IN KATHMANDU SCHLAGEN DIE UHREN ANDERS

Klaus Dierks
©  Dr. Klaus Dierks 1982-2004

 

Ein Morgen in Kathmandu: Es ist wie immer. Hinter der Indrach Asan, der uralten Bazargasse von Kathmandu, die einstmals Teil der wichtigen Karawanenstraße von Indien nach Tibet war, bilden die Tempelpagoden des Königsviertels eine bizarre Kulisse. In dem chaotisch erscheinenden Gassengewühl der Altstadt findet man sich nur schwierig zurecht. Es ist leicht, sich in diesem Labyrinth von winkligen, engen Gässchen zu verlaufen. Es gibt keine genauen Stadtpläne und auch keine Hinweisschilder mit Straßennamen, falls man Nepali mit seinen geheimnisvollen Devanagari-Buchstaben lesen könnte.

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Kathmandu mit Taleju-Tempel, die Hauptstadt Nepals
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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An einem tauffrischen Herbstmorgen in Thimi, östlich von Kathmandu
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Die Autofahrer, die sich hierher verirren, nehmen die Hand nicht mehr von der Hupe, und an einigen Stellen sind die Gassen so eng, daß die Fußgänger in die Haustüren springen müssen, um die lärmenden Benzinungeheuer vorbei zu lassen. In Kathmandu machten die ersten Autos in den zwanziger Jahren ihre Aufwartung. Da es damals noch keine Straßenverbindung mit der Außenwelt gab, wurden sie von einigen hundert Kulis über die Berge geschleppt. Die Autos wurden im Ganzen transportiert und brauchten für diese merkwürdige Reise drei Monate.

Zwischen den mehrstöckigen Newar-Backsteinhäusern herrscht ein unbeschreibliches Gewühl. Die fremdartigen Gerüche von Weihrauch, Sandelholz, menschlichem Unrat, verfaulenden Früchten, exotischen Gewürzen, Betelsaft, duftenden Blumen und Feuerrauch sind genauso intensiv wie in Indien.

Wie in Indiens Städten gibt es natürlich auch hier unbeschreiblichen Dreck. Auch hier stolpert man alle paar Meter über eine tote Ratte. Ein Wasserbüffel liegt in der Mitte der Gasse und bringt den gesamten Verkehr zum Stillstand. Aber irgendwie wirkt die Atmosphäre ruhiger, heiterer und freundlicher als in Indien. Vor allem hat man hier nicht das Gefühl, in einer unübersehbaren, oft bedrohlich wirkenden Menschenmasse zu versinken. Dieses "Von Menschen-Umwogt-Sein", dieses Untergehen in den indischen Massen und das Gefühl eines verlorenen Ausgeliefertseins, war oft genug kaum zu ertragen. Hier endlich kann man nun befreit aufatmen. In Kathmandu herrscht eine andere, eine ganz zauberhafte Atmosphäre. Alles ist frischer und angenehmer. Die Hitze ist hier, in knapp 1 500 Meter Höhe, nicht mehr so feucht und klebrig. Man lebt auf und ahnt die Nähe der höchsten Berge der Welt.

Der Lärm ist von heiterer Intensität und hallt von den schiefen Hauswänden wider, die oft so aussehen, als ob sie jeden Moment auf das Gewühl in der Gasse herunterbrechen könnten. Man hört das Quieken von unzähligen Rikschahupen, man hört Panflötenmusik, Tempelglocken und dumpfe Gongs, krächzende Raben und Tausende sich gegenseitig überschreiende Händler. Es ist ein einmaliges Tongemälde von Geräuschen.

