von Oktober bis April - sind die Bergwinde, die vom Hochland von Tibet über die Eisberge nach Süden wehen, trocken und kalt. Dieser Wintermonsun sorgt dafür, daß die Luftfeuchtigkeit in dieser Zeit niedrig bleibt. In der ausgeprägten Sommermonsunzeit hingegen herrschen feuchte Südwinde vor, die die gewaltigen Monsunregen vom Golf von Bengalen herüberbringen.

Man kann nicht von einem einheitlichen nepalischen Klima sprechen. Die kolossale vertikale Gliederung des Landes sorgt dafür, daß es sehr unterschiedliche Klimaformen gibt. Je weiter man nach Norden in den Hoch-Himalaya hineinkommt, desto größer werden die jahreszeitlichen Unterschiede. Neben den für Asien typischen, regelmäßig wehenden Monsunwinden gibt es aufgrund der vertikalen Reliefunterschiede im Himalaya enorme Luftdruck-Gradientenunterschiede, die starke Höhenwinde hervorrufen.

Der Himalaya ist im Gegensatz zu den Alpen eine einseitige Wetterscheide, der seine Feuchtigkeit nur durch die Sommermonsunwinde von Süden bekommt. In Indien folgt die Monsunregenzeit einem sehr regelmäßigen Rhythmus, der durch die Hochgebirgsmauer des Himalaya in Nepal nachhaltig gestört wird: Sie beginnt im Allgemeinen Ende Mai und folgt einem Kurs von Osten nach Westen. Lokale Einflüsse im Himalaya sorgen jedoch dafür, daß es am Himalaya-Südabfall in Nepal schon lange vor dem eigentlichen Monsun zu starken, örtlichen Gewittern kommt. Diese Gewitter pflegen ab Anfang April aufzutreten und erschrecken die Bergsteiger auch noch im Oktober, wenn die Sommermonsunzeit bereits zu Ende sein sollte. Diese Vor- und Nachmonsungewitter haben ein ganz typisches Anzeichen, die sie vom Sommermonsun unterscheiden: Der Wind weht in dieser Zeit - oft von starken Stürmen begleitet - aus Südwesten. Die eigentlichen Monsunwinde dagegen wehen aus Südosten.

Der Übergang vom Vormonsun in den Monsun und dann in den Nachmonsun ist fließend, gleichzeitig jedoch großen, zeitlichen Schwankungen unterworfen, was für die Durchführung einer Himalaya-Expedition einen starken Unsicherheitsfaktor darstellt. Die Monsunregenzeit kann man mit der Regenzeit in Namibia vergleichen. Im Laufe des Tages bauen sich im Südosten mächtige Gewitterwolkenformationen auf. Der Regen beginnt meistens am frühen Nachmittag und kann mit oft beachtlichen Intensitäten bis in die Nacht anhalten. Am nächsten Morgen ist es dann im allgemeinen wieder klar, bis gegen zehn Uhr neue Wolkenballen mit großer Geschwindigkeit aus dem Südosten angesegelt kommen. Die hohen Gipfel des Himalaya sind in dieser Jahreszeit nur selten sichtbar.

Die Monsunzeit zeigt den Beginn der aktiven Landwirtschaft und das Ende der Expeditionstätigkeit in Nepal an. Im Inneren des Landes kommt der Verkehr in dieser Zeit weitgehend zum Stillstand. Hochgeschwollene Riesenflüsse, Erdrutsche, weggeschwemmte Brücken und die Blutegelplage machen Reisen zu Fuß zu einem unerfreulichen Abenteuer.

Der Wintermonsun dagegen ist viel harmloser: Nach einem schönen, klaren Herbst kommt es um die Weihnachtszeit herum zu kurzen, gewittrigen Niederschlägen, die den trockenen Wintermonsun unterbrechen. Die Ursache dieser Niederschläge ist noch nicht genau bekannt. Vermutlich sind dafür isolierte Wirbelstürme aus dem Mittelmeerraum verantwortlich. In dieser Zeit bekommt der Himalaya seine Schneedecke, die dann bis auf dreitausend Meter und sogar noch tiefer herunterreichen kann.