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An der Indrach Asan, der uralten Bazarstraße von Kathmandu nach Lhasa
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Wanderhändler sitzen dicht an dicht vor den offenen, höhlenartigen Läden und bieten lautstark ihre meist ländlichen Produkte an. Selbst für einen Fußgänger ist es nicht leicht, sich einen Weg durch dieses Chaos zu bahnen. Einige heilige Kühe beehren die Gemüsestände mit ihrem Besuch und fressen, von den Besitzern anbetend geduldet, was gerade an Grünzeug vorhanden ist. Man sieht den Kühen an, daß sie von ihrer Heiligkeit zutiefst überzeugt sind und genau wissen, daß im nepalischen Recht das Töten einer Kuh schwer bestraft wird. Sie denken gar nicht daran, beiseite zu treten. Man muß einen respektvollen Bogen um sie schlagen oder vorsichtig über sie hinwegsteigen. Wenn dann eine Kuh ihren Schwanz hebt, darf man sich freuen: Der Fladen an den Beinen gilt als glücksverheißendes Symbol.

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Bazargetriebe in der Asan Tole in Kathmandu
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Als ich im Jahre 1960 das erste Mal in Kathmandu war, brauchte man in dieser Umwelt Autos kaum zu befürchten. Für den öffentlichen Nahverkehr der damals etwa 50 000 Einwohner zählenden Stadt gab es zu dieser Zeit zwei alte klapprige Busse und noch ältere Taxen. Am besten fuhr man mit der Rikscha oder einem Fahrrad. Ob in Nepal nun Links- oder Rechtsverkehr herrschte, ließ sich kaum feststellen. Am besten stellte man sich auf beides ein.

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Affen auf einer Wiese bei Kathmandu, 1960, die heute längst bebaut und mitten in der Stadt liegt
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Kathmandu 1960
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Die wenigen Autos rasten wie wahnsinnig dahin. Der Grund dafür war aus nepalischer Sicht einleuchtend: Je schneller man fährt, desto rascher bringt man die Gefahr hinter sich. Seit - vor wenigen Jahrzehnten erst - das Rad im Tal von Kathmandu seinen Einzug hielt, haben Autos und andere Fahrzeuge mit Rädern ihre Faszination auf die Bewohner noch nicht eingebüßt. Daraus ergaben sich - etwa für Fahrradfahrer - noch andere Gefahrenquellen als der unkonventionelle Autoverkehr. Die Nepali haben nämlich offensichtlich große Angst vor verfolgenden Geistern. Diese konnten am besten abgeschüttelt werden, wenn man im letzten Moment vor ein herankommendes Fahrzeug sprang und dem Dämon auf diese, einem Asiaten einleuchtende, Art entkommt. Als junger Europäer auf einem Fahrrad konnte man sehr leicht Opfer dieser Geisterwelt werden, da nepalische Fahrräder im allgemeinen nicht über wirkungsvolle Bremsvorrichtungen verfügen.

Einmal traf ich stolz die Indrach Asan entlang radelnd, auf eine Frau, die ein schwarzes Schwein auf dem Arm trug. Sie lief mir genau vor das Rad. Ich versuchte verzweifelt zu stoppen, was ohne Bremsen nicht sehr erfolgreich verlief. Voller Angst stieß ich ein Mordsgebrüll aus. Das Schwein quiekte, aber die Frau rührte sich nicht von der Stelle. Sie begriff offensichtlich nicht, daß ich für sie irgendeine Gefahr darstellen könnte, denn nach ihren Erfahrungen in den Bergen Nepals konnte sich nichts auf der Welt schneller als ein Fußgänger bewegen. Ich versuchte zwischen den Händlerständen und der Frau mit dem Schwein auszuweichen, und in der nächsten Sekunde tat sich unter mir die Erde auf.

Mein Vorderrad war in ein etwa einen knappen halben Meter tiefes Loch geraten, in dem sich eine kleine, bunt angemalte Steinfigur des elefantenköpfigen hinduistischen Gottes Ganesha befand. Ich machte einen eleganten Überschlag über den Lenker und landete auf einem Kothaufen auf der Straße. Aus dem Loch kam ein verängstigtes Kläffen. Ein zum Skelett abgemagerter Hund sprang heraus und sauste mit eingezogenem Schwanz davon. Ich hatte ihn beim Frühstück gestört. Die frommen Bewohner der Indrach Asan hatten ihrem Ganesha wohl gerade Butter und Reis geopfert, an denen sich der Hund gütlich getan hatte. Die heiligen Figuren in tiefen Löchern in Kathmandus Stadtstraßen sind ein zusätzlicher Risikofaktor für Radfahrer.

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Hinduistische Götterfigur an der Hanuman Dokha in Kathmandu
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Meine Heimsuchungen waren aber mit dem Sturz vom Fahrrad noch nicht beendet. Als ich mich nämlich, von oben bis unten besudelt, aufrichtete und an der Häuserfront nach oben blickte, bemerkte ich eine Newarfrau, die im Begriff war, aus dem dritten Stock ihren Spüleimer auf mich auszuleeren. In Kathmandu gab es damals weder Müllabfuhr noch Kanalisation. Sie wurden erst ein Vierteljahrhundert später als Beitrag deutscher Entwicklungshilfe eingeführt.

Die Nepali sind ein höfliches Volk; das angeborene Taktgefühl der Asiaten ließ sie bei meinem Anblick jedoch im Stich. Die Straße wieherte, und ich brüllte zurück. Leider fehlt einem Namibier europäischer Herkunft in solchen Situationen oft die stoische, orientalische Gelassenheit.

Damals, vor mehr als vierzig Jahren, ahnte ich noch nichts von dichtem Autoverkehr in Kathmandus Straßen, von Scharen rauschgiftsüchtiger, europäischer Hippies - auch wenn letztere seit den späten achtziger Jahren vom Arm des nepalischen Gesetzes eingeholt worden sind -, und von Touristen, die für drei Tage das "exotische" Nepal besuchen wollen. Kathmandu war zu jener Zeit, in den fünfziger Jahren, zweifellos stiller und weltabgeschiedener. Die Andenkenindustrie, die später aus Kathmandu einen "Markt der Exotik" machte, schlummerte noch.

An die Stelle tiefer Religiosität ist inzwischen häufig Geschäftsgeist getreten. Die westliche Hektik beginnt auch hier zu triumphieren und bringt den Nepali für das Verlorene doch nichts Besseres. In den achtziger Jahren waren die meisten Thangkaverkäufer auf der Hanuman Dhoka, dem Palastbezirk von Kathmandu, nicht mehr in der Lage, mir die buddhistischen Symbole auf den religiösen Kultgemälden zu deuten.

Vieles hat sich in fast einem halben Jahrhundert verändert. Immer mehr Tempel und alte Häuser tragen starke Spuren eines scheinbar unaufhaltbaren Zerfalls. Aber glücklicherweise ist vieles, was ich Jahrzehnte später in einem veränderten Nepal erlebe, wohl nur eine dünne Tünche auf der Oberfläche.

Wenn auch in den gleichen Gassen, die man vor Zeiten nur in einer Rikscha oder Sänfte durchquerte, heute Autos fahren, so hat sich dadurch kaum eine Veränderung in der nepalischen Denkweise vollzogen. Coca Cola, Computer und Toiletten mit Wasserspülung ändern kaum die unerschütterliche Mentalität einer Bevölkerung, die über Jahrtausende hinweg geprägt worden ist. Die Menschen haben sich wenig verändert, die Atmosphäre in den Altstadtgassen ist, abgesehen von stärkerem Autoverkehr, Hippies und Touristenscharen, immer noch die gleiche geblieben. Immer noch muß man auf die grellbunten Götter in den Vertiefungen mitten in der Straße achtgeben. Die Fahrräder haben immer noch keine Bremsen, und die heiligen Kühe und Wasserbüffel sind immer noch überall in dem Gewirr der engen Gassen anzutreffen und haben immer noch Vorfahrt.