Während des Sommermonsuns erhält Nepal achtzig bis neunzig Prozent seiner jährlichen Niederschlagsmengen. In Biratnagar im Terai beispielsweise fallen durchschnittlich 1 500 mm, in Darjeeling an der Ostgrenze 3 000 mm und in Kathmandu 1 700 mm pro Jahr. (Jährlich fallen dagegen im Durchschnitt in München 866 mm und in Windhoek 370 mm). Im eigentlichen Hoch-Himalaya sind die Regenhöhen weitaus geringer. Der Khumbugletscher am Fuße des Mount Everest hat nur knapp 400 mm aufzuweisen. Vierzig Kilometer südlich vom Khumbugletscher, in Lukla im Dudh Kosi Tal, liegt die durchschnittliche Regenhöhe jedoch bei 1 660 mm im Jahr.

Durch den Monsun beeinflusst, nimmt die Regenmenge von Westen nach Osten zu. Die nördliche Linie des Monsunbereiches ist scharf abgegrenzt. Die Gebirgsregenwälder gehen fast übergangslos in die steppen- und wüstenhaften Gebiete des Inneren Himalaya über. Nur in den großen Durchbruchstälern reicht der Monsuneinfluss weit nach Norden, aber auch hier findet man die scharfe Grenze von regenfeuchten Gebirgswäldern zur innerasiatischen Gebirgswüste. Auch der Höheneinfluss des Monsuns ist beschränkt. Er reicht nicht höher als 8 000 Meter. Darum weist die fast schwarze Gipfelpyramide des Mount Everest kaum Eis- und Schneeformationen auf. Der höchste Berg der Welt befindet sich bereits jenseits von "Gut und Böse" der irdischen Witterungseinflüsse.

Obwohl Nepal ein subtropisches Land auf dem gleichen Breitengrad wie Ägypten oder auf der südlichen Halbkugel wie die nördliche Kapprovinz in Südafrika ist, sind die Temperaturen durchaus angenehm. Kathmandu hat eine langjährig gemittelte Temperatur von 25oC, Namche Bazar im Sherpaland hingegen hat bei knapp viertausend Meter Höhe eine von 11oC. Die großen Temperaturunterschiede, die im Hoch-Himalaya zwischen Tag und Nacht auftreten, betragen manchmal mehr als 70oC. Es gibt darüber keine Statistiken. Je höher man steigt, desto tiefer sinken natürlich die Temperaturen, sowohl am Tage als noch stärker auch nachts.

Bei einem Süd-Nord-Flug über Nepal oder bei einem Treck vom Mittelland in die Hochregionen des Himalaya durchquert man alle Vegetationszonen der Erde. In den tropischen Tälern des südlichen Himalaya wachsen Reis, Bananen und riesige Rhododendronbäume, die bis zu zwanzig Meter hoch werden. Die Bergtäler sind bis in eine Höhe von etwa zweitausend Meter von herrlichen Urwäldern überzogen. Darüber folgen bis dreitausend Meter immergrüne Laubwälder und bis auf eine Höhe von knapp viertausend Meter prächtige Nadelwälder mit Tannen, Lärchen und den riesigen Himalaya-Zedern. Ab 3 500 Meter wächst der Rhododendron wieder als Zwergbusch. Über viertausend Meter gibt es nur noch niedrige Latschengehölze und Almen - auf denen in der Nachmonsunzeit buchstäblich Hunderttausende von Edelweiß blühen - bis in Höhen von knapp fünftausend Meter, ehe die Zone mit ewigem Eis und Schnee beginnt.