Man fühlt sich auch heute noch in die Zeit Marco Polos zurückversetzt und glaubt, in einer mittelalterlichen Stadt zu sein. Tibetische Mönche drehen weltabgewandt ihre Gebetsmühlen. Überall sind exotisch aussehende heilige Männer und Fakire anzutreffen. Die Träger, die unter riesigen Lasten von Feuerholz fast verschwinden, traben immer noch im Laufschritt durch das Menschengewühl in den labyrinthartigen Gassen. Kathmandu hat auch noch heute seinen ländlichen Charakter bewahrt. Die Verstädterung des industriellen Zeitalters hat noch nicht voll eingesetzt. Vor manchen Häusern liegen noch Misthaufen wie im mittelalterlichen Berlin. Überall gibt es schwarze Schweine, Hühner und Kathmandus struppige Hunde, die nachts ihre "Kleine Nachtmusik" anstimmen. Abgesehen von dieser nächtlichen Hundemusik, die sich in Wellen und gewaltigen Chören, von einem Stadtende zum anderen fortpflanzt, ist Kathmandu nachts eine der dunkelsten und stillsten Hauptstädte. So wie einst in Kabul oder Lhasa zieht es die Menschen Nepals nicht in die Städte. Nur an Markttagen und hohen religiösen Tempelfesten treibt es sie in Scharen in die Stadt, um dann nach Tagen des Feierns und voll mit Tschang und Rakschi wieder heimwärts zu wandern. Nicht die Städte als solche sind hier die Hauptanziehungspunkte, sondern ihre Märkte und vor allem die bizarren Tempel mit den vielen farbenfreudigen Festen.

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Heiliger Mann (hinduistisch: Sadhu) an der Hanuman Dokha
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Nepal steht heute auf dem festen Veranstaltungsplan der meisten Reiseunternehmen, die Gruppenreisen nach Asien organisieren. Tourismus ist die wichtigste Einnahmequelle des armen Königreiches geworden, und man kann ohne Schwierigkeiten nach Nepal reisen. In den fünfziger Jahren war es noch nicht so einfach. In europäischen Reisebüros stieß man damals auf verständnisloses Kopfschütteln, wenn man etwa nach Reiseprospekten über Nepal fragte. Der Flugplatz von Kathmandu in Gauchar war zu jener Zeit noch eine Graspiste und konnte nur von kleinen, zweimotorigen Propellerflugzeugen angeflogen werden.

In jenen Tagen gab es noch eine Schmalspurbahn, Nepals einzige Eisenbahn, die von Birganj an der indischen Grenze durch den nepalischen Teraidschungel bis nach Amlekhganj führte, wo die gerade fertigestellte haarsträubende Schotterpiste über den Daman-Pass nach Kathmandu ihren Anfang nahm. Vor dem Bau dieser kühnen Passstraße mußte man von hier zu Fuß nach Kathmandu wandern.

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Schmalspur-Eisenbahn in Nord-Indien (Meter-Spur)
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Diese Dschungelbahn hat inzwischen längst ihren Betrieb eingestellt, ihre Schienen verrosten im hohen Elefantengras neben der neuen Daman-Passstraße, die indische Ingenieure gebaut haben. Der Zug bestand aus einigen winzigen, klapprigen, rotbraunen Waggons, die von einer altmodischen, mit Holz befeuerten Dampflokomotive mühsam gezogen wurden.

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Die Schmalspur-Eisenbahn (600 mm Spurbreite) von Siliguri nach Darjeeling in Bengalen, die im Jahre 2000 immer noch existiert 
Photos: Copyright: Klaus Dierks

Als ich 1960 in Birganj auftauchte, strahlte der Stationsvorsteher über sein ganzes Gesicht und setze mir zu Ehren seine zerschlissene Uniformmütze auf. Damals waren Touristen in Nepal noch eine merkwürdige, bestaunenswerte Kuriosität. Speziell für mich wurde ein reichlich abgenutzter und staubiger Salonwagen mit fadenscheinigen Polstern an das Züglein gehängt, damit mir die Reise in dem Wirrwarr eines nepalischen Dritte-Klasseabteils erspart bliebe.