Die beiden nepalischen Waldzonen, die Terai-Wälder und der Himalaya-Gebirgswald, unterscheiden sich stark voneinander. Die südlichen Terai-Urwälder sind nicht sehr dicht. Es fehlen die Niedrighölzer und die Buschvegetation. Dagegen haben die Gebirgswälder an den Südhängen des Himalaya ein sehr dichtes Unterholz, so daß man sich abseits der Wege jeden Schritt mit einem Khukri, dem nepalischen Busch- und Hackmesser, erkämpfen muß. In den Gebirgswäldern gedeiht auch Bambus, der sehr schnell wächst und noch in Höhen von knapp viertausend Meter angetroffen wird. Durch die Unvernunft des Menschen sind beide Waldgebiete, die früher einmal ineinander übergingen, sehr stark gelichtet worden, so daß Bodenerosion, Überschwemmungen und Erdrutsche folgten. Die Nepalis haben noch nicht begriffen, daß jeder Wald einer Talsperre entspricht, und daß Raubbau am Wald eine der größten ökologischen Sünden überhaupt ist. Schätzungen zufolge ist der Waldbestand in Nepal seit meinem ersten Besuch vor mehr als dreißig Jahren um mehr als die Hälfte zurückgegangen.

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Rhododendron in den Bergurwäldern Sikkims: Zwischen Bakhim, Pethang und Thansing, südlich vom Kangchendzönga
Photos: Copyright: Klaus Dierks

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Rhododendron in den Bergurwäldern Sikkims: Zwischen Thansing und Pethang, mit dem 6 701 m hohen Pandim im Hintergrund: im Jahre 2000
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Vom fast 5 000 m hohen Dzongri-La: Blick nach Süden auf die Singalila-Kette (Grenze zwischen Sikkim und Nepal)
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Indiens Gouverneur im ehemals selbstständigen Sikkim, Taleyarkhan, gab am 28. August 1983 auf der "Himalaya-Konferenz in Neu-Delhi" einige schockierende Statistiken bekannt. Im Jahre 1983 gab es noch fast sechzig Millionen Kubikmeter Holzmengen in den Wäldern des indischen Himalaya. Mit dem wachsenden Raubbau wird diese Menge im Jahre 2000 auf zwei Millionen Kubikmeter zurückgegangen sein. In der gleichen Zeitspanne, in weniger als zwanzig Jahren, ist die Himalayabevölkerung jedoch um ein Mehrfaches gewachsen. Hier zeichnet sich ein Menetekel an der Wand ab, dessen katastrophale, ökologische Folgen für Hunderte von Millionen Menschen in den nordindischen Ebenen überhaupt noch nicht abzusehen sind.

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Die Bergurwälder Sikkims: Blick von Süden in das Rangit-Tal mit der Tashiding Gompa im Hintergrund
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Blick von Pemayangtse in West-Sikkim nach Norden nach Yuksom: Hinter den Wolken befindet sich der dritthöchste Berg der Welt: der Kangchendzönga: im Jahre 2000
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Innerhalb der Vegetationswelt des nepalischen Himalaya gibt es eine interessante pflanzengeographische Trennungslinie, den 83. Längengrad, der durch das Dhaulagiri-Massiv verläuft. Dieser Längengrad bildet für viele Pflanzen die westlichste oder östlichste Begrenzung ihrer Verbreitung. Östlich der Trennungslinie gibt es vorwiegend Pflanzen aus der älteren sino-japanischen Flora, so daß man annehmen muß, daß die Pflanzen aus diesem Raum eingewandert sind. Andererseits weisen die Pflanzen westlich des Dhaulagiri Beziehungen zur Flora West-Asiens auf. Daraus kann man schließen, daß der im Tertiär aufgefaltete Himalaya pflanzenmäßig sowohl von Osten als auch von Westen gleichzeitig besiedelt wurde.

Der Himalaya ist das jüngste Faltengebirge der Erde. Daraus erklären sich die phantastisch steilen Formen und die Höhe der Berge. Das Himalaya-Massiv entstand als Folge einer der großen erdgeschichtlichen Katastrophen, als der indische Subkontinent - ursprünglich eine Insel im großen südlichen Urmeer - nach Norden driftete und gegen die zentralasiatischen Landmassen stieß. Dort, wo sich heute der Himalaya erhebt, befand sich ein Meer, die Himalaya Geosynklinale.

Durch diesen Riesenzusammenstoß wölbten sich die Ränder der beiden Landschollen hoch, und aus dem Himalaya-Urmeer falteten sich die einzelnen Ketten des Himalayagebirges auf. Zunächst erhoben sich die tibetischen Randgebirge. Viel später erst, in der Everest Phase, folgte die Auffaltung der Himalayahauptketten, die immer noch nicht abgeschlossen ist. Die letzte Aufpressung der höchsten Berge der Welt erfolgte erst in geologisch allerjüngster Zeit, vor etwa sechshunderttausend Jahren. Diese Naturkatastrophe spielte sich vor den Augen der ersten Steinzeitmenschen ab, die bereits in den Gebirgstälern lebten und dumpf, nicht begreifend, schreckerfüllte Zeugen der Himalayawerdung wurden.

Der Schweizer Geologe Toni Hagen hat den geologischen Ablauf der Erdgeschichte außerordentlich anschaulich dargestellt. Wenn man sich das Alter der Erde seit Entstehung der ersten Gesteine vor rund 3 800 Millionen Jahren als ein einziges Kalenderjahr vorstellt, erfolgte die Bildung dieser ältesten Gesteine des geologischen Beit Bridge Komplexes an der Grenze zwischen Zimbabwe und Südafrika an einem 1. Januar um 0 Uhr. Die 500 Millionen Jahre alten Granite der Spitzkoppe in Namibia entstanden nach Hagens Kalender Mitte November. Die ersten Säugetiere erschienen am 15. Dezember auf der Erde, und die Auffaltung der tibetischen Randgebirge begann am 1. Weihnachtsfeiertag. Die ersten Urmenschen lebten am 30. Dezember um 20 Uhr in den Siwalikbergen. Die Auffaltung des Mount Everest begann am 31. Dezember um 22 Uhr 16, und um 22 Uhr 53 erreichte der Berg seine größte Höhe. Die älteste Hochkultur in der Nähe des Himalaya, die vor rund 6 000 Jahren im Industal entstand, entwickelte sich am letzten Tag des Hagenschen Jahres um 23 Uhr 59 und 15 Sekunden. Jesus Christus wurde am 31. Dezember um 24 Uhr geboren, und Edmund Hillary und Tenzing Norgay standen 15 Sekunden später (29. Mai 1953) auf der Spitze des Mount Everest. Ein Menschenleben dauert nach diesem Erdzeitkalender nur eine halbe Sekunde.

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Chomo Lungma (Mount Everest) 8 849 m: Blick vom Kalar Patar: Südwestwand
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Die Sowjetische Everest Expedition 1982, deren Gast ich war, hat die bisherige Vermutung bewiesen, daß der Mount Everest immer noch ruckweise im Wachsen begriffen ist. In den neunziger Jahren hat chinesische Forschung festgestellt, daß der Mount Everest jährlich etwa 30 mm wächst und das tibetische Hochland 10 mm. Die geologischen Mechanismen dafür sind noch nicht genau geklärt. Genauso sicher ist, daß die Abtragung des Himalaya bereits begonnen hat. Nach jüngsten Forschungen und nach Hagens erdgeschichtlichem Kalender dürfte der Himalaya innerhalb eines Tages wieder eingeebnet sein. Welch ein Glück, daß das menschliche Leben nur eine halbe Sekunde dauert!

Leider sind die tibetischen Götter dem armen Entwicklungsland Nepal eine Belohnung für die Katastrophe der Himalaya-Auffaltung schuldig geblieben. Trotz aller Hoffnungen und Spekulationen von Politikern und Entwicklungshilfe-Experten fehlen im Himalaya - im Gegensatz zu der alten Kontinentalscholle des südlichen Afrika beispielsweise, wo die hohen Gebirge längst abgetragen sind - wichtige Rohstofflager. Mineralische Rohstofflager können sich nur dort bilden, wo über lange geologische Zeiträume hinweg die notwendigen chemischen und physikalischen Prozesse zur Bildung solcher Mineralien in Ruhe ablaufen. Auch wo durch Blocktektonik ganze, relativ ungestörte Gebirgsblöcke wie in den südamerikanischen Anden, hochgehoben wurden, kann man mit Erzlagerstätten rechnen. Die gewaltigen geologischen Umwälzungen, Verschiebungen, Aufpressungen und Durchknetungen im Himalaya haben Ruheprozesse jedoch entweder nie zugelassen oder eventuell vorher vorhandene Lagerstätten völlig zerstört. Die nepalische Regierung ist also gut beraten, sich nicht auf Erdölfunde zu verlassen, sondern lieber die Gebühren für Expeditions-Genehmigungen zu erhöhen.