Es gab zwar einen Fahrplan, aber der konnte nicht eingehalten werden, da die Lokomotive nicht schnell genug Dampf entwickeln konnte. Aber in Asien hat man zur Uhrzeit ein entspannteres Verhältnis als im Westen. Wer reist, sollte es nicht eilig haben! Man geht erst einmal in aller Ruhe frühstücken. Der Zug wird sich schon melden, wenn er abfahren will. Das war übrigens in Namibia vor vierzig Jahren auch noch nicht anders. Der Schmalspurzug von Otavi nach Usakos pflegte in Otjiwarongo längere Zeit Aufenthalt zu haben. In dieser Zeit konnte man in aller Ruhe in einem der beiden Hotels des Steppenstädtchens, im Hotel Brumme oder im Hamburger Hof, seine "Geschäfte" abwickeln. Wenn die Lokomotive pfiff, hieß das, daß die letzten Runden bestellt werden mußten!

Als wir dann mit einigen Stunden Verspätung "pünktlich" abfuhren, wurde das Händlergetriebe neben dem Zug nicht etwa geringer. Während ich mich voller Genuss in den zerschlissenen Sitzen räkelte und die draußen gemächlich vorbeiziehende Dschungellandschaft betrachtete, lief ein junger Nepali mit gefüllten Teegläsern neben dem dahinkeuchenden Zug her und wollte mir unbedingt eines verkaufen. Ich war der Meinung, das Züglein müßte ja nun endlich irgendwann seine Geschwindigkeit erhöhen. Aber mitnichten, der Teeverkäufer hatte nicht die geringste Mühe, dem Fahrtempo zu folgen. Anstrengung muß belohnt werden, dachte ich und trank meinen Tee. Als ich ihn ausgetrunken hatte, hatten wir die erste Station an der vierzig Kilometer langen Eisenbahnlinie erreicht. Der nepalische "Schnellzug" hatte die Vier-Kilometerstrecke in fünfunddreißig Minuten zurückgelegt. Während ich noch beschäftigt war, mit dem Teeverkäufer den Preis auszuhandeln - denn in Asien wird jeder Fremde als eine von Brahman, Allah oder einem gütigen Bodhisattva geschickte Kuh angesehen, die zu melken geradezu religiöse Pflicht ist - erschien der beturbante Lokomotivführer, um mir mitzuteilen, daß der Salonwagen abgekoppelt werden müsse. Die Strecke ginge jetzt bergauf, und die Lokomotive müsse entlastet werden.

Ich kletterte mit meinem Gepäck also in eines der überfüllten Dritte-Klasse-Abteile, und nach dem umständlichen Abkoppelungsmanöver, das mit dem üblichen Geschrei und Durcheinander verbunden war, fuhr die Lokomotive mit frischer Kraft weiter. Die schaukelnden Wagen quietschten und krachten dabei in allen Fugen. Für die restlichen sechsunddreißig Kilometer nach Amlekhganj brauchte der "Express" damals mehr als drei Stunden.

Eisenbahnfahrten in Nepal gehören heute der Vergangenheit an. Ansonsten hat sich das Transportwesen dieses Landes, trotz der von der Stadt Tokio an die Stadt Kathmandu geschenkten modernen Stadtbusse und trotz der von Chinesen angelegten elektrischen Trolleybuslinie von Kathmandu nach Bhaktapur, kaum verändert. Auch das nepalische Zeitverständnis ist das gleiche geblieben.