Wer mit dem Flugzeug von einem der nordindischen Flughäfen nach Kathmandu fliegt, macht bereits an Bord mit dem bunten Völkergemisch Nepals Bekanntschaft. Die Vielfalt der verschiedenen Gemeinschaften ist im Vielvölkerstaat Nepal genau so groß wie in Namibia, wo heute, in einer unabhängigen Republik, die vielen Völker friedlich und harmonisch zusammenleben.

Neben einer ganzen Reihe von merkwürdig aussehenden Produkten der augenblicklichen jungen europäischen Generation mit wirren Haaren, Flatterhosen und roten Rauschgiftaugen, die in die " Hippieparadiese" Kathmandu und Pokhara unterwegs sind, sehe ich hier die ersten freundlichen Nepali mit ihren typischen schwarzen oder bunten topfartigen Kopfbedeckungen, dem " Topi". Die schlitzförmigen Augen einiger sympathischer Mitreisender weisen darauf hin, daß diese Passagiere in der Nähe der tibetischen Grenze zu Hause sind.

Die Ureinwohner Nepals waren vermutlich von schwarzer Hautfarbe, die später von tibeto-burmesischen Eindringlingen mit gelber Hautfarbe aus dem Norden und Osten absorbiert wurden. Vor drei bis vier Jahrtausenden wurde die nepalische Bevölkerung wiederum von indo-arischen Stämmen, die aus Indien einwanderten, überdeckt. Die Indo-Arier führten neben dem Rassenbegriff den Kastenbegriff in Nepal ein.

Diese drei rassenmäßig völlig verschiedenen Bevölkerungs- Komponenten haben sich in ihrer langen Geschichte, gerade auch in vielen unzugänglichen Gebieten des Hoch-Himalaya, ständig mit mongolischen Neueinwanderern aus Zentralasien vermischt. Obwohl sich die verschiedenen Rassen in Nepal immer gemischt haben, hat sich die Urbevölkerung in einigen abgelegenen Gebieten des Himalaya sehr rein gehalten.

In seiner langen Besiedlungsgeschichte war der Himalaya stets eine Brücke zwischen der indischen und tibetischen Welt. Erst in jüngerer Zeit wurde er zur großen Reisebarriere Asiens, die erst jetzt (1994) etwas durchlässiger wird. Dafür liegen nicht nur technische, sondern immer noch politische Gründe vor. Im vortechnischen Zeitalter war eine Reise über den Himalaya - von Kathmandu nach Lhasa - nicht wesentlich schwieriger, gefährlicher oder zeitraubender als eine Reise durch die indische Tiefebene. Das änderte sich erst mit dem Kommen unseres neuen technischen Zeitalters mit Eisenbahnen und Straßen in Indien und der Ära der modernen Ideologien. Seitdem ist der Himalaya zur psychologischen und, seit 1950 der "Bambusvorhang" über der tibetischen Grenze niederging, auch zur unüberwindlichen politischen Sperrlinie zwischen dem indischen Subkontinent und der mongolischen Welt im Norden geworden.

Rassenmäßig kann man heute die Bevölkerung Nepals in zwei Hauptgruppen einteilen, die sich durch ihr Aussehen, hauptsächlich ihrer Augenform, und durch ihre Sprachen deutlich unterscheiden: die Tibeto-Nepali und die Indo-Nepali. In diesen beiden Hauptgruppen gibt es eine ganze Reihe von ethnischen Untergruppen.