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Töpfermarkt in Bhaktapur im Kathmandu-Tal
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Immer noch sind die Gassen voll von ausgelassenem Lachen und dichtem, heiter-fröhlichen Leben. Diese Stadt birst vor Aktivität geradezu aus ihren Nähten. Wie vor vierzig Jahren sitzen Hunderte von fliegenden Händlern und Händlerinnen vor ihren bunten Gemüsehaufen oder vor ihren unappetitlichen, fliegenbedeckten Fleischfetzen, die auf dem Straßenpflaster liegen. Frauen wenden auf einem der vielen kleinen Plätze in der Altstadt den frisch geernteten Reis. Ein schönes, fast nacktes Newarmädchen wäscht sich ohne Scheu zwischen zwei Misthaufen, auf denen einige Schweine wühlen. Man kann den Handwerkern in ihren dunklen, verließartigen Läden oder einer jungen Frau zuschauen, die mit ruhiger Selbstverständlichkeit ihrem Baby die Brust gibt.

Mitten im brodelnden Nachmittagsverkehr auf Kathmandus modernster Straße, der Kantipath, zwischen Autos, Rikschas, Straßenhändlern und plärrenden Lautsprechern trägt ein Elefant seine Last. Ein hausgroßer Prozessionswagen mit drei Meter hohen hölzernen Scheibenrädern wird von Hunderten von schwitzenden und singenden Gläubigen durch die Gassen gezogen. Dieser "Machendranath-Prozessionswagen" mag hundert Jahre alt sein, vielleicht sogar noch älter. Jedenfalls hält er länger als moderne Automobile, deren Wracks überall anzutreffen sind. Allerdings sind Nepals Straßen für die Achsen eines Machendranathwagens auch geeigneter als für die von modernen Fahrzeugen.

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Dieses Verkehrsmittel ist auch heute noch in Kathmandu anzutreffen
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Ein haushoher Tempel-Prozessionswagen in Bhaktapur
Photo: Copyright: Klaus Dierks

Nach einer Expedition, voll von dem Erlebten, ist es ganz einfach zauberhaft, ziellos in diesen prall mit Betriebsamkeit gefüllten Gassen herumzutrödeln. In den vielen kleinen Restaurants, die die beste Küche östlich von Istanbul anbieten, kann man sich endlich wieder satt essen. In den Kneipen von Thamel und in der "Freak Straße" am Basantpur Platz erlebt man die Welt des "Pop Stereo Sound", des Haschisch und genießt den besten "Apfelstrudel" Asiens. Der Pop vermischt sich mit den Gesängen der buddhistischen und hinduistischen Gläubigen. Es ist nur nach einer Expedition amüsant, mit rauschgiftsüchtigen Hippies in einem Kaffeehaus zusammenzusitzen. Vor einer Himalaya Expedition mit ihrem ganzen Vorbereitungsstress fehlt dazu die innere Ruhe.

In Kathmandu treffen wir auch das erste Mal unseren Sherpa-Führer, den "Sirdar", der uns auf das Dach der Welt begleiten soll. 1982 lerne ich hier Dawa Thondup kennen, einen Veteranen, der viele große Himalaya-Expeditionen mitgemacht hat. Unser Sirdar trägt eine Armbanduhr, weil es sich so gehört, aber die Zeiger dieser Uhr drehen sich schon lange nicht mehr. Man tut gut daran, sich mit einer lebenswichtigen Maxime Asiens vertraut zu machen: In Asien schlagen die Uhren anders! Das gilt im besonderen Maße für Nepal und seine Hauptstadt. Wenn man dies erst einmal begriffen hat, geht vieles sehr viel einfacher.