Man kann die nepalischen Völker jedoch auch nach geschichtlichen Aspekten unterteilen: die alt-nepalischen Völker und die Einwanderungsvölker, sowohl aus dem indischen Subkontinent als auch aus dem tibetischen Raum. Jede dieser vielen Volksgruppen hat sich mit der Zeit eine bestimmte Höhe über dem Meeresspiegel und weniger ein bestimmtes geographisches Gebiet ausgesucht. Ich habe auf meinen Reisen im Himalaya immer wieder festgestellt, daß die verschiedenen nepalischen Volksgruppen ein sehr ausgeprägtes Identitätsbewusstsein haben, wobei das Zusammenleben zwischen den Gruppen jedoch harmonischer als in Namibia zu sein scheint. Wahrscheinlich liegt das daran, daß es in Nepals Geschichte nie eine koloniale Macht gab, die versucht hat, die Völker dieses Himalayalandes physisch und psychisch zu trennen.

Die alt-nepalischen Völker tibeto-burmesischer Herkunft leben hauptsächlich im nepalischen Mittelland und an den Südhängen des Himalaya. Die wichtigsten Volksgruppen sind von Westen nach Osten: die Mangar, die Gurung, die Thamang, die Newar im Tal von Kathmandu, die Sunwar, die Rai und Limbu sowie als einziges alt-nepalisches Volk im Terai, die Tharu. Im äußersten Westen gibt es keine alt-nepalischen Völker. Dort leben im Süden Indo-Nepali und im Norden Tibeto-Nepali mit einer großen Besiedlungslücke zwischen beiden Gruppen.

Von den alt-nepalischen Völkern leben die Mangar am weitesten im Westen, nämlich im Gebiet südlich der Dhaulagiri-Gebirgsgruppe. Im Gegensatz zu vielen anderen Volksgruppen haben sie keinen eigenen Haustyp entwickelt. Im Westen und Norden ihres Siedlungsgebietes wohnen sie in tibetisch beeinflussten Flachdachhäusern. Südlich des Dhaulagiri bauen sie wie die Gurung mit Schieferplatten bedeckte Häuser aus Trockenmauerwerk.

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Gurung-Haus nahe Pokhara: Im Hintergrund der 6 997 m hohe Machhapuchhare und links Annapurna 1: 8 091 m
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Die den Mangar im Osten benachbarten Gurung leben zwischen Kali Gandaki und Ankhu, südlich der Annapurnakette. Sie sind nur geringfügig mongolid geprägt und ethnisch mit den Newar verwandt. Als Bauern und Viehzüchter halten sie hauptsächlich Wasserbüffel, die sie im Sommer bis in 4 000 Meter Höhe weiden lassen. Neben den typischen Trockenmauerwerkhäusern mit Schieferplatten auf den Dächern haben die Gurung von Pokhara einen elliptischen Haustyp mit Strohdach entwickelt. Die Gurung haben einen starken mongoliden Einschlag.

Südlich des Ganesh-Himal, sowie westlich und östlich des Tales von Kathmandu, leben die Thamang. In einigen abgelegenen Tälern glauben die Thamang noch an die alten tibetischen Naturgötter der vorbuddhistischen Bön-Religion, die auf dem Dach der Welt im 6. und 7. nachchristlichen Jahrhundert durch den aus Nepal eingeführten Buddhismus überlagert wurde. Diese schamaistisch beeinflusste Naturreligion des alten Tibet ist längst von den verschiedenen Merkmalen des tibetischen Buddhismus, wie Gompas, Tschörten, Gebetsmauern und Gebetsmühlen, durchsetzt worden. Die Thamang werden von ihren indo-nepalischen Nachbarn deshalb auch Bhotia, das heißt Buddhisten, genannt.

Die Thamang besitzen ausgesprochen gut gebaute Häuser, die mit ihren Giebeln, Holzveranden und Steinen auf den Schindeldächern an Alpenhäuser erinnern. Wo sie sich nicht mit anderen Volksgruppen Nepals vermischt haben, ist bei ihnen der starke mongolide Einfluß erhalten geblieben.

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Das Thamang-Dorf Dolangsa im Lapchi-Kang in Nepal  
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Die Newar leben im Tal von Kathmandu. Sie waren die Architekten und Ingenieure des alten Nepal und bauten die vielen Tempel im charakteristischen nepalischen Pagodenstil, die heute Touristen aus aller Welt verzaubern. Der Tempelstil der Newar hat von Nepal aus seinen Weg in den fernen Osten gefunden und die Tempelstile des alten China und Japan nachhaltig beeinflusst. Die Newar sind die Künstler Nepals. Sie arbeiten mit Stein, Holz und Metall, sind Maler, Literaten und Musiker. Die wunderschönen zwei- bis dreistöckigen Backsteinhäuser bauen sie immer noch mit Holzfachwerk und herrlich geschnitzten Fensterrahmen. In ihrer langen kulturhistorisch einmalig fruchtbaren Geschichte besassen die Newar nie einen eigenen Staat. Sie konnten ihren buddhistischen Glauben nur durch Hinzunahme hinduistischer Glaubenselemente erhalten. Ihre ursprünglich mongoliden Rassenmerkmale sind durch die vielen indischen Eroberer stark mit indo-arischen Elementen vermischt worden.

Die beiden alt-nepalischen Völker der Rai und Limbu, die in Ost-Nepal zwischen dem Sherpaland und Sikkim zu Hause sind, werden oft unter der Sammelbezeichnung " Kiranti" zusammengefasst. Nach alten Überlieferungen entwickelten die Kiranti zwischen 700 v.  Chr. und 100 n. Chr. die erste Hochkultur im Tal von Kathmandu. Da die Newar in der Vergangenheit ebenfalls zu den Kirantivölkern gezählt wurden, läßt sich nicht mehr genau feststellen, wer der Träger dieser frühen nepalischen Hochkultur gewesen ist. Die Rai und Limbu haben einen starken mongoliden Einschlag. Die Rai siedeln westlich des Arun-Flusses und grenzen südlich direkt an das Siedlungsgebiet der Sherpa an. Einen eigenen Haustyp haben sie nicht entwickelt. Die ostnepalischen Limbu leben zwischen Arun und den sikkemesischen Grenzbergen. Sie sind tibetische Buddhisten, wenn auch viele hinduistisch-tantrische Einflüsse Eingang in ihre Religion gefunden haben. Neben den Sherpa bauen sie die schönsten Häuser Nepals und haben eine ausgeprägte hohe Wohnkultur. Vielleicht hängt das mit den Niederschlagsmengen zusammen, die im Osten höher als im Westen sind.

Die Tharu, das einzige alt-nepalische Volk, das sich im Terai angesiedelt hat, sind begabte Fischer, Jäger und Bauern. Sie werden von ihren indo-nepalischen Nachbarn gefürchtet, weil man ihnen besondere magische Kräfte nachsagt.

Die indo-nepalischen Volksgruppen gehören größtenteils den beiden höchsten hinduistischen Kasten an, den Brahmanen (Priesterkaste) und den Kshatriya (Kriegerkaste), die vor rund eintausend Jahren durch die islamischen Einfälle nach Indien gezwungen worden waren, in der friedlichen, unzugänglichen Gebirgswelt Nepals Zuflucht zu suchen. Die Indo-Nepali wohnen hauptsächlich in der Paharzone, im Mittelland und im tropisch-heißen Tiefland des Terai. Die wichtigsten Bevölkerungsgruppen der Indo-Nepali sind neben den Angehörigen der beiden Altkasten, die Thakur, die Chetri und die Khas, die man als Misch- und Untergruppen der Kshatriya Kaste ansehen kann.

Der Druck der indo-nepalischen Volksgruppen auf die alt-nepalischen Völker hält an. Besonders in Ost-Nepal sind die Thamang und die Rai von den Indo-Nepali weit nach Norden, in die Täler des Hoch-Himalaya, zurückgedrängt worden.

Die tibetischen Gruppen leben im hohen Norden in den Tälern der Himalayahauptkette und im Inneren Himalaya. Den Bewohnern des rauhen, menschenfeindlichen Hochlandes von Tibet erschien das wärmere und waldreiche Nepal immer wie ein Paradies. Auch heute noch wandern Tibeter nach Nepal ein, wenn auch eher aus religiös-politischen als aus sozio-ökonomischen Gründen.