Kathmandu ist auch 1984 noch eine Stadt voller Wunder. Diese Wunder können selbst dem westlichen Touristen widerfahren. Für meine Winterbesteigung des schwierigen Kyacho Ri im Cho Oyu Gebiet, die für Ende 1984 geplant war, wollte ich wieder meinen vertrauten und erfahrenen Sirdar, Dawa Thondup, anwerben. Ich hatte ihm bereits früh im Jahre geschrieben, bekam aber nie eine Antwort auf meine Briefe. Als meine Frau und ich Anfang Oktober in Kathmandu eintrafen, suchten wir zwar nach Dawa Thondup, bekamen aber von anderen Sherpa höchst widersprüchliche Angaben über seinen Verbleib. Wir waren bereits in Verhandlung mit einem anderen Sherpa-Sirdar, als wir eines frühen Morgens durch die quirlenden Gassen um die Asan Tole herum liefen. Ich trug ein T-Shirt mit dem Landesnamen "Namibia" darauf, als ich plötzlich von einer Amerikanerin angesprochen wurde: "You must be Klaus Dierks". Sie kannte einen Sherpa-Sirdar, Mingma, der zur Familie Dawas gehört. Ich vernahm, daß Dawa Thondup, der acht Tage von Khumjung nach Kathmandu gelaufen war, um uns zu treffen, bereits seit Tagen ganz Kathmandu nach uns absuchte.

Das Tal von Kathmandu wird von den Bewohnern weit abgelegener Landstriche auch ganz einfach "Nepal" genannt. Für sie ist die Hauptstadt synonym mit dem abstrakten Landesnamen, der ihnen wenig sagt. Kathmandu steht stellvertretend für Nepal und gibt einen guten Überblick über seine bunte, lange Geschichte, die sich in einem weiten Bogen über mehr als drei Jahrtausende erstreckt.

Über die Frühgeschichte Nepals ist bis jetzt nur wenig bekannt, obwohl in den vielen Tempeln und vor allem in den buddhistischen Klöstern noch eine Fülle von historischem Material liegen dürfte, das bisher nur wenige Wissenschaftler zu Gesicht bekommen haben.

In vorgeschichtlichen Zeiten war das Tal von Kathmandu ein See. So heißt es zumindest in einer alt-nepalischen Mythologie. Einer Legende zufolge gab es in diesem See eine Insel, auf der der Meditations-Buddha des Weltzentrums, Vairocana, einer Lotosblüte entstieg. Der Bodhisattva Manjusri, der wiedergeborene Buddha der göttlichen Weisheit, ein tibetischer Halbgott, hörte von dieser Erscheinung "Swayembuna". Er kam aus China, um den Ur-Buddha anzubeten, und durchschlug mit einem Schwert die Mahabharat- Gebirgskette bei Chobar. Das Wasser des Sees lief ab, zurück blieb der Inselhügel, auf dem sich heute das älteste buddhistische Heiligtum Nepals erhebt, die Stupaanlage von Swayembunath. Wissenschaftler haben die geologische Seite der Legende bestätigt. In einer der letzten Auffaltungsphasen des Himalaya war das nepalische Mittelland ein großer See, der sich während der Entstehung der Mahabharatkette durch das Bagmati Flusstal entleerte. Auf dem fruchtbaren Seeboden entstand in grauer Vorzeit Nepals erste Kultur, die schon damals, wie durch die ganze Geschichte hindurch, durch indische und tibetische Kultureinflüsse bereichert wurde.

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Steilaufstieg zum buddhistischen Heiligtum Swayembunath, westlich von Kathmandu
Photos: Copyright: Klaus Dierks

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Die Stupa von Swayembunath, die auch von Hindus verehrt wird
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Pilger in Swayembunath
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Es gilt heute als erwiesen, daß die erste Hochkultur Nepals zwischen dem siebten vorchristlichen und dem ersten nachchristlichen Jahrhundert von den Kiranti, Vorfahren der heutigen Rai, Limbu und Newar, die alle von tibetisch-burmesischem Ursprung sind, entwickelt wurde. In der Zeit der Kiranti-Könige kam der Buddhismus nach Nepal. Gautama Buddha, der historische Buddha aus dem Geschlecht der Sakya - Sakyamuni - wurde um 560 v. Chr. in dem Dorf Lumbini, in der Nähe der heutigen nepalischen Stadt Butwal, geboren. Buddha Sakyamuni soll auf seinen späteren Wanderungen nach Nepal zurückgekehrt sein und auch immer wieder seine Schüler ermahnt haben, sich trotz der Gefahren der hohen Gebirge des Himalaya auch nach Nepal zu begeben und dort seine Lehre zu verkünden. Damals begannen die Pilgerfahrten zu den heiligen Stätten des Buddhismus in Nepal, die auch heute noch stattfinden.