Man kann zwischen drei tibetischen Gruppen unterscheiden: den Bhotia, den Thakali und den Sherpa. Bhotia ist ein Sammelname für alle Tibeter, die in Nepal leben. Ich fragte einmal einen Tibeter, was wohl eigentlich der Unterschied zwischen Bhotia und Tibetern sei. Ich bekam die Antwort, daß es überhaupt keinen Unterschied gebe, außer: "Bhotia waschen sich manchmal und die Tibeter nie".

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Sherpa-Kinder in Beding im Rolwaling
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Sherpa-Frau in Beding im Rolwaling
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Sherpa-Ehepaar in Na, östlich von Beding im Rolwaling mit Gaurisankar 7 145 m im Hintergrund
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Sherpa-Frauen in Na
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Sherpa in Na
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Sherpa-Kinder in Na
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Die Thakali leben im oberen Kali Gandaki Tal zwischen Dhaulagiri und Annapurna. Die Sherpa hingegen leben in Nordost-Nepal am Fuße des höchsten Berges der Welt. Alle drei tibetischen Gruppen sprechen tibetisch und verwenden tibetische Schriftzeichen. Sie sind tibetische Buddhisten in der Form des Vajrayana, des "diamantenen Fahrzeuges".

Die vorherrschende Religion Nepals ist seit dem 14. Jahrhundert der Hinduismus, der den bis dahin vorherrschenden Mahayana-Buddhismus zurückgedrängt hat. Oft läßt sich zwischen den Gläubigen dieser beiden Religionen kaum unterscheiden. Es ist jedoch nicht nur die tiefverwurzelte Toleranz der Nepali, die zur Durchdringung dieser beiden großen südasiatischen Glaubensrichtungen beigetragen hat, sondern auch die Tatsache, daß der Hinduismus zweifellos die aggressivere der beiden ist. Beispielsweise hat er das dem Buddhismus fremde Kastenwesen in den tibetischen Buddhismus hineingetragen.

Die Bevölkerungsdichte Nepals ist mit 140 Einwohnern pro Quadratkilometer eine der höchsten der Welt. Im Tal von Kathmandu übertrifft sie die von New York und von Hillbrow in Johannesburg in Südafrika, die zu den höchsten der Welt gehören.

Im Gegensatz dazu gibt es im Inneren Himalaya, wie im gesamten nördlichen Himalayaraum, fast menschenleere Landstriche. Nur deshalb konnte die Volksrepublik China 1962 den ganzen östlichen Ladakh im Karakorumgebiet besetzen, ohne daß Indien davon sofort Kenntnis erhielt. Nomaden brachten die Meldung über den Einmarsch der Truppen der chinesischen Volksarmee erst Monate später nach Leh, der Hauptstadt des Ladakh. Für ein erfolgversprechendes Eingreifen von indischer Seite war es längst zu spät. Der Ladakh ist - genauso wie die Gegend nördlich des Dhaulagiri - so dünn besiedelt, daß selbst der Bau einer mehrere hundert Kilometer langen Straße von Tibet nach Sinkiang erst sehr viel später in Indien bekannt wurde.

Bei meinen Expeditionen im Nepal-Himalaya habe ich Träger der verschiedensten Volksgruppen - Sherpa, Gurung, Thamang, Mangar, Sunwar und Rai - gehabt. Ich habe oft erlebt, daß sich die Angehörigen der verschiedenen Volksgruppen mit gutmütigem Spott und harmlosen Streitigkeiten aneinander rieben. Ernsthafte Auseinandersetzungen und unüberwindliche Gegensätze oder gar Hass habe ich nie bemerkt.

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Einer meiner Träger, Mingma, in Chukungh, östlich vom Amphu Laptsa, wo wir 1982 ein indirektes Erlebnis mit einem Schneemenschen hatten
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Das unabhängige Namibia und mehr noch der "große Bruder" südlich des Oranje-Flusses, Südafrika, wären gut beraten, in Kathmandu Botschaften zu errichten, um festzustellen, wie man in einem heterogenen Vielvölkerstaat harmonisch, tolerant und ohne Spannungen zwischen den verschiedenen Volksgruppen zusammenlebt.

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