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Lumbini, an der Grenze zwischen Nepal und Indien, Geburtsort des historischen Siddharta Gautama Buddha
Photo: Copyright: Klaus Dierks

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Buddhistischer Tempel in Lumbini am Geburtsort des Gautama
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Um 250 v. Chr. kam der indische Kaiser Ashoka von der Maurya- Dynastie nach Nepal. Er hatte zu jener Zeit den gesamten indischen Subkontinent mit Waffengewalt erobert und war der Begründer eines der größten indischen Reiche in der Geschichte Südasiens.

Ashoka wurde zum Buddhismus bekehrt und verbreitete die neue Lehre des "Friedfertigen Erleuchteten" über den ganzen Subkontinent. Er reiste von seiner Hauptstadt Pataliputra, dem heutigen Patna, nach Nepal und ließ überall dort, wo Buddha geweilt hatte, Steinsäulen mit seinen Edikten und gemauerte Reliquienschreine - Stupas, oder auf tibetisch Tschörten - errichten. Die vier Stupas von Patan im Tal von Kathmandu und die große Stupa von Bodnath werden Kaiser Ashoka zugeschrieben. Er ließ auch die Stupa von Swayembunath zu ihrer heutigen Größe erweitern. Mit ihm kamen die indische Kultur und Sanskrit-Schrift nach Nepal, die heute noch gebraucht wird.

Die Zeit nach den Kiranti und die Periode der Lichavi Dynastie, die von 350 bis 630 n. Chr. dauerte, ist noch weitgehend in Dunkel gehüllt. Der Tempelkomplex von Changu Nayaran, malerisch auf einem Hügel zwischen Bhaktapur und Bodnath gelegen, soll aus der Lichavi-Zeit stammen.

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Chautara (Rastplatz für Träger) unter einem Pipalbaum zwischen Bhaktapur und Changu Narayan
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Vor dem Haupttempel im hinduistischen Heiligtum von Changu Narayan
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Auch die indische Dynastie der Thakur, die im Laufe ihrer Herrschaft die Kultur der höherstehenden Newar annahm, gehörte zu der gleichen Kaste wie die Lichavi. Sie kam im Jahre 630 mit dem Machtantritt des Thakur-Königs Amshuvarma an die Regierung. Die Nachkommen dieser Thakur leben heute noch als indo-nepalische Kaste in West-Nepal. Viele der indischen Eindringlinge kamen nach Nepal, weil sie vor den islamischen Invasionen aus West-Asien flüchteten. Nepal befreite sich im Laufe der Zeit von diesen zahlreichen indischen Eindringlingen, indem es die Eroberer aufgrund seiner eigenen kulturellen Stärke assimilierte. In die Zeit Amshuvarmas, der als toleranter Hindufürst den Buddhismus in Nepal nicht unterdrückte, sondern förderte, fiel die Entstehung des hinduistischen Vishnu-Heiligtums von Buddhanilkanta, das auch von nepalischen Buddhisten verehrt wird. Der über fünf Meter lange Vishnu Nayaran ruht liegend auf einem Bett von "kosmischen" Schlangen, Ananta, in einem heiligen Teich.

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Das Vishnu-Heiligtum Jalasayana Narayana in Buddhanilkanta, nördlich von Kathmandu, das nie von der Vishnu-Inkarnation, dem nepalischen König, besucht werden darf
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Inhaltsverzeichnis

